die „autogerechte" + „autolose" Stadt
eine UTOPIE
Der nachfolgende Auszug vermittelt einen kleinen Einblick in die neue Denkschrift der „Aufbaugemeinschaft Bremen"
Vorwort
Mai 197i
An den Senat der
Freien Hansestadt Bremen
Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Sehr geehrte Frau Bürgermeister! Sehr geehrte Herren Senatoren!
Es war unsere Absicht, mit dieser Denkschrift als einem weiteren Beitrag zur Gestaltung unserer Stadt zu dem Vorschlag „Fußgängerzone vom Bahnhof zur Altstadt auf Stelzen" kritisch Stellung zu nehmen.
Seit langer Zeit beobachten wir aber mit großer Sorge, daß Kräfte an Boden gewinnen, die sich für die „autolose Stadt" einsetzen. Es scheint wohl eine deutsche Eigenschaft zu sein, gern von einem Extrem in ein anderes zu verfallen. So muß die „autogerechte Stadt" wie die „autolose Stadt" eine Utopie sein.
Diese lebhafte öffentliche Diskussion hat uns nun veranlaßt, die Denkschrift zu erweitern um den Fragenkomplex „Die menschenwürdige-funktionsgerechte Stadt" und um einen Teil III „Umweltschutz — Klima — Wallanlagen in der Altstadt und Neustadt".
Während der Erarbeitung dieser Denkschrift war für uns in der öffentlichen Diskussion auffallend, wie das Augenmaß für die gleiche Behandlung von städtischen Lebensräumen ins Wanken geriet oder sogar ganz abhanden zu kommen drohte. Während die Legislative, Exekutive und Verwaltung fast alle Sonderwünsche für die „rote Verkehrszelle" in der Altstadt Bremen in den vergangenen Jahren erfüllten, war man nun nicht mehr bereit, wie an dem Beispiel Katharinenklosterhof deutlich wurde, gemeinsam erarbeitete Grundkonzeptionen, in Auftrag gegebene Gutachten und schließlich mit den Anliegern der Gebiete abgesprochene und dann offiziell beschlossene Planungen zum guten Ende zu führen bzw. für die gemeinsam geleistete Arbeit einzustehen. Immer wieder konnte man hören: „Dies
habe ich oder haben wir von unseren Vorgängern übernommen."
Auch die Leserbriefe in den Tageszeitungen kamen in sehr vielen Fällen von den gleichen Schreibern, die man seit vielen Jahren in unserer Stadt kennt. In über 25jähriger Erfahrung hat sich uns immer wieder bestätigt, daß die negativen Kräfte in einer Stadt es besser verstehen, sich laut, deutlich und öffentlich darzustellen, während die positiven Kräfte in fast allen Fällen die Stillen im Lande bleiben — aber sich jederzeit ansprechen lassen, um zu helfen.
Die beobachteten und auch die direkt geführten Gespräche mit Mitbürgern aufgrund der öffentlichen Diskussionen um das Parkhaus „Katharinenklosterhof" haben uns gezeigt, daß das positive Bild weit größer ist, als in der öffenlichkeit dargestellt wird. Wir finden unsere Überlegungen und Beobachtungen in einem Bericht über die Ausstellung „Profito- polis": „Sind unsere Städte noch menschenwürdig?" in der Zeitschrift „so planen + bauen", September 1972, bestätigt. Der Verfasser formuliert am Schluß:
„Die Forderung läuft darauf hinaus, daß der Bürger sich um die Entwicklung seiner Stadt kümmern soll, damit die Städte nicht zu gesellschaftspolitischen Schlachtfeldern werden, auf denen um Ideologien gekämpft wird, statt fruchtbare Ideen zu gebären. Wie der Schweizer Lucius Burckhardt gesagt hat, bauen die Bürger selber ihre Stadt. Sie müssen wissen, was sie wollen und brauchen, damit sie es denen sagen können, die für sie alle als Planer und Techniker tätig sind."
So möchte die Aufbaugemeinschaft Bremen mit dieser neuen Arbeit durch ihre kritische Stellungnahme und durch Anregungen mithelfen, daß eine gute Lösung der angesprochenen Fragen und Probleme im Interesse unserer Stadt und ihrer Bürger gefunden wird.
Aufbaugemeinschaft Bremen
Der Vorstand
G. Iversen
Dr. v. Einem
H. Offermann
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