Ausgabe 
(22.4.1934) Nr. 110
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Nr. 110 / 2. Vierteljahr

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Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12—13 Uhr, der Schristleitnng werktäglich von 16—17 Uhr.

Sonntag, den 22. April

Einzelpreis 12 Rpf.

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Dr. Goebbels eröffnet die Ausstellung „Deutsches Volk — deutsche Arbeit"

Unser Schlachtruf: Ehret die Arbeit!

„Die Revolution, die wir machten, trägt nicht nur ihr nationales, sondern auch ihr

sozialistisches Gepräge!"

Berlin, 21. April.

In Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste fand am Sonnabendvormittag die feierliche Eröffnung der Ausstellung „Teutsches Volk — Deutsche Arbeit-' am Kaiserdamm statt.

Die Regierung war vertreten durch Vizekanzler von Papen und die Reichsminister Dr. Goeb­bels, Schmitt, Seldte, von Eltz- Rübenach. Für den Führer war Staatssekre­tär Lamme rs und für den ebenfalls am Er­scheinen verhinderten preußischen Ministerpräsi­denten Staatssekretär SS.-Gruppensührer Kör­ner erschienen. Vom Büro des Reichspräsidenten nahm Ministerialdirigent Dr. Doehle an der Eröffnung teil. Ferner waren anwesend der preußische Finanzminister Popitz, mehrere Staatssekretäre, zahlreiche Vertreter des Diplo­matischen Korps, der Chef der Heeresleitung und der Chef der Marineleitung, mehrere andere hohe Militärs, der Generaldirektor der Reichsbahn, Dr. Dorpmüller, der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, Ministerialdirektor Poli­zeigeneral Daluege, der Präsident des Luft- sportverhandes Löerzer, Reichssendeleiter Hadamodsky, eine Reihe von höheren SA - und SS.-Fuhrern u. a. m.

In der Begrüßungsansprache sagte Dr. Sahm, die Ausstellung wolle nicht für eine einzelne Idee, für eine bestimmte Vetätignngsarbeit, für einen Ausschnitt aus dem Leben des Volkes werben, sondern sie wolle dem höchsten Interesse des im Dritten Reiche geeinten deutschen Volkes dienen. Dr. Sahm dankte allen, die an dieser großen und bedeutsamen Ausstellung mitgewirkt.hatten, vor allem dem Reichspräsidenten, der durch die Uebernahme der Schirmherrschaft die Ausstellung gefördert habe. Besonderer Dank gebühre auch Reichsminister Dr. Goebbels, ohne dessen tatkräf­tige Mitwirkung die Vollendung dieses Werkes nicht möglich gewesen wäre. Nach einer Darbie­tung des Landesorchesters hielt der Ehrenpräsi­dent der Ausstellung, Reichspropagandaminister Dr. Goebbels, die Eröffnungsansprache.

Vor einem Jahr, so führt er aus, wurde der Beschluß zur Veranstaltung dieser Ausstellung ge­faßt. Ein Wagnis angesichts der Tatsache, daß die Dinge in Deutschland noch ganz ungeklärt waren und niemand wissen konnte, wohin sie am, Ende treiben würden. Aber wir haben dieses Wagnis unternommen in gläubigem Vertrauen auf die Sieghaftigkeit der nationalsozialistischen Idee und die unsterbliche Schöpferkraft des deut­schen Volkstums. Im Mittelpunkt dieser gran­diosen Schau sollte die Arbeit als Idee stehen. Der Begriff der Arbeit war in den vor-

Der Leitung der Ausstellung „Deutsches Volk — Deutsche Arbeit" ist es in letzter Stunde gelungen, das Originalmanuskript von Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf" auf der Ausstellung zu zeigen. Das Manuskript, das be­kanntlich während der Festungshaft des Führers in Landsberg am Lech fertiggestellt wurde, ist der Ausstellung von Privatseite zur Verfügung ge­stellt worden.

angegangenen Jahrzehnten einer verhängnis­vollen Fälschung anheimgefallen. Millionen Menschen sahen in ihm einen unabwendbaren Fluch. Wir haben diesen Begriff aus seiner Ver­fälschung emporgehoben. Der Schlachtruf: „EhretdieArbeit und achtetden Ar­beiter!" ging durchs ganze Land. Er wurde in seiner zündenden Kraft aufgenommen in Stadt und Dorf, von hoch und niedrig und in seiner Auswirkung ein ganzer Stand von 20 Mil­lionen Menschen, der bis dahin dem Staat fremd, wenn nicht feindlich gegenübergestanden hatte, in die Gemeinschaft aller Deutschen zurückgeführt. Als wir vor einem Jahr zum 1. Mai rüsteten, erschienen noch Gewerkschaftsvertreter aller Rich­tungen bei uns, um mit uns zu verhandeln, ob ihre Gefolgschaften sich an den großen Demon­strationen des erwachenden Deutschland beteiligen könnten. Am 2. Mai wurden die Gewerkschafts­häuser besetzt. Die Parteien mußten in den darauf folgenden Wochen das Feld der Oeffentlichkeit räumen.

