Mahnmal Aegidienkirche
in Hannover zur Erinnerung an Krieg und Katastrophe
Foto: Wilhelm Hauschild
Nachstehend folgen einige Auszüge aus der seinerzeitigen Denkschrift für die Herrichtung der Kirchenruine zu einem Erinnerungs- und Mahnmal an Krieg und Katastrophe.
„Wir haben zu dem Geschehen der nahen Vergangenheit sicher noch nicht den genügenden Abstand, um dem inneren Anliegen, um das es sich bei dieser Aufgabe handelt, durch ein Monument neuer Gestaltung schon Ausdruck geben zu können, durch ein Monument von überragendem Rang und überzeugender Gestaltungskraft, das über jeden Meinungsstreit erhaben wäre. Uber eine solche Erinnerungsstätte sollte kein niederer Meinungsstreit ausbrechen dürfen. Nach Inhalt und Form muß sie für uns alle Gültigkeit haben. Dies ist bei der Aegidienkirche der Fall. So entschlossen sich der Rat der Hauptstadt Hannover und die Kirchengemeinde St. Aegidien zu der Vereinbarung, „die Ruine der St. Aegidienkirche als Baudenkmal zu erhalten und sie zur mahnenden Erinnerung an Kriegsnot und Kriegsgefahr würdig zu pflegen und als Gedächtnisstätte für die Opfer der beiden Weltkriege zu nutzen." Der Krieg hat nicht an den Fronten haltgemacht, er hat die Heimat ergriffen, Frauen, Kinder und Greise getötet, Wohnstätten vernichtet, jahrhundertealte Kult- und Kulturstätten, das Erbe unserer Vergangenheit, zerstört — eine Wiederholung müßte das Ende bedeuten. Die Wirkung dieser Stätte der Erinnerung und der Mahnung wird um so eindringlicher sein, je mehr ihre Umgebung wieder aufgebaut ist. Eines Tages wird sie die einzige Ruine inmitten der aufgebauten Stadt sein. In dieser
Gegensätzlichkeit wird dann das Zeugnis über das Schicksal, das unsere Generation betroffen hat, um so lebendiger wirksam sein."
Das, was an Ausgestaltung vorzunehmen ist, sollte nur dem Zweck dienen, den Charakter der Ruine im Sinne des Mahnmals zu verstärken. Der kirchliche Charakter des Bauwerks sollte dabei erhalten werden, und das christliche Symbol des Kreuzes sollte als tröstendes Zeichen des Sieges über Sühne und Tod und als Verheißung Gottes an die Menschheit in Erscheinung treten. Ein Kreuz soll im Chor in Stein errichtet werden.
Sodann gehört zur Hebung des Raumeindrucks ein Fußboden aus Steinplatten.
In einem geringen Abstand vor dem Chor soll in den Steinfußboden eine große Platte bündig eingelassen werden, die in der klassischen Schrift der Antiqua nur zwei Worte trägt: „UNSEREN TOTEN".
Aus besonderen Anlässen mag man dann Blumen oder Kränze an und auf dieser Platte niederlegen und das mag auch der tun, der an bestimmten Tagen eines Angehörigen besonders gedenken möchte. Der Raum sollte sonst keinen weiteren Pflanzenschmuck aufweisen, der hier nur zu einer „Verharmlosung" und „Verniedlichung" des Monumentalen, da« der Ruine innewohnt, führen müßte. Dagegen sollen entlang der Wände einige gut geformte Steinbänke zum Verweilen aufgestellt werden.
Für die Aufstellung einer Plastik oder auch eines Reliefs im Sinne eines „Epitaphs" bietet sich die Turmwand gegenüber dem Chor an, deren Form besonders schön und einprägsam ist, und deren Material durch den Brand eine Struktur und Patina von eigenartigem, hohen Reiz erhalten hat.
Weitere Gesichtspunkte haben zu dem Vorschlag geführt, die Turmbekrönung durch einen Glockenturm mit Glockenspiel neu zu gestalten. Dabei war der Gedanke maßgebend, die Stätte der Erinnerung nicht allein über das Auge im Stadtbild wirksam werden zu lassen, sondern auch über das Ohr. Dem Vorschlag für ein Glockenspiel, das ja erst im Zusammenklang vieler Glocken wirksam wird, liegt weiter der Gedanke zugrunde, daß erst das vereinigte Wirken und Leiden zum Gemeinsamen allen Erlebens führt. Es schließt die Überbetonung und Überbewertung des einzelnen aus, und das Besinnen auf das Gemeinsame in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollte doch auch der Sinn dieser Gedenkstätte sein. Das Gemeinsame wird andererseits unmöglich, wenn der einzelne sich ausschließt, oder einen Mißklang hineinbringt. In dem Vorschlag, die Gedenkstätte mit einem Glockenspiel auszustatten, liegt deshalb auch die Erwartung und Aufforderung zur gemeinsamen Beteiligung aller derer, die an dem Zustandekommen des Werkes interessiert und doch bescheiden genug sind, sich ohne Hervortun mit dem Beitrag einer Glocke zu begnügen, die erst im Zusammenspiel mit anderen ihren eigentlichen Wert erhält. Ein solches gemeinsames Werk des Gedenkens dürfte ebenso den christlichen und soldatischen Traditionen wie unseren sozialen Auffassungen entsprechen.
Das Glockenspiel hat zunächst 18 Glocken erhalten und kann auf 35 Glocken erweitert werden, wenn es die Geldmittel erlauben.
Zur Zeit ertönen über der Stadt 4 verschiedene Weisen zu
vier verschiedenen Zeiten. Um
8.05 Uhr ertönt „Herzlich tut mich verlangen . . ." 12.05 Uhr ertönt „Mitten wir im Leben sind . . ." 18.05 Uhr ertönt „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod" 21.05 Uhr ertönt „Nun ruhen alle Wälder"
Der Kostenaufwand wird rd. 300 000 DM ohne Glockenspiel gewesen sein. Ein Kuratorium stadtbekannter Persönlichkeiten sorgte für die Spendenwilligkeit, und an der künstlerischen Ausgestaltung beteiligten sich durch Mitarbeit und Vorschläge namhafte Künstler und sonst Berufene unter den Einheimischen.