Ausgabe 
(27.7.1935) Nr. 205
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Par1eiamtl.lageszeitung der

Das Amtsblatt des Senats

Zeitmly

Nationalsozialisten Sremens

der Lreien Hansestadt Vremen

Ns.-isauoertag -veser-Ems E. m. b. H.. Bremen. Am Eeeren 8-8 / Fernsprecher: Roland 828.

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Nr. 205 / Jahrgang

Sonnabend, 27. Zuli

kinzelpreis 15 Npf.

NSVfv (Stalillielm) in Sstpreußen aufgelöst

veispiellose liehe gegen den Nationalsozialismus / Vas Ziel der Verräter: Nllgemeine Zersetzung der Volksgemeinschaft

Unssr lagvsspisgsl I

Aus Anordnung der Staatspolizeistelle Königsberg wurde der NSDFB. (Stahlhelm) in Ostpreußen ausgelöst.

In Moskau ist der 7. Weltkongreß der kommu­nistischen Internationale eröffnet worden.

Die Regierungskrise in Holland führte zum Rücktritt des Kabinetts Colijn.

Reichsführer SS. Himmler erließ eine Ver­ordnung über die Vetätigung konfessioneller Jugendoerbände.

Gestern wurde die Atlas Levante-Linie A.-E., Bremen, gegründet.

Durch die neue Durchführungsverordnung zum Devisengesetz wird die Devisenkontrolle ver­schärft.

Die Kruppe Nordsee ruft alle Unternehmer aus, den noch stellungslosen SA.-Miinnern Arbeit zu geben.

Im Kampf um die Eaumeisterschaft besiegte Bothe-Vremen Steinmetzger-Bremerhaven.

flbl Schachlettner erklärt:

München, 27. Juli.

Abt Albanus Schachleitner, Osb., ersucht den „Völkischen Beobachter", folgende private Mitteilung zu veröffentlichen:

„2n letzter Zeit häufen sich in meinem Brief­wechsel Anfragen aus allen Teilen Deutschlands, ich möchte doch über diese und jene aktuelle Fragen meine persönliche Meinung dartun. Von vielen Arbeiten in Anspruch genommen, kann ich aus diese Anfragen nicht einzeln antworten. Hier das, was ich all diesen Fragestellern zu sagen habe:

Jetzt erst recht! In unerschütterlicher Treue siehe ich zum Führer! Ich erhlicke die mir von Gott für den Abend meines Lebens gestellte Auf­gabe darin, den Volksgenossen im Inland und Ausland zu zeigen, daß man und wie man der strenggläubige Christ (in meinem Falle: Katholik) und zugleich kämpfend und opfernd der begeisterte Nationalsozialist sein kann."

öedenkstunde am Mobe-kbrenmal

Kiel, 26. Juli

Am heutigen Freitag, 26. Juli, jährt sich zum dritten Mal der Tag, an dem das Segelschulschifs „Niobe" bei Fehmarn in einer schweren Böe ken­terte. Am Denkmal aus dem Garnison-Friedhof legte Konteradmiral Eoetting im Namen des kommandierenden Admirals der Marinestation der Ostsee, Vizeadmiral Albrecht, neben den schon niedergelegten Kränzen des Segelschulschisses Eorch Fock und verschiedener Angehöriger einen Kranz mit der Inschrift: „Die Kriegsmarine

ihren geliebten Kameraden vom SSS. „Niobe" nieder. Nach einem stillen Gedenken und einem kurzen Verweilen an den Gräbern der Ertrun­kenen verließ die Abordnung der Kriegsmarine wieder den Militärfriedhof.

I Königsberg, 27. Juli

I Auf Anordnung der Staatspolizeistelle Königs­berg als Leitstelle für die Provinz Ostpreußen ist aus Grund des 8 1 der Verordnung zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 in Verbindung mit 8 1 des Polizeiverwaltungs­Gesetzes vom 1. Juni 1931 der Landesver­band Ostpreußen des Nationalsozialistischen Deutschen Frontkämpferbundes (Stahlhelm) ein­schließlich seiner hlntergliederungen mit sofortiger Wirkung aufgelöst und gleichzeitig Beschlag­nahme des Vermögens angeordnet worden.

