Ausgabe 
(30.7.1937) Nr. 206
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parteiamtliche Lageszeitung

Nachrichtenblatt der Deutschen flrdeitsswnt Vremen

der Nationalsozialisten Bremens

flmtsdlatt des Senats der jreien Hansestadt oremen

Itr. 206 / Jahrgang

Das amtliche Verkündungsblatt des Neichsstattlialters in Oldenburg und Vremen

?lnzcigen-Grundpreise: Die 22-mw-Zeile im Anzeigenteil 12 2A2, die 70-mm-Zeils im Textteil 75 Ermäßigte Grundpreise (für kleine Fomilien-Anzeigen u. a.) sowie sonstige Bedingungen Preis­liste k lNachlaßstassel 0). Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeschlutz 16 Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich 12 -13 Uhr; Schristleitung Dienstag und Freitag 12X -iSsk Uhr.

sreitag, Z0. Juli lg;?

kirmlpreis 15 Npf.

Nur schießt in London quer

Unser logessplegel

An Tientsin sind schwere chinesisch-japanische Kämpfe im Gange.

Kairo stand im Zeichen der Thronbesteigung Faruk I.

Sowjetrugland hat als einziger Staat den englischen Nichteinmischungsoorschlag abge­lehnt.

In . Frankreich müssen die Erntearüeite» unter den Schutz von Mobilgarde gestellt werden.

Der Führer weilte aus dem Sleichsparteitag- geliinde.

Der Tabakwarnabsatz hat sich im Juni weiter gehoben.

In Hannover wird beim Eemüseverkanf das System sogenannter Duldungspreise erprobt. Der Norddeutsche Lloyd hat im Ostasiendienst eine Aenderung in der Reihe der Anlauf- häfen vorgenommen.

An dem Unfall des „Ran 3" trifft die Schisfsleitnng kein Verschulden.

Gestern abend kehrten die HJ.-Ostlandfahrer zurück.

Einen weiteren Sieg errangen Deutschlands Flieger aus dem Intern. Flugmeeting in Zürich.

WW

See siikrer m Nürnberg

Nürnberg, 30. IM.

Der Führer besuchte am Donnerstag von Bay- reuth kommend, Nürnberg, um sich von den Fort­schritten der Arbeit auf dem Reichsparteitags­gelände zu überzeugen und sich über den Stand der Vorbereitungen für den Reichsparteitag 1937 zu unterrichten.

pflichten des Veamten

(Dradtdsrielit unserer Lsrlluer Losirlktlsitung) rä. Berlin, 39. Juli

Das Preußische Oberverw-altungsgericht hat ein Urteil gefällt, das von allgemeiner Bedeutung ist. Im Dienststrafverfahren hatte sich ein Beamter zu verantworten, von dem festgestellt wurde, vag er seit Jahren keine Zeitung ge­halten hat und von der Einführung der allge­meinen Wehrpflicht nur vom Hören und Sagen wußte. Er hatte auch noch nichts von der Stel­lungnahme des nationalsozialistischen Staates zur Iudenfrage gehört. In dem Urteil besagte sich das Gericht grundsätzlich mit den Pflichten des Beamten gegenüber dem nationalM'ialisiischen Staat und'kam zu dem Schluß, daß ein Beamter sich dieiiststrasrechtlich verantwortlich mache wenn er es vorsätzlich unterlasse, sich mit den Grund­sätzen »es nationalsozialistischen Staates und der NSDAP. bekannt zu machen. Es ser eine Erundpflicht des Beamten, M nach Maßgabe seiner Fähigkeiten mit den Wejens- arundsätzen der Staatssühruna und dem weltan- sckaulichen Eeistesgut der NSDAP. bekannt zu machen Das Urteil betont ganz besonders, dag der Staat das Recht haben muß, einen Beamten - ohne Dienststrafverfahren aus seinem Amt zu entfernen, wenn dieser sich zu Anschauungen bekennt, die sein rückhaltloses Eintreten sur den nationalsozialistischen Staat in Frage stellen.