Heute rüsten wir zum zweiten großen Mai-Tag des neuen Reiches. Ein ganzes Volk steht bereii, hinter die Regierung zu treten und mit ihr den Marsch in eine bester« Zukunft zu beginnen. D i e Partei des Nationalsozialismus werde zur Bewegung des Volkes und die Bewegung selbst umspannte bald die ganze Nation. Die Gewerkschaften exi­stieren nicht mehr. Man kennt die Parteien des Marxismus nur noch vom Hörensagen. Die Re­gierung selbst und die. sie im Rücken deckende

Volksbewegung des Nationalsozialismus, hat die Aufgaben und Pflichten sozialer Neu­gestaltung übernommen und bedarf dazu des Maklertumes von Parteien, Arbeitgeber- uns Arbeitnehmerorganisationen nicht mehr. Wir haben den Arbeitnehmer aus den Fesseln eines volkauflösenden und kulturzerstörenden politischen und wirtschaftlichen Wahnsinns losgebunden. Die Arbeit als Idee und Wirklichkeit hat den furcht­baren Fluch, mit dem der Marxismus sie be­haftet hatte, von sich abgeschüttelt. Sie ist wieder zum wunderbaren Segen eines ganzen Volkes ge­worden. Millionen sind in die Fabriksäle und Kontore zurückgeströmt, die Wohlfahrtsämter wer­den leer und die Arbeitsstätten füllen sich wieder.

Ein fleißiges und tapferes Volk beginnt aufs neue den Kampf um sein tägliches Brot Es hat wieder zu sich selbst zurückgefunden, sieht nur noch in der Selbsthilfe die letzte Möglichkeit zur Ret­tung, hat nur noch den einen Willen, zu arbeiten und sich durch Intelligenz, Fleiß und Redlichkeit den Platz unter den anderen Nationen zu sichern, der ihm gebührt.

Es wäre für uns ei» leichtes gewesen, in die­ser Zeit der allgemeinen Verwirrung die Nation in falsche Hoffnungen und trügerische Illusionen hineinzubetten. Wir sind den schweren Weg der Wahrheit gegangen. Mag

London, 21. April.

Die hiesige chinesische Gesandtschaft veröffentlicht eine Erklärung, in der es heißt, daß die kürzlich von Tokio ausgegebene Mitteilung über China lediglich eine Bestätigung der traditionellen A n - griffe- und Expansionspolitik Ja­pans auf dem asiatischen Kontinent darstellt. Die japanische Politik laufe der Erhaltung des Friedens und der Ordnung im Fernen Osten zu­wider und das chinesische Volk werde niemals mit der durch nichts begründeten These von einer japanischen Hegemonie in Asien einverstanden sein. Die chinesische Regierung habe bereits ihren Gesandten in Tokio angewiesen, von der japani­schen Regierung Erläuterungen zu verlangen. Die sicherste Garantie des Friedens im Fernen Osten bestehe nicht in der Ausschaltung freundschaft­licher und fruchtbarer Zusammenarbeit Chinas mit einem Teil der Westmächte, sondern sie liege darin, daß Japan seine zügellose imperia-

Englisch-italienische Vermittlung

zwischen Frankreich und Deutschland?

London, 21. April.

Ueber die englische Stellungnahme zu der Lage, wie sie durch die letzte französische Note geschaffen worden ist, sagt der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph", unter den englischen Mi­nistern herrsche ein klar ersichtliches, wenn auch nicht einstimmiges Bestreben, zusammen mit Ita­lien einen letzten Vermittlungsversuch zwischen Deutschland und Frankreich zu machen. Diese Ansicht werde auch von Musso­lini geteilt. Rom werde möglicherweise vor­schlagen, daß bei Durchführung eines solchen Ver­suchs das Recht Englands und Italiens auf eine entscheidende Stimme in der Regelung der Sicherheitsbedingungen bzw. der gegenseitigen Rüstungsverhältnisse stark in den Vordergrund geschoben werden müsse.