In der Begründung werden einige besonders krasse Vorfälle mitgeteilt: Trotz der Auslösung des Stahlhelm-Studentenringes im Dezember 1933 bestand diese Organisation unter der Leitung des Hochschulgruppenstihrers Biftrick fort und ar­

beitete im engsten Einvernehmen mit der Landes­leitung Ostpreußen des NSDFB. weiter. Daß das Ziel nur allgemeine Zersetzung der Volksgemeinschaft sein konnte, trat am deutlichsten zutage bei dem Besuch dieser Führer­clique in Arnau, wo die Fahnen des aufgelösten Studentenringes aufgestellt sind. Der Bericht die­ser sogenannten Führer über diesen Besuch lautet: „Die Trauerflore von unseren Fahnen wurden nicht abgenommen. Es wurde gesagt, wir hätten keinen Grund, wir warteten aus andere Zeiten. Den Befehl, die für Versailles angebrachten Trauerflore abzunehmen, hat Seid te bei der Wiedereinführung der Wehrpflicht gegeben, aber von diesem Verräter haben wir uns getrennt. Leider wurde auch darauf verzich­tet, die nazistischen Fahnenbänder zu entfernen. Nach dem Gottesdienst fuhren wir in die Stadt und tranken und aßen in einem schönen alten Weinlokal. Wir tranken uns gehörig fest. Die tollsten Witze des Dritten Reiches und die bitter­

sten Vorwürfe gegen das System erfüllten unser Zimmer. Es war eine seltene Einheitlichkeit."

Ihre Ansicht über den Muttertag gaben diese Führer wie folgt kund: „Voy der organisierten Mutterliebe halte ich nichts. Ich möchte meine Empfindungen an einen von der Reichsgeltungs- bedllrfnisanstalt festgesetzten Tag des Jahres nicht binden."

Der Sozialismus dieser Herren geht aus fol­gendem Ausspruch hervor: „Wenn ich so häßlich und klein wäre, würde ich auch Sozialist sein." Ueber die Fliegerei des Deutschen Reiches äußerten sich diese Nationalisten wie folgt: „Ich bin mir zu schade, als daß sich über mein« Leiche die deutsche Luftfahrt emporschwingen sollte. Doch gut, daß es auch Draufgänger gibt, die das Geld und das Spiel mit dem Schicksal lockt." Den Film des Reichsparteitags „Triumph des Willens" be­zeichnet diese Führerschicht als „eklatanten Fall von religiösem Wahnsinn".

Sind die Zuden eine Minderlieiir

Das Judentum versucht in letzter Zeit, das Minderheitenschutzgesetz für sich in Anspruch zu nehmen. Die folgenden Darlegungen zeigen, wie absurd dieses Unternehmen ist.

Die Frage erscheint auf den ersten Blick ab­surd. Denn natürlich gibt es weniger Juden in Deutschland als Arier; selbstverständlich sind sie zahlenmäßig eine Minderheit. Aber über das rein Zahlenmäßige hinaus hat das Wort Min­derheit eine technische Bedeutung. Mit ihm ver­bindet sich ein bestimmter Begriff, den die fol­genden Zeilen erläutern sollen.

Im Weimarer Staat und vorher gab es den Begriff und das Schlagwort von „religiösen Minderheiten". Er war mit dem Parteien- wesen jener Zeit auffällig eng verbunden. Wir erinnern uns, daß das Zentrum sich ausdrücklich zum Ziele gesetzt hatte, die „Rechte der religiösen Minderheiten in Deutschland" politisch zu vertre­ten. Es sprach bewußt nicht von einer religiösen Minderheit, nämlich den Katholiken, um den An­schein einer konfessionellen Partei zu vermeiden, sondern von den religiös e n Minderheit e n. Und das hatte zur Folge, daß auch die Juden ihre Interessen durch das Zentrum gewahrt fanden. Schon unmittelbar nach der Novemberrevolte 1918 nahm das orthodoxe Judentum die Verbindung mit dem Zentrum auf; schließlich führte die Ent­wicklung dahin, daß die christ-katholische Zen­trumspartei einen nicht einmal durch die Taufe getarnten Juden zum Reichstag kandidieren ließ. Diese Vorgänge setzten voraus, daß das Juden­tum eine Konfession sei. Diese Lüge ist inzwischen durchschaut; die Konfessionen sind Erscheinungs­orten des christlichen Glaubens und können als solche das Judentum nicht in sich begreifen. Aber wenn auch keine Konfession, so sind die Juden doch eine Religion. Gewiß, aber eine Religion, welche an die jüdische Rasse gebunden ist und welche ausschließlich der Erhaltung dieser Rasse und ihrer Organisation, eines internationalen „Staates", dient.