Neichsaurobalin als Muster

London, 30. Juli.

In der Grafschaft Lancashire werden in Kürze die Arbeiten für den Bau der ersten modernen Autostraße in England ausgenommen. Es bandelt sich um eine Strecke von etwa 8o Kilo- meter deren Bau rund 62 Millionen Reichsmark kosten' soll. Die „News Ehromcle" hebt in groger lleberschrift hervor, daß diese Autostraße genau nach dem Muster der deutschen Auto­bahnen gebaut werden soll.

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Der Generalinspektor des deutschen Straßen- wesens Dr. Todt hat die englische Automobil- Association und den Königlichen Automobilklub eingeladen, im September ein« Abordnung zum Studium der Reichsautobwhnen nach Deutschland zu entsenden. Der Besuch ist auf die Zeit vom 24. September bis 3. Oktober festgelegt worden. Er wird auf englischer Seit« von den beiden üenannten Organisationen und d<r Vrrtlsh Road Federation vorbereitet, die dafür einen Ton- derausschuß eingesetzt haben. Die englische Abordnung wird aus 220 Personen bestehen. Sie setzt sich zusammen aus etwa 100 Eiaf chaftsräte. etwa 60 Mitgliedern des Parla­ments sowie aus Vertretern der FachvbEm^: In Deutschland werden folgende Stadt« besucht. Hannover. Berlin. Leipzig. Nürnberg, München, Heidelberg, Frankfurt a. M. und Koln. Die eng­lische Abordnung wird die Autobahn--" mit Autobussen befahren.

klf rote kuriere verkostet

Warschau, 30. Juli.

Der Warschauer Polizei gelang es das Ab­steigequartier für die kommunistischen Kunere

ausfindig zu machen, die aus der Sowjetunion und anderen Ländern nach Polen kommen. Als die Polizei dort überraschend eindrang, traf sie elf Kuriere an, die zum grogen Teüzw-schen Warschau und den größeren Promnzstadten den Kurierdienst versehen. Es handelt sich b , den Verhafteten ausschließlich um Juden.

Antworten auf Englands Plan überreicht

Deutschlands Mitarbeit

London, 30. Juli.

Im Lause des Donnerstagnachmittags gingen im Sekretariat des Nichteinmischungsausschusses die Antworten aus das letzte Ersuchen des Aus- schusses, zum englischen Vermittlungsplan Stellung zu nehmen, ein. Sämtliche Antworten aus das englische Ersuche», bis auf die sowjetrussisch«, stimmen in allen wesentlichen Punkten dem eng­lischen Vermittlungsoorschlag zu. Die sowjet- russifche Antwort lehnt entgegen der ursprüng­lichen Annahme des englischen Planes durch Sowjetrugland diesen in einem wesentlichen Punkte ab, indem sie die Gewährung der Rechte Kriegführender an General Franco grundsätzlich verweigert.

Die Sowjetregierung behauptet, daß die bol­schewistischen Machthaber in Valencia von allen Teilnehmern am Nichteinmischungsabkommen als die einzige gesetzmäßige „Regierung" von Spa­nien anerkannt worden seien, und daß daher Ge­neral Franco nur als „Rebell und Verbrecher" angesehen werden könne.(!) Eine Aenderung die­ser Haltung gegenüber Franco und insbesondere die Gewährung Rechte Kriegführender ändere daher die gesamte Grundlage ab, auf der die Nichteinmischung beruhe. Die Frage, zu welcher Zeit General Franco kriegführende Rechte ge­währt werden können, erhebe sich daher über­haupt nicht, und eine Ermächtigung des Vor­sitzenden des Nichteinmischungsausschusses zu Er­örterungen über die Frage, unter welchen Bedin­gungen kriegführende Rechte an General Franco

gewährt werden können, sei nach Ansicht der Sowjetregierung nicht möglich.

