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Der Aufbau : Bürger und Stadt
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Moore

Ihre Bedeutung für Mensch, Tier und Pflanze, ihre Erhaltung durch Bildung von Schutzgebieten Von Kurt Jaeger (aus: Naturschutz- und Naturparke 76/1975)

Da in der Bundesrepublik weite Moorlandstriche entwäs­sert und kultiviert worden sind, gibt es zwischen den bayeri­schen Alpen und der See nur noch wenige unwegsame Moore. Etwa 50 000 ha werden industriell abgebaut. Die Hälfte davon sind Staatsmoore. Die Arbeit der Torfwerke wirkt sich für Mensch und Tier verheerend aus: Die Funk­tion des Moores, das natürliche Gleichgewicht bezüglich der Bodenfeuchtigkeit auszubalancieren, wird völlig außer Takt gesetzt. Einer besonderen Tierwelt wird der natürliche Lebensbereich genommen. Den Mooren droht also nicht nur die Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzflächen, son­dern auch die Ausbeutung durch Torfwerke, die unter Umständen den größten Teil der Moore mehr oder weniger vernichten. Als positiv macht sich bemerkbar, daß die Torf­gewinnung für die Bevölkerung keinen Reiz mehr bietet. Die privaten Mooreigentümer decken meist ihren Heizvorrat durch Kohle und öl. Die Ruhe im Moor ist dort, wo keine Torfwerke entstanden sind, im wesentlichen wiederherge­stellt. Künftig wird der jahrhundertealte Brennstoff der Menschheit in großen Mengen nur noch zur Bodenverbes­serung und Düngung, als Aktivkohle oder vorrangig für Filterzwecke der chemischen und pharmazeutischen Indu­strie verwandt werden.

Uber die Hälfte aller Moore der Bundesrepublik liegt in Niedersachsen. Größere Moorvorkommen haben außerdem Bayern mit 23 000 ha und Schleswig-Holstein mit 17 000 ha. An unkultivierten Moorflächen sind in Niedersachsen noch rd. 110 000 ha vorhanden. Davon befinden sich 28 300 ha im Besitz des Staates und teilen sich auf die Regierungs- und Verwaltungsbezirke wie folgt auf:

Aurich = 5100 ha, Osnabrück = 12 000 ha, Lüneburg = 800 ha, Stade = 1200 ha, Oldenburg = 8300 ha. In diesen Räumen gibt es heute kaum noch ein völlig intaktes und unberührtes Hochmoor. Man hält es von Seiten des Natur­schutzes und der Wissenschaft für dringend erforderlich, die noch bestehenden Moore, meist Restmoore, als Land­schaftsdokumente und für Forschungszwecke zu erhalten. Zwar ist durch den Einsatz der Technik die Kultivierung der Moore ziemlich weit vorangetrieben, aber durch die Unterstellung der übriggebliebenen Moorgebiete unter Na­turschutz wäre noch manches zu retten. Die Fachgruppe Landschaftspflege im Deutschen Heimatbund fordert mit Recht, daß alle im öffentlichen Besitz befindlichen Moore als Naturschutzgebiete ausgewiesen werden. Die Landesforst­verwaltung Niedersachsen hat bereits das Külsenmoor (staat­liches Forstamt Knesebeck) als Schutzgebiet zur Erhaltung des Birkwildbestandes eingerichtet. In diesem 70 ha großen Gebiet, das Heide- und Moorflächen umfaßt, dürfen weder Wege angelegt noch andere Erschließungsvorhaben geplant werden, um dem sehr scheuen Birkwild die Ruhe zu erhalten. Vor allem sollen hier und möglichst auch auf den angren­zenden Grundstücken keine Entwässerungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Da Wald und Wasser bzw. Moore eng miteinander ver­knüpft sind, will sich auch die Schutzgemeinschaft Deut­scher Wald dafür einsetzen, daß die Melioration weiterer Moorflächen unterbleibt.

