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Der Aufbau : Bürger und Stadt
Entstehung
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Voreingenommen zugunsten der Städte

Von Victor Gruen

Victor Gruen, amerikanischer Planer zahlreicher moderner Shopping Centers und heute in vielen Städten mit der Sanierungs- und Erneuerungsplanung der Kerngebiete be- aultragt, brach in der amerikanischen ZeitschriltEngineering News Record" vom 30. November eine Lanze iür die Städte und ihre Cities:

Lassen Sie mich ein Bekenntnis ablegen ... Ich bin vorein­genommen zugunsten der Städte. Ich glaube, daß sie die Wiegen der Zivilisation, des menschlichen Fortschritts, der Kultur und der Künste gewesen sind und daß sie dies auch in der voraussehbaren Zukunft bleiben werden. Die Städte und ihre Zentren sind notwendig, um die grundlegenden biologischen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, Bedürf­nisse, die sich innerhalb der letzten 50 000 Jahre kaum geändert haben; es sind dies der Geselligkeitstrieb, die Fähigkeit, in der größeren Gemeinschaft zu leben und die eigenen Erfahrungen mit anderen auszutauschen."

Wir haben (in den Vereinigten Staaten Anm. d. Ubers.) weitgehend bedeutungsvolle, dynamische, erregende und er­freuliche zentrale Kristallisationspunkte innerhalb unserer ausufernden Großstädte verloren. Und trotzdem wurden nie­mals zuvor so viele GebäudegruppierungenZentren" ge­nannt. Wir haben Einkaufszentren, Verwaltungszentren und Kulturzentren. Wir haben Zentren für die ausübenden Kün­ste, Vergnügungszentren, Bildungszentren, Arztzentren, Fi­nanzzentren und Industriezentren nicht wirkliche städti­sche Zentren, sondern Pseudo-Zentren."

Was auf uns zukommt, ist eine hoch spezialisierte Gruppie­rung von Strukturen, und wir sind nun in der Gefahr, eine Gesellschaft zu schaffen, die nur aus Spezialisten besteht, von denen sich jeder mit einer ständig enger werdenden Interessensphäre befaßt und innerhalb deren er sich immer stärker abkapselt. Geschützt durch selbstangelegte Scheu­klappen wissen diese Spezialisten nicht, was andere Spezia­listen tun, noch wollen sie dies wissen. Sie verlieren die Fähigkeit und den Willen, miteinander zu kommunizieren und machen dadurch jede integrierte und konzertierte Aktion unmöglich."

.Zentren von der Nachbarschaft über die Stadt, über die Großstadt bis zur Metropole sollten ein Mosaik aller Urba­nen Funktionen bilden; Stark verdichtete Wohngebiete, Parks, Kirchen, Schulen, Verwaltungseinrichtungen und alle Arten von Arbeitsplätzen. Jedes dieser Zentren sollte Läden

und Theater, Kinos und Restaurants, Vergnügungsstätten und Erholungsmöglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen enthalten."

Wenn man untersucht, warum dies nicht geschieht, wird man erkennen, daß das grundlegende Problem darin besteht, daß wir nicht gelernt haben, ein Grundmodell der Koexistenz mit dem technologischen Apparat aufzubauen, den wir uns selbst geschaffen haben. Im Bereich der Umweltplanung ist es ein Instrument unserer Technologie, das uns davon ab­hält, eine folgerichtige metropolitane Struktur hervorzubrin­gen, und das die Bildung vollständiger urbaner Zentren von jeder Größe und Kategorie verhindert: es ist das Automobil."

Jedes lebendige städtische Zentrum muß vom Oberflächen­verkehr befreit und als Fußgängerbereich eingerichtet wer­den. Wenn das Zentrum sehr groß ist, müssen es verschie­dene Fußgängerbereiche werden. Nur dann wird es möglich sein, der oben angedeuteten Spezialisierung der Zentren entgegenzuwirken, die ein unmittelbares Ergebnis der Pro­bleme ist, die durch den Individualverkehr geschaffen wur­den. Nur dann wird es möglich sein, Bürogebäude und Läden, Kirchen und Theater, Konzerthallen und Wohnungen, Hotels und Erholungsstätten in eine erfaßbare und bedeutungsvolle Beziehung zueinander zu setzen. Nur dann können diese Zentren bedeutsame Kristallisationspunkte des Urbanen und bürgerlichen Lebens werden."

Soweit zitieren wir Victor Gruen zu einer städtebaulichen Entwicklung, die glücklicherweise in unserem Lande noch nicht im gleichen Ausmaß stattgefunden hat wie in den Ver­einigten Staaten von Amerika.

Wir sind aber aul dem besten Wege dahin, wenn wir nach wie vor davon ausgehen, daß dem Drang des Individuums nach einer vermeintlichen, durch Besitz und Benutzung eines Autos erreichbaren Freiheit bis zum städtemordenden Exzess nachgegeben wird.

Selbstverständlich können wir die Anschaffung eines Autos durch jeden, der es sich finanziell leisten zu können glaubt, nicht verhindern. Wir werden aber um der Erhaltung unserer Städte und ihrer lebendigen Zentren willen dalür sorgen müssen, daß der Bürger mit zunehmender Dichte der städti­schen Bereiche in steigerndem Maße auf die Benutzung sei­nes individuellen iahrbaren Untersatzes verzichten lernt.

(Aus ingesta-report 2/68)

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