Ausgabe 
(19.7.1935) Nr. 197
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parteiamtl.IagesMtung der

Das flmtsblatt des Senats . der Freien Hansestadt Bremen

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Nr. 19? / 5. Jahrgang

Zreitag, 19. Juli

kinzelpreis 15 Nps.

Nationalsozialisten vremens

krlaß gegen Mißbrauch geistlicher stutorital

kermann Söring spricht ein ernstes Wort / kein Kulturkampf, aber Mndung an den Treueid

Onssr lagssspisgsl

! Ministerpräsident Eöring weist die Behörden zur Ahndung staatsfeindlicher Vetiitigung politisierender Geistlicher an

Reichsminister Kerrl wurde mit der Bearbei­tung aller Kirchenfragen im Reiche betraut

Der Kaiser von ALessinien forderte vor dem i Parlament sei« Volk zum Freiheitskampf bis > auf den letzten Man» auf

z Die Sammlung für die Unwetter-Geschädig­ten in Bremen wurde mit einem guten Er- s gebnis abgeschlossen

t- Reg. Bürgermeister Heider und Senator Laue ' statteten den Hitler-Jugend-Lager» in Bad i Essen einen Besuch ab

k In Auswirkung einer notwendig gewordenen s Sanierung wurde die Notierung für die Aktien der Hapag-LloydMnion in Hamburg « und Berlin ausgesetzt

L Schieneuzepps gingen über Bremen nach A llebersee

? Aus der Strecke HamburgBremen ereignete

t sich ein Verkehrsunfall, bei dem zwei Men- k scheu den Tod fanden

Unter begeisterter Teilnahme der Bevöl­kerung nahm in Bremen das 1. Gaufest Nie­st dersachsen seinen Auftakt

Kerrl Neichsminister für Kirchenfragen

s Berlin, 19. Juli.

Im Reichsgesetzblatt Teil I Nr. 8V vom 18. Juli wird folgender Erlab veröffentlicht:

Auf den Reichsminister ohne Geschäftsbereich, Kerrl, gehen die bisher im Reichs- und Preußi­schen Ministerium des Innern, sowie im Neichs- und Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Er-

- Ziehung und Volksbildung bearbeiteten kirchlichen ^ Angelegenheiten über. Wegen der Ausführung M dieses Erlasses treffen die beteiligten Reichs- und N Preußischen Minister nähere Bestimmungen.

- Der Führer und Reichskanzler AdolfHitler; s Der Neichsminister des Innern Dr. Frick; Der

Neichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Ruft; Der Preußische Minister­präsident i. V. Körner.

Deutscher lanMfotg in London

London, 19. Juli.

^ Die erste öffentliche Vorstellung des inter- s nationalen Volkstanzes in London brachte den H Veranstaltern einen ungewöhnlichen Erfolg. Die r riesige Albert-Halle war bis auf den letzten Platz s . gefüllt. An dem Erfolg des Abends hatten auch f die deutschen Teilnehmer ihren Anteil, da sie die ! Vorstellung mit dem Rothenburger Schäfertanz ! eröffnen konnten. Die exakten Figuren dieses SVO ! Jahre alten Volkstanzes rissen die Zuschauer - immer wieder zu stärkstem Beifall hin.

Berlin, 19. Juli.

Der Preußische Ministerpräsident und Chef der Geheimen Staatspolizei, General Göring hat in einem Erlaß an die Oberpräsidenten und Re­gierungspräsidenten sich mit der ablehnenden Hal­tung gewisser Kreise des katholischen Klerus gegen den Nationalsozialismus Und seine Einrichtungen befaßt. In bewußter Verkennung der außerordent­lichen Leistungen des nationalsozialistischen Staa­tes und im Gegensatz zu der bereitwilligen An­erkennung, die ihm das gesamte Volk für seine erfolgreichen Anstrengungen auf allen Lebens­gebieten zollt, glaubt eine Anzahl katholischer Geistlicher immer noch, die ihnen anvertrauten Volksgenossen an der nationalsozialistischen Idee irre mache» zu sollen, nur weil sie ihren poli­tischen Einfluß schwinden sehen.

Der Ministerpräsident lehnt die Entfesselung eines Kulturkampfes gegen die Katholische Kirche nach wie vor auf das bestimmteste ab. Er hält

(Lonäsrboriobt äorLrswsr Leitung")

Lr. Berlin, 19. Juli.

