DER AUFBAU
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Analyse und Bewertung raumbedeutsamer Faktoren
in Norddeutschland
Gerd Turowski
Referent für Raumordnung und Landesplanung bei dem Senator für das Bauwesen in Bremen, Leiter der Landesarbeitsgemeinschaft Norddeutsche Bundesländer
- Denkschrift der Landesarbeitsgemeinschaft Norddeutsche Bundesländer der Akademie für Raumforschung und Landesplanung. -
Mit der Struktur und der Entwicklung Norddeutschlands haben sich in den vergangenen Jahren wiederholt Politik und Wissenschaft sowie eine Reihe gesellschaftlich relevanter Interessenverbände befaßt. Besondere Beachtung hat hier die Aktion der vier norddeutschen Länder im Rahmen der Konferenz Norddeutschland gefunden mit dem Ziel, auf der Grundlage fundierter Analysen ein gemeinsames, politisch ausgerichtetes Strukturprogramm zu formulieren.
Bereits Ende 1978 haben die Regierungschefs der vier norddeutschen Länder die im Vergleich zum übrigen Bundesgebiet ungünstige wirtschaftliche Entwicklung in Norddeutschland in einer bisher unbekannten Schärfe herausgestellt. Ausgelöst wurde diese Reaktion der Regierungschefs durch eine in ihrem Auftrag erstellte Strukturanalyse Norddeutschlands, die insgesamt die bis dahin vorhandenen Untersuchungsbefunde und Vorausschätzungen zur Entwicklung in Norddeutschland nachdrücklich bestätigt hat. Aus raumordnungspolitischer Sicht ist hier vor allem auf das Bundesraumordnungsprogramm, auf die Raumordnungsvorstellungen der vier norddeutschen Länder und auf die Raumordnungsprognose 1990 hinzuweisen.
Dem Verfassungsauftrag zur Wahrung der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse entsprechend, hat die Bundesregierung als Reaktion ihrerseits Anfang 1979 die Erarbeitung eines Gesamtkonzeptes für die Verbesserung der Wirtschaftsstruktur des norddeutschen Raumes beschlossen, wobei auch zu prüfen war, ob die bestehenden Instrumente ausreichen oder zusätzliche Maßnahmen erforderlich werden, um die Industrie- und Beschäftigungsstruktur der Küstenregion zu verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit der Werften auf längere Sicht zu stärken. Diese politischen Aktivitäten waren Ende 1979 für die Landesarbeitsgemeinschaft Norddeutsche Bundesländer der Akademie für Raumforschung und Landesplanung das auslösende Moment, sich ebenfalls mit den Struktur- und Entwicklungsproblemen in Norddeutschland zu befassen.
Die Landesarbeitsgemeinschaft hat in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Beiträge zur Ordnung und Entwicklung des norddeutschen Raumes erarbeitet, um auf diese Weise die Bemühungen der einzelnen Länder zu unterstützen und - soweit möglich - zu ergänzen. So wurde in Heft 1 der Beiträge zur Raumordnung und Landesentwicklung in Nordwestdeutschland aus dem Jahre 1973 die Entwicklung des nordwestdeutschen Küstenraumes in umfassender Form analysiert und bewertet. Zu nennen wären weiterhin die Stellungnahmen der Landesarbeitsgemeinschaft zur Organisation der Regionalplanung in Niedersachsen im Jahre 1975, der Bericht über Leistungs-, Organisations- und Finanzierungsstruktur der deutschen Seehäfen zwei Jahre später oder die ausführlichen Untersuchungen zur Infrastrukturversorgung in den ländlich strukturierten Räumen Norddeutschlands der Jahre 1980/81.
