29. An feine Tante Frau Marie Grunnemann.
Gonda, 6. November 1882.
.... Das Unglück, das am 16. August mir viel, schrecklich viel geraubt hat, ist Dir auch bekanut, und ich deuke, Du wirst wol gerade betreffs des Verlustes meiner großen 51 Aquarelle und sämmtlichen Skizzenbücher eine mitfühlende Seele sein. Du weißt, wie dem Zeichnenden und Malenden jede, noch so unbedeutende Skizze nach der Natur ans Herz gewachsen ist, einmal als Grundlage für spätere, ausgeführte Darstellungen, die nur nach der Phantasie oder nach der Erinnerung entworfen kaum je den Stempel der Wahrheit tragen, und dann als liebstes und lebendigstes Andenken an die Lande und Landschaften, die man durchstreift und durchschaut. Und nun diese! Wo hatte ich sie hergeholt, in welcher Umgebung, unter welchen Umständen entworfen! In das Urwaldsdickicht bin ich gekrochen, im Boot auf dem Wasser stiller Ströme habe ich gesessen, die noch nie ein Weißer in ihrem versteckten Laufe verfolgt, habe die endlose Savanne, den heißen dürren Puri, die blauen waldbedeckten Berge, den glänzenden Spiegel des Tanganjika, habe die charakteristischen Bäume Jnnerafrikas, Fächer- und Fiederpalmen, Riesen- euphorbien und Kigelien, habe Auf- und Untergang der Tropensonne und des hier doppelt glänzenden Mondes zu schildern gesucht, habe die Flußpferde im Wasfer und Schlamm, die Giraffen auf der Steppe, die Antilopen im Walde, die Löwen auf der Jagd und die Büffel an der Tränke ihr Wesen treiben lassen— habe, dabei stets die geladene Büchse neben mir, manchmal die glühende Sonne auf dem Kopfe, oder unter dem dürftigen Schatten eines abgehackten Palmblattes, oder auch die Beine im Wasser hängend, dagesessen, habe den Hof unserer Statiou in Kakoma beim abendlichen Niederholen der Flagge, die Flucht über den in der Morgensonne