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Der Aufbau : Bürger und Stadt
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Die Gastarbeiter

Bürger zweiter Klasse Benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft? Von Edeltraud Meistermann-Seeger

Alles begann im Land Bayern. Dort wurden 1950 die ersten ausländischen Arbeitnehmer eingeführt, und zwar auf Grund einer Krise in der Landwirtschaft: Die ersten Gastarbeiter waren eine Stütze für die Landarbeit. Sie wurden sogleich zu einem Anstoß sozialer Veränderungen: In ihrem Vertrag war ihnen nämlich ein Stundenlohn von 2 DM garantiert worden, und sie, in sozialer Fürsorge unerfahren und nicht gewohnt, durch Sozialabgaben ihren Lohn verkleinert zu sehen, bestanden auf der Auszahlung des vollen Netto-Zwei- Mark-Stundenlohns. Sie drohten mit Abwanderung in an­dere Stellen oder auch mit Rückwanderung. Das konnten sie tun auf Grund ihrer höchst unsicheren Verträge mit den Arbeitgebern, die ihnen nur minimale Schutzgarantien bo­ten. Diese dürftigen Abmachungen aber wendeten sich als­bald gegen die Arbeitgeber, die ihre Verträge nicht unter dem Aspekt abgeschlossen hatten, die neuenFremdarbei­ter" wie sie in Analogie zur Nazi-Zeit damals noch ge­nannt wurden könnten hier in Deutschland auf ihre Freiheit pochen.

Der Netto-Stundenlohn von 2 Mark wurde gezahlt. Die Folge war, daß auch die übrigen bayrischen Landarbeiter den gleichen Stundenlohn oder, häufiger noch, einen höheren verlangten. So war gleich zu Beginn der Wanderbewegung der europäischen Arbeitnehmer alles vorhanden, was auch heute noch zu ständigen Auseinandersetzungen führt: Kämpfe zwischen rivalisierenden in- und ausländischen Ar­beitskräften, aber auch zwischen Arbeitnehmern und Ar­beitgebern, und erst recht kämpften von Anbeginn die Be­hörden mit allen an der Wanderung interessierten Gruppen.

Deren gibt es nämlich eine ganze Reihe: Die Wanderarbeiter finden Interesse im Herkunftsland und im Gastland, und viele Institutionen und Behörden kümmern sich um sie. Die Wanderarbeiter sind die bedeutendste Gruppe, da sie in dem sozialen Ereignis der europäischem Völkerbewegung, die von Kleinasien bis zum Atlantik reicht, die differenzierteste und dynamischste Gruppe sind. Um die Hintergründe und die Wirkungen der Wanderbewegung zu verstehen, wollen wir zuerst das Umfeld dieser Bewegung betrachten.

Die Gastarbeiter kommen nämlich nicht nur aus eigenem Antrieb hierher. Sie werden gedrängt und gezogen von Ein­zelpersonen, von Behörden und Institutionen. Sie werden direkt geworben. Dafür gibt es Anwerbekommissionen der Bundesrepublik, aber auch Einzelfirmen bemühen sich um anonyme Ausländer. Es gibt auch namentliche Anwerbun­gen einzelner Gastarbeiter, wenn Firmen hier arbeitende Ausländer für sich im Herkunftsland werben lassen. Aul diesem Weg waren 1967 65 Prozent aller einwandernden Gastarbeiter nach Deutschland gekommen.

Ein dritter Weg der Anwerbung wird durch das Angebot von Abgabeländern möglich. Dabei werden Gastarbeiter wahllos von der Bundesrepublik angenommen. Schließlich ziehen in Deutschland arbeitende Ausländer von sich aus ihre Verwandten und Freunde in nicht vorher fixierte Arbeit nach. Hierbei haben die EWG-Inländer also Italiener, Belgier, Franzosen, Luxemburger und Niederländer eine besondere Stellung inne; denn sie können auf Grund der seit 1957 bestehenden Freizügigkeit jederzeit auf Grund der potentiellen Gleichberechtigung Arbeit in Deutschland auf­nehmen. Auf diese Weise fanden 1966 80 Prozent der neu einreisenden Italiener ihren Weg nach Deutschland. Nach Abschluß der EWG-Verträge können auch Engländer und Nordländer nach Belieben in Deutschland Beschäftigung su­chen.

