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Die Stadt — Bild — Gestalt — Vision
Von Günther Busch
Vorwort
Die Bremer Kunsthalle hat anläßlich des 150jährigen Bestehens des Kunstvereins Bilder der Stadt in Malerei und Handzeichnung gezeigt. Der Direktor der Kunsthalle, Dr. Günter Busch, hat uns freundlicherweise die Einführung, die er für den Katalog der Ausstellung geschrieben hat, zur Verfügung gestellt. Wir sind ihm hierfür sehr dankbar. Wir bitten um Verständnis, daß wir gezwungen waren, leicht zu kürzen. Die Ausstellung liegt bereits drei Jahre zurück. Die Worte Benno Reifenbergs mit denen die Einführung schließt, haben an Aktualität nichts eingebüßt.
Der Herausgeber
Der Maler Edgar Degas zählte die Architekten unter „die unterste Kategorie Mensch". Derselbe Degas war aber auch dafür, die öffentlichen Rasenflächen durch Gitter einzufriedigen, „damit man keine Denkmäler darauf stellen" könne. Endlich meinte er, man solle die impressionistischen Maler, die im Freien Landschaft malten, „mit Schrotflinten aus der Natur vertreiben". Degas litt offenbar auf kauzige Weise an seinem Jahrhundert und an gewissen Eigenheiten, die es ausgebildet hatte, zumal an der verbreiteten, optimistischen Veränderungswut, obwohl er selbst zu diesem vielschichtigen Jahrhundert durch seine so traditionsbewußte wie kühn erneuernde Kunst einen der wesentlichen, der wahrhaft „verändernden" Beiträge geleistet hat.
So wenig aber wie den Architekten des 19. und denen des 20. Jahrhunderts die alleinige Schuld an der „Häßlichkeit" unserer Städte gegeben werden kann — denn etwas Derartiges meinte Degas mit seinem verallgemeinernden Bonmot —, einer Häßlichkeit, die Alexander Mitscherlich „nicht nur als Defizit ästhetischer Art" verstanden wissen will, so wenig ist, mit Mitscherlich, anzunehmen, daß „die Architekten im Alleingang ... in der Lage sind, das menschliche Umweltproblem , Stadt' zu bewältigen". Er fährt fort: „Alle Wissenschaften, die menschliches Verhalten zum Inhalt haben, müssen hier den Planern beistehen und beobachten, wie ihre Forderungen im Gesamtkonzept verwirklicht werden." Wir fügen hinzu: alle Quellen menschlicher Äußerung, die hier Erhellung bringen könnten, müssen herangezogen werden. Unsere Ausstellung möchte dartun, daß auch und gerade der Maler, wiewohl in begrenztem Maße, als ein nicht nur wissenschaftlich dokumentierender, sondern als ein schöpferisch schauender und fühlender Beobachter des „menschlichen Umweltproblems .Stadt'" dem Stadtplaner und den Architekten — dem Denkmalpfleger ohnehin — beistehen könnte, genauer zu erkennen, worin für die Zukunft deren Aufgabe weit „über das Reißbrett hinaus" besteht.
Mit erfreulicher Einmütigkeit erheben Politiker, Soziologen, Theologen, Biologen, Psychoanalytiker oder allgemeine Kulturkritiker seit einiger Zeit ihre warnende und fordernde Stimme, unsere Städte und das Leben in ihnen „menschlicher", weniger „unwirtlich" zu machen, die „Urbane Lebensqualität" zu heben, die herrschende „Lieblosigkeit" und zunehmende „Gesichtslosigkeit" städtischer Strukturen zu neuer Kulturlandschaft" zu verändern.
