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Par1eiamtl.lageszeitung der Nationalsozialisten Vremens
Das flmtsblatt des Senats
der Lreien Hansestadt Bremen
Bremer Zeitung erscheint täglich (auch Montags). Monatsbezug: RM. 2,30 einschl. 30 Rps. Zustellungsgebühr;I durch die Post RM. 2.30 einschl. Ueberweisungsgsbühr ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu I entrichten. Postscheck Hamburg ,72 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz. I
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Nr. 181 / 5. laizrgang
Mittwoch, 5. Zutt
klnzelpreis 15 Npf.
Frontkämpfer fördern den srieden
krste füklungnakme der deutschen Abordnung in Parts / Kranzniederlegung am örabe des unbekannten Soldaten
Unser logesspiegsl
In Vuenos Aires wurde die Friedenskonferenz, die den Chaco-Krieg beenden soll, eröffnet
Der sowjetrussisch - mandschurische Erenz- zwischenfall hat das Verhältnis Moskau— Tokio erneut zugespitzt
Die in Paris weilende» deutschen Frontkämpfer legten am Grabe des unbekannten französischen Sodaten einen Kranz nieder
Das neue Gesetz über die Wochenhilse bringt wesentliche Verbesserungen der Fürsorge- Vorschriften
Die Deschimag erhielt einen Auftrag für den Bau einer Walkocherei mit neuen Fang- dampfern
Vom Norddeutschen Lloqd wurde dem Bremer Vulkan esn Schwesterschifs der „Düsseldorf" in Auftrag gegeben
Von ausländischer Seite wurde der Ostasien- Frachten-Pool gekündigt
In der Kirchenstraße in Bremen wurden bei Aushebung eines Luftschutzkellers Steinsunde aus der Renaissance zutage gefördert
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Veck Keule in Serlin
Warschau, 3. Juli.
Der polnische Außenminister Beck ist am Dienstagabend gegen 10 Uhr vom Warschauer Ostbahnhos nach Berlin abgereist. Mit Minister Beck fuhren seine Frau und Tochter, der Kabinettschef im Außenministerium, Gras Lubienski, und der persönliche Sekretär Friedrich. In Vertretung des deutschen Botschafters, der z. Zt. in Berlin weilt, war Herr von Scheliha zur Verabschiedung auf dem Bahnhof und polnischerseits eine Reihe höherer Beamter mit dem Vize- minister Szembeck an der Spitze.
Die polnische Regierungspresse bringt die Meldung über den bevorstehenden Besuch Becks in Berlin an der Spitze ihrer Blätter, zum Teil mit der Ueberschrift „Stabilisierung der nachbarlichen Verhältnisse zwischen Deutschland und Polen." 2n einem kurzen Kommentar der „Eazeta Polska" und anderer Regierungsblätter wird u. a. erklärt, der Besuch tWS polnischen Außenministers gebe Gelegenheit, die Besuch zu erwidern, die Reichsminister Goebbels und der preußische Ministerpräsident General Eöring in Polen abgestattet hätten. Mit Rücksicht auf die polnische Nationaltrauer habe Minister Deck der deutschen Einladung nicht früher folgen können.
7000 Polen aus Frankreich ausgewiesen. In Polen treffen fortgesetzt polnische Arbeitslose ein, die aus Frankreich ausgewiesen sind. Im ganzen sind im Laufe der letzten Wochen 7000 Rückwanderer in Polen eingetroffen.
Paris, 3. Juli.
Im Hotel „Continental" fand am Montagnachmittag die erste Vollversammlung der von der Fidac, dem interalliierten Frontkämpfer-Verband, veranstaltete internationale Konferenz der Frontkämpfer statt. Es waren zugegen einerseits die Vertreter von elf Mitgliederstaaten der Fidac, die im ganzen zehn Millionen Mitglieder umfaßt, andererseits die Vertreter von fünf Millionen Frontkämpfern und Kriegsopfern Deutschlands. Der Präsident der Fidac, Jean Desbons, hieß in seiner Eröffnungsrede alle Vertreter herzlichst willkommen, und wies besonders auf die Bedeutung der Tatsache hin, daß die Vollversammlung der alliierten Frontkämpfer zum ersten Male mit den berufenen Vertretern aller deutschen Frontkämpfer zusammentreffe.
Der Führer der deutschen Abordnung, Reichs- krirgsopferführer Oberlindober, antwor
tete im Namen der deutschen Abordnung und gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, die persönliche Fühlung mit alle» Mitglieder» der Fidac aufnehmen zu können. Diese Fühlungnahme, die gemäß dem Wunsche auch des letzten deutschen Soldaten sich nach vertiefen solle, diene dazu. das gegenseitige Kennenlernen und ein besseres Verstehen zwischen den vertretenen Nationen zu fördern.
Daran schloß sich eine allgemeine Aussprache. Sie bewies den Wunsch aller Vertreter, gemeinsam zu arbeiten, um den Wunsch der alten Frontkämpfer nach ^Aufrechterhaltung des Friedens in der Welt zu verwirklichen. Zum Schluß der Versammlung wurde ein Arbeitsausschuß von neun Mitglieder» ernannt.
Nachmittags legte die deutsche Abordnung am Grabe des unbekannten Soldaten einen großen Kranz nieder. Die Schleife trug die Inschrift: „Dem unbekannten französischen Soldaten die
deutschen Frontkämpfer. Den 2. Juli 1938." Die Deutschen verharrten mit erhobener Hand einen Augenblick vor dem Grabe. Neben Vertretern der deutschen Kolonie hatten sich unter dem Triumphbogen viele Franzosen eingefunden.
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Die 00 deutschen Frontkämpfer, die, wie gemeldet, ihre 20 französischen Kameraden von der Vereinigung lungenverletzter französischer Frontkämpfer nach ihrem Besuch in Stuttgart nach Frankreich begleitet hatten, wurden am Montag im Parkhausvon Lyon von Staatsminister und Oberbürgermeister Herriot herzlichst willkommen geheißen. Der Leiter der deutschen Kriegsteilnehmerabordnung Batin dankte zunächst der Stadt Lyon für den freundlichen Empfang und gab dem Wunsch nach einer Versöhnung, nicht allein zwischen den deutschen und französischen Frontkämpfern, sondern zwischen den beiden großen Völkern Ausdruck.
(Fortsetzung Seite 2)
Sozialpolitik, die wirklich littst
Verbesserung der Mochenstttfe in der Krankenversicherung
Berlin, 3. Juli
In ber nächsten Nummer -es Reichsgesetzblattes wird das von der Reichsregierung verabschiedete Gesetz über Wochenhilse und Genesendeü-Fürsorge in der Krankenversicherung veröffentlicht werden. ' Das Gesetz enthält eine bedeutende Verbesserung der Vorschriften über Wochenhilse und Fä- milien-Wochenhilfe.
Aus versicherungstechnischen Gründen müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, wenn die Leistungen der Wochenhilse gewährt werden sollen. Insbesondere ist eine gewisse Versicherungsdauer vor Eintritt des Wochenhilfe- falles erforderlich. Die Reichsