„Eigenheim mit Garten - mein Ideal in der Bewährung"
Ansprache von Bundesminister a. D. Paul Lücke anläßlich der Überreichung des Horst-Koehler-Gedächtnispreises 1975
am 11. September 1975 in Landau/Pfalz
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Für die Verleihung des Horst-Koehler-Gedächtnispreises darf ich dem Kuratorium, Ihnen, liebe Frau Koehler, Ihnen, lieber Graf Bernadotte, als Vorsitzendem des Kuratoriums, meinen herzlichsten Dank aussprechen. Dem Stifter des Fonds, der ungenannt bleiben will, gilt ebenfalls mein besonderer Dank.
Mit Horst Koehler, dem großen Menschen und Gartengestalter, zu dessen Andenken der mir verliehene Preis gestiftet wurde, verband mich bis zu seinem allzu frühen, jähen Tode eine tiefe Freundschaft. Sie werden verstehen, mit welch innerer Bewegung ich diese hohe Auszeichnung, die seinen Namen trägt, entgegennehme. Der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft danke ich für den festlichen Rahmen, den sie diesem Anlaß gegeben hat.
Horst Koehler lernte ich Anfang der fünfziger Jahre kennen. In Burg Steinbach in der Eifel hatte Dr. Nikolaus Ehlen, der „deutsche Siedlervater" aus Velbert, Frauen und Männer des öffentlichen Lebens versammelt, die sich um den rechten Aufbau unseres zerstörten Vaterlandes sorgten. Ich hatte vor diesem Kreis als junger Abgeordneter des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Ausschusses für Wiederaufbau und Wohnungswesen zu dem Thema: „Bauen, wie es unsere Familien brauchen" gesprochen. Am Schluß der angeregten Diskussion überreichte mir Horst Koehler sein „Praktisches Gartenbuch" mit der Widmung: „Zum familiengerechten Heim gehört der familiengerechte Garten". Diese Stunde führte uns — beide Heimkehrer aus dem verlorenen Krieg — zu langjähriger, erfolgreicher Arbeit und Freundschaft zusammen. Das Programm war gegeben: „Bauen, wie es unsere Familien brauchen". Ein Programm, das bis zur Stunde keiner der so viel beschworenen Reformen bedurfte. Ein Programm, das heute noch — nach 25 Jahren Wohnungs-, Städtebau- und Grünpolitik in Deutschland, nichts von seiner richtungweisenden Bedeutung verloren hat. Horst Koehler wurde mein engster Berater für Fragen der Grüngestaltung, sowohl während meiner langjährigen Zeit als Vorsitzender des Ausschusses für Wiederaufbau und Wohnungswesen des Deutschen Bundestages als vor allem aber auch in den Jahren, in denen ich das Amt des Bundesministers für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung innehatte.
Horst Koehler wollte nichts für sich; weder nahm er finanzielle Entschädigungen für seine Arbeit an, noch strebte er nach Mandat und Amt. Als ich ihn bat, in mein Ministerium einzutreten, lehnte er ebenso freundlich wie entschieden ab. Er wollte helfen — vor allem den Einkommensschwachen. Sein Ziel war, daß in Gesetz und Verwaltung die sozial schwachen Kreise den gebührenden Platz erhielten. Seine Sorge galt vor allem der Grüngestaltung in den neuen Siedlungen.
An den Gesetzen jener Jahre, die den Aufbau der Nachkriegszeit begründeten, dem 1. Wohnungsbau- und Fami- lienheimgesetz, dem Bundesbaugesetz, dem Raumordnungsgesetz u. a. hatte er seinen Anteil.
Seine schriftstellerischen Erfolge setzten ebenso gültige Maßstäbe — ich denke hier an das „Praktische Gartenbuch", das eine Millionenauflage erreichte — wie seine gärtnerische Arbeit, die er modellhaft in Siedlungen in Bremen, der Adenauer-Siedlung in Köln, den Mustersiedlungen des familiengerechten Heims in Worms oder in Industrieanlagen ausführte. Dieser Mann schöpfte aus dem ungewöhnlichen Reichtum seines Wissens um die Gesetze und die Schönheit 1 der Natur. Er wußte um die Wurzeln des Lebens. Beschei
denheit und Güte, gepaart mit goldenem Humor, zeichneten ihn ebenso aus wie seine Ehrfurcht vor der Schöpfung. Horst Koehler war in Wahrheit ein „Gärtner um des Menschen willen".
Lieber Graf Bernadotte, ich habe Ihnen für die ehrenden Worte, die Sie mir und meiner politischen Arbeit gewidmet haben, zu danken. Runde drei Jahrzehnte habe ich mich der Aufgabe gewidmet, eine menschengerechte Wohnungs- und Städtebaupolitik zu verwirklichen. Es war keine leichte Zeit. Der Chor der Kritiker wuchs in dem Maße, in dem sich das Ziel meiner Politik durchsetzte. Aber mit den Kritikern wuchs auch die Zahl der Freunde und Mitkämpfer. Es ist wohltuend, in Kampfzeiten um verläßliche Freunde zu wissen. Dazu zählten Sie, Graf Lennart, in erster Linie. Seit 1957 tagt alljährlich auf Ihrer Insel Mainau das „Grüne Parlament". Unter ihrem Vorsitz, als Präsident der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft, finden die Mainauer Gespräche statt, von denen für meine politische Arbeit große Hilfe und Unterstützung erwuchs.
Die Mainauer Gespräche haben die großen gesetzgeberischen Maßnahmen, das Bundesbaugesetz, das Raumordnungsgesetz, das Städtebauförderungsgesetz, die Bemühungen um Landespflege, Grüngestaltung, Umweltschutz, Bodenrecht u. a. mit geistiger Weite gefüllt und politische Atmosphäre für ihre gesetzliche Verabschiedung schaffen helfen. Was in den fast 20 Jahren der Mainauer Gespräche an Unterstützung für die von mir vertretene Wohnungs- und Städtebaupolitik erwachsen ist, ist kaum zu ermessen. Sicher sehen wir auch die Fehler, die in den Jahren des Aufbaues gemacht worden sind. Dennoch dürften wir insgesamt mit dem Erreichten zufrieden sein. Ihnen, Graf Lennart, allen Freunden, die mitgearbeitet haben, bei dieser Gelegenheit ein Wort des Dankes zu sagen, ist mir ein Herzensanliegen
„Grünes Eigentum verpflichtet", so haben Sie das diesjährige Tagungsthema benannt. Sie haben, lieber Graf Bernadotte, in diesem Jahr die Insel Mainau in eine Stiftung überführt. Sie haben mit dieser Stiftung auf Ihr privates Eigentum an der Insel, mit allem was dazu gehört, verzichtet. Sie haben damit ein besonders eindrucksvolles Beispiel gegeben, daß das persönliche Eigentum eine besondere Verpflichtung im Sinne des Artikels 14 unseres Grundgesetzes beinhaltet. Nämlich, daß es zugleich dem Wohl der Allgemeinheit — in diesem Falle der Pflege der Ziele der Grünen Charta von der Mainau — dienen soll. Ich beglückwünsche Sie als Vorsitzender des Vorstandes der Lennart-Bernadotte- Stiftung zu dieser Tat. Möge diese noble Haltung Nachahmung finden. Möge überall in unserem Lande dieser Geist fortwirken, der helfen, dienen und fördern will. Helfen will, daß unsere Landschaft gepflegt und erhalten wird, daß unsere Menschen verstärkt Zugang zu Garten und Natur erhalten, daß das „Gärtnern um des Menschen willen" eine echte Gemeinschaftsaufgabe unseres Volkes werde. In den seit Kriegsende verflossenen drei Jahrzehnten wurden rund zwölf Millionen Wohnungen gebaut. Das sind mehr Wohnungen als nach dem Kriege noch standen. Wir durften an einer Aufbauleistung mitarbeiten, deren Umfang kaum absehbar ist. Natürlich wurden Fehler gemacht — ich sagte es bereits —, große Fehler, oft unverzeihliche Fehler. Doch auch hier gilt das Wort: „Wo viel Licht, ist viel Schatten". — Wo jemals in seiner Geschichte hat unser Volk eine derartige Leistung erbracht und erbringen können? Ich will diese Stunde nicht zu einer kritischen Würdigung des Aufbaues nutzen. So sehr es mich reizt, dies zu tun. Sie werden es mir aber nachsehen, wenn ich diese festliche Gelegenheit
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