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Der Aufbau : Bürger und Stadt
Entstehung
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Die Familien sind nicht nur die wichtigsten Träger der Fürsorgefunktionen, sondern auch Verbindungsstellen für die öffentliche Sozialarbeit.

Wir leben in einer Epoche, die ökonomisch und sozial durch Funktionsbeschränkungen der Familie und durch ihre infor- mations- und sozialtheoretische Öffnung gegenüber der Ge­sellschaft gekennzeichnet ist. Es wird wichtig sein, die Fa­milie davor zu bewahren, untaugliche Lebensformen zu fixie­ren, doch muß sie auch für die Funktionen der Fürsorge al­len ihren Mitgliedern gegenüber offengehalten werden. Die Familie ist nun einmal ein sozialer Entwicklungsrahmen von hervorragender Bedeutung: sie verdient auch in der Form der erweiterten Familie gesellschaftliche Förderung, einschließlich ökonomischer, planerischer und fürsorgeri­scher Maßnahmen.

Wenn statt einer Tendenz zu Kontakten ohne Verpflichtun­gen, wie sie in Dänemark Jan Stehouwer für das Familien­system andeutet, ein System mit wechselseitigen Verpflich­tungen und Kompensationen, also ein komplizierteres, aber so meine ich, lohnenderes System angestrebt würde, so lie­ßen sich von dort her für das Zusammenleben relevante Le­bensformen konzipieren. Die Leitvorstellung müßte dabei sein: soviel Absonderungschancen wie möglich, soviel Ge­meinsamkeit wie erwünscht.

Freilich müßte dieser besondere Ausbau der Familienfunk­tion auch pädagogisch gestützt und vorbereitet werden. Von den Institutionen der Schule, der Seelsorge, der Er­wachsenenbildung, der Massenmedien usw. ist ein Einfluß auf die Stärkung der wechselseitigen (sowohl ökonomischen wie auch emotionalen) Beziehungen zwischen den Genera­tionen in der sogenannten erweiterten Familie, mit einem angelsächsischen Ausdruck dermodified extended family", zu verlangen. Ohne diesen erzieherischen Aufbau entstehen nicht nur ökonomische und emotionale Bruch- und Brach­stellen innerhalb der Familien; es entstehen auch, bedingt durch den inneren Zusammenhang von Ideen- und Normsy­stemen einerseits und der Praxis der sozialen Verantwor­tung andererseits, umgreifende gesellschaftliche Antinomien, wie schon Emile Dürkheim feststellte.

So sind z. B. dänische Institutionen dazu übergegangen, daß eine Tochter oder ein Sohn oder ein anderes Familienmit­glied, wenn der Vater oder die Mutter, die Schwiegermutter mindestens 14 Wochenstunden Hilfe brauchen, als Heimhel­fer bei den betreffenden Personen, auch wenn sie ihre Ver­wandten sind, angestellt werden können, und zwar mit dem gleichen Lohn wie andere Heimhelfer. Man nennt dies Familienheimhilfe", und der dänische Sozialarbeitsdirektor Erling Jambeck hat in einer kürzlich erschienenen Veröf­fentlichung über diesen Erfolg dieses Heimhilfesystems be­richten können.

Wenn man die Frage nach den Grundlinien der Altenpolitik so beantwortet, daß der Sozialarbeit gegenüber einem blo­ßen Rentendenken der Vorrang zu geben sei, so setzt dies Aktivität sowohl von Staat, Ländern und Gemeinden wie auch von Institutionen außerstaatlicher Art, etwa der Kir­chen, politischer Verbände und Gruppen voraus. Aber auch die Nachbarschaften und kleinen Gemeinschaftsverbände müssen in die Sozialplanung für das Alter einbezogen wer­den. Für die kleine Gemeinde ist in der Organisation der Nachbarschaft, die zugleich (bei allen Konflikten) eine be­trächtliche soziale Festigung leistet, eine Erweiterung des familiären Aushilfesystems zu suchen. Auf Gemeindeebene ist es vor allem die Organisation von Freizeit- und Erho­lungs-Chancen, die z. B. durch Religionsgemeinschaften und Vereine noch aktiviert werden müßte. So können Urlaubs­fahrten, die den persönlichen Bekanntenkreis berücksichti­gen, für ältere Personen außerordentlich bedeutungsvolle Anlässe zur Belebung ihrer Interessen und zur Uberwindung der Isolation sein. In vielen Untersuchungen ist ja der Hang zur Umwelt-Beobachtung registriert worden, die vermutlich eine gewisse Kompensation für den Verzicht auf die aktive und handelnde Beeinflussung von Gesellschaft und Umwelt darstellt.