Der Kaiser von Abessinien, Haile Selassie, hat nunmehr seine mit fieberhafter Spannung erwartete große Parlamentsrede ge­halten. Nach einem Rückblick auf die Entwicklung des italienisch-abessinischen Streitfalles erklärte er mißbilligend, daß Italien im Gegensatz zu den Beteuerungen seines Friedenswillens weiter für einen Eroberungskrieg rüste. In Abessinien da­gegen sei der Völkerbund bereits dreimal zur friedlichen Beilegung des Konflikts angerufen worden. Mussolini habe alle Friedensangebote zurückgewiesen und Abessinien der Sklaverei beschuldigt, obschon diese beseitigt sei.

Der Kaiser erklärte dann wörtlich:Nun steht der Krieg vor der Tür. Trotz unseres gezeigten Friedenswillens rückt der Krieg stündlich näher. Es ist unsere Pflicht, unser Land zu verteidigen. Auch im Jahre 1896 hat Abessinien keinen Krieg gewollt. Damals haben die Italiener unser Land mit Eroberungsabsichten angegriffen und wollen dies heute wiederhole». Mit Gottes Hilfe hat Abessinien diesen Krieg gewonnen, es hat aber den Ausgang der Adua-Schlacht politisch nicht ausgewertet. Wir haben alles getan, um den Frieden zu wahren. Um der Ehre der Nation willen aber lehnen wir ein italienisches Protek­torat ab. Wir haben ein reines Gewissen und sind schuldlos am Krieg. Abessinien kämpft bis zum letzte» Mann für seine Unabhängigkeit. Es wird den modernen Waffen Italiens die Bereitschaft entgegensetzen, sein Land und seinen Kaiser bis zum Tode zu verteidigen. Der Kaiser wird mit seinem Volk lieber kämpfen und sterben als die Freiheit verlieren.

es aber für unbedingt notwendig, mit aller Ener­gie gegen diejenigen Bestrebungen vorzugehen, die von dem politischen Katholizismus her dem nationalsozialistischen Staate im Kampfe ent­gegentreten.

Demgemäß hat er, um dem Treiben solcher anti- nationalsozialistischenkatholischenGeistlichkeit, deren Einstellung und Haltung immer noch in der Ge­dankenwelt der ehemaligen Zentrumspartei wur­zelt, ein Ende zu bereiten, die Staatsbehörden angewiesen, mit allen gesetzlichen Mit­teln gegen solche Mitglieder des Klerus vor­zugehen, die die Autorität ihrer geist­lichen Stellung zu politischetr Zwecken mißbrauchen. Der Erlaß führt unter anderem aus: Die Linie der Staatsführung in der Behandlung des politischen Katholizismus ist eindeutig und klar vorgezeichnet.

Der nationalsozialistische Staat gewähr­leistet die Unversehrtheit der christlichen und

Der Kaiser schloß mit einem Ausruf an das abessinische Volk, alle Standes-, Klassen- und Religionsunterschiede beiseite zu lassen und im Kamps zusammenzustehen. Die Frauen forderte er aus, sich als Pflegerinnen bereitzuhalten.Es lebe Abessinien! Wir sterben für Abessiniens Freiheit! Gott mit uns!"

Brachen schon die Versammelten in stürmische Beifallsrufe aus, so wuchs im Anschluß an die Parlamentsrede die allgemeine Begeisterung in Volksversammlungen, die überall unter freiem Himmel veranstaltet wurden, noch mehr an.

Eine Londoner Zeitung veröffentlicht ein Interview mit dem Kaiser von Abessinien, bei dem sich dieser auch über die Möglichkeit territorialer Zugeständnisse - äußerte. Es komme, so betonte er, nur ein Austausch von Gebieten in Frage.

Abessinien lehne es unbedingt ab, eine der nördlichen Provinzen abzutreten, die Bezirke von Arussi, Galla, Bale, Liban und Voran käme» nicht in Frage. Es könne sich unter Voraussetzung der Gegenleistung nur um einen Teil von Ogaden lan der Grenze von Jtalienisch-Somaliland) handeln. Aber Voraussetzung sei, daß das Angebot von Ab­tretung von Zeila bestehen bleibe.