Der Führer schreibt darüber („Mein Kampf", S. 168): „Der jüdische Staat war nie in sich räumlich begrenzt, sondern universell unbegrenzt auf den Raum, aber beschränkt auf die Zusam­menfassung einer Rasse. Daher bildete dieses Volk auch immer einen Staat innerhalb der Staaten. Es gehört zu den genialsten Tricks, die jemals erfunden worden sind, diesen Staat als „Religion" segeln zu lassen und ihn dadurch der Toleranz zu versichern, die der Arier dem religiö­sen Bekenntnis immer zuzubilligen bereit ist. Denn tatsächlich istdiemosaischeReligion nichts anderes als eine Lehre der Erhaltung der jüdischen Rass e." Diese

„Keneralswb ver welttevolutlon

Vor 7. Weltkongreß / sallstklrmabsprlngerlnnen vor der kommunistischen Internationale

Moskau, 27. Juli.

Der 7. Weltkongreß der kommunistischen Inter­nationale trat am Donnerstagnachmittag unter Teilnahme von Vertretern der kommunistischen Parteien aus 68 Ländern im Eewerkschaftshaus zusammen. Dem Kommunisten Wilhelm Pieck wurde die Aufgabe zuteil, den Kongreß für er­öffnet zu erklären. Nach seiner Ansprache wurde ein 42gliedriger Porstand gewählt. Im Anschluß daran wählte der Kongreß auf Vorschlag eines spanischen Kommunisten Thälmann in Abwesen­heit zum Ehrenvorsitzenden.

Das Tagungsprogramm sieht folgende Punkte vor: Rechenschaftsbericht des Vollzugsausschusses der Komintern; Vordringen des Faschismus. Vor­bereitung des imperialistischen Krieges; Wahlen.

Nach der Annahme des Tagungsprogramms sprach u. a. ein Mitglied der kommunistischen Partei Spaniens, der „den hier versammelten Generalstab der Weltrevolution" feierte.

Dann folgte ein für diese Umgebung bezeich­nendes Zwischenspiel. Den Saal betrat eine Ab­ordnung von männlichen und weiblichen Fall- schirmabspringern, die zur Erhöhung der theatralischen Wirkung himmelblaue Hosen trugen. Einer von ihnen hielt eine Rede, in der u. ä. erklärt wurde: „Wir wollen würdige Kämp­fer zur Verteidigung unseres großen Vaterlandes werden. Wir werden uns schlagen, so wie sich kein Soldat eines imperialistischen Landes schlagen kann. Wir werden siegen, weil wir in der Schlachtentradition der Partei erzogen sind." Dieser Ansprache folgte die Rede einer Fallschirm­springerin, die noch kriegerischer als ihr männ­

licher Genosse auftrat und unter anderem er­klärte: „Wir haben den Leipziger Prozeß, die Aufstände in Asturien und die Kämpfe der chine­sischen Roten mit Aufmerksamkeit verfolgt. Wenn wir im Augenblick noch keine Möglichkeit haben, den leidenden ausländischen Proletariern zu helfen, so mögen ihnen unsere Erfolge ein Unter­pfand für die Zukunft sein."

Pieck wandte sich u- a. im weiteren Verlauf seiner Ansprache immer wieder mit besonderem Haß gegen das neue Deutschland und erging sich in diesem Zusammenhang in wilden Kriegsdro­hungen. So verkündete er, daß das „Proletariat und der Kommunismus" nicht umhin können würden, einzugreifen, wenn der „deutsche Faschis­mus" einen Anschlag auf die nationale Unabhän­gigkeit und Einheit heute selbständiger kleiner Nationen Europas unternehmen sollte(!)

Der 7. Weltkongreß der kommunistischen Inter­nationale liefert der ganzen Welt wieder einmal den schlagenden Beweis dafür, daß die politische Einstellung Sowjetrußlands unter keinen Umstän­den mit den Erundauffassungen der europäischen Staaten in eine Linie gebracht werden kqnn. Wenn trotzdem die französische Regierung noch .vor kurzem geglaubt hat, mit Sowjetrußland ein Militärbündnis abschließen zu sollen, ohne dabei auf die unüberbrückbare Kluft Rücksicht zu neh­men, die zwischen dem Bolschewismus und den anderen politischen Weltanschauungen besteht, so wird man in Paris und überall in der Welt aus den Reden, die jetzt in Moskau gehalten worden sind, abermals mit aller Deutlichkeit entnehmen müssen, daß diese äußere Annäherung,

