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Nr. 69 / 9. Jahrgang
Vonnerstag, 19. Mör; 1918
kinzelprels 15 Npf.
Meuterei in der Kreml-Vrigade
Mehrere „treue" SPU -Negimenter in aller kile
von Leningrad nach Moskau entsandt
Neuer Nnfchlag aus Stalin geplant t / Vor zahlreichen weiteren Verhaftungen
London, 10. März.
Aus Warschau bringt „Daily Mail" eine Meldung über neue revolutionäre Umtriebe in Sowjetrutzland. Zwei Obersten und ein Major der Kreml-Brigade seien unter dem Verdacht verhaftet worden» datz sie die gesamte Brigade zu einem Anschlag gegen Stalin überreden wollten. Weiter wird gemeldet, datz Marschall Blücher möglicherweise veranlatzt worden sei, gegen Moskau zu marschieren, um die Ordnung nach dem Chaos wiederherzustellen, das durch den jetzigen Prozetz verursacht worden sei. Mehrere „treue" Regimenter der GPU. seien aber daraufhin von Leningrad nach Moskau in aller Eile entsandt worden, und man erwartet, datz es wieder zahlreicheVerhastungen geben würde.
Woroschttow in Ungnade
Warschau, 19. März.
In der polnischen Presse tauchen Meldungen auf, datz Marschall Woroschilow bei Stalin in Ungnade gefallen sei. Der gewaltige Vertrauensverlust Woroschilows sei darauf zurückzuführen, datz in den Reihen der Armee immer neue Oppositionszellen gegen Stalin aufgedeckt würden. In einem Regiment der Leninarader Garnison sei ein in der russischen Emigrantenpresse erschienener Aufsatz General Denikins durch Flugblätter verbreitet worden. In diesem Artikel werde u. a. gesagt, datz nur die Rote Armee Stalin stürzen könne.
Me letzten „Angeklagten" lm Vertzör
Moskau» 10. März.
In der Mittwoch-Sitzung des Moskauer Schauprozesses sollen zunächst die Aussagen der übrigem „angeklagten" Aerzte das „Verbrechen" Jagodas
abrunden. Als erster tritt der Herzspezialist Professor Plejstnow ans Mikrophon. Auch er behauptet zunächst, datz Jwgoda ihn im Jahre 1934 gezwungen habe, sich an der Beseitigung MeNschimskis und Gorkis zu beteiligen. Für den Fall der Weigerung habe ihm Jagoda gedroht, Beweise für „antisowjetische" Tätigkeit Ple- jetnows beizubringen. Auf die Frage des Staats- anwalts gibt der Angeklagte offen zu, „anti-, sowjetisch" eingestellt gewesen zu sein. Der Rechtsanwalt Wyschinfki will ferner wissen, weshalb der „Angeklagte" Jagodas „Movdpläne" 'nicht angezeigt habe. Pletjetnow eutgegnet darauf: „Wem sollte ich sie anzeigen? Jagoda selbst war doch der allmächtige und allwissende GPU.-Kommis- sar!"
Darauf wird der Angeklagte Kasakow vernommen, der eher den Eindruck eines Pariets- und Zauberkünstlers erweckt als den eines Arztes. Er versucht ganz im Sinne des Staatsanwalts, Jagoda weiter zu bezichtigen. Er will aus „gemeiner Furcht" vor dem allmächtigen Jagoda den '
Tod Menschinskis durch Heilpräparate eigener Erfindung beschleunigt haben, die er „Lqsate" nennt, und deren Wirkung er noch jetzt lebhaft verteidigt.
Als letzter „Angeklagter" wird Maximow vernommen. Er behauptet, datz Penukidse ihm 1932 die Stellung als Privatsekretär bei Kuibyschew vermittelt habe. In der Folge will Maximow von Penukidse und Jagoda den Auftrag erhalten haben, bei dem Anschlag auf Kuibyschew mitzuwirken, indem er das von den Aerzten vorgeschlagene falsche Heilverfahren Lei den Kranken unterstützte, sowie jeweils bei den akuten Anfällen des Herzleidens Kuibyschews die ärztliche Hilfe hinauszögerte.
Hierauf wird die medizinische Expertive über die „Verbrechen" der Aerzte verlesen, die die „Anschuldigungen" der „Anklage" Punkt für Punkt „bestätigt". Da Wyschinski keine Fragen mehr zu stellen hat, ist das „Verhör" der „Angeklagten" beendet. Der Gerichtsvorsitzende kündigt darauf an, datz die nächsten Sitzungen des Gerichtes hinter geschlossen Türen stattfinden.