Das gilt nicht für Ausländer aus Drittländern, also für Tür­ken, Griechen, Jugoslawen, Spanier und Portugiesen. Wenn sie den Weg der freien Einwanderung wählen, muß ihr

Aufenthalt später entweder legalisiert werden, odeT sie ha­ben damit zu rechnen, in die Heimat abgeschoben zu werden. Allein in diesen höchst verschiedenen Methoden des Hier­herkommens stecken Konflikte und Anlässe zu Unsicherheit und Angst bei den Gastarbeitern und zu Überlegenheits­gefühlen der Institutionen, Behörden und einzelnen Inlän­dern. Als Beispiel: Gastarbeiter werden bei den Behörden von Anlang an mitdu" angeredet und in einer Art Pidgin- Deutsch angesprochen. Das tun auch viele Deutsche.

Auf einem der genannten Wege sind die ca. 3 Millionen, die heute in der Bundesrepublik leben, nach Deutschland gekommen, davon 2,2 Millionen Beschäftigte, die unsere Helfer sind. Denn wir haben sie nötig, diese aus mehr als 10 Ländern stammenden Millionen. Sie bilden eine Reserve­armee, die in den 50er Jahren zum Aufbau des zerstörten Mitteleuropas und seiner Eingliederung in die Weltwirt­schaft unbedingt erforderlich war. Denn die Kriegszerstörun­gen sind der reale Anstoß zur Wirtschaftskonjunktur der 60er und 70er Jahre gewesen mit all ihren Folgen. Tatsäch­lich sind die hohen Zuwachsraten an Investitionen und die steigenden Erwerbsquoten nur in jenen Ländern zu finden, die im Krieg das große Verderben erdulden mußten: Japan, Rußland und Mitteleuropa. Länder wie die USA, Spanien und vor allem die Schweiz konnten an dieser schnellen, fast turbulenten Entwicklung nicht teilnehmen. Das Wachs­tum unserer Erwerbsquote aber, d. h. also das steigende Ein­kommen und der Wohlstand des einzelnen, von kritischen Beobachtern alsWohlstandsfetischismus" bezeichnet, be­ruht auf der Möglichkeit, mit Hilfe fremder Arbeitskräfte die wirtschaftliche und industrielle Konjunktur immer weiter auszudehnen. Es sind die Wanderarbeiter, die in ganz Europa die Konjunkturbewegung garantieren, auf deren Entwick­lung unsere Sicherheit und die Befriedigung der ständig wachsenden Wünsche der Bevölkerung beruht. Wir brau­chen sie, wir brauchen sie ganz dringend.

Daß sie uns helfen können, liegt an ihrer Beweglichkeit. Die psychische und physische Flexibilität einer Gruppe von Männern und Frauen, die zu Wanderarbeitern wurden, er­erlaubten uns, den Bürgern der Bundesrepublik, den Wohl­stand und steigenden Konsum. Dabei ist zu erwägen, ob der Wohlstand mit seiner Folge, der Umweltverschmutzung, auf einer Art Vergeudungskonsum beruht. Dies ist jedenfalls ein Argument, das gegen das Anwachsen der Wanderarbeit­nehmer immer wieder vorgebracht wird.

Die Reservearmee der Wanderarbeiter steht nicht nur der Wirtschaft, sie steht uns allen zur Verfügung. Sie ist fried­lich und scheint hilfreich. Sie ist nicht nur für den Einzel­nen eine Hilfe, sie ist auch im Zusammenhang mit ganz anderen Gruppen zu sehen, von denen ich zwei näher vor­stellen möchte. Ich meine die Rentenversicherung, die heute schon 1/5 ihrer Beiträge von Wanderarbeitern erhält. Gast­arbeiter sind eine erhebliche Stützung der laufenden Ren­tenversicherung. Was nun jene Zeit angeht, in der Gast­arbeiter selbst Rentenempfänger werden könnten: Die 2,2 Millionen Gastarbeiter, die in diesem Jahr 5,7 Milliarden Rentenabgaben zahlen, und seit 1957 21 Milliarden gezahlt haben, werden, wenn sie selbst der Nutznießer ihrer Ver­sicherung sein können, vermutlich zum größten Teil nicht mehr in Deutschland leben; sie werden nicht mehr in den Genuß ihrer Rentenzahlung kommen. Diese Prognose ist zwingend, obgleich niemand weiß, welche Vereinbarungen eines Tages durch die Behörden der Gastländer über die Anwartschaft von Gastarbeitern auf Renten ausgehandelt werden können.

Eine andere Gruppe von Nutznießern der Wanderbewegung ist die Industrie, gleichgültig, ob sie Staats- oder privat-

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