Was die Drohung Italiens angehe, in Genf die Frage der Sklaverei aufzurollen, so beschränke sich die Sklaverei nicht auf Abessinien, sondern blühe auch in Tripolis und Eritrea.

Wie aus Kairo gemeldet wird, erklärte der abessinische Kaiser in einer Unterredung mit einem ägyptischen Zeitungsvertreter, daß er es als un­freundliche Handlung betrachten würde, wenn die ägyptische Regierung das Ueberfliegen ägyptischen

damit auch der katholischen Kirche; er gewährt ihr und ihren religiösen Einrichtungen seinen Schutz.

Die Zeiten, in denen der Wille und die Macht des Staates nicht hinreichte, die Kirche vor den zersetzenden Einflüssen der Eottlosenbewe- gung wirksam zu schützen, sind vorüber. Für die Kirche entfällt damit jede Veranlassung, über das Gebiet religiöser Betätigung hinaus politische Einflüsse aufrechtzuerhalten oder von neuem an­zustreben. Sie darf daher weder Gott an­rufen gegen diesen Staat, eine Unge­heuerlichkeit, die wir in offener und ver­steckter Form allsonntäglich erleben, noch darf sie eigene politische Kräfte unter der fadenscheinigen Begründung organisieren, sie müsse vom Staat her drohende Gefahren ab­wehren.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Gebietes durch italienische Flugzeuge gestatten würde.

Weiter ist ein aufschlußreiches Telegramm M u s s o l i n i>s an den Generalgouver- neur in Ostafrika, de Bono, zu verzeich­nen, in dem der Duce das unaufhaltsame Tempo anerkennt, mit dem der Generalgouverneur seine militärischen Aufgaben erfülle. Straßen, Kranken­häuser, Kasernen, Lebensmittellager, für alles, was ein großes Heer brauche, sei vorgesorgt. Das Telegramm des Duce an seinen Kampfgenossen endet mit den Worten:Es bleibt noch vieles zu tun übrig, aber auf Grund Deines Berichtes glaube ich, daß der schwierigste Augenblick über­wunden ist, und ich bin sicher, daß Deine Arbeits­erfüllung im zweiten Semester noch befriedigender sein wird."

Aus Paris kommt die Meldung, daß die Be­mühungen des Völkerbundssekretärs Avenol, Verhandlungen zwischen England, Frankreich und Italien außerhalb des Völkerbundes zu er­reichen, kläglich gescheitert sind. Die Engländer seien nach wie vor der Meinung, daß der Streit­fall vor den Völkerbund gehöre. Es sei deshalb mit dem Zusammentritt des Völkerbundsrats Ende Juli zu rechnen.

Das Washingtoner Staatsdeparte­ment tritt in einer neuen Verlautbarung gleich­falls für eine friedliche Lösung des Konflikts RomAddis Abeba ein. Amerika verfolge ständig die Entwicklung des Streitfalles. Angesichts des Fortschrittes in der Welt und der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung sei es dringend notwen­dig, politische Absichten nicht mit kriegerischen Mitteln durchzusetzen.

Kalk!

kermann Lörings ernste Warnung

« Bremen, 19. Juli.

Das Matz ist voll!" So schrieben wir im Hin­blick auf das dunkle Treiben politisierender Geistlicher der katholischen Kirche im national­sozialistischen Reiche vor kaum einer Woche an dieser Stelle. In der Tat, das Matz ist voll und es mutzte von Staats wegen endlich klar­gestellt werden, daß die nationalsozialistische Staatsführung nicht gewillt ist, dem schädlichen Treiben politisierender Geistlicher noch länger mit Langmut zuzusehen: es mußte im Gegenteil festgestellt werden, daß die Staatsführung fest entschlossen ist, mit der ganzen Strenge des Ge­setzes gegen diejenigen einzuschreiten, welche die Autorität ihrer geistlichen Stellung politisch mißbrauchen und den dem Staate geleisteten Treueid brechen.