die Moskau an einem anderen Staat vollzieht, nicht den geringsten Einfluß auf die grundsätzliche Haltung der Bolsche- wisten hat. Der Kongreß der Komintern hat sich selbst als den „Generalstab der Weltrevo- lution" bezeichnet und diese Parole ist in Mos­kau in Anwesenheit der gleichen politischen Per­sönlichkeiten ausgegeben worden, die zu anderer Zeit mit derselben Selbstverständlichkeit nach Genf fahren und sich dort aktiv an der Völkerbunds­politik beteiligen.

In Genf vertritt man (wenn auch nicht immer mit positivem Erfolg) das politische Programm des Friedens und der Achtung vor den Verträgen. In Moskau erklärt man hohnlächelnd, daß die Genfer Politik nichts anderes als ein „Geschwätz der Nichteinmischung" sei. In Moskau treten die­selben, die in Genf so gut den Redestil des inter­nationalen parlamentarischen Getriebes gelernt haben, als unverhllllte Demagogen und Apostel der Weltrevolution auf. Wer diese Gegensätze noch auf einen Nenner zu bringen vermag, muß wahr­haftig ein politischer Tausendkünstler sein. So mag man sich vor allen Dingen in Paris wieder einmal die Frage vorlegen, mit wem man sich beim Ab- schluß des russisch-französischen Militärbündnisses an «inen Tisch gesetzt hat. In Deutschland und hof­fentlich in recht vielen Ländern der Welt wird man aber aus den Verhandlungen des Moskauer Kongresses erneut eine Bestätigung dafür ent­nehmen, daß unsere Auffassung vom We­sen des bolschewistischen Staates und unsere War­nungen vor der Propaganda der bolschewistischen Weltrevolution nur allzu berechtigt ge­wesen sind.

Rudolf pausten

warum ist die L^rik wichtig?

Vor einigen Jahren hätte mein Aufsaß noch be­weisen müssen, d aß die Lyrik wichtig ist, heute soll er zeigen, warum sie wichtig ist. Daran er­kennen wir den Schritt vorwärts, der tatiächlich gemacht worden ist. Die Lyrik steht nicht mehr als Aschenputtel in der Schmutzecke, sie hat ihren Platz in der Thinghalle des Volkes zurück­gewönnen. Verstummt sind alle eleginhen Klagen über den Tod der Lyrik, vergessen unzählige Auf­sätze mit der Frage: stirbt die Lyrik? Niemand ist mehr der Meinung, daß nur das Drama und der Roman Daseinsberechtigung haben, obwohl es natürlich durchaus richtig ist, den jungen Dichtern W raten, sich nicht mit lyrischen Versuchen zu be­gnügen. Die wahren Lyriker bleiben deshalb dach hei dckr Lyrik. Und es ist nicht besser, wenn in Drama und Roman gepfuscht wird statt in der Lyrik, eher sogar schlimmer, sofern schlechte Lyrik Aussicht hat, 'im Verborgenen zu blühen und zu welken, während Romane, weil sie mehr „gefragt sind, selten ganz angelesen am Volke vorüber­gehen. Das schlechte Drama allerdings durfte heute mit einiger Sicherheit vom Erscheinen vor der Öffentlichkeit ausgeschlossen sein.

Immerhin wundern wir uns, wie schnell No- wane und Dramen überhaupt verschwinden, die vielleicht sogar eine Zeitlang hoch in Gunst stan­den. Was sind die Namen ganzer. Scharen von Dramatikern neben denen der größten Lyriker! Pergessen und versunken. Warum nur. List

nannten sie sich „Bühnendichter" ... ja, waren s nur Dichter gewesen! .. .

Da eben liegt es. E i n L y r l k e r d e r l a n , S - r leben ' will als einen Tag, muß,

!ch°n ein wirklicher Dichter >ein OK

braucht er dreißig Jahre, bis das Volk ihn er­kennt und anerkennt. Ost wird er erst nach !-inem Dode entdeckt und heginnt dann erst jern eigent­liches Leben, indem er wirkt. ,

, Dramatiker, die echte Dichter waren, leben auch heute noch, und wenn sie vor hundert Jahren

starben, wohingegen Bühnenschriftsteller, die vor fünf Jahren berühmt waren, heute schon unbe­kannt sind.