Bei dem Besuch des italienischen Unterstaats­sekretärs Suvich in London würden u. a. folgende Punkte zur Besprechung gelangen: 1. Die

Rüstungen, die Deutschland und Frankreich für die Dauer der vorgeschlagenen Vereinbarung besitzen sollen, und die Dauer dieser'Vereinba­rung. 2. Welche „Ausführn ngsbürg- schaften" können möglicherweise vorgeschlagen werden, wenn überhaupt ein Vorschlag gemacht werden kann. 3. Die beste Zeit und der beste O r t für einen solchen Schritt. Soll dieser Schritt jetzt durch diplomatische Kanäle oder später in Genf erfolgen? In London und in Rom würde man diplomatische Verhandlungen vorziehen, selbst wenn dies eine gewisse Verzögerung für den Zusammentritt des Büros und die Vollver­sammlung der Abrüstungskonferenz zur Folge haben würd«.

sein, daß es schwachen Herzen genehmer gewesen wäre, hätten wir ein umgekehrtes Verfahren ein­geschlagen. Aber es kann nicht Ausgabe der Re­gierungen sein, um des Beifalls der Gegenwart willen das Falsche zu tun, weil es im Augenblick bequemer ist. Es ist vielmehr ihre Pflicht, im Hinblick auf die Zukunft eines Volkes notwendige Maßnahmen zu treffen, auch wenn sie hart und vielleicht grausam sind. Sage niemand, wir hät­ten dabei dem Volte die ungebrochene Freude am Leben und an den Schätzen sozialer und kultu­reller Gemeinschaft genommen.

Niemals war die Nation so von überschäumen­der Schöpferkraft erfüllt wie heute, niemals lagen die Felder der Hoffnung so weit und offen, waren die Herzen so groß und die Gehirne so wach, wie in dieser Zeit des revolutionären Uebergangs von einem Jahrhundert ins andere. Wir mußten, um dem drängendsten Problem der Gegenwart, dem der Arbeitslosigkeit, ernsthaft zu Leibe rücken zu können, unsere erste Aufgabe darin sehen, der Wirtschaft Ruhe und innere Sicherheit zurückzu­geben. Wir haben dabei große Opfer ideeller und materieller Natur gebracht. Wir müssen heute mit Bedauern feststellen, daß die Weite unserer Auffassung hier und da falsch verstanden und schlecht gelohnt worden ist. Wenn die Regierung die Wirtschaft schonte, so gab sie ihren üblen

listische Politil aufgibt und seine Verpflich­tungen aus den Verträgen genau beobachtet.

Die aufsehenerregende japanische Erklä­rung über die Beziehungen zu China ist dem bri­tischen Anßenministerium in vollem Wortlaut von der britischen Botschaft in Tokio telegraphisch übermittelt worden. Irgendeine amtlich? japani­sche Mitteilung über die neue Stellungnahme ist jedoch in London noch nicht eingelaufen. Die englischen Stellen verhalten sich daher vorläufig noch abwartend. Entgegen anders lautenden Gerüchten, so meldet der diplomatische Mitarbei­ter des „Daily Telegraph", sei bisher Washington an die englische Regierung noch nicht herange­treten, wenngleich ein solches Vorgehen im Be­reich der Möglichkeit liege. Auf jeden Fall sei es an Amerika und nicht an England oder am Völkerbund, führend voranzugehen, falls irgend­ein Schritt erforderlich werden sollte. Englands hauptsächlichstes Interesse an der ganzen Frage

Gleichzeitig aber, so meldet der Mitarbeiter, gebe man sich weder in Rom noch in London einer Täuschung über die Schwierigkeiten hin, die ein derartiger letzter Vermittlungsversuch mit sich bringen würde.

Gens, 21. April.

In Völkerbundskreisen erörtert man angesichts der durch die französische Abrüstungsnote neu ge­schaffenen Lage in Verbindung mit den haupt­sächlich interessierten Regierungen eine eventuelle spätere Festlegung der für Anfang Mai vorge­sehenen Tagung des Präsidiums der Abrüstungs­konferenz.

Die größte Ll Bootsslolte der Welt

London, 21. April.

Die größte U-Boot-Flotte der Welt, so wird die französische U-Boot-Flotte von dem Marine- Korrespondenten des „Daily Telegraph" bezeich­net, der soeben als erster Ausländer den fran­zösischen ll-Voot-Stützpunkt Toulon besuchen durfte. Eines der größten von den 109 französi­schen Unterseebooten ist der „Vengeur", der Diesel-Motoren von 6000 L8 besitzt, die dem Schiff eine Geschwindigkeit von 18 Knoten ver­leihen. Aus 11 Torpedorohren können die Ge­schosse gegen die feindlichen Schiffe geschleudert werden. Der Bericht des Korrespondenten schließt mit den Worten: „Große Mißverständnisse kön­nen in der Zukunft vermieden werden, wenn die übrige Welt einsieht, daß die französische llnter- seebootflotte einen äußerst wichtigen Bestandteil des französischen Flottensystems darstellt.