Hermann Göring, der getreue Schild- halter des Führers, der Schützer und Wahrer nationalsozialistischen Ansehens und national­sozialistischer Macht, Hermann Göring, der stets mit prachtvollem Schwung dort vorwärts Stür­mende, wo es gilt, Bastionen der nationalsozia­listischen Staatsauffassung zu erobern oder zu verteidigen, Hermann Göring hat als preußi­scher Ministerpräsident und Chef der Geheimen Staatspolizei die Offensive gegen die Dunkelmänner ergriffen und ihnen, die da dreist und ohne Scheu und unter den Augen von Partei und Staat gegen Staat und Bewegung arbeiten, ein zwingendes Halt ge­boten. Nicht mehr wird es der Staat fernerhin dulden, daß Leute in geistlichen Gewändern die Religion auf der Kanzel, in der See!- sorge und im Religionsunterricht mißbrauchen, Menschen deutschen Blutes und noch dazu meist im jugendlichen Alter gegen den Nationalsozialismus aufhetzen, den national­sozialistischen Staat ihnen verleiden und sogar verächtlich machen.

Es ist ein dankenswerter Erlaß, den Her, mann Eöring soeben gegen den politischen Ka­tholizismus ausgab und er wird seinen Zweck, eine ganz klare Scheidung zwischen Religion und Politik herbeizuführen, bestimmt nicht verfehlen. Wir, die wir selbst auf bedeutsamem Vorposten unsere Beobachtungen machen und unserWer da" warnend schon wiederholt den geheim im nationalsozialistischen Staat wühlenden, politi­sierenden katholischen Geistlichen zurufen muß­ten, wir freuen uns um so mehr des Erlasses, der dem Wiederauftauchen einer versunkenen ehemaligen Zentrumswelt die letzten Möglich­keiten nimmt, da wir der Ueberzeugung sind, und immer der Ueberzeugung waren, daß der Mißbrauch der Religion zu politischen

wir sterben für stvesstniens freistem

See Kaiser von stbesfinien: «Nun steht der Krieg vor der 7üe"

Mlstelm flinker

Kommende deutsche Baukunst

Seinrich Wölfflin, der Schweizer Kunst­wissenschaftler, der vordem den Berliner und en Münchener Lehrftuhl innehatte, ist im vori- -n Jahr 70 Jahre alt geworden. Soeben er­sinnt im Verlag Wolsgang Ich (Dresden) die estschrist, die ihm Freunde, Schüler und Amts, --enossen darbringen. Wir veröffentlichen einige Leiten aus einem Aufsatz von Wilhelm Pin- der, der heute aus Wölsflins Münchener Lehr- stuhl sitzt. Der Aussatz heißt:Architektur und Moral".

Je mehr im Laufe der Geschichte die Persönlich- nten sich gegeneinander zerspalteten, desto großer >urde ihre Entfernung nicht nur voneinander, >ndern auch vom Ganzen ihres Volkes ors n einen Punkt, wo das Ganze überhaupt zu zer- eißen drohte. Das ist nicht nur besonders deut­sches Schicksal der Deutschen, die in ihrer ganzen ^schichte Katastrophen angezogen haben, wie der Ntzableiter den Blitz das ist zuletzt europai- hes Schicksal gewesen. Die Freiheit des Willens «er, der sich Lagegenstemmt, ist bei uns gerade eute um ebensoviel deutlicher geworden, als Deutschlands Katastrophen, seine Leiden, ferne Mhen, seine Taten (denken wir nur an den veltkrieg) über alles Maß großer waren als die er anderen. Jener tragische europäische Vorgang ber spiegelt sich in der Kunst selber. . .

Er wird im späteren 19. Iah rhu n d e r t eutlich als Formengeschichte. Die allgemeine !°rsetztheit, der Mangel eines bindenden Clau­sens, einer bindenden Gesinnung, ohne d,e große -tile noch niemals möglich waren offenbarte sich n der Kunst. Nur eine der bildenden Künste

°?r noch wenigstens zu hervorragenden E,nM-

eytungen in größerer Zahl fähig: die Malerei, rme andere aber war ebenso besonders unfähig, ">ch eigenen Stil zu haben: die Architektur, drefe Zeit, die wohl noch raffinierte Bilder (ber keinen monumentalen Bau °us eigener ^ra! erzeugte, war ohne Ganzheitlichkeit. var d:. Musik. des Dichtens, des Denkens rn

Einzelköpfen fähig, so wie in der bildenden Kunst noch gerade der Malerei (oder einer der Male­rei verfallenen Plastik), weil hier noch ein pri­vates Dasein möglich war: Das Einzige, was im letzten Grunde galt. Große Architektur ist stets das Gesicht einer überindividuellen Ganzheit, so sehr sie auch durch große Persönlichkeiten geformt werden muß.