Kinder spielen oft Theater. Sie bewegen sich dramatisch mit Dolch und Gewehr, mit Hinter­halt und Lärm. Blechdonner und Trompeten; aber sie dichten nicht. Und warum nicht? Weil ihnen das Wort unwichtig ist, nur Pathos und Geste bedeutsam. Davon ist.vielen Dramatikern etwas geblieben. Auch sie. längst erwachsene und ernst­hafte Leute, nehmen das Wort nicht wichtig ge­nug. Wort-Kunst ist zwar eine nicht unbestritten gute Bezeichnung, sie steht nicht unbedingt richtig für Dichtung, aber in diesem Falle muß schon von Wort-Kunst gesprochen werden. Denn wirk­lich müßten die Dramatiker das Wort so auf die Goldwaage legen, wie das die Lyriker tun, seit die großen lyrischen Dichter der letzten Jahrzehnte sie dazu erzogen haben. Es würden nicht Tausende von gedruck­ten Dramen ungelesen in den Bibliotheken mo­dern. nicht Tausende von ausgeführten aus dem Gedächtnis gerottet sein, wenn sie sich einer sorg­fältigeren Sprache beflissen und also von der Lyrik etwas angenommen hätten.

Ein Drama kann im Augenblick starke Wirkung üben und ist doch schon zum Tode verurteilt, wenn es nicht auch ohne die Bühne leben kann. Das kann es aber nur, wenn es als Sprachkunstwerk sicher in sich selbst steht - . . - >

Es kann sein, dag nicht zuviel gefordert wird. jeder Dichter müsse neben und zu allem andern unbedingt ein guter Lyriker sein, wie gering dem Umfang nach sein lyrisches Werk auch bleibe. Er müsse ein vollkommenes dreistrophiges Esdickft schreiben können wer ein vollkommenes Drama wolle dichten können. Denn von vornherein ,e' das gedichtete Drama dem Umfang nach zu groß als daß der Anfänger den großen Rahmen ,o- ileich ohne Vorübung auf engstem Felde auszu­füllen vermögen werde.

Wir proklamieren also die Lyrik als den Zuchtmeister unserer dichterischen Sprache. Es wäre ein Wahn, diesen Zucht­meister für milde zu halten. Sieht denn nicht einem elenden Gedicht sogleich jeder durch die plundrigen Lappen? Wie viel eher nötigt ein mißlungenes Drama, ein minderwertiger Roman Achtung ab, allein-durch ihre Länge! Das über­schaubare Gedicht aber legt vor dem kritischen Auge bloß. Der lyrische Dichter kann sich am wenigsten verstecken. Seine moralischen wie seine künstlerischen Qualitäten sind am schwersten zu tarnen. Ein langes, nichtssagendes Gedicht emp­findet jedermann sogleich als zu lang, weil lang­weilig. Beim Drama und Roman ist der Umfang einigermaßen gleichbleibend. Ein fünfaktiges Drama imponiert also auf jeden Fall, weil auch Goethe Fünfaktiges geschaffen hat, ähnlich steht es mit dem Entwicklungsroman von sechshundert Seiten.

Daß die Lyrik leicht sei, gar die leichteste der dichterischen Formen, wird heute wohl so schnell niemand mehr behaupten. Sollte aber diese ehe­mals allgemeine Meinung noch irgendwo ver­breitet sein, dann möge einmal umso schärfer be- tont werden, wie schwer es ist, kurz und zu­gleich bedeutend zu sein. Das lyrische Ge­dicht ist unrevidierbar, es kann auch nicht in dem Maße vom Leser oder Hörer revidiert werden wie das Drama oder der Roman, an denen die Fan­tasie und Interpretation des Aufnehmenden kräftig mitarbeitet, Fehlendes ergänzt, über Un­nötiges hinweggleitend.

Die Lyrik ist im Grunde ohne Spannung. Im Roman und im Drama hilft das Moment der Spannung über leere Stellen hinweg. Das Ge­dicht aber ist entweder gut, dann ist es rund und ohne Spannung, oder es ist eben schlecht (von der Ballade ist hier abgesehen).

In einem guten Gedicht muß jedes Wort, jede Silbe am rechten Ort eingerammt stehen. Kaum je können wir uns in einem Mcistergedicht irgend­ein Wort durch ein anderes ersetzt denken, was bei Drama und Roman durchaus möglich ist. Es wird allerdings auch hier um so weniger möglich sein, je dauerhafter ein Werk ist. Doch liegen

schon die Kontroll- und Aufmerksamkeitsverhält­nisse ganz anders, weil nur selten jemand einen Roman oder ein Drama „auswendig" kann. Das gute Gedicht aber trägt man mit sich und das setzt seine Unveränderlichkeit, seine Vollkommen­heit voraus.