Mit der 1979 begonnenen Arbeit verfolgte die Landesarbeitsgemeinschaft das Ziel, die raumbedeutsamen Faktoren und Rahmenbedingungen Norddeutschlands zu analysieren und Empfehlungen für ein norddeutsches Handlungskonzept abzuleiten. Um ihre Arbeit auf aktuellen und wissenschaftlich gesicherten Grundlagen abstützen zu können, hat die Landesarbeitsgemeinschaft ein dreiteiliges Gutachten zur Analyse und Bewertung der raumbedeutsamen Faktoren in Norddeutschland vergeben. Im 1. Teil (1) hat Prof. Dr. Georg Kluczka (Freie Universität Berlin) die geographischen und infrastrukturellen Grundlagen in Norddeutschland untersucht. Dabei geht es um die Analyse und Be
wertung der natürlichen Gegebenheiten und der großräumig wirksamen Infrastruktur Norddeutschlands. Im 2. Teil (2) hat Dr. Eberhard Thiel (HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg) die demographischen und ökonomischen Entwicklungen in Norddeutschland aufgezeigt. Hier werden die demographischen und ökonomischen Strukturen bewertet und mit denen anderer Regionen verglichen. Im 3. Teil (3) hat sich Dr. Reinhard Timmer (Zentralinstitut für Raumplanung der Universität Münster) mit der politisch-administrativen Leistungsfähigkeit auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen die Fragen, wie die politisch-administrative Leistungsfähigkeit des Staates im Hinblick auf die räumliche Entwicklung Norddeutschlands einzuschätzen ist und von welchen rechtlichen Rahmenbedingungen für die institutionelle Ausgestaltung der räumlichen Entwick- lungspolitik in Norddeutschland auszugehen ist.
(1) Kluczka, G./Röhl, D.: Analyse und Bewertung raumbedeutsamer Faktoren in Norddeutschland - Teil I: Geographische und infrastrukturelle Grundlagen. Veröffentlichungen der ARL, Arbeitsmaterial Nr. 72, Hannover 1983.
(2) Crinius, W./Richert, R./Tesch, H/Thiel, E.: Analyse und Bewertung raumbedeutsamer Faktoren in Norddeutschland - Teil II: Demographische und ökonomische Entwicklungen. Veröffentlichungen der ARL, Arbeitsmaterial Nr. 72, Hannover 1983.
(3) Timmer, R.: Analyse und Bewertung raumbedeutsamer Faktoren in Norddeuschland - Teil III: Politisch-administrative Leistungsfähigkeit. Veröffentlichungen der ARL, Arbeitsmaterial Nr. 74, Hannover 1984.
Anhand dieser drei grundlegenden Untersuchungen hat die Landesarbeitsgemeinschaft Norddeutsche Bundesländer die ihrer Auffassung nach wesentlichen Entwicklungsprobleme Norddeutschlands und ihre Ursachen in einer Denkschrift zusammengestellt und Empfehlungen zur Verbesserung der Gesamtsituation in Norddeutschland dargelegt. Die Denkschrift besteht aus einer Analyse der Ausgangssituation und daraus abgeleiteten Folgerungen und Empfehungen. Die Rahmenbedingungen, denen die Entwicklung Norddeutschlands unterworfen ist, lassen sich durch folgende Bestimmungsgrößen beschreiben:
1. Die großräumige Lagesituation;
2. Die naturräumliche Ausstattung;
3. ökologische Grenzen;
4. Die Siedlungsstruktur;
5. Die infrastrukturelle Ausgangslage;
6. Die demographische und ökonomische Ausgangslage;
7. Die politisch-administrative Leistungsfähigkeit.
In zusammengefaßter Form präsentieren sich die Analyseergebnisse wie folgt:
Zu 1: Die großräumige Lagesituation
Die periphere Lage Norddeutschlands zu der zentraleuropäischen Wirtschaftsregion — hervorgerufen auch durch die Folgen des zweiten Weltkrieges - ist als entscheidende Begrenzung der zukünftigen Entwicklungschancen gegenüber den anderen Teilen der Bundesrepublik zu werten.
Zu 2: Die naturräumliche Ausstattung
Der relativ hohe Anteil an Grenzertragsstandorten und die relative Ungunst des Klimas wirken sich nachteilig auf die Landwirtschaft aus. Von den klimatischen Nachteilen ist insbesondere auch der Fremdenverkehr betroffen. Hinzu treten die mit der meeresspiegelnahen Tieflage weiter Gebiete Norddeutschlands verbundenen Probleme.