In allen echten großen Zeiten, in allen durch einen eigenen Mythos gebundenen, erfolgte die architektonische Leistung, die Leistung des großen Einzelnen, im unverkennbaren Auftrage eines Ganzen. Nicht sich selbst zuletzt suchte der Künst­ler er suchte das bindende Wort für alle, die seiner weiteren Umwelt zugehörten. Architektur ist das Gesicht eines überpersönlichen Gesamt- charakters, sie ist immer einer Allgemeinheit zu­gedacht und eben darum schon Moral, eben darum auch aussagend über Schmach oder Ehre. Da dieser Eesamtcharakter nicht mehr in sicheren Umrissen bestand, zerriß auch das Gesicht, und tausend Masken wurden vergeblich ihm vorgeklebt. Die einfachsten Grundgefühle für Verhältnisse und Ausdehnung versanken. Stil wurde aus Wesens­form zur Zutat. Die neuen Bedürfnisse wurden erfüllt, ein Mantel aber, aus tausend Flicken zu­sammengefügt, darübergehängt. Das Schlimmste, das fürchterliche Bild der Neustädte mit ihren Brandmauern, die schmähliche Schändung der alten Stadtbilder, sobald man wagte, in sie zu greifen (gar noch mit gut gemeinter, stets miß­lungener Nachahmung), das chaotische Durchein- anderstllrzen von Maßen und Verhältnissen, das ist das unwillkürliche Selbstbildnis jenes Zeitalters, das wir verlassen wol­len: Kampf aller gegen alle unter staatlichem Schutze.

Im Barock wurden die letzten Siege eines ver­zweifelt kämpfenden Canzheitsgemhles erfochten. Wir dürfen sie in den letzten Werken des deut­schen Barocks erkennen. Dann aber drang, gerade

von den vornehmsten Gefühlen gelenkt, eine Be­trachtung durch, die zuletzt vom sprachlichen Den­ken her erzeugt war, ein erster großer Reue­vorgang, in mancher Beziehung eine Vorahnung dessen, was heute in uns vorgeht. Nicht zufällig hat auch damals Deutschland einen Befreiungs­kampf durchgefochten. Aber die edle Haltung des Klassizismus verlor sich zum großen Teil in flächenhaften Träumen. Sein Bestes gedieh auf Papier., Noch war vom Barock her, von der noch unzweifelhaften Ganzheitlichkeit, die aber schon ein dynastisch beherrschtes Leben dem Volke hatte abzwingen müssen, ein Stück heroischen Ausdrucks im Klassizismus erhalten geblieben. Aber dieser Stil, der erste, der mit voller Bewußtheit moralisch gemeint war, konnte die Moral des Europäertüms selber nicht schaffen. Moral in der Architektur ist eben doch nur möglich durch die Moral der menschlichen Ganzheit, die dahin­tersteht. So entschwand aus dem Klassizismus das Erbe des Barocks: das Heroische.

Was übrigblieb, nennen wir, solange es noch mit dem schlichten Formenanstande des Klassizis­mus zusammenhängt, Biedermeier. Dieses sicherte noch, solange es eine bescheiden anständige Bür- gerlichkeit gab, auch für diese einen Ausdruck von Behagen und Schlichtheit. Der Zerfall aber war unaufhaltsam. Die Stilhetze begann. Architektur wurde zur Lüge. Warum? Der Mensch hatte, auch als einzelner, seine Ganzheitlichkeit verloren, also den Stil. Der Begriff des Vollmenschen lebte nicht mehr. Ein Mensch mit überzüchte­tem Gehirn oder mit einseitigem Augen sinne, dafür aber mit ver­nachlässigtem Körper und stumpfen Sinnen gegenüber echt Architekto­nischem, auch echt Plastischem, galt alsge­bildet" und war doch keineswegs gestaltet. Er galt als vollwertig, uns gilt er als minder­wertig.

