Die autogerechte Stadt ist Utopie
Ergebnisse des 3. Symposiums der CEMT
Aus Bus und Bahn Nr. 25/1969
Einhelligen Widerspruch begegnete Prof. Dr. Klaassen, Rotterdam, als er sich in seinem Bericht über die „Rolle des Verkehrs bei der baulichen Planung städtischer Gebiete" auf dem 3. Symposium der Europäischen Konferenz der Verkehrsminister (CEMT) über Theorie und Praxis in der Verkehrswirtschaft vom 23. bis 26. September in Rom für eine so starke Auflockerung der Stadtzentren und Dezentralisation ihrer Aufgaben auf Sekundärzentren aussprach, daß praktisch die Verkehrsbedürfnisse durch private Kraftwagen befriedigt werden könnten und es kaum noch eine Notwendigkeit für ein öffentliches Verkehrsnetz gebe.
In einer sehr ausführlichen Diskussion wurde Prof. Dr. Klaassen vorgeworfen, daß seine Vorstellung sich bereits an, zahlreichen Beispielen der Welt als Utopie erwiesen hat. Zwar muß eine Überlastung der Stadtkerne rechtzeitig verhütet werden, aber die dazu notwendigen Maßnahmen dürfen nicht zur Auflösung führen und den Grad der Verdichtung verhindern, der nun einmal für ein breitgefächertes Angebot an Verbrauchsgütern und Dienstleistungen in wirtschaftlich tragbarer Weise notwendig ist. Eine solche Verdichtung kann aber nicht erreicht werden, wenn dem individuellen Verkehr eine uneingeschränkte Fahrmöglichkeit in den Innenstädten eingeräumt wird, die so viel Straßenfläche erfordert, daß kaum noch Baumasse für die eigentlichen Stadtkernfunktionen übrigbleibt. Die notwendige und noch tragbare Verdichtung kann nur gewährleistet werden, wenn durch raumsparende öffentliche Verkehrsmittel der überwiegende Teil des Berufsverkehrs und große Teile des Einr- kaufsverkehrs durchgeführt werden. Es kommt daher darauf an, die öffentlichen Verkehrsmittel so leistungsfähig und so attraktiv auszugestalten, daß die Autofahrer, die ihr Auto im Stadtkern nicht unbedingt gebrauchen, freiwillig auf diese umsteigen, bevor sie sich entweder untereinander festfahren oder aber auf Stadtzentren der bisherigen Prägung zugunsten von Shopping Centers auf der grünen Wiese verzichten. Angesichts dieser von den Symposiumsteilnehmern ganz überwiegend für erforderlich gehaltenen zukünftigen Funktion des öffentlichen Personennahverkehrs stieß auch Prof. Anselm, Gent, der in einem weiteren Bericht zu diesem Thema den öffentlichen Verkehrsmitteln nur eine zweitrangige Rolle zugestehen wollte, nämlich wenn der individuelle Verkehr
nicht mehr in erträglicher Weise abgewickelt werden könnte, auf erheblichen Widerstand. Die Diskussionssprecher traten dafür ein, beiden Verkehrsarten die ihnen adäquaten Aufgaben im Stadtverkehr zuzuweisen und nicht außer acht zu lassen, daß in den großen Weltstädten das auf das Stadtzentrum ausgerichtete Verkehrsbedürfnis ganz überwiegend von öffentlichen Verkehrsmitteln befriedigt wird und keine Anzeichen dafür vorhanden sind, daß sich hieran in Zukunft etwas ändern wird. Die Funktionsfähigkeit der Stadtzentren und damit ihr hoher Anteil am Sozialprodukt lassen sich nur sicherstellen, wenn allen ein möglichst unbehinderter Zugang zu ihnen gewährleistet wind, was nur mit Hilfe der öffentlichen Verkehrsmittel möglich ist.
VÖV-Verbandsdiiektor Dr. Labs, Köln, warf Prof. Dr. Klaassen vor, er orientiere sich zu sehr an amerikanischen Vorstellungen der 40er und 50er Jahre. Inzwischen habe sich dort aber, wie Regierungserklärungen, Maßnahmen des Bundesgesetzgebers und vor allem die Praxis von Montreal über Chicago, New York und Washington bis nach San Francisco und sogar bis nach Los Angeles, der Stadt, die einst die utopische Vorstellung einer autogerechten Gestaltung verfolgt habe, zeigten, ein grundsätzlicher Wandel zugunsten des öffentlichen Personennahverkehrs vollzogen. Wenn Prof. Dr. Klaassen hierauf erwiderte, daß sich gegen diese Entwicklung in Amerika aber auch Opposition zeige und daß er es während seines einjährigen Aufenthalts in Los Angeles nicht als einen Mangel empfunden habe, daß diese Stadt kein eigentliches Stadtzentrum mit hoher Verdichtung besitze, so sprechen diese Repliken für sich. Die allgemeine Meinung der Anwesenden war jedenfalls: Die autogerechte Stadt ist eine Utopie. Ein sehr erheblicher Teil des öffentlichen Verkehrs muß vielmehr von leistungsfähig und modern gestalteten öffentlichen Verkehrsmitteln befriedigt werden, wenn die Wirtschaftskraft der Städte erhalten und noch gesteigert werden soll.
Vielen Teilnehmern stellte sich die Frage, warum die CEMT solche Berichte aufstellen läßt und zur Diskussion stellt. In der Praxis zeigen ihre Mitglieder doch allenthalben, daß sie den öffentlichen Personenverkehr nicht abschaffen wollen, sondern erhöhte Leistungen im Interesse des weiteren Wachstums unserer Wirtschaft von ihm erwarten.
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