Schach den Verbrauchermärkten
Von Gerhard Iversen
Vorwort
Hatten wir im Wohlstand alle guten Grundsätze vergessen, die eine Stadtmitte vor der sogenannten „Amerikanischen Krankheit" bewahren können?
Politiker, Minister und Verwaltungschefs meinten, dem Verbraucher damit dienen zu müssen, fast jeden Bauantrag eines Verbrauchermarktes zu genehmigen.
So entstand auf der grünen Wiese rund um die Städte ein Verbrauchermarkt nach dem anderen mit dem Ergebnis, daß die Verkaufsflächen der City und am Stadtrand inzwischen „deckungsgleich" sind. So geht langsam aber sicher die Vielfalt der Versorgung der Bürger verloren und menschliches Leben wird um weitere Grade ärmer. Die Zahl der Verantwortlichen, die um diese Zukunft wissen bzw. sie ernst nehmen, ist leider noch sehr klein.
So ist folgendes heute leider noch möglich, wie es das Fachblatt „Der Schuhmarkt" Nr. 40/1975 unter der Uberschrift „Schach dem Verdrängungswettbewerb" — „Ungezügeltes Flächenwachstum" berichtet:
Ungezügeltes Flächenwachstum
Der Verdrängungswettbewerb wird vor allem durch ein ungezügeltes Flächenwachstum — wir sprechen hier von einem sogenannten Flächenrausch — forciert. Es ist dadurch im Einzelhandel zu einer flächenmäßigen Überkapazität von etwa 2,6 Mill. qm gekommen. Diese Entwicklung hat zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen und Umstrukturierungen im Einzelhandel geführt.
Hecht im Karpfenteich des deutschen Einzelhandels sind die Verbrauchermärkte. Sie haben sich wie ein Kranz um sämtliche Groß- und Mittelstädte gelegt und haben ihre Verkaufsfläche von 1,2 Mill. qm in 1968 um rund 200 Prozent auf 3,4 Mill. qm inzwischen erhöht. Die Zahl der Verbrauchermärkte in der Bundesrepublik hat sich demzufolge Anfang dieses Jahres im Vergleich zu Anfang 1974 um 17 Prozent auf etwa 1100, die der Discountmärkte um rund 15 Prozent auf 1465 und die der Supermärkte und Selbstbedienungsläden um rund drei Prozent auf insgesamt 8700 erhöht. Der Umsatz der Verbrauchermärkte ist im gleichen Zeitraum um 16 Prozent auf 10,7 Mrd. DM, der der Discountmärkte um 24 Prozent auf fast drei Mrd. DM und der der Supermärkte und Selbstbedienungsläden um nahezu neun Prozent auf insgesamt 22,4 Mrd. DM angestiegen. Die großen Warenhäuser haben diese neue Konkurrenz, die ihnen quasi die Butter vom Brot nimmt, inzwischen erkannt und blasen zum Gegenangriff. Nach der Bilanz der sogenannten Konsolidierung wollen sie jetzt den Marktanteil, den sie verloren haben, durch verstärkte Investitionen wieder zurückgewinnen.
Der Kaufhof spricht von einem Investitionsvolumen von rund 170 Mill. DM, Horten will 125 Mill. DM verbauen, und Karstadt will nach einer Atempause in diesem Jahr bis 1977 rund 1 Mrd. DM investieren. Damit würde dieser große Warenhauskonzern allein über 1 Mill. qm Verkaufsfläche verfügen. Vor allem wollen sämtliche Warenhäuser mit Hilfe preisaggressiver Filialtypen einiges von dem Terrain zurückholen, das sie an die jüngeren Vertriebsformen, als da sind Verbrauchermärkte und Discounter, verloren haben.
Die Entwicklung eines kostensparenden Warenhaus-Typs basiert auf dem zu beobachtenden Trend einer Stagnation oder gar Abnahme der Einwohnerzahlen der Großstädte. Dadurch wird die Ansiedlung von kleinen Warenhäusern in Kleinstadtzentren oder an Standorten der ersten und zweiten Stadtregion von Mittelstädten bzw. der zweiten und dritten Stadtregion von Großstädten immer interessanter. Dies ist gerade für die mittelständischen Schuhfachgeschäfte von besonders schwerwiegender Bedeutung, da die Kaufhäuser mit ihren umsatzträchtigen Betriebstypen vor allem in die bisher verschonten Mittel- und Kleinstädte vordringen.
Heinz-J. Leinemann: „Dieses Expansionstempo muß zu einem tödlichen Vernichtungswettbewerb führen, dem nicht nur leistungsschwache, sondern auch gesunde Betriebe zum Opfer fallen. Die Großen des Einzelhandels stehen also in den Startlöchern und blasen zum Sturmangriff auf die letzten Bastionen des mittelständischen Einzelhandels, auch des Schuheinzelhandels. "
Nur eine funktionsfähige Stadt und eine soziale Marktwirtschaft, wo Planer, Exekutive und Legislative auch „Nein" sagen können, erhält unseren Städten die lebenswerte menschliche Note.
Während der Sitzung der Bremischen Bürgerschaft am 8. 9. 1975 wurden nachfolgende Ausführungen gemacht. Die „kursiv" gesetzten Textteile wurden aus Zeitgründen nicht vorgetragen, gehören aber zum Gesamtinhalt des Vortrages. Der Leser möge beachten, daß es sich um die Wiedergabe des gesprochenen Wortes handelt.
Es bleibt zu wünschen, daß unsere Bürger, jeder an seinem Platz, diese große Aufgabe und Verantwortung für unsere gebaute Umw.elt annehmen.
Der Herausgeber
Aus der Bremischen Bürgerschaft
Vizepräsident Bugla:
Das Wort hat der Abgeordnete Iversen.
Abg. Iversen (CDU):
Herr Präsident, meine Damen und Herren.
Erfreut darf ich feststellen, daß das Thema Supermärkte, Verbrauchermärkte langsam eine Sorge vieler Mitbürger
wird. Ich habe schon vor Jahren darauf hingewiesen, daß auch Europa und unsere Stadt Bremen sehr schnell in die Situation, die Amerika durchlebte, ich darf sie einmal die amerikanische Krankheit nennen, hineinkommen kann. Bremen ist ein Musterbeispiel in der Bundesrepublik. Wir sind auf dem besten Weg, in diese schwierige Situation hineinzukommen.
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