Damit hängen alle, dem Auslande oft so un­verständlichen, oft so gewaltsam erscheinenden neuen Bestrebungen in der Menschengestaltung bei uns zusammen. Wir wollen den einzelnen zu einem vollwertigen Menschen machen, ohne über­züchtetes Gehirn, ohne Einseitigkeit, mit gesun­

dem Körper, gesundem Geiste, gesunder Seele. Gelingt es, diesen Menschen wieder zu schaffen, gelingt es, ein Volk solcher Art in einem heißen und einheitlichen Glauben zu vereinigen, so heißt das alles andere als die Züchtung von Einheits­menschen die das Ende wäre. Gerade dann wird der vornehme und führende Einzelne unter Erhaltung des ewigen schöpferischen Ranguntsr- schiedes der Persönlichkeiten allgemein ähnlich proportionierte, aber durchaus persönliche, durchaus verschiedenartige, in sich nach Möglichkeit freie, freiwillig gebundene Menschen zu führen haben. Wenn dies gelingt, dann wird man auch in einer

neuen großen Architektur diese moralische Gesun­dung so selbstverständlich sich ausdrücken sehen, wie das Wesen jedes unverbogenen Vollmenschen in Gestalt und Gesicht zum Ausdruck kommt. Jede Zeit nach uns wird unsere Moral im weitesten Sinne nach unserer Baukunst beurteilen müssen.

Wir haben zu ihr erst die Ansätze. Wir haben auch erst die Ansätze zu unserem Menschenideal. Dieses hat voranzugehen. Wenn es aber siegt und es wird siegen, so wird man zu unseren Ehren auch Moral wieder als Architektur vor sich sehen.

Denkmalschutz in polen"

In der ZeitschriftDeutsche Kunst und Denkmal- pflege berichtet Günther Grundmann über die Aufgaben und Arbeiten des polnischen Denkmal- schutzes. Der polnische Staat, der den Denkmal­schutz gesetzlich unterbaut hat, faßt den Begriff Denkmal" sehr weit. Jeder Gegenstand, beweglich oder unbeweglich, wird als Denkmal aufgefaßt, der kennzeichnend für einen bestimmten Zeitab­schnitt ist, sofern er einen künstlerischen, kulturellen oder historischen Wert darstellt. Das Gesetz be- stimmt, daß alle Denkmale, gleichgültig ob im Be­sitz der öffentlichen Hand oder in Privatbesitz, in die Liste der geschützten Denkmäler eingetragen werden müssen. Diese Eintragung wird auch grund- buchlich vollzogen, denn sie bedeutet ein.'starke Eigcntumsbeschränkung hinsichtlich aller Verände­rungen, die der Besitzer nur mit den Organen der Denkmalpflege vornehmen darf. Gefährdete Denk- mäler können sogar enteignet werden Besonderen Beschränkungen unterliegt der Verkauf von Denk- Mälern und Kunstgegenständen ins Ausland. In das Ee,etz einbezogen sind auch Bodenfunde und Naturdenkmäler. Zusammenfassen!! darf von der Organisation und den Resultaten der polnischen Denkmalspflege gesagt wcrd-n, d-- sie allein schon durch den gesetzlichen Unterbau, rann aber auch durch die straffe Organisation ihrer Organe ein Faktor im polnischen Kulturleben ist, der nicht un­

terschätzt werden darf. Diese Tatsache läßt es wün­schenswert erscheinen, gerade in den an Po- len grenzenden preußischen Provin- zen möglichst bald zu einem Ausbau verdeutschen Ddnkmalspflegezu kom­men, um in größerem Umfange als bisher der Erhaltung und der systematischen Inventarisierung des eigenen Denkmälerbestandes zu dienen. Denn es ist Aufgabe der Denkmalpflege, der deutschen Kunstwissenschaft das Material an die Hand zu geben, die dazu berufen ist, dieses Material ange­sichts der Bemühungen polnischer Gelehrter ohne jeden Chauvinismus ebenso einwandfrei wie ob­jektiv als deutsches Nationalgutzu er­forschen, zu verarbeiten und der polnischen Kunstwissenschaft gegenüber zu verteidigen.

Beichsvolksoper in Berlin

Das Theater des Westens, das schon in den letzten Jahren Opernaufführungen brachte, wird von Beginn der neuen Spielzeit ab in großem Stile als Reichsvolksoper geführt werden. Zum Leiter wurde der bisherige Danziger Gen-raliniendan- Ge'- mlm'Nitdirektor Erich Orth mann bestellt Die Eröffnung des neuen Opernhauses ist für den lb. September in Aus­sicht genommen.