Die Sowjetregierung nimmt daher die schwere Verantwortung auf sich, den englischen Borschlag als einzige Regierung zu Fall zu bringen, nach­dem alle anderen Mächte sich entschlossen hätten, ihn in allen wesentlichen Punkten anzunehmen.

Besonders hervorzuheben ist, daß die deutsche Antwort dem englischen Plan in allen we­sentlichen Punkten zustimmt und ledig­lich verlangt, daß die Organisation der Zurück­ziehung ausländischer Staatsangehöriger als im inneren Zusammenhang mit der Anerkennung der Rechte Kriegführender stehend betrachtet wer­den sollte, und saß daher beide gleichzeitig verwirktlicht werden müßten.

vrot wichtiger als futter!

krnakrungspolttik auf weite Sicht — Sie stblieferungspsticht und das Verfütterungsveebot für vrolgetreide

Bremen, 30. Juli.

Solange Menschen über die Erde gehen und ihren Acker bestellen, solange es feuchte und trockene Erntemonate, kalte und warme Sommer gibt, solange wird es auch künftig fette und magere Zahle geben. Daran wird keine Politik und auch kein noch so guter Wille etwas ändern. Wir vermögen nun einmal nicht Naturgesetze in andere Bahnen zu-lenken. Könnten wir das, so gebe es bei uns in Deutschland niemals eine Ver­knappung. Und dennoch brauchen, wir nicht vor Naturgeivalten und ungeahnten Ereignissen zu kapitulieren, weil wir seit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus mehr denn je mtt ihnen rechnen. Wir haben längst erkannt, daß ein Vorübergehen an diesen nackten Tatsachen Sünde wider die Natur wäre. Und darum bauen wir vor. Man nennt das kurz gesagt: nationalsozialistische Wirtschaftspolitik treiben. Zm Grunde geht es dabei immer nur um das Wohl der Nation; was wir durchsetzen wollen für unser Volk, das gelingt. Unmöglich ist nichts. Ganz gleich, ob es sich um die Schaffung einer staatlichen Führung in der Eisenerzeugung, wie vor wenigen Tagen geschildert, oder um die nunmehr erlassene Verordnung zur Sicherung des Vrotgetreidebedarfs handelt. Kennzeichen all unserer Maßnahmen ist die Vorsorge auf lange Sicht, hinter der die ganze Autorität des Staates steht, die irgendwelche bürokratischen oder sonstigen einstmals unüberwindlich gehei­ßenen Schwierigkeiten gar nicht erst aufkommen läßt.

Es ist selbstverständlich, daß der Kampf um unsere Nahrungsfreiheit nur schrittweise ge­führt werden kann. Wir denken zurück an die ungeheuren Leistungen der Landwirtschaft in der Erzsugungsschlacht. Trotz aller Witterungs­unbill, trotz Verkleinerung der Futterbasis, die bedingt war durch die Einfuhrverringerung aus­ländischer Futtermittel, ist dennoch eine gewal­tige Mehrleistung zu verzeichnen. Aber das alles genügt noch nicht, um die Ernährung des deutschen Menschen auf die Dauer, unabhängig von dem jeweiligen Ausfall der Jahresernte, sicherzustellen. Wir können uns aber nicht von Jahr zu Jahr wieder den Kopf zerbrechen, aus welche Weise am besten die Belieferung des Marktes zum Beispiel mit Brotgetreide vor sich gehen soll. Der Zeitpunkt ist gekommen, wo gründlich durchgegrifsen wird. Und wieder ist es

der deutsche Bauer, der bewies, was er zu lei­sten vermag, wenn das Gebot der Stunde rest­losen Einsatz von ihm fordert, wieder ist es der Bauer, der eine große nicht zu unterschätzende Aufgabe erfüllen muß. Der Einsatz der Mittel im Kampf um die Nahrungsfreiheit ist groß, aber der Sieg kann nur errungen werden, wenn Erzeuger sowie Verbraucher sich der Be­deutung dieses Kampfes bewußt sind und leisten, was sie zu leisten vermögen. Es hätte moralisch wenig Sinn, die angeordnete Brotgetreideablie­ferung unter Polizsiausstcht zu stellen, obwohl es vielleicht das bequemste wäre. Aber die Land­wirtschaft hat bereits von sich aus bewiesen, daß sie einsatzbereit- ist und daß irgendwelche Aufsichtsmaßnahmen überflüssig sind. Wir sind überzeugt, daß unser Bauernstand, der eine intensive vierjährige weltanschauliche Schulung hinter sich hat, das Gebot der Stunde in seiner vollen Tragweite erkennt und ohne weiteres seine Pflicht tut.

