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Die Bremer Papyri / von Ulrich Wilcken
Entstehung
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145
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Die Bremer Papyri

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Nr. 64. Brief der Soeris an ihre Tochter Aline.

P- 45 (Bibl.). H. 14 cm. Br. 15 cm. Der Brief stehtauf Vers o (parallel der Paginabreite), die Adresse auf Recto (parallel der Paginahöhe). Die Schrift des Briefes ist eine große,

rechtsgeneigte Cursive.

Der Brief ist wahrscheinlich deswegen auf Verso geschrieben, weil das Recto schon benutzt gewesen sein wird, wenn auch auf dem uns erhaltenen Fragment sich keine Spuren davon finden 1 . Daß der Text aber nicht etwa nur ein Entwurf ist, wie er gern auf Rückseiten geschrieben wird, zeigt die Tatsache, daß auf der andern Seite, dem Recto, sich die Adresse befindet, der Brief daher zur Absendung be­stimmt war 2 . Die Briefsenderin hat also aus Sparsamkeit, wie das ja öfter geschah, ein schon benutztes Blatt verwendet.

Wer ist nun die Soeris, die diesen Brief geschrieben hat? Man denkt zunächst an die Soeris, die in Giss. 21, 4 als Schwester des Apollonios bezeichnet wird, also nach dem oben von mir vertretenen Stammbaum auch die Schwester der Aline war. Nun bezeichnet sie aber in Z. 1 und in der Adresse die Aline als ihre Tochter! Gewiß bestand eine gewisse Freiheit in der Bezeichnung verwandtschafdicher Be­ziehungen (s. oben S. 12), aber daß Soeris ihre Schwester nicht nur im Präskript, sondern auch noch in der für den Briefüberbringer bestimmten Adresse als ihre Tochter bezeichnet haben sollte, das ist denn doch gar zu unwahrscheinlich 3 . Und liegt denn infruydTHp gegenüber dSeXJjm eine Steigerung der Zärüichkeit oder sonst eine erkennbare Nuance? Ferner spricht Soeris hier in Z. 10 von ihren Kindern: to]is d^aaKjdv'Tois irai8ioi[s] no[u]. Wir wissen sonst nichts davon, daß sie verheiratet war. Doch das kann Zufall sein. Merkwürdig ist aber das Fol­gende: Aline soll nach Z. 9 ff. der Soeris den Auftrag gegeben haben, für ihre, der Soeris, Kinder Halbkeramien zu besorgen, und Soeris erklärt, sie dem und dem geben zu wollen, damit er sie der Aline bringe. Danach müßten also die Kinder der Soeris bei Aline in Heptakomia sein, während Soeris selbst, und zwar schon mindestens seit 4 Monaten (Z. 8), nicht dort ist, sondern diesen Brief etwa von Hermopolis aus schreibt. Das ist gewiß nicht unmöglich, aber es wäre doch ein eigenartiger Fall. Endlich ist es auch auffallend, daß Soeris, die doch selbst die Schwester des Apollonios war (Giss. 21), ihn als Bruder hier speziell der Aline zuweist (Z. 3), anstatt zu sagen »unser Bruder«.

Alle diese Anstöße verschwinden, wenn man folgender Hypothese zustimmt. Aus Nr. 69, einer offiziellen Bankdiagraphe, die auf möglichst genaue Feststellung der Personalien ausgeht und daher für solche Fragen sehr viel maßgebender ist als Privatbriefe, erfahren wir, daß Eudaimonis, wie das ja so häufig vorkam, noch einen

1 Es genügt die Annahme, daß auf dem verlorenen Teil des Briefes die Rectoseite z. T. beschriftet gewesen ist.

2 Die Korrekturen und Nachträge beweisen also nicht den Entwurf. Sie zeigen nur, daß der Schreiber, der für Soeris schrieb, der auch eine z. T. vulgäre Orthographie schrieb, unachtsam geschrieben hat.

3 Die Annahme von P. M. Meyer, daß der Stratege von der Arsis mit tcöi uicöi angeredet wurde (Giss. 68, 1), fällt mit der obigen Bemerkung S. 143 A. 3.

Phil.-hist. Abh. 1936. Nr. 2.

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