Nun wird der Maler, als Verfertiger von Bildern im tieferen Verstände dieses Worts, seinen aufklärerischen Beitrag freilich weniger durch gemalte Polemik oder plakatierte Stellungnahme leisten können — hier so wenig wie in anderen politischen Bereichen, obwohl ihn die verschiedensten Ideologien in solcher Weise haben einspannen, mißbrauchen wollen. Vielmehr wird er nur dadurch wirken können, daß er sein „Beobachter-Amt" im Sinne seines künstlerischen Auftrags „leise", d. h. in seiner, ihm zugewiesenen Sprache der „Bilder", der Sinn-Zeichen übt. Gerade damit wird er unserer
Uberzeugung nach am wenigsten zum ästhetischen Handlanger einer „Affirmation von herrschenden Strukturen" herangezogen werden können. Auch wird er sich am wenigsten in jenen „Kulturnischen" einer sogenannten „Kunst am Bau" artikulieren können, die Mitscherlich zu Recht ironisiert und mit der die Öffentlichkeit, bisher fast ohne Ausnahme vergeblich, versucht hat, jenes allgemeine „ästhetische Defizit" der Städte zu camouflieren. Er wird seinen menschlich-politischen Auftrag gerade dadurch erfüllen, daß er als Künstler Bilder schafft, die aus dem Erlebnis der Stadt-Welt, wie sie war und wie sie ist, erwachsen sind und die damit die vielschichtige Wahrheit der Stadt bewußt machen.
Das „Bild der Stadt", wie es sich uns in der Realität und in der Verdeutlichung durch den Künstler heute und in der jüngeren Vergangenheit darstellt, ist bestimmt durch zahlreiche historische, politische, soziologische, naturwissenschaftliche und technische Voraussetzungen, die seit der Aufklärungszeit und der Französischen Revolution auf vielfältige Weise aufeinander eingewirkt haben, sich durchdringend und potenzierend. Nur einige von ihnen seien in Hinsicht auf unser besonderes Thema in Erinnerung gerufen. Um am naheliegenden Beispiel zu beginnen: Die Freie Hansestadt Bremen zählte zur Zeit der Gründung des Kunstvereins in Bremen (einem typischen Resultat der Aufklärungsund Revolutions-Ideen!) im Jahre 1823 gerade 39 800 Einwohner; heute sind es 593 950. Die Bevölkerungs-Explosion des vergangenen Jahrhunderts in der westlichen Welt, die durch das Positivum einer neuen Hygiene hervorgerufen war, und der sich daraus ergebende Zwang zu einer Industrialisierung der Bedarfsgüterherstellung mit der wahren Kettenreaktion ihrer geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen, derer die Denker der Zeit wie Robert Owen, Etienne Cabet, Auguste Comte, Ludwig Feuerbach, Louis Blanc, Karl Marx oder Friedrich Engels durch ihre Theorien gedanklich Herr zu werden suchten, haben das Bild der Stadt auf drastische und ungeahnt rasche Weise verwandelt. An erster Stelle stand die plötzliche Notwendigkeit, für sehr viel mehr Menschen als jemals zuvor ein Dach über dem Kopf zu schaffen — und dies möglichst in der Nähe der gleichzeitig neu entstehenden technischen Arbeitsstätten. Mancherlei andere Entwicklungen trafen damit zusammen, die im allgemeinen technischen Fortschritt ihren Ursprung hatten. Vom Menschen erfunden oder ausgelöst, entglitten die neuen materiellen Möglichkeiten jedoch alsbald seinen Händen und machten sich als eigengesetzliche Mächte selbständig, da er sich doch mit ihnen zum Herren der Welt glaubte erheben zu können. Um aber nicht nur die bedenklichen Aspekte der Entwicklung zu betonen, sei auf ein Detail neben anderen verwiesen, das eindeutig auf der Gewinnseite der Städte zu verbuchen ist: Die Schleifung der militärtechnisch unsinnig gewordenen, mittelalterlichen Stadtbefestigungen wurde als ein Symbol für die neue tatsächliche oder vermeintliche Befreiung von jahrhundertealten Konventionen der städtischen Lebensweise aufgefaßt. In
Dr. Günther Busch studierte Kunktgeschichte und Archäologie: Assistent an der Graphischen Sammlung in Prag; 1945 Kustos, seit 1950 Direktor der Kunsthalle Bremen. Zahlreiche Veröffentlichungen über berühmte Maler. Seit 1971 Dir. des Gerhard Mareks Hauses in Bremen. 1974 Sigmund Freud-Preis der Deutschen Aakademie für Sprache und Dichtung. Darmstadt. 1975 Officier de l'ordre des Arts et des Lettres.
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