Allerdings ist Vorsorge getroffen, daß niemand aus der Reihe tanzen kann, wenn es um das Gemeinwohl des Volkes geht. Es wäre untragbar, einen Bauern, der die Gesamtheit durch seinen Eigenwillen und durch grenzenlosen Egoismus sabotiert, straffrei ausgehen zu lasten. Wenn von der gesamten deutschen Landwirtschaft eine immense Leistung verlangt wird, hat jeder ein­zelne mitzuhelfen und niemand darf glauben, er könne auf Kosten der anderen tun und lasten, was ihm beliebt. Daher wird jeder, der gegen die gegebene Anordnung verstößt, Brotgetreide nicht mehr zu verfüttern, sondern abzuliefern, schwer, unter Umständen mit Zuchthaus, bestraft. Durch minderwertige Haltung, die ja nur die Haltung eines einzelnen wäre, soll unter keinen Umständen die Landwirtschaft in ihrer Gesamtheit leiden.

Der Sinn der Verordnung liegt letzten Endes auch darin, daß wir uns von den Uebergängen von einem Eetreidewir-tschastsjahr zum änderen frei machen und eine Getreidepolitik aus lange Sicht betreiben. Wir wollen die Ueber- schüste aus fetten Jahren speichern, damit wir in mageren Jahren nicht Not leiden und damit wir nicht in einem Jahr den Ueberfluß an die Schweine verfüttern und im nächsten für unser Volk nichts zu essen haben. Das würde uns in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Ausland bringen, Sind wir plötzlich ge-

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zwangen, große Eetreideankäuse im Ausland zu tätigen, so würde damit eine sofortige Preis­erhöhung dieses Getreides verbunden sein.

Das heißt nun selbstverständlich nicht, daß wir uns ganz und gar von der Einfuhr aus dem Aus- land trennen wollen. Wir verwenden unieren Roggen zur Herstellung von Brot und führen statt dessen lieber ausländische Futtergerstö und Mais preiswert im Austausch ein. Außerdem soll eine erhebliche' ll m st e l l u n g auf einhei­mische Futtermittel erfolgen, damit unsere Schweinemast nicht leidet. Wir brauchen ja Schweine nicht nur als Fleischlieferanten, son­dern noch vielmehr ihres Fettes wegen. Der Schweinebestand darf also nicht wesentlich sinken. Das ist eine weitere ernste Verpflichtung für die Landwirtschaft. Rund 2 Millionen Tonnen Rog­gen gilt es durch andere Futtermittel zu ersetzen, ebenio 300 000 Tonnen Weizen, der bisher vor­wiegend an Hühner und Kleintiere verfüttert wurde. Die Erzsugungsschlacht hat bereits die notwendigen Wege belchrit-ten. Kartoffelflocken­fabriken und fliegende Dämpskolonnen sorgen für die Haltbarmachung der Kartoffeln. Daneben wird die Zuckerichmtzelerzeugung aus etwa 600 000 Tonnen gesteigert werden, das ist das Fünffache gegenüber '1933. Man sieht daraus, daß die Regierung bemüht ist. für den ausfallenden Roggen vollwertigen Ersatz zu schaffen. Um aber einen wirklichen Erfolg der Aktion zu garantieren, muß der Bauer zu­nächst einmal einsehen, daß es wichtiger ist, hoch­wertiges Getreide zum Brotbacken zu verwenden, als daß das Vieh damit gefüttert wird. Schließ­lich haben wir 7 Millionen Menschen von der Straße in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert sie leben nicht mehr so kümmerlich, wie in der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit und müssen, wenn sie ar­beiten, auch genügend zu essen haben.

