»Taub für Entsetzen«
Von: Helmut Ahrens
Diese Ausgabe der Zeitschrift „Unser Wald" bringt eine Dokumentation der Katastrophe. Wir möchten vor Augen führen, daß es mehr als nur falsches Verhalten ist, wenn man die Schrecknisse des Sturms in Vergessenheit geraten läßt. Der 13. November 1972 hätte zum Signal der tätigen Mithilfe aller werden müssen. Wir haben das Zeichen übersehen!
13. November 1972. Nördlich von Hamburg überquert mit 955,5 Millibar ein Sturmtief Nordwestdeutschland. Es ist ein Minimum, das »eilt 1821 nicht mehr erreicht wurde. Die gemessene Windstärke beträgt 174 Stundenkilometer. Mehr kann nicht gemessen werden, der Orkan zerstört die Apparatur. Windstärke 174 km/h, das heißt Beaufortgrad 16. Schon bei Beaufortgrad 11 spricht man von einem orkanartigen Sturm, bei 12 sogar von einem Orkan schwerster Verwüstung. Aber „16", das ist reine Zerstörung, eine Naturkatstrophe.
Das Gerät registrierte die Wucht des „Windes" zehn Meter über dem Grund. Die Kronen der Bäume jedoch sind zumeist nochmals um zehn Meter höher. Pro Quadratmeter läßt sich dort oben ein Staudruck von 200 kg errechnen und dann ist da noch die fatale Hebelkraft. Bäume wurden geknickt wie Streichhölzer. Die Katastrophe zerstörte insgesamt einen Waldbestand, der ungefähr dem des Harzes gleichkommt. Die Aufrämungsarbeiten sind schwierig. Im Raum Cloppenburg wird ein Oberförster getötet und vier Waldarbeiter werden durch stürzende Bäume schwer verletzt. In einem Privatwald bei Croya (Kreis Helmstedt) verunglückt ein Vierzigjähriger tödlich. Tod auch für Tiere. Fischreiher- und Schwarzstorchkolonien sind dezimiert oder gänzlich getilgt, hunderttausende von Brutmöglichkeiten vernichtet, Wild wird erschlagen. Neben dem Verderben steht Glück für andere. Glück für Borkenkäfer, Buchdrucker (IPS Typographus) und Kupferstecher (Pytyogenes Chalcographus). Holzfressende Schädlinge finden Nahrung in Fülle. Gefahr frißt sich in die Rinde.
Die geworfenen Bäume, können sie nicht zeitig weggeschafft werden, liegen und trocknen. Sie bieten unglaubliche Möglichkeiten einen Waldbrand entstehen zu lassen, der dann weitere Waldflächen hinwegraffen würde. Wasserspeicher Wald hätte viel von seiner Macht verloren. Durst für Mensch und Natur stünde bevor.
Die Schrecknisse des 13. November hat es über ein Menschenleben lang nicht mehr gegeben. Sie sind so ungewöhnlich, so unfaßbar für unsere Breiten, daß der Schock uns noch heute in den Gliedern sitzen müßte, doch das Vergessen war schnell. Eine Bundestagswahl lief über die Bühne, die den Medien — sei es nun Funk, Fernsehen oder Zeitung — nur lumpige zwei Tage Zeit ließ, sich mit der Sturmkatastrophe zu beschäftigen. Kommentatoren, sonst eifrig bemüht, jede noch so kleine Neuigkeit auszudeuten, bleiben stumm. Sie hielten ihre Augen eingleisig auf die Wahl gerichtet. Schlimmer noch, der Bürger war desinteressiert. Briefe und Anfragen an die zuständigen Institutionen, Instanzen und Behörden blieben fast aus. Die Bundesrepublik Deutschland hatte eine grausame Naturkatastrophe verschlafen. Nur das Kampfgeschrei der Parteien störte den Schlummer. Bei Hilferufen für den niedersächsischen Wald blieben die Ohren taub. Presse und Volk haben bis jetzt die Folgen und möglichen Auswirkungen des 13. Novembers nicht begriffen. Umso erstaunlicher für ein Land, das die Liebe zum Wald so offenkundig auf den Lippen trägt.
Kaum eine Nation bezieht in ihre Folklore, in ihr Kulturgut und in ihre landschaftlichen Wunschbilder den Wald so stark ein wie die Deutschen. Der „Tag des Baumes" wird in den Schulen des Landes so feierlich begangen wie ein heiliges Zeremoniell, Chöre schmettern ihr Lied zum Lob des Waldes, Ansprachen werden gehalten. Nun hätte man mehr tun können als nur einen Schößling in den Boden zu senken, und es war mehr nötig als reine Lippenbekenntnis.