Die nächste Sitzung, die bereits das „Plaidoyer" des Staatsanwalts bringen dürfte, wird für den heutigen Donnerstag erwartet. Danach dürfte sich der weitere Verlaus des Schauprozesses etwa solgendermatzen abspielen: Am Donnerstag
sprechen die Anwälte der „Angeklagten", am Freitagvormittag ko- : mit dem Schlußwort gerechnet werden und frühestens Freitag nachmittag oder Sonnabend mit der Verkündung des „Urteils".
(Siehe auch Seite 2)
Kommunisten wollen in die Negier»»-
Politische Hochspannung in Paris — Heule vormittag tritt das Kabinett vor Sie Kammer
(vraütdericllt unseres Larissr Vertreters) bv. Paris, 10. März.
Paris steht völlig im Zeichen der Regierungskrise. Die beruhigenden Erklärungen, die Ministerpräsident Chautemps noch am Mittwochnachmittag der Presse gab, haben die erwartete Wirkung nicht gezeitigt. In den Wandelgängen der Kammer herrscht eine unglaubliche Konfusion, da niemand weitz, was die nächsten Stunden bringen werden.
Die Nervosität wurde noch erhöht durch ein erneutes Absinken des F r a n ke n kurse s, da das Pfund an der Pariser Börse auf fast 157 stieg. Die Kommunisten setzen alles daran, um ihre Regierungsbeteiligung durchzusetzen. Sie verlangen offiziell die Bildung eines Kabinetts entsprechend der Zusammensetzung der Volksfront, zu der sie bekanntlich auch gehören. Der auf ihr Betreiben einberufene Volksfrontausschutz käm jedoch zu keiner Einigung. Trotz des Widerspruchs der Radikalsozialisten lehnten die Sozialdemokraten und
Kommunisten die von Chautemps geforderten Vollmachten ab. Als die letzteren eine Delegation zum Ministerpräsidenten entsenden wollten, lieg dieser telephonisch mitteilen, er betrachte eine derartige Aussprache als unnütz, wenn nicht einmal der Grundsatz der von ihm gewünschten Vollmachten angenommen werde. Dem Volks- frontausschutz blieb nichts anderes übrig, als sich zu vertagen.
Chautemps besprach sich seinerseits mit Her- riot und Vlum und berief schließlich überraschend einen Kabinettsrat ein, der längere Zeit dauerte. Da die Kommunisten ünd die Gewerkschaften eine eifrige Agitation gegen die Regierung entfalten mit der gleichzeitigen Forderung einer kommunistischen Regierungsbeteiligung, ist die Lage außerordentlich gespannt.
Unter den auftauchenden Versionen gibt man einem Kabinett Vlum bis Reynauld einigt Wahrscheinlichkeit; andere prophezeien eine Umbildung unter dem Vorsitz Chautemps mit Einbeziehung der Sozialdemokraten und der demokratischen Allianz, die übrigens die kommunistische
8etirvei-el- Kel.^tui-r! an 6vi- englischen IVestkiisle. -V» 6e» Klippen v»i> 1'intaAel tV«>i-»rvaII) ereixnste sieb ein selirvorvr b'elsstmr, 6er rrvei Toüesopker koräerts. — linsen V1I6 reiAt: Line kettnnKsinannscliakt vvrsuclit öle Opfer /.n bergen. (Lrssss-Hokkmann.)
Regierungsbeteiligung ablehnte. Wieder andere glauben ein Kabinett Daladier ankündigen zu können. Damit sind nach wie vor alle Entscheidungen offen. Jedenfalls rechnet man jedoch mit einem Rücktritt Chautemps.
Im Anschluß an seine Besprechungen kündigte Ministerpräsident Chautemps an, datz die Regierung beschlossen habe, am heutigen Donnerstag- vormittag vor die Kammer zu treten.
ttsrvorrsgsaüss ksagergskms
der Wälfangexpedition „Walter Ran"
(gonösrdsrickt äsi- „Lrsivsi- Leitung")
Düsseldorf, 10. März Der für die in Bremen beheimatete Walfangflotte „Walter Rau" gecharterte Motortanker „Beth", der Heizöl und Post in das Südliche Eismeer gebracht hatte, ist jetzt mit einer vollen Ladung Walöl, Walfleischkonserven und anderen Nebenerzeugnissen zurückgekommen und hat in Rotterdam gelöscht. Das Walöl wird in Leichtern rheinaufwärts verschifft und soll in Tankanlagen der Walter Nau, Neußer Oelwerke, Neuß, gelagert werden.
Von den für die Walfangflotte beschäftigten fünf Tankschiffen sind nun vier zurückgekehrt. Sie haben zusammen über 40000 To. Walöl und einige tausend To. Walmehl und andere Erzeugnisse mitgebracht. Das ist annähernd die Hälfte der insgesamt erwarteten Erzeugung der deutschen Walfangflotte.
siuchi aus der tabour-parip
§ London, 19. März.
Nachdem bereits vor acht Tagen Lord Arnold. Oberhausmitglied und maßgebende Persönliche keit der Labour-Party. aus der Partei ausgetreten war, hat nun auch Lord Sunderson die marxistische Partei verlassen. Als Begründung führte er an, er sei mit der Autzen- . politik der Labour-Party nicht einverstanden, denn sie stelle eine Kriegsvor bereitung im Namen der kollektiven Sicherheit dar und sei somit eine Bedrohung des Weltfriedens. Lord Sunderson, der in der englischen Marxistenpartei eine führende Rolle gespielt hat, ist bereits 1936 wegen des Sanktions- krieges gegen Italien, den er verurteilte, aus dem Vollzugsausschuß der Partei ausgeschieden.
Der t?üt>rei- besiebtiAtv 6iv Oiircbl» ucbsnrbeiten in 6er Voösti-allo kür ävn birrveitornnAsban 6er llvieliskannivi. llevlits neben 6er» KüIrrer lkeieksinioistsi- Dr. Oovbdvls nn6 Ikeiebslviter llorinann, links Oaulvitsr WaKner-islnneken. (Lrssss-Hokkwann.)
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Wierrec » E Arces
Hos Kompagns im Oisnsts clsr Völlcsrvstslstzung / Von unserem pariser k. V.- Vertreter
Von Richelieu bis Clemenceau gehörte zu den traditionellen Linien oex französischen Ostpolitik der Kampf gegen Oesterreich, Es wechselten die Bundesgenossen, aber die Linie blieb. Nun auf einmal aber hat sich Las Bild gewandelt. Ueber Nacht hat Frankreich für den Gegner von einst, dem man die Ketten des Diktates van St. Germam aufzwang, Gefühle der „Freund- schaf t" entdeckt. Aus dem Feinde ist plötzlich der „Beschützte" geworden; die Habsburger, die Frankreich stets als die ewigen Gegenspieler seiner europäischen Politik ansah, möchte man lieber heute als morgen nach Wien zurückführen. Man schwärmt- mit einem Mal« von Wien, begeistert sich an Walzermelodien, fühlt Mitleid mit dem kleinen „Volk der Oesterreicher", das man noch vor knapp 29 Jahren bis aufs Hemd ausgeplündert und fast dem Hungertode ausgeliefert har.
Eine plötzliche moralische Anwandlung? Oh nein, nur politische Interessen. Auch Paris kann sich ja — „leider" — der Einsicht nicht verschließen, datz die Oesterreicher deutsch sprechen, datz ihre Kultur seit jeher deutsch war und deutsch ist. Aber seit dem Kriege machen sich bei diesen Ossterveichern „unangenehme" Neigungen geltend, ihrem Deutschtum in einer Weiss politisch Ausdruck zu geben, durch die sich Frankreich in seinen oft- und südostsuropäischen Interessen bedroht fühlt. Also spricht man schnell dem Oesterreicher sein Deutschtum ab und schildert dem französischen Bürger Tag für Tag, fast b e für Stunde durch den Mund seiner „Pol ", von den Rednertribünen und durch die esse in den schwärzesten Farben die Gefahr die diesem so schutzbedürftigen Oesterreich yen. Zwar sind die geographischen Kenntuissi oieser Kreise über Oesterreich mitunter ebenso unklar wie die der breiten Massen, aber sie haben nun einmal das „österreichische Volk" entdeckt, ebenso wie die „historische Mission", dieses Volk zu beschützen.
In einem kleinen Theater an den Thamps Elysses traf sich vor einigen Tagen die „vornehme Welt", die sonst um diese Tageszeit im allgemeinen wenig Interesse für „geistige Kost" zeigt und dafür vor den Terrassen der Kaffeehäuser auf und ab spaziert. Aber eine bekannte französische Journalistin, eine sogenannte „Autzen- politikerin von Ruf" hatte einen Vortrag über Oesterreich angezeigt, und da dieses Thema wie gesagt nun einmal Mode ist, gehört« der Besuch der Veranstaltung eben zum guten Ton. Vor den Kassen drängten sich pelzbehangene Danyen, deren politische Interessen im allgemeinen wohl gleich ' Null sind, neben würdigen alten Herren im Bratenrock und jungen Gecken mit feschen Krawatten'und blitzendem Monokel, Stürmischer Beifall begrüßte die „boliebie" Star- Journalistin, die sich dem vornehmen Milieu dieser „politischen Kundgebung" auf das Beste angepaßt hatte und in langem, schwarzem Seidenkleid, reich mit schillernden Perlenketten behängen, Eindruck zu erwecken versuchte.
Wirklich, sie verstand es, in herzergreifenden Worten das Mitgefühl ihres Publikums für das „arme, kleine, verfolgte Volk an der so schönen blauen Donau" zu erwecken. Auch die kleinen pikanten politischen Sensatiönchen durften natürlich nicht fehlen. Anscheinend stand sie mit nner Hellseherin im Bunde, denn über politische Unterredungen, die im allgemeinen der Oeffent- iichkeit nicht zugänglich sind. wußte sie mit erstaunlicher Ausführlichkeit zu berichten. Geheimnisse gab es für sie einfach nicht, über alles war sie im Bilde, und die ringgeschmiickten Hände der eleganten Damen- und Herrenwelt spendeten ihr auch dankbar Bestall, Welche Gefahren sie aber auch vor den geistigen Augen ihrer Zuhörerschaft auftauchen ließ! Sogar die sonst doch sehr stark auf
getragene Schminke der Damen Hielt dem jähoir Erblassen nicht stand, das angesichts des entsetzlichen Schicksals des „österreichischen Volles" die Versammlung befiel.. Kein Zweifel, es war eine erhebende Stunde ,, und als die „berühmte Politikerin" dann noch ihren „Freund" Aristide Briand zitierte und mit pathetischer, vor Rührung zitternder Stimme ausrief: „Der Anschluß ist der Krieg" — da konnte sich keiner mehr dem Gefühl entziehen;- in dieser Stunde, in diesem Saal wurde Politik gemacht,
Vom Lächerlichen zum Gefährlichen ist aber -leider mitunter nur ein kurzer Schritt. Aus dem Geschrei wird allzuleicht die Hetze, die mit den Gefühlen der Massen Agitation betreibt. Was soll man z. B. dazü sagen, wenn ein großes Blatt, das sonst seriös zu erscheinen sich bemüht, plötzlich den „Brief einer Oesterreicherin" veröffentlicht, der eine einzige Beleidigung alles Deutschen darstellt und der trotz seiner Datierung aus Wien für den Eingeweihten den Pariser Ursprung nicht verleugnen kann. Diese angebliche Oesterreicherin schreit den Franzosen entgegen: „Wer warum, warum mein Gott, sollen wir Deutsche werden? Wir sind es nicht, weder den Sitten nach, noch des Geistes, noch der Herzen!" Das ist schon nicht mehr Modepolitik, das ist Gehässigkeit, Aggressivität in höchster Steigerung.
Oder ein« andere Stelle aus diesem „Brief": „Als ich klein war, hat man mich eines Tages mit nach England genommen, und ich habe dort ein kleines Mädchen meines Alters kennengelernt, das mich fragte: Oo zmu spsak austrian? — Und ich mutzte erwidern: klo, I spsak gsi-mav. Und ich war an diesem Tage im Innersten erschüttert und beschämt, daß ich nicht dieser kleinen Engländerin zurufen konnte: mein Land hat seinen eigenen Wert, »eine eigene Sprache, seinen eigenen Charakter. Die Einheit des deutschen Volkes läßt uns gleichgültig, wir haben ein Vaterland und wollen es behalten!"
Seit Wochen wird die französische Oeffentlich- keit nunmehr bereits mit solchen Produkten förm-
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Unssr logesspisgsl
In Paris rechnet man mit einem Rücktritt der Regierung.
Die Verkündung der Moskauer Vlut-„Ur- teile" wird sür Freitag erwartet.
In der belgischen Kammer kam es zu heftigen Zusammenstößen.
Der jugoslawische Ministerpräsident kennzeichnete seine auhenpolitischen Ziele. Senator Wiesner äußerte sich über die Arbeitslosigkeit unter den Deutschen in Polen. Im Reichspropagandaministerium empfing Dr. Eoebcls die Männer der Presse.
Auf seiner Besichtigungsfahrt durch Ostfriesland besuchte Oberpräsident Stabschef Lntzc Emden, Leer und Werner.
Die Bremen-Amerika Bank hat im Vergleich zu 1833 ihre Umsätze verdoppeln können.
Die Dresdner Bank berichtet über eine starke Geschästsausdehnung.
Das Gebiet Nordsee der HJ. rüst zum Eintritt des Jahrganges 1828 auf.
Die bevorstehende Rattenbckiimpsungsaktion erfordert umfangreiche und gewissenhafte Vorbereitungen
Die Olympischen Spiele 1848 finden nach Aeußerung des japanischen Professors Kano aus jeden Fall in Japan statt.