Stadtplanung dem Bürger nahegebracht
Ausstellung: Sanierung und Erneuerung der Hattinger Innenstadt / Aus ingesta report 6/69
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Von Gisela Eickelberg
Um zu erfahren, was mit ihrer Stadt geschehen soll, versammelten sich am 6. September zahlreiche Bürger auf dem Rathausplatz. Eröffnet wurde die Ausstellung „Sanierung und Erneuerung der Hattinger Innenstadt". Daß bei aller Liebe zu alten Fachwerkgiebeln und idyllischen Winkeln etwas unternommen werden muß, um den weiteren „Betriebsablauf" der Hattinger Innenstadt zu gewährleisten, verkennt inzwischen niemand mehr. Bei jedem Einkaufsgang wird dem Bürger allzusehr deutlich, daß einer den anderen, d. h. der Autoverkehr den Passanten, empfindlich stört. Bisher gebührt der Primat dem öffentlichen Nahverkehr und dem individuellen Kraftfahrzeugverkehr, der Fußgänger rangiert hintenan. Wer den Engpaß in der sog. Hattinger Gelinde — Teil des Geschäftszentrums — kennt, weiß zudem, daß der Fußgänger hier sehr viel Geschicklichkeit beweisen muß, um ohne Schaden auf die gegenüberliegende Straßenseite zu gelangen, und nur dem verstärkten Geläute der Straßenbahn war es bisher zu verdanken, daß ernstere Zusammenstöße ausblieben.
Der Bürger vertraute seiner Verwaltung, daß sie sich zur Behebung der städtebaulichen und verkehrlichen Unzulänglichkeiten etwas einfallen ließe, um — unter Bewahrung des alten Hattingen — den Anschluß an ein neues Hattingen zu finden. Der Wunsch der Bürger wurde erfüllt: Die Stadt gewann drei Planungsinstitute, die sich der Um- und Neugestaltung der Hattinger Innenstadt annahmen. Die städtebauliche Planung oblag dem Architektenteam Dipl.-Ing. BDA Einsele/ Küpper, Stuttgart/Gladbeck, die Verkehrsplanung der Rhein- Ruhr-Ingenieurgesellschaft, Dortmund, die Gewerbeplanung dem ingesta, Institut Gewerbebetriebe im Städtebau, Köln.
Die Ergebnisse der gutachtlichen Tätigkeiten konnten nunmehr der Öffentlichkeit vorgelegt werden. Dies geschah mit einer Freilichtschau, für die Doris Casse und Harald Schlüter, Essen, verantwortlich zeichneten. In ansprechender und einprägsamer Weise wurde aufgezeigt, wie die gegebene städtebauliche Struktur den Erfordernissen der Neuzeit angepaßt werden kann:
Trennung des Fußgängerverkehrs vom Fahrzeugverkehr, Schaffung ausreichender Parkflächen, Aktivierung des Geschäftslebens durch Modernisierung vorhandener und Ansatz weiterer Einzelhandels- und Dienstleistungsbetriebe usw.
Die Freilichtschau, die nur grobe Anhaltspunkte geben konnte, machte dennoch neugierig. Fast jeder zweite Bürger nahm die Gelegenheit wahr, in einem weiteren Teil der Ausstellung, die im Rathaussaal etabliert war, die den Skizzen zugrunde liegenden Detailpläne zu studieren. Nach dem Augenschein, der zeigte, daß viele engagierte Fragen gestellt wurden, darf durchaus angenommen werden, daß es nicht nur die im Rathaussaal gereichte Erfrischung war, die die Bürger veranlaßte, sich so zahlreich und ausdauernd mit den Problemen der Um- und Neugestaltung ihrer Stadt zu befassen.
Die Freilichtschau verdieftt ob ihrer originellen Gestaltung besonderes Lob und weitere Emplehlung. Sie läßt sich — entsprechend der jeweiligen Belange einer Klein-, Mittel- oder Großstadt — beliebig variieren und hat den Vorteil, aulgrund ihrer einlachen Aussage bei der Bürgerschalt gut anzukommen; das Beispiel Hattingen bewies es.
Letztlich gilt, daß der Bürger nicht erst im ohnehin iür ihn arg komplizierten Vorgang der Offenlegung des Bebauungsplanes zu einem Besuch ins Rathaus „eingeladen" werden muß, sondern gleich zu Beginn der Sanierungsplanung angesprochen werden sollte. Viele Vorurteile, die der Bürger der Stadtplanung gegenüber hegt, könnten so abgebaut werden.