Der Deutschen liebste Gegend sind nun einmal Wälder. Sie lieben es, dort zu spazieren, zu picknicken, Wochenausflüge zu machen. Wie wichtig diese Landschaftsgruppierung als Erholungszenturm und Entspannungsraum ist, müßte einem Zivilisationsbürger, einem industrialisierten Mitmenschen, längst klar geworden sein, ganz abgesehen von den ökologischen und volkswirtschaftlichen Aspekten des Waldes. Aus einem 730 Hektar großen Waldgebiet kann sauberes Wasser aus dem Boden gewonnen werden, das genügt, eine mittlere Kleinstadt mit einer Population von 30 000 Menschen zu versorgen. Eine forstliche Versuchsstation in den Vereinigten Staaten von Amerika bewies, daß ein nicht gerade sehr großer Laubwaldbestand 57 Millionen Liter Wasser anzog. Gesundes und sauberes Trinkwasser wird auch für uns immer wichtiger werden, und weiterhin gibt es Waldbauern, die vom Wald leben müssen, die aber auch Sägewerke unterhalten, dadurch Arbeitsstätten bieten.
Man rätselte in Fachkreisen oft herum, warum Niedersachsens Sturmkatastrophe keine „hohen Wellen" schlug. Vielleicht überdecken Fragen des technischen Umweltschutzes die Probleme der Forstämter. Jeder Städter spürt am eigenen Leibe wie schlecht unsere Atemluft geworden ist, erkennt unschwer, wie verdreckt das Wasser in den Flüssen fließt, wie Rauch und Ruß sich in die Straßen senken. Blei- und giftgasverschleudernde Autos, erschreckende Fabrikschlote, Abwässer der Industrien — das Schlagwort Umweltschutz vereint alles zu einem einzigen Problem. Der Wald aber, geht's dem nicht gut? Ist er nicht eine letzte Oase, zumindest einer natürlicheren Lebensform? Gibt es da nicht noch frisches Quellwasser, saubere Luft? Es stimmt. Das Quellwasser ist frisch, die Luft ist gut. Doch dies ist kein Grund, sich nicht darum zu sorgen, daß es so bleibt. Dies ist kein Grund, Gefahren zu übersehen, keine Entschuldigung, Verbesserungen aus dem Weg zu gehen. Ein Thema darf das andere nicht verdecken.
Zunehmende Automation und Motorisierung, eine sitzende Lebensweise, mangelnde Bewegungsmöglichkeiten, ja regelrechte Bewegungsarmut zeitigen schon jetzt Zivilisations- schäden, die das Gleichgewicht des menschlichen Organismus zerstören. Viele Körperschaften und Verbände, viele Mediziner und Psychologen haben deshalb den Wert des Waldes als Erholungsort für die Bevölkerung erkannt. Forstlehrpfade, Wald- und Wanderwege, Marschierrouten und Trimm-Pfade wurden angelegt. Sie sind ein deutliches Zeichen für dliie allgemeine Nutzbarmachung des Waldes. Mag man sich über die rein ökonomische Bedeutung der Wälder auch immer mehr streiten, so ist es trotz allem klar, daß die baumbestandene Landschaft nur noch an Wert gewinnen kann. Ich möchte noch nicht einmal die Ziele des Fremdenverkehrs hier mit anführen. Wenn immer mehr Menschen in Städten leben werden, wird es immer mehr Waldbegeisterte geben.
Nun wurde Wald in großem Umfang zerstört. 120 000 Hektar groß ist die Schadfläche. Dies ist das Doppelte der jährlichen Wiederaufforstung im gesamten Bundesgebiet. 17,6 Millionen Festmeter Holz wurden geworfen. Der normale Einschlagplan für das Forstwirtschaftsjahr 1973 ist auf nur etwa 68 Prozent dieser Summe festgelegt. Besonders Kiefer und Fichte wurden hart betroffen. 250 Prozent des Kiefern und 34 Prozent der Fichten des bundesrepublikanischen Binschlaglimits 1973 sind im wahrsten Sinne des Wortes weggefegt worden. Privatbetriebe erlitten Totalschaden, das Gros der Waldbauern ist in seiner Substanz angegriffen.
Bis das Wiederaufforsten beginnen kann, wird Zeit verstreichen. Die Baumschulen müssen sich auf die erhöhten Anforderungen erst einstellen. Noch ist nicht abzusehen, wie lange die vom Orkan gezehnteten Wälder zu leiden haben. Die Natur hat der niedersächsischen Forstwirtschaft einen Tiefschlag versetzt, von dem sie sich nur mit großen finanziellen Mitteln und dem Wohlwollen aller Behörden erholen kann. Aus: Unser Wald 1173
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