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sich um ein Kind streiten, welches jede für das ihre hält, abgebildet war. In einer Zeit, wo die Buchdruckerkunst noch in den ersten Anfängen ihres Werdens lag und nur sehr wenig Leute lesen konnten, mußte eine solche Abkündigung, wie die obige, sehr nützlich erscheinen; später erwies sie sich als unnöthig, auch kamen immer weniger Bürger auf den Markt, um zuzuhörcn, statt dessen aber um so mehr Gesindel, welches sich über den Auftritt lustig machte. So hat jede Einrichtung für ihre Zeit ihr Gutes, während sie später zur Thorheit werden kann. Dies begriff man auch in Hinsicht der kundigen Rolle, deßhalb schaffte der Senat im vorigen Jahrhundert jene Abkündigung ab.
27. Cardinal Raimund.
Ehrfurchtsvoll, mit entblößtem Haupte, die Brust erfüllt von heiliger Begeisterung, nahen wir uns jetzt den Hallen des sechzehnten Jahrhunderts. Der große Gedanke, welcher länger, als ein Jahrhundert, hier im Stillen sich entwickelte, dort mit unerschrockener Kühnheit, wiewohl vergeblich, an das Licht zu dringen suchte, der Gedanke, daß die Menschheit berufen sei, im freien Aufschwünge des Geistes zu immer höherer Stufe des Wissens und der Erkcnntniß zu schreiten, er bricht aus einmal mit Sonnenkraft und Sonnenklarheit hervor. Die eherne Kette, welche Roms Priester mittelst Scheiterhaufen und Schwert um alle gläubigen Christenscelen zu schlingen bemüht waren, zerreißt. Glaubens- und Gcwisseilsfreiheit ist das Losungswort der Zeitl Die Unfehlbarkeit des römischen Papstes, von einzelnen Aufgeklärten längst mißachtet und verhöhnt, durch unwiderlegbare Thaksachen als Thorheit erwiesen, sinkt mit der freien Forschung Aller in den Schriften des alten und neuen Bundes ohne Rettung in den Staub. Bann und Jntcrdict, diese furchtbaren Waffen des Zornes, der Rache und der Tyrannei in den Händen des sogenannten Stellvertreters Gottes und Jesu Christi auf Erden,