Initiativgruppen werden sich aus speziellen sozialen Inter­essen heraus für bestimmte Ziele konstituieren können, immer vorausgesetzt, daß bestehende Institutionen, z. B. die Kirchen, genügend Flexibilität aufbringen. Dies mag dann umgekehrt, als eine Wechselwirkung, eine Aktivierung der Bejahrten für die Institutionen mit sich bringen: Oft genug kommen ja ältere Menschen als Hilfspersonal für andere ih­res oder ähnlichen Alters in Frage.

Auf allen organisatorischen Ebenen ist die Einrichtung von Altersheimen bzw. die Ausnützung der bereits vorhandenen Heime und der dazugehörigen medizinisch-sozialen Einrich­tungen ein schwerwiegendes Problem. Eine Bedarfsschät­zung die bis jetzt fast überall nur unklar vorliegt darf sich nicht auf eine simple Erhebung der von den alten Men­schen geäußerten Bereitschaft stützen, in ein Altersheim zu ziehen. Auf diese Weise wird nur ein momentaner subjekti­ver Bedarf ermittelt. Bei vielen alten Menschen entspringt nämlich der Wunsch nach einer Ubersiedlung in ein Heim nicht den erwarteten positiven Aspekten des Altenheims, sondern den negativen Aspekten der Ausgangssituation. Einerseits muß bei einer solchen Bedarfsschätzung über­prüft werden, ob und wie sehr mangelhafte Information über die bestehende offene Altenhilfe oder überhaupt die Mangelhaftigkeit der offenen Altenhilfe selbst dafür ver­antwortlich ist, daß sich viele alte Menschen nur allzu rasch der geschlossenen Altenhilfe, also dem Altersheim, zuwen­den. Andererseits muß sich der Bedarf an Altersheimen und Altersheimplätzen daran orientieren, was die geschlossene Altenhilfe tatsächlich leisten kann und was sie nach Krite­rien, die die neuere Forschung erarbeitet, leisten sollte. Es scheint ziemlich sicher, daß die Möglichkeiten der offenen Altenhilfe noch zuwenig ausgebaut und daß die bereits vor­handenen zuwenig bekannt sind.

Um der Tendenz zur Isolation der Alten inHeimdepots" entgegenzuwirken, hat die dänische Sozialarbeit Heimpflege­zentralen, Ausgangsstützpunkte, nicht Pflegestellen, einge­richtet und damit gute Erfahrungen gemacht. Ärzte, Unter­suchungseinrichtungen, wohlausgebildetes Pflegepersonal sind dort konzentriert und leicht erreichbar und abrufbar. Sie setzen einerseits speziell ausgebildete Kader von Helfern voraus, andererseits eine sinnvolle räumliche Planung des Standorts, damit organisatorisch zweckmäßig hilfsbedürftige alte Menschen in ihren Wohnungen betreut werden können. Solche Systeme sind den völlig geschlossenen Heimsituatio­nen vorzuziehen; ebenso ist der kleinen, für die Bewohner und ihre Angehörigen sowie für die Betreuungspersonen überschaubaren Dimensionierung der Pflege- und Alters­heime selbst unbedingt der Vorrang vor den kasernenarti­gen Großanlagen einzuräumen.

Was uns noch völlig fehlt, ist eine wohldurchdachte Theorie des Betriebes in Altersheimen und Altersspitälern.

Dabei wird oft eine Aktivierungsmöglichkeit auch der Kran­ken und weitgehend Gehbehinderten, ja selbst der Bett­lägerigen mit psychologisch und sozialpsychiatrisch fundier­ten Mitteln zu wenig wahrgenommen. Oft beherbergen Spi­täler wie Dauerpflegeheime eine Gruppe von Personen, für die eine längerfristige Behandlung zwar zunächst notwendig war, die dann aber vom gesundheitlichen und sozialen Standpunkt aus besser wieder zurück in die eigene Woh­nung oder aber in eine andere Form von Pflegeheim gezo­gen wären.

Bei allen diesen Überlegungen über Ausmaß und Methoden zur Bewältigung der vielfachen Probleme, die das Alter für unsere Gesellschaft mit sich bringt, müßte der Grundsatz gelten: Eine Persönlichkeitserfüllung wird in der Regel viel eher aus Aktivitäten und Beziehungen innerhalb der selbst­gewählten und überschaubaren sozialen Organisationen ge­wonnen. Denn nur in solchen Konstellationen kann jene Wechselseitigkeit mit umfassenderen und emotional befrie­digenden Inhalten realisiert werden, die gewährleistet, dafi wir uns alle, gleich welchen Alters, als Angehörige einer Gesellschaft fühlen.

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