Karl Vurkert

Die

Der Vorhang ist zum letztenmal gefallen, un­widerruflich zum allerletztenmal. Die Beifalls­stürme sind vertoft. Ein paar Hände, die noch nachklappen, kommen schon zu spät, erregen einige Verwunderung. Auch die Tränen gelten jetzt nicht mehr, werden, wo sie noch in einem Auge, an einer Wange glänzen, verlegen und eilig fortaewischt.

Schon sind die Türen geöffnet. Die weiche, wür­zige Luft der Aprilnacht wogt herein, spült das letzte Fetzlein Illusion hinweg und bringt die Menschen wieder zu sich selbst. Nun wissen sie, daß das alles nur ein Spiel war. Aber welch ein Spiel! Nein, „Kabale und Liebe" werden alle, die heute diese Premiere erlebt haben, nie und nimmer vergessen.

Und wer hätte sie nicht erlebt? Die ganze Resi­denz war heute auf den Beinen. Aber nicht nur das. Auch von Heidelberg, Worms, Speyer und Mainz war man, zu Roß und Wagen, nach Mann­heim gekommen, und wenn auch die wenigsten eine Loge erhalten konnten, man war ja schon zu­frieden und glücklich, wenn man nu> hineinkam.

Aber das ist jetzt vorbei. Noch eine kurze Weile blitzt und flirrt es von Degen unü Tressen, von seidenen Fräcken und bauschigen Kriolinen aus dem mondhellen Platz vor dem kleinen kurfürst­lichen Theater, dann rollt eine Karosse nach der anderen davon, verlieren sich allmählich auch die Fußgänger, und dann wird es still

Aber es wird heute und morgen und in den folgenden Wochen noch viel von dieser Premiere gesprochen werden. Seit den .Räubern", bei de­nen es beinahe zu einem Skandal kam, bei denen man schluchzte, aujschrie, die Fäuste ballte und

Auch . das spricht für die Wichtigkeit der Lyrik. Kann jeder eine solche mit sich tragen, so könnte auch jeder durch die Wortkunst der Lyrik sprachlich erzogen werden, zur Sparsamkeit, zur Genauigkeit, zum eigentlichen Ausdruck, kurz: zur Kürze und damit zur Ehrfurcht vor dem Wort.

e Luise

in Ohnmacht sank, sich wie ein Irrenhaus gebär- dete, gilt „Kabale und Liebe" für die größte Sen­sation, die das Nationaltheater bis da gesehen hat. Die einen jubeln über die hohe, freie Ge­dankenwelt, die in diesem Stück emporflammt, die anderen schaudern vor dem Chaos, das es, nach ihrer Meinung, unabwendbar heraufbeschwören muß, und sie prophezeien den Untergang aller menschlichen und göttlichen Ordnungen.

Auch mit den Darstellern des heutigen Abends wird man sich noch lange begeistert beschäftigen. Man weiß, man kann sich sehen lassen mit diesem Ensemble. Die glänzendsten Namen, die die deut­sche Bühne kennt, hat Herr von Dalberg, dieser weltberühmte Intendant, in seiner Truppe ver­einigt. Die Frauen, wenn sie von Jffland sprechen, der diesmal die Rolle des Ferdinand hatte, be­kommen ekstatische Augen. Und wenn die Män­ner an Mademoiselle Baumann und ihre Luise denken, diese erste Luise in „Kabale und Liebe", dann möchten sie am liebsten niederknien.

Nur von einem ist kaum einmal die Rede, von diesem jungen Theaterdichter. Was weiß man von die>em Herrn Schiller? Nicht viel. Und das wenige, was über ihn im Umlauf ist, das kann ihn schwerlich empfehlen.

Er sei ein daoongelaufener Regimentsmedikus, der dem Herrn von Dalberg binnen Jahresfrist, sur lumpige dreihundert Gulden, drei abend­füllende Stücke schreiben müsse, wolle er nicht mit Schimpf und Schande davongejagt werden. Er habe Schulden bis über den Haarbusch hin­auf und wohne bei einer armen Beamtenwitws in einer kahlen, schimmligen Kammer. Er ist ein