Sperrung der Innenstädte vom Autoverkehr?
von Günther Schütze
Die Forderung nach einer autolosen Stadt ist besonders in den letzten Jahren wiederholt und mit Nachdruck erhoben worden. Politiker, Planer und offizielle kommunale Stellen haben sich hierzu in allen Massenmedien geäußert. Solange es sich hierbei um Forderungen nach sinnvollen Fußgängerbereichen unter Berücksichtigung aller notwendigen Verkehrsvoraussetzungen handelt, ist dagegen sicher nichts einzuwenden; im Gegenteil, diese Entwicklung ist zu fördern und zu unterstützen. Wenn aber durch Unverständnis oder Nichterkennenwollen — politisch verbrämt — die radikale Sperrung der Innenstädte vom Autoverkehr gefordert und allen Ernstes auch von offiziellen Stellen als tragbare Lösung angepriesen wird, ist es an der Zeit, das Gesamtproblem einmal sachlich zu durchleuchten. Auch die Energiekrise wird nichts daran ändern, daß wir zumindest für Jahrzehnte weiterhin mit dem Auto leben müssen und leben wollen.
Diese Tatsache kann weder wegdiskutiert noch durch die Verteufelung des Autos aus der Welt geschafft werden. Die Wirtschaft jedes Landes, ohne Unterschied, ob Industriestaat oder Entwicklungsland, ist auf das Transportmittel Auto angewiesen. Die Sperrung ganzer Stadtteile würde nicht nur für diese allein, sondern für die Entwicklung der Städte insgesamt schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
Das Ziel muß es deshalb sein, ein Miteinander aller Verkehrsmittel, die sich sinnvoll ergänzen müssen, herbeizuführen.
Die folgende Gegenüberstellung der Kriterien soll zur Versachlichung des Themas beitragen. Sie soll darüber hinaus auch
im Einzelfall helfen, unsachgemäßen und übertriebenen Forderungen entgegenzutreten.
Aus: BAG-Nachrichten, 2/19
In den 50er und Anfang d'er 60er Jahre forderten Planer und Bürger eine
„autogerechte Stadt".
Heute, unter dem Eindruck der auf uns zukommenden Vollmotorisierung, wird die Forderung nach einer „autolosen Stadt"
erhoben. Ist das eine Planungsalternative? Planung ist
Entwicklung
d. h. ständige Uberprüfung aller Planungsmaßnahmen hinsichtlich ihrer Auswirkungen und Anpassung an veränderte Verhältnisse.
Die Forderung nach der „autogerechten Stadt" ist eine Utopie.
aran zweifelt niemand mehr. Untersuchungen zeigen:
Breitere Straßen ziehen mehr Verkehr an und erzeugen stär- ere Stauungen. Der alte Wunsch, jedes beliebige Ziel mit dem Auto zu erreichen, erfordert breite Straßen, Parkbauten und Parkflächen, die die Städte zerstören.
Folgerung:
Unter Berücksichtigung menschlicher Maßstäbe und Bedürfnisse müssen alle Verkehrsarten aufeinander abgestimmt sein und sich gegenseitig ergänzen. Dabei kann der Verkehr nur dienende Funktion haben. So ist eine „verkehrsgerechte Stadt" zu sehen.
Nachdem Fußgängerbereiche besonders gut angenommen wurden, wird ein Gegensatz zu früher auf einmal die „autolose Stadt"
gefordert. Von einem Extrem ins andere zu fallen, sollte jedoch unbedingt vermieden werden.
Auch die „autolose Stadt" ist eine Utopie.
Eine völlige Sperrung vom Autoverkehr wird die Städte zwar von Verstopfungen befreien, aber gleichfalls veröden lassen.
Die Städte und insbesondere die Innenstädte sind zur Aufrechterhaltung ihres Wirtschaftslebens auf das Kraftfahrzeug angewiesen.
Der Wirtschaftsverkehr
als notwendiger Verkehr ist vorerst durch kein anderes Verkehrsmittel zu ersetzen. Zum erwünschten Wirtschaftsverkehr zählt aber auch der Verkehr zu Kultur-, Verwaltungsund Geschäftszentren.
Die Meinung der Sachverständigen
Bereits im Bericht der
Sachverständigenkommission (Oktober 1974)
zur Untersuchung von Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse wird auf die Notwendigkeit und Vielfalt des Wirtschaftsverkehrs hingewiesen.
.. . „im Vordergrund steht dabei der Einzelhandel ... (Seite 81 Abs. (149). ... „Zum Wirtschaftsverkehr im engeren Sinne ist auch der gesamte Einkaufsverkehr der Hausfrauen zu rechnen, der zum großen Teil mit Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vor sich geht, in steigendem Umfang sich aber auch bereits auf den privaten Kraftwagen verlagert" ... (Seite 81 Abs. 151).
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