Wir haben weiter einen erheblichen Eeburten- zuwachs zu verzeichnen, der ebenfalls verpflegt sein will, und darüber hinaus ist der Lebens­standard des gesamten Volkes gestiegen. Jeder Deutsche ist froh, daß es uns in unserem Vater­land wieder besser geht; aber wir müssen nun auch dafür sorgen, daß es so bleibt. „Ernährer des Volkes", so sagt Adolf Hitler, „ist die deut­sche Landwirtschaft". Sie muß sich dieser großen Aufgabe und Verpflichtung bewußt sein. Damit trägt sie dem Führer einen kleinen Dank ab für das, was er leistete.

Denken wir zurück an die Zeit, wo Verstei­gerungen an der Tagesordnung waren und wo die Ernte, noch auf dem Halm, vom Gerichts­vollzieher weggepfändet wurde. Das ist endgültig vorbei. Wir brauchen auch nicht mehr zu fürchten, daß eines Tages ein feindlich gesinnter Nachbar in umer Land eindringt und das, was wir im Schweiße unseres Angesichts erarbeitet haben, sur sich in Anspruch nimmt. Ilnd wenn es nun notwendig ist, dafür zu sorgen, daß das letzte Pfund Roggen und Weizen für die Ernährung des deutschen Menschen sichergestellt wird, o wird der Bauer die Bedeutung und den ganzen Umfang seiner Aufgabe verstehen. Aber auch der Verbraucher soll immer eingedenk dessen sein daß er sein Brot nur dem Fleiß und dem Ein­laß unseres Landvolkes verdankt! Keü

Verkostungen in Irlanö

(Vigsvsr vrnbtbsriebt cisr „Bremer Leitung")

London, 30. Juli.

Die Sabotageakte und Attentate während des Aufenthaltes des englischen Königspaares in Bel­fast haben auch im Irischen Freistaat große Er­regung ausgelöst. Bei den Terroristen handelt es sich anscheinend ausschließlich um ehemalige Mit­glieder der irisch-republikanischen Armee (IRSls, die von de Valera seinerzeit aufgelöst wurde, aber trotzdem als illegale Eeheimorganis a - tion weiterbestand. Nach den bisherigen Feststel­lungen sollen etwa 300 Terroristen an diesen An­schlägen beteiligt gewesen sein. De Valera soll be­reits ein energisches Durchgreifen gegen diese Ge- heimorganisation angeordnet haben. Man rechnet daher mit zahlreichen Verhaftungen.

knde Juli 1SI4

Me russischen Mplomaten wollten den krieg

ir. ii«. Mit dem Nahen der ersten August­tage erleben wir im Geiste auch wieder den spannungsreichen Höhepunkt der Iulikrise 1914. Deutschland war vor 23 Jahren bis zum letzten Augenblick — ja, noch darüber hinaus! — mit allen Mitteln bemüht, die Katastrophe zu verhindern. Das verhängnis­volle Zusammenspiel der politischen Kräfte, die in den Tagen der diplomatischen Schritte vor allem in Petersburg und Paris voreilig entscheidende militärische Aktionen her­beiführten, kann im engen Rahmen dieser Darstellung nicht in allen Einzelheiten wie­dergegeben werden. Nur den überwiegenden Schulüanteil der damaligen russischen Regierung am Ausbruch des Weltkrieges wollen wir hier herausstellen, und zwar an Hand der zwischen Reichskanzler v. Beth- mann Hollweg und dem deutschen Botschaf­ter in Petersburg Graf v. Pourtalss gewech­selten Telegramme. Diese historischen Doku­mente beantworten die Schicksalsfrage: „Hätte der österreichisch-serbische Konflikt auch nach dem Wiener Ultimatum an Bel­grad noch lokalisiert werden können?" mit einem glatten Ja und zeigen, wie sehr die Verschärfung der Spannung zwischen der Donaumonarchie und Serbien zu einer ge­samteuropäischen Krise gegen den Willen der Berliner Regierung erfolgte.

