25 Jahre
1946 DER AUFBAU 1971
BÜRGER UND STADT
GESELLSCHAFT FÜR STÄDTEBAU
unter Mitarbeit von: Aufbaugemeinschaft Bremen e. V. • Bund Deutscher Architekten im Lande Bremen e. V. „Der Grüne Kreis', Bremen, Vereinigung freischaffender Architekten und Bauingenieure e. V., Bremen, Vereinigung für Städtebau e. V., Bremen
Heft 1 März 1972 26. Jahrgang
Die Krise der Stadt und des Menschen?
Vorwort
Auf den lolgenden Seiten soll versucht werden, mit einer Artikelserie beginnend über die „Krise der Stadt und des Menschen" zu berichten. Mit Recht iragen die Bürger, wo sind die Gründe lür die Gewalttaten, die immer wieder in Ballungsräumen, besonders in den Städten aul der ganzen Welt, zu beobachten sind. Prolessor Dr. Joachim Helmer, Kiel, sagte am 28. 9. 197? im ZDF:
„Kriminalgeographische Untersuchungen, die ich in den letzten Jahren über das Verhältnis zwischen Kriminalitätsumlang und Polizeistärke in den einzelnen Regionen der Bundesrepublik durchgetührt habe, haben ergeben, daß durch eine Verstärkung der Polizei eine Verminderung der Kriminalität nicht erreicht werden kann.
Polizei und Justiz haben lediglich Sperrwirkung, d. h. sie verhindern, daß die Kriminalität in ollene Anarchie umschlägt.
Umlang und Zunahme der Kriminalität haben allein soziale Ursachen, und zwar in kriminalgeographischer Sicht vor allem die Entpersönlichung und Anonymisierung des Menschen durch Massierung in Großstädten, „Schlalsilos" und Mammutbetrieben, die Denaturierung der menschlichen Umwelt, vor allem die Beseitigung der Landschalt als Ausgleichs-, Erholungsund Besinnungsreservat,
das Umherwandern der durch Aulbau, Abbau und Verlegung von Industrien und Wirtschaltsbetrieben entwurzelten Menschenmassen, die Goldgräberatmosphäre in den schnell wachsenden Industrie- und Wirtschaltszentren.
Um eine weitere Kriminalitätszunahme in Richtung aul amerikanische Verhältnisse zu verhindern, sehe ich neben den unbedingt erlorderlichen Maßnahmen zur Dämpiung von Profitgier und Gewaltanwendung nur die Möglichkeit, daß sich Vertreter von Wirtschaft, Verwaltung, Bildung, Justiz und Polizei aut regionaler Ebene zusammensetzen und an Hand von Material über die örtliche Kriminalität gezielte Maßnahmen kommunalpolitischer, städtebaulicher und landschaltssozlologischer Art entwerten und durchführen."
Der Gründer von Tapiola/FinnJand fragte schon 1946 mit seinem Buch: „Ein Heim oder eine Kaserne lür unsere Kinder?" Die Laudatio lür Heikki von Hertzen, Präsident und Planungsdirektor Tapiola, von Stadtbaurat Prolessor Dr.-Ing. E. h. Hillebrecht, Hannover, und der Vortrag von Heikki von Hertzen anläßlich der Verleihung des Fritz-Schumacher-Preises 1970 durch die Stiftung erlauben einen vieltältigen Einblick, vielleicht auch manche Antwort aul das große Fragenspiel zu diesem Problem.
Die im Laufe des Jahres in diesem Heft folgenden Artikel sollen weitere Hinweise und Anregungen geben, was alles zu bedenken ist, um einen humanen Städtebau zu verwirklichen. Auch die Förderung mitmenschlicher Bindungen und Beziehungen kann Urbanität wieder in den Lebensräumen ausstrahlen. Für weitere Hinweise und Stellungnahmen ist der Herausgeber dankbar. G. Iversen