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Der Aufbau : Bürger und Stadt
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Werkstattgespräch mit Pfarrer Dr. Jörg Zink

Frage:

Man sagt, der christliche Glaube sei im Schwinden begriffen. Ihre Bücher aber erreichen hohe Auflagen. Woran liegt das?

Antwort:

Ganz einfach daran, daß es ein Irrtum ist zu meinen, die Menschen wollten vom christlichen Glauben heute nichts mehr wissen. Ich glaube sogar, daß sie intensiver fragen und mehr erwarten als die Menschen früherer Generationen, denen alles so selbstverständ­lich war, und daß es nur an den Antworten fehlt.

Frage:

Man sieht Sie im Fernsehen, aber Sie schreiben auch Bücher und Sie fotografieren die Bilder für Ihre Bücher selbst. Wer möchten Sie für Ihre Leser sein?

Antwort:

Ich beschäftige mich mit dem Fernsehen, weil es das Amt ist, das mir meine Kirche übertragen hat. Ich schreibe Bücher, weil das, was ich sagen will, im Buch besser gesagt werden kann als im Film oder Fernsehen. Und ich fotografiere, weil es mir Freude macht und weil ich meine, mit Bildern Dinge erklären zu können, die sonst nur schwer erklärbar sind. Ich empfinde meine Arbeit aber nicht als die eines Journalisten oder Schriftstellers, sondern als die eines Pfarrers.

Frage:

Sie tun aber doch etwas ganz anderes als ein Pfarrer? Antwort:

Das kann ich nicht finden. Ein Pfarrer ist ja vielerlei zugleich: Er ist Lehrer, das heißt, der erklärt und erläutert die Bibel und den christlichen Glauben. Er begleitet Menschen in besonderen Si­tuationen. Er lebt mit Kranken. Er geht mit Jugendlichen um. Er feiert mit seiner Gemeinde Gottesdienste und Feste. Er ist aber auch ein einfacher Zeitgenosse, der zu aktuellen Vorgängen seine spezielle Meinung hat und vertritt. Er ist vielleicht ein engagierter Mitstreiter auf dem Felde der Politik oder der sozialen Fragen. Ich tute nichts anderes. Ich tute es nur eben auf dem Weg über das Medium Rundfunk oder Fernsehen oder auf dem Weg über das Buch.

Frage:

Sie schreiben Bücher, die für Laien bestimmt sind. Woher kennen Sie Ihre Leser?

Antwort:

Ich kenne nicht meine Leser, aber ich kenne sehr viele Menschen. Nachbarn. Kollegen. Aber vor allem: Diejenigen, die mich als Pfarrer aufsuchen. Diejenigen, deren Schicksal ich kennenlerne, die mich fragen oder mich angreifen. Vor allem auch viele junge Leute, mit denen ich zu tun habe. Die Praxis eines Pfarrers besteht in Gesprächen mit Menschen. Ich stelle mir meine Leser vor wie die Menschen, mit denen ich umgehe.

Frage:

Wie kommen Sie auf Ihre Themen? Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Antwort:

Aus derselben Quelle. Ich merke im Gespräch, daß die Menschen mit irgendeiner Frage oder auf bestimmten Gebieten ihres Lebens allein gelassen sind und es keine Anleitung für sie gibt. So schreibe ich das, von dem ich meine, es fehle.

Frage:

Was sind das für Fragen? Antwort:

Diese Fragen betreffen nicht so sehr Sachprobleme, sondern Schwierigkeiten, die mit dem ganzen Leben zusammenhängen. Man möchte verstehen und versteht nicht. Man möchte glauben und kann nicht. Man möchte die Bibel lesen und kommt nicht durch. Man möchte beten und weiß nicht, wie man das macht. Man möchte ein Christ sein und weiß nicht, wie das heute ausse­hen soll.

Die Antwort ist dann nicht so sehr ein Lehrsatz:So ist es", son­dern eine Begleitung von Menschen durch einen längeren Ab­schnitt ihres Lebens, durch die ihnen das eine oder andere deutli­cher werden kann. Deshalb baue ich Bücher gerne so auf, daß sie sich in kleinen Stücken lesen lassen und einen Leser über eine Reihe von Wochen oder Monaten begleiten.

Frage:

Sie lösen aber auch unter Theologen Zustimmung und Wider­spruch aus. Interessieren Sie die Theologen nicht?

Antwort:

Ich meine, es gebe genug Leute der theologischen Wissenschaft, die das Gespräch unter den Fachleuten pflegen, und meine Auf­gabe sei eine andere. Ich freue mich, wenn ich mich mit einem Fachgenossen verstehe, aber ich beteilige mich nicht an der Fachdiskussion. Dazu reicht meine Zeit nicht. Ich verstehe mich ganz und gar als einen Mann der Praxis. Und als solcher versuche ich, etwas zu zeigen, was andere sehen können, oder etwas zu sa­gen, was ihnen weiterhilft.

Frage:

Sie gestalten vor allem auch Bildbände. Wozu dienen Ihnen die Bilder?

Antwort:

Ich meine, daß das Bild und das Wort einander viel näher sind, als man unter Theologen gemeinhin annimmt. Das Bild redet, und das Wort zeigt. Die Bibel ist ein Bilderbuch. Jesus erzählt Gleich­nisse. Und die menschliche Seele lebt von ihren Bildern, von Symbolen, von der schöpferischen Phantasie, mit der sie die Welt spiegelt. Die Bibel verstehen heißt weithin: Bilder und Symbole sehen und mit ihnen leben.

Frage:

Sie werden von Katholiken ebenso gern gelesen wie von Prote­stanten - haben Sie eine interkonfessionelle Theologie?

Antwort:

Mich interessieren die Konfessionen überhaupt nicht. Mich inter­essieren die Menschen. Mich interessiert das Evangelium, und ich möchte, daß das Evangelium zu den Menschen kommt.

Ich schreibe, weil ich will, daß das Evangelium zu den Menschen kommt"

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