Baum und Mensch
von Aloys Bernatzky
Mit Beiträgen über Baumchirurgie von Michael Maurer. 107 Abbildungen auf 48 Tafeln und 108 Zeichnungen, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main, DM 19,80.
Inhalt:
I Bäume ermöglichen unser Leben
II Beziehungen zwischen Mensch und Baum
III Baum-Monographien
IV Baum-Portraits
V Baumpflege — Baumchirurgie
Uber den Umweltschutz wird heute mehr geredet als dafür getan. Viel zu wenig wird daran gedacht, daß er bereits vor der Haustür beginnen muß: Bei der Erhaltung, Pflege und Neupflanzung von Bäumen. Darüber berichtet dieses Buch und zeigt, wie Bäume auf das Stadtklima einwirken. Es führt aber auch weiter in die uralten Beziehungen zwischen Baum und Mensch bei allen Völkern, wo der Baum seit je als eine Offenbarung des Heiligen gilt (Lebensbaum, Maibaum, Weihnachtsbaum). In Baum-Monographien werden die bekanntesten Baumarten in ihrem spezifischen Beitrag für Natur und Mensch vorgestellt. Baum-Portraits führen altehrwürdige Baumgestalten in prächtigen Bildern vor. Schließlich gibt das Buch viele praktische Hinweise, wie man den treuen Begleitern unseres Lebens, den Bäumen, helfen kann, besonders an den bedrohten Standorten in den Städten. Dipl. hört., Dr. phil. nat. Aloys Bernatzky, geb. 1910 in Leob- schütz/Oberschlesien, studierte Philosophie und Theologie in Breslau, Gartenplanung und Städtebau in Berlin, Geographie, Botanik und Völkerkunde in Frankfurt am Main. Bezirksbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium in Darmstadt. Bis 1972 Mitarbeiter der Stadt Frankfurt (Gartenamt): Grünplanung, Naturschutz, Baumschutz. Redakteur der „Baumzeitung". Buchveröffentlichungen: „Von der mittelalterlichen Stadtbefestigung zu den Wallgrünflächen von heute." (Berlin 1960), „Gärten für uns" (Gütersloh 1963), „Praktischer Gartenkalender" (Gütersloh 1967), „Ein Garten entsteht" (Gütersloh 1970), „Grünplanung in Baugebieten" (Wiesbaden 1972). Zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften über Grünplanung, Baumschutz, Naturschutz. Studienreisen nach Frankreich, den Mittelmeerländern, dem Vorderen Orient und USA.
Weshalb ein Baumbuch?
Heute klirren die Äxte, rattern die Sägen, fallen die Bäume in den Straßen der Städte, in den Neubaugebieten, an den Verkehrswegen. Besonders der Straßenbaum ist in den Mittelpunkt einer leidenschaftlichen Debatte gerückt. Autofahrer entpuppen sich als seine größten Feinde — die gleichen Menschen, die sich mit ihren Fahrzeugen an Wochenenden und in ihrem Urlaub in den Schatten der Bäume zurückziehen! Verkehrsplaner beseitigen alte Alleen, um dem immer schneller werdenden Verkehr Platz zu schaffen. Architekten diskutieren über das Lebensrecht der Bäume auf Plätzen und Straßen. Längst ist es offenbar geworden, daß der letzte Krieg weit weniger unsere Städte und Landschaften verwüstet und verändert hat als die seither erfolgten Eingriffe der
Grundstücksspekulanten, Architekten und Ingenieure. Und doch will man das nicht wahrhaben; es werden schöne Worte gemacht — aber der Bäume werden es immer weniger.
Dieser Entwicklung möchten die Ausführungen dieser Veröffentlichung entgegenwirken, und zwar mit den Darlegungen über die naturwissenschaftlichen Funktionen der Bäume, über die Verankerung und Verquickung des Lebens der Bäume mit dem menschlichen Leben und über den Niederschlag dieser Verbindungen in Mythologie und Brauchtum. Einzelne Baumarten des In- und Auslandes werden ebenso beschrieben wie alte Baumpersönlichkeiten, die eine lange Geschichte hinter sich haben.
Dieser Veröffentlichung geht es darum, aufzuzeigen, daß wir zur Gesunderhaltung unserer Umwelt und unseres eigenen Lebens Bäume benötigen, daß menschliches und pflanzliches Leben in einem unauflöslichen Verbund stehen und daß der Versuch, diese Verbindung zu lösen, zum Schaden, wenn nicht sogar zum Untergang der beiden betroffenen Kontrahenten führen muß und wird.
Es geht aber noch um mehr: In Baum und Strauch haben wir die letzte Verbindung zu jenen frühen Zeiten, da der Mensch das Göttliche in Bäumen und Hainen, in Quellen und auf Bergen verehrte. Hier lernen wir, unser Leben als Teil des Werdens und Vergehens zu sehen. Etwas von der pflanzenhaften Existenz, von dem einfachen Da-sein für Sonne, Wind und Regen strömt in uns hinein, so wie es dem Andalusier ergeht, der da glaubt, in seinem Garten ein Stück des Paradieses zu besitzen. Das Paradies aber war ein baumbestandener Garten, ein Park, und das Leben in ihm ein vegetatives, pflanzenhaftes Leben.
So ist denn jeder Baum Abbild und Sinnbild des Friedens auf Erden. Was aber ist uns im Zeitalter der Rastlosigkeit und der Heimatlosigkeit nötiger als Stille und Geborgenheit? In einer Zeit immer größer werdender Abstraktionen, in der wir das, was unser Gehirn errechnet und unsere Maschinen ausführen, trotzdem nicht mehr begreifen können in des Wortes wirklichem Sinn, benötigen wir die Rückkehr zu der sich uns in immer neuen und doch so alten Bildern offenbarenden Pflanzen. Menschen, deren Verhältnis zur Natur, zu den Bäumen intakt ist, besitzen ein Reservoir, zu dem die Dämonen unserer Zeit keinen Zutritt besitzen (K. Korn).
Der Baum ist immer Gegenpol des nur auf menschliche Gegenstände und menschliches Maß bezogenen Denkens. Er ist Sinnbild des Beständigen. Er lebt vom Glauben an den Fortgang der Geschichte, Ereignisse und Dinge, denn er braucht Zeit! Kein Wunder, daß die ihn als Todfeind betrachten, die dem ständigen Wechsel und Wandel das Wort reden, denen man nicht trauen darf, weil morgen ihr Wort nicht mehr gilt, gelten soll. Und das Ausmaß der Beseitigung von Bäumen ist ein Gradmesser für das hektische Tempo unserer Tage. Bäume aber müssen bleiben, weil unsere Augen, weil die Menschen der Großstädte auf ihren täglichen Wegen etwas sehen wollen, was nicht von Menschenhand geschaffen ist, etwas, was die Freiheit der Natur zeigt anstelle der nüchternen Linien reiner Sachlichkeit, die heute dabei ist, unser Leben zu vergiften (N. Benckiser).
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