1979
Die Christen gaben sich für das Jahr die Losung
Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde
1. Mose 1, 27
An einem frühen Sonntagmorgen sah ich in der Klosterkirche des irischen Eremiten Trudpert im Schwarzwald in der Nähe von Staufen ein Wort, das zum Verständnis der Jahreslosung für 1979 wie geschaffen ist. Es könnte eine moderne Über setzung des uralten Bibelspruches sein. Sein Wortlaut: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Au gen unsichtbar." Dieses Wort stammt von Antoine de Saint-Exupery und läßt aufmerken.
Demnach sind wir alle eine Komposition aus Sichtbarem und Unsichtbarem, wobei die entscheidende Betonung auf un sichtbar liegt. Wir tragen in uns ein unveräußerliches Siegel, es ist uns eingeprägt von Ewigkeit, wir werden es nicht ver lieren, selbst wenn das Sichtbare zugrunde geht.
In den Köpfen unserer Zeitgenossen ist die Vorstellung vom unsichtbaren Menschen bestenfalls reine Phantasie. Man hat ihnen suggeriert, daß wir uns im Sichtbaren, also im Faktischen, erschöpfen. Mit dem Tod ist alles aus. Der Mensch ist nichts als die Summe seiner Taten. Mit diesen Urteilen, die in Wahrheit die gefährlichsten Vorurteile sind, wird allenthalben gelebt und gestorben.
Das Bibelwort dagegen gibt dem Menschen eine unzerstörbare Würde. Auf der obersten Stufe der Schöpfungspyramide steht der Mensch, und er ist ganz unmittelbar zu Gott. Zu seiner Erschaffung hat sich Gott durch einen besonderen Entschluß in die Tiefe seines Herzens bewegt. Das Modell für dieses sein letztes Werk hat er nicht aus der geschaffenen, sondern aus der oberen himmlischen Welt genommen.
Durch die Gottesbildlichkeit ist der Mensch hoch über jede andere Kreatur hinausgehoben. Das Wort „Bild" bezieht sich nicht etwa nur auf das geistige Wesen des Menschen, sondern auch auf die Herrlichkeit seiner leiblichen Gestaltung. Gott hat den Menschen als sein eigenes Hoheitszeichen in die Welt gestellt, um seinen Herrschaftsanspruch zu wahren. Diese Herrschaft erstreckt sich nicht nur über die Tiere, sondern über die Welt. Soweit die Deutung des Sinnes des Bibeltextes. Wie bedeutend wird hier vom Menschen geredet, der die Gottesbildlichkeit auch nach dem Sündenfall behalten wird. Freilich ist die Wahrnehmung verdunkelt und eingeschränkt. Aber - und das ist der entscheidende Unterschied zum heutigen Selbstverständnis - die Möglichkeit, sie wieder zurückzugewinnen, ist auch im äußersten Falle möglich. Noch dem Schacher am Kreuz kann der sterbende Jesus sagen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Der gläubige Mensch sieht das Verborgene. Er sieht das Gottesebenbild im Mitmenschen und damit auch in sich selbst. Niemals darf der Haß unter den Menschen so weit gehen, daß diese Gottessohnschaft geleugnet wird. Sie verbindet uns auch mit unserem Feind. Jeder kann diese Erfahrung machen.
Schenken wir einem Menschen, den wir begründet oder unbegründet bisher abgelehnt haben, einen freundlichen Ge danken, verändert er sein Verhalten. Zwischen ihm und mir kann eine Veränderung stattfinden. Sie zeichnet in das mir längst bekannte Bild der Ablehnung neue Möglichkeiten ein. Rudolf Alexander Schröder, dessen Geburtstag sich 1978 zum 100. Male jährte, beschreibt diesen Vorgang mit dem herrlichen Vers
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So bin ich dein geworden, eh ich mich selbst gewann; du nahmst mich an den Orden der Söhn' und Brüder an. Als ich noch kaum vom Weiten durch Dunst und Nebel sah, warst über meinem Schreiten du wie die Sonne nah.
Günter Abramzik
„ICH WOLLTE MIT DEM WOHLSTAND DEM DEUTSCHEN VOLK HELFEN. ICH WUSSTE NICHT, DASS ICH DIE GELDBEUTEL FÜLLE UND DIE ALTÄRE
(D.H. „DIE KIRCHEN") LEERE".
WIRTSCHAFTSMINISTER LUDWIG ERHARD
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