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Der Aufbau : Bürger und Stadt
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Wald und Erholung

Naturparke als Bindeglied der Völker Von Konrad Schubach

Anläßlich derbenefication de la foret" am 6. Oktober 1974 in Brüssel hielt Staatssekretär K. Schubach vom Ministe­rium für Landwirtschaft, Weinbau und Umweltschutz in Rheinland-Pfalz, den Festvortrag. Alljährlich im Herbst wer­den in einer Festveranstaltung in Brüssel die Wohlfahrts­wirkungen des Waldes den geladenen Gästen und den Bür­gern Belgiens dargestellt; diese Veranstaltung ist vergleich­bar unseremTag des Baumes". Staatssekretär Schubach hat als Vorsitzender des Eifelvereins und als früherer Regie­rungspräsident von Trier besondere Verdienste um die Bil­dung der beiden überstaatlichen Naturparke im Eifel-Arden- nen-Raum, in denen grenzüberschreitende Landschaftspla­nungen in den Ländern Belgien, Luxemburg und Bundesre­publik Deutschland durchgeführt wurden.

In der modernen Massengesellschaft wird der einzelne in immer stärkerem Umfange durch äußere Einflüsse belastet. Die Monotonie und nervliche Anspannung der heutigen Ar­beit bei weitgehender körperlicher Bewegungsarmut er­schöpft trotz ständiger Arbeitszeitverkürzung den Menschen mehr und stärker als früher bei oft schwerer körperlicher Arbeit. Wir müssen unseren Mitmenschen Landschaftsräume zur Verfügung stellen, in denen ständig frische Eindrücke aus der lebendigen außermenschlichen Natur als Ströme der Erneuerung und Belebung auf den Menschen fließen.

Die Erholungsfunktion der Landschaft wird für die Indu­striegesellschaft immer wichtiger. Als unentbehrliches Ge­staltungselement unserer Landschaften gilt der Wald mit seinen Bäumen, Sträuchern, Gräsern und seiner reichhaltigen Tierwelt. Unsere Industrienationen wären heute ohne Wald­gebiete nicht mehr existenzfähig. Es muß unser aller Bestre­ben sein, unsere Umwelt so zu erhalten und wieder so zu gestalten, daß sie in der Lage ist, die für den Menschen un­natürlichen Reizeinflüsse zu mildern, um damit gleichzeitig einen Regenerationsraum für die wichtigsten Lebensgrund­lagen (Boden, Wasser, Luft) zu schaffen.

Unser Ziel muß sein, nicht Landschaftsteile zu schützen, sondern das öffnen der Landschaft für den Menschen. Dies ist eine vordringliche Aufgabe moderner Landespflegepla- nung und Naturparkplanung.

Mit der Planung und Einrichtung der Naturparke vollzog sich in der Bundesrepublik das nach, was Mitte des vorigen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Nordamerika mit der Anlage der Nationalparke begonnen hatte. Sicherlich war die Einrichtung solcher Parke in nur schwachbesiedel­ten Landschaften des amerikanischen Kontinents wesentlich leichter als in Räumen mit intensiver land- und forstwirt­schaftlicher Bewirtschaftung eines dichtbesiedelten Indu­striestaates.

Der Naturparkgedanke verfolgt zwei Ziele:

1. Hege und Pflege schutzwürdiger Landschaften und

2. Schaffung großräumiger Erholungsgebiete für die Men­schen.

Somit sind also die Naturparke ein besonderes Ordnungs­element in der Raum- und Landschaftsplanung.

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Dem Wald fällt innerhalb der Umwelt- und Naturparkpla­nung eine besondere Bedeutung zu. Wälder und Waldgebie­te stehen an der Spitze der Ausflugsziele unserer Mitbürger. Wald gibt dem Menschen Gelegenheit zu genügender und vielfältiger körperlicher Betätigung. Die Lärmfreiheit im Walde sowie sein gemäßigtes Klima im Gegensatz zum Frei­land oder zu Ballungsräumen macht ihn immer mehr zur bevorzugten Erholungsstätte.