Wie ein Sprecher der Bundesanstalt für Naturschutz erklärt, werden in Niedersachsen Entwässerungspläne verwirklicht, die vor Jahrzehnten geplant worden sind und aus Geld­mangel erst heute realisiert werden sollen, obwohl sie längst überholt seien. Man habe besondere Bedenken gegen die

Trockenlegung von Mooren angemeldet, die eine völlige Veränderung der natürlichen Lebensgemeinschaften zur Fol­ge hätten. Außerdem dürfte unzweckmäßig sein, neue Bau­ernhöfe zu gründen, zumal die Wirtschaftlichkeit sehr in Frage gestellt ist. Auf der einen Seite Sozialbrache, auf der anderen kostspielige Kultivierungen von Mooren das dürfte ein Widersinn sein. In diesem Zusammenhang sollte man sich überlegen, ob Moorsiedlungen im Rahmen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft noch eine Existenz­berechtigung haben.

Im nördlichen Niedersachsen wurden ca. 2000 ha Hochmoor- Naturschutzgebiete geschaffen. Wenn man bedenkt, daß der ehemalige Bestand an Hochmoorflächen ca. 85 000 ha betrug, wird auf diesem Gebiet noch viel zu tun sein. Für die Er­haltung der Restmoore gibt es stichhaltige Gründe. Die Moore waren und sind infolge ihrer Ausdehnung ein we­sentlicher Bestandteil im äußeren Erscheinungsbild sowie im Gefüge der Landschaft. Sie bilden ein abgeschlossenes Öko­system. Sie haben im Verlauf ihrer Entwicklung die Erd­geschichte, die Bodenentwicklung, den Wasserhaushalt, das Klima, die Pflanzendecke und die Tierwelt ganzer Land­schaften entscheidend beeinflußt. Die Lebensbedingungen für die Pflanzen- und Tierwelt in den Mooren sind mehr oder weniger extrem. Deshalb können in ihnen nur bestimmte und in den Hochmooren auch nur verhältnismäßig wenige, den Verhältnissen angepaßte Tiere und Pflanzen leben, von denen die meisten wiederum außerhalb der Moore nicht ge­deihen können. Die Moore gehören zu den wertvollsten Forschungs- und Lehrstätten für die biologischen und ökolo­gischen Wissenschaftszweige und sind für diese Freiland­laboratorien ersten Ranges.

Jedes Moor stellt ein von Niederschlägen gespeistes Was­serreservoir (Wasserspeicher) für das angrenzende Gebiet dar. Die Niederschläge sind und bleiben die einzige Süß­wasserquelle, ihre Ausbeute ist über die Jahre gleich und läßt sich um keinen Liter steigern. Aus diesem Grunde ist jede Entwässerung, die mit der Senkung des Grundwasser­spiegels verbunden ist, von großem Nachteil für die gesamte Landeskultur. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die land­schaftliche Eigentümlichkeit und Ausdruckskraft von Moor­landschaften. Sie vermögen dem Betrachter Landschafts­erlebnisse von höchster Eindringlichkeit und Eigenart zu vermitteln, die denen in anderen hervorragenden Landschaf­ten, etwa im Hochgebirge oder an der Meeresküste, nicht nachstehen.

Im Elbe-Weser-Dreieck sind noch einige nennenswerte Rest­moore vorhanden.

Das Königsmoor im Kreis Stade, Hohes Moor (Elmer Heide), Kuhstedter und Stellingsmoor im Kreis Bremervörde, Großes Moor und Sandstedter Moor im Kreis Wesermünde, Balksee und Ahlenfalkener Moor im Kreis Land Hadeln sowie das Große Teufelsmoor im Kreis Osterholz-Scharmbeck. Als be­sonders naturnahe Landschaft sind die echten Moore im Bezirk Stade weitgehend dezimiert oder fast verschwun­den. Aber auch die Restmoore sind noch sehr reizvoll. Hier brüten noch an kleinen Moorseen die Trauerseeschwalbe. In diesen Mooren ertönt der melodische Balzgesang des großen Brachvogels, hier sitzen auf den Baumweiden Raubwürger und Neuntöter und äugen scharfsichtig nach Insekten und Mäusen. Selten sieht man die Kornweihe und den schnell­sten unter den Greifvögeln, den Baumfalken. Schließlich findet sich hier und da auf den wenigen Heide-Moorflächen noch der Restbestand des Birkwildes. Nur acht Birkhähne

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