Am 29, Juli 1914 telegraphierte v. Beth- mann Hollweg an Graf v. Pourtalss: „Bitte Herrn Sasonow (den russischen Außenmini­ster. D. Schrift!.) sehr ernst darauf hinzu­weisen, daß weiteres Fortschreiten russischer Mobilmachungsmaßnahmen uns zur Mobil­machung zwingen würde und daß dann europäischer Krieg kaum noch aufzuhalten sein werde."

Schon am 25. Juli hatte nämlich der russische Ministerrat die Inkraftsetzung der sogenannten Kriegsvorbereitungsperiode be­schlossen, und noch in der Nacht zum 26. Juli war für das gesamte Gebiet des euro­päischen Rußlands ohne Kaukasus an die führenden Stellen des Heeres ein ent­sprechender Befehl ergangen. Warum diese Eile, da doch der Ausgang der Vermittlungs- aktion in Wien und Belgrad zu jener Zeit noch gar nicht zu übersehen war? Die wirk­lichen Absichten, die Rußland mit seinen Mobilmachungsmaßnahmen verfolgte, wer­den sofort klar, wenn man sich die Lage nach Ueberreichung der ultimativen österreichi­schen Note vergegenwärtigt: Serbien hatte sich bis zum 25. Juli abends 6 Uhr zu ent­scheiden, ob es eine Untersuchung des Atten­tats auf den österreichisch-ungarischen Thron­folger innerhalb seines Territoriums unter Teilnahme österreichischer Vertreter vorneh­men oder durch eine Ablehnung des Wiener Ultimatums den Krieg mit seinem Nachbar zur Tatsache werden lassen wolle. Es steht heute fest, daß in erster Linie Petersburg für die ablehnende Antwort Serbiens den Ausschlag gegeben hat — um so mehr, als die damalige serbische Regierung Paste von sich aus dem Krieg, zum mindesten zu jenem „denkbar ungünstigsten Augenblick", abgeneigt war. Sechs Stunden vor Ableh­nung der österreichischen Forderungen durch Serbien hatte sich der russische Zar am 25. Juli beim Krönrat in Krassnoje Selo, dem Uebungsplatz für die Truppen der Petersburger Garnison, für den Krieg und die Vorbereitung der Mobilmachung ent­schieden, erklärte doch am gleichen Abend der Chef des russischen Generalstabes den Mitgliedern des Generalstabs-Komitees, der Zar habe die Notwendigkeit erkannt, „Ser­bien zu unterstützen, auch wenn man dazu die Mobilmachung erklären und Kriegshandlun­gen beginnen müsse". Der serbische Ministerrat dagegen hatte am Vormittag des 25. Juli einen mehr oder weniger ver­söhnlich gehaltenen Entwurf für die Antwort auf das österreichische Ultimatum ausgear­beitet. Unter dem Einfluß der nach Belgrad gedrahteten Petersburger Beschlüsse verwarf der Ministerrät jedoch jenen Entwurf und ersetzte ihn durch die bekannte ablehnende Antwort. Wo die tieferen Ursachen dafür lie­gen, daß Rußland unbedenklich alle Karten auf einen Waffengang setzte, hat uns der damalige französische Botschafter am Zaren­hofe, Palöologue, in seinen „Erinnerungen" verraten: Wir erfahren aus ihnen, daß Paloologue am 25. Juli dem russischen Außenminister Sasonow versicherte, Frank­reich stelle sich vorbehaltlos (!) an die «eite Rußlands. Das automatische Inkraft­treten der gegen Deutschland gerichteten Bündnisverpflichtungen war jedenfalls wäh­rend jener Phase der Iulikrise nur noch eine Frage der Zeit, eine Frage von Stun-