Um den Menschen zum weiteren Eindringen in die Tiefe des Waldes zu ermuntern, ist es erforderlich, im Wald Einrich­tungen zu schaffen, damit so zugleich auch eine intensivere Walderholung ermöglicht wird. Hierzu zählen bekanntlich: Kinderspielplätze, Planschbecken, Wassertretanlagen, Quell­fassungen, offene Wasserflächen, Spiel- und Liegewiesen, Liegeflächen unter Bäumen, Waldlehrpfade, schön gestaltete Schutzhütten, Waldmuseen und andere Einrichtungen. Die meisten solcher Erholungseinrichtungen wurden von unseren Forstleuten geschaffen, die hier das BauelementHolz" für viele Waldbesucher neu oder wieder entdeckt und verwandt haben.

Im Erschließen des Waldes und der Landschaft für den erholungsuchenden Menschen sehen wir eine sozial-erziehe­rische Aufgabe von größter Bedeutung. Dem noch naturver­bundenen Menschen soll die Möglichkeit zur Erholung in Gottes freier Natur erhalten bleiben, und der moderne Mensch unserer Zeit, der sich oft schon zu seinem eigenen Schaden von der Natur gelöst hat, soll wieder an die Natur herangebracht werden.

Die Planungen und Einrichtungen der Naturparke wären nie­mals so zügig vonstatten gegangen, wenn nur die Behörden tätig geworden wären. Der Hauptinitiator in der Bundes­republik und wir dürfen auch sagen in Europa ist un­umstritten Herr Dr. Toepfer mit dem von ihm geführten Verein Naturschutzpark.

Landschaften, ganz besonders aber Landschaftsreize und -Schönheiten können nicht an Ländergrenzen enden; denn sie sind etwas Natürliches; Ländergrenzen sind meist will­kürlich gezogene Trennstriche. Besonders im Eifelraum ist dies immer deutlich gewesen. Das Hohe Venn dehnt sich in der Bundesrepublik Deutschland wie in Belgien aus, die Schönheit der Luxemburgischen Schweiz ist beiderseits der Sauer so blieb es auch nicht aus, daß der Naturschutzge­danke zu einem neuen Impuls der Völkerverständigung führ­te, daß er für uns auch ein Meilenstein wurde zur hof­fentlich bald vollzogenen Verwirklichung des Europage­dankens.

In den beiden internationalen Naturparken der Eifel begeg­nen wir ständig Zeugen alter gemeinsamer Vergangenheit, Zeugen gemeinsamen kulturellen Schaffens. Die Vor- und Frühgeschichte wird lebendig, wenn wir durch die Eifel- und Ardennenwälder wandern. Frühe Funde der vorschristlichen Keltenzeit, Hügelgräber der ehemaligen Herren dieses Lan­des, Kultstätten, Reste römischer Villen und Götterdenk­male lassen sich besonders im Walde immer wieder neu entdecken. Wir müssen besonders unseren Waldbesitzern und Forstleuten Dank sagen, daß sie über alle Kriegs­ereignisse der letzten hundert Jahre hinweg diesen Zeu­gen gemeinsamer kultureller Vergangenheit bewahrt und erhalten haben und sie jetzt den modernen Menschen aus den Ballungsräumen der westeuropäischen Länder diesseits und jenseits der Grenzen zeigen mit der Mahnung des Erhal- tens und Gedenkens.

Vielfach sind die Aufgaben, die volkserzieherischen und volksbildenden, die aus den Naturparken, dem Wissen um Wert und Bedeutung von Wald und Baum uns erwachsen, deren wir uns bewußt sein müssen, denen wir uns zu ver­schreiben haben. Das Planen und die Einrichtung von Natur­parken mit besonderen Walderholungsgebieten ist die Er­füllung einer berechtigten Forderung der gesamten euro­päischen Bevölkerung!

Aus: Naturschutz- + Naturparke 2/75