Zur Sanierungsplanung
Die Innenstadt von Hattingen hat sich ein Jahrhundert lang ohne wesentliche stadtplanerische Steuerung entwickelt: Der
mittelalterliche Keim erweiterte sich zunächst nach Westen in Richtung Bahhnof, später nach Norden (siehe Abb. 5). Neue Geschäfte, sowie Verwaltungen, Schulen und Kirchen fanden in den Neubaugebieten Platz. Dort war mehr Luft und auch mehr Verkehrsraum als im engen mittelalterlichen Stadtkern. So verlor dieser allmählich seine Bedeutung. Seine engen Straßen und alten Häuser wurden für die darin Wohnenden und Arbeitenden zum Ärgernis. Nur Besucher von auswärts bewundern das romantische Bild.
Man beschloß daher, den alten Kern zu „.sanieren". Um dem wachsenden Verkehr wieder Platz zu schaffen, wurden alte Häuser aufgekauft und abgerissen, überall entstanden Baulücken und Aschenplätze, auf denen jetzt Autos parken. Einige Gegenden der Altstadt sind dadurch so häßlich geworden, daß immer mehr Leute wegziehen. Fremdarbeiter und Obdachlose treten an ihre Stelle, und auch die alten Menschen bleiben.
Inzwischen hat die Gemeinde erkannt, daß die Altstadt nur im Zusammenhang mit dem ganzen Stadtkern erhalten und gestaltet werden kann. Viele Probleme der Altstadt müssen außerhalb ihrer Mauern gelöst werden.
Eines der zu lösenden Hauptprobleme ist die Bewältigung des Verkehrs. Wenn die alten Gassen und Plätze, die „guten Stuben" von Hattingen als Wohn- und Geschäftsbereich erhalten bleiben sollen, muß man allen Autoverkehr herausnehmen, der nicht unbedingt dorthin gehört. Zur einwandfreien Führung des fließenden Verkehrs sind 4 Innenstadttangenten und 2 Zwischentangenten vorgesehen. Zur Bewältigung des Warenverkehrs sollen da rückwärtige Anlieferstraßen realisiert werden, wo die heutigen mit fließendem Verkehr belasteten Geschäftsstraßen künftig dem Fußgänger vorbehalten sein werden. Für motorisierte Kunden werden Parkplätze und Parkhäuser in enger räumlicher Beziehung zu den Hauptgeschäftslagen geschaffen.
Die historischen Geschäftsstraßen sollen in Fußgängerbereiche umgewandelt werden. Die Straßenbahn soll jedoch weir terhin durch die Hauptstraße verkehren.
Der Stadtkern muß viele zentrale Einrichtungen beherbergen: Einzelhandels-, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe sowie freie Berufe, öffentliche Verwaltungen, Einrichtungen zur Bildung und Entspannung, aber auch Wohnungen, damit der Kernbereich auch außerhalb der Geschäftszeiten belebt bleibt. Die Funktionen der Stadtmitte können sich z. T. vermischen und überlagern, dennoch hat jede Funktion ihren eigenen Schwerpunkt: Der sich im wesentlichen T-förmig ausdehnende Hauptgeschäftsbereich bildet die wirtschaftliche Mitte. Der Wohnbereich um den alten Kirchplatz ist die historische Stadtmitte, eine Wohngegend für Liebhaber und die Attraktion der Besucher. Die Bereiche für Verwaltung, Schulen und Sport, der grüne Ring entlang des alten Grabens verbinden diese Zonen mit dem übrigen Stadtgefüge.
Die alte Stadt bleibt nur lebendig, wenn viele an ihr interessiert sind: Grundeigentümer, Bewohner, Geschäftsleute, Besucher — aJ(e und junge —. Eine Sanierung, die diese Beziehungen unterbricht, schallt wohl neue Bauten, nicht aber neues Leben. Darum soll Hattingen nicht „en bloc" nach der Kahlschlagmethode, sondern in kleinen Abschnitten erneuert werden. Auch die Finanzierungsprobleme zwingen dazu.
Die Sanierungsplanung soll nicht ein dirigistischer Eingrill sein, sie soll vielmehr die Privatinitiative anregen. Die Gemeinde selbst schallt die dazu notwendigen Voraussetzungen im Bereich ihrer besonderen Zuständigkeiten: Bis 1970 soll die Fußgängerstraße ausgebaut werden, bis 1972 sollen die Verkehrstangenten tertig sein, der „grüne Ring" ist im Entstehen, ölientliche Parkplätze sind bereits angelegt.
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