Vertretern damit nicht einen Freibrief aus Zu- riickdämmung aller sozialen Forderungen und Beseitigung am Ende gar der sozialen Errun­genschaften, die zum unabdingbaren Bestand unserer kulturellen Lebensgestaltung gehören.

Wir haben die auch für den Arbeitnehmer restlos befriedigende Lösung der sozialen Fragen nicht aufgehoben, sondern nur zum Teil aufge­schoben, um damit vorerst eine Lösungsmöglich­keit sür das Arbeitslosenproblem zu finden, die ihrerseits wieder das Einsallstor zu einer neuen sozialen Ordnung össnen soll. Die soziale Frage bleibt, und sie wird von uns gelöst werden: denn die Revolution, die wir gemacht haben, trägt nicht nur ihr nationales, sondern auch ihr sozialistisches Gepräge, Ebensowenig wie wir dem proletarischen Marxismus das Zugeständnis machen können, daß man die nationale Ehre eines Volkes mit Füßen treten müsse, um seine soziale Freiheit zu erkämpfen, ebensowenig kön­nen wir den Repräsentanten des bürgerlichen Liberalismus und Wirtschastskapitalismus zuge­stehen, daß die nationale Ehre eines Volkes auf Kosten seiner sozialen Freiheit gewährleistet wer­den darf. Erst in der Synthese zwischen natio­naler Ehre »Nd sozialer Freiheit liegt die Mög­lichkeit einer Lösung auf Dauer.

(Fortsetzung aus Seite 2)

sei handelspolitischer Natur, nämlich die Auf­rechterhaltung der „offenen Tür" in China.

Totio, 21. April

Offenbar im Zusammenhang mit den Erörte­rungen, die in der Weltöffentlichkeit die soge­nannte ostasiatische Monroedoktrin ausgelöst hat, behauptet das Blatt „Kukumin" am Sonnabend, Marschall Tschiangkaischek führe zurzeit mit den Vereinigten Staaten geheime Ver­handlungen mit dem Ziel, von der ameri­kanischen Regierung «ine gewisse politische und auch wirtschaftliche Unterstützung für China zu erhalten. Auch andere japanische Blättermel­dungen bringen ähnliche Meldungen. Tschiang- kaischek versuche, eine Anleihe in Höhe von 2S Millionen Dollar für die Bewaffnung der chine­sischen Armee zu erhalten, wofür China an USA. gewisse neue Konzessionen in Südchina geben wolle. Ferner soll die amerikanische Regierung den jetzigen Gebietsstand der chinesischen Repu­blik garantieren.

Awischensall in der Schweiz

Genf. 21. April.

Die sozialdemokratische Partei des Schweizer Kantons Wallis hatte den Präsidenten der Gen- ser Regierung, Nicole, eingeladen, aus der Jah- rcstagung am Sonntag das Wort zu nehmen. Die gesamte bürgerliche Presse des zum größten Teil katholisch-konservativen Kantons Wallis hatte je­doch heftigen Einspruch gegen das Erscheinen Nicoles erhoben. Deshalb hat sich die Walliser Regierung heute mit der Frage beschäftigt und beschlossen, dem Regierungspräsidenten Nicole den Eintritt in den Kanton Wallis zu verbieten. Damit ist der in der neueren Geschichte der Schweiz wohl einzig dastehende Fall eingetreten, daß die Regierung eines Kantons einem Regie­rungshaupt eines anderen Kantons den Eintritt verbietet.

Muschanoff reist weiter

Berlin, 21. April.

Der Königlich-Bulgarische Ministerpräsident, Herr Muschanoif, der mehrere Tag« in Ber-- lin weilte, um der Reichsregierung einen Besuch abzustatten, verläßt heute abend die Reichshaupt­stadt,

Die Unterhaltungen, die der bulgarische Re­gierungschef mit den maßgebenden amtlichen Stel­len geführt hat, boten Gelegenheit, all« Fragen, die beide Länder gegenwärtig interessieren, ein­gehend zu besprechen und den freundschaft­lichen und herzlichen Charakter der gegenseitigen Beziehungen erneut festzustellen. Ferner Hut Herr Muschanoff während seines Aufenthaltes in Berlin mit führenden Persönlich­keiten der deutschen Wirtschaft Fühlung ge­nommen -

Verstehst du den Arbeiter?

1^. ll. B r e m e n, 22. April.

Kürzlich hat Dr. Ley vor Industriellen in Frankfurt a. M. den Satz geprägt: „Der Arbeiter hat nicht um die Lohntüte gekämpft, sondern um seine Ehre und seine Achtung!" Wir wissen, daß es Leute gegeben hat, die über diese Behauptung gelächelt haben. Ihnen mag dabei die Zeit im alten System vorgeschwebt haben, in der der Arbeiter von seinen sozialdemokratischen und Kommunisti­schen Bonzen von einem Streik in den anderen getrieben worden ist und diese zu einem großen Teil damit endeten, daß sie entweder fristlos abgebrochen werden muß­ten oder man den Arbeitern sage und schreibe 1 oder 2 -Z Lohnaufbesserung zu­billigte. Man könnte, oberflächlich betrach­tet, dabei wohl zur Ansicht kommen, daß der ganze Kampf des deutschen Arbeiters in den letzten Jahrzehnten nur um die L o h n tü t e gegangen wäre. Wir geben auch ohne wei­teres zu, daß von den Bonzen des alten Systems das Bestreben ganz geflissentlich dahin ging, den Arbeiter nur auf das rein materialistische Denken - einzustellen. Mit aller Absicht wurde das Minderwertigkeits­gefühl des Arbeiters gepflegt und mit die­sem Minderwertigkeitsgefühl in der Oeffent­lichkeit so laut als möglich hausieren gegan­gen. Denn auch das ist ein Ausdruck der eigenen Minderwertigkeit, wenn man der Oeffentlichkeit täglich einhämmerte, man denke nur an das Geldverdienen. Die Bon­zen wußten sehr wohl, warum sie diesen angeblichen ausschließlichen Hunger des Arbeiters nach her Lohntüte besonders her­ausstellten, denn damit hatten sie eine un­zufriedene Masse hinter sich, die, wenn sie losgelassen, Schrecken verbreiten konnte, aber den Bonzen damit > größere Macht­befugnisse sicherte. >

Wenn es aber tatsächlich so gewesen wäre, daß der Arbeiter nur.um die Lohntüte ge­kämpft hätte, so konnte man ihm heute keinen besonderen Vorwurf daraus mächen, denn er hätte sich ins' hr guter Ge­sellschaft dabei befunden. Man zähle uns doch einmal die Kreise von früher auf, die nicht in erster Linie — und zum größ­ten Teil ausschließlich — um die „Lohntüte" kämpften! Wenn die Kartelle und Syndikate ihre Preise in die Höhe schraubten, die ein­zelnen Berufsorganisationen um erhöhte Gehaltstarife kämpften — war das etwas anderes, als es der Arbeiter tat, wenn er ein paar Groschen mehr verlangte. Ob man Lohntüte, Gehalt oder Dividende sagt, es bleibt alles e i n Begriff. Aber es war immer so gewesen, wenn der kleine Mann etwas mehr Verdienst verlangte, schlug man die Hände über den Kopf zusammen und machte die Oeffentlichkeit mobil. Denn die Existenz­verbesserung des Kleinen war und blieb in den Augen der anderen ein Wirtschaftsver­brechen. Dagegen wurde im Handelsteil der Zeitung dasjenige Unternehmen öffentlich belobt, das wieder erhöhte Dividende aus­schütten konnte.

Wir stellen die Behauptung auf, daß der Kamps um die „Lohntüte" bei den „Großen" viel mehr ein Machtkampf gewesen ist, als derjenige, den der Arbeiter geführt hat. Der Kamps von dieser Seite wurde auch am allerwenigsten um Ehre und Achtung ge­führt, denn das Kapital brachte ohne be­sonderes Zutun „Ehre" ein. Die Macht kam dann von selber. Wenn aber der Arbeiter einen Kampf um die Lohntüte mit Erfolg geführt hatte, so war er damit bestimmt nicht in den Augen der anderen an Ehre und Achtung gewachsen. Man sah darin höchstens seine „Gefräßigkeit" und seine „Unbescheidenheit".

Aber bleiben wir bei dem Kampf des Arbeiters um die Lohntüte. Wenn er ihn tatsächlich geführt hat, dann doch in erster Linie deshalb, weil er die Oeffentlichkeit daran erinnern mußte, daß er auch noch da ist, daß er auch einen Anspruch aus Leben stellen kann. Hätte er das nicht getan, dann hätte man noch viel mehr Schindluder mit ihm getrieben, als es schon der Fall war. Er wäre tatsächlich zum Kuli geworden. So lag aber in seinem Kampfe der bewußte Ausdruck des Willens, im Staate eine Stellung der Ehre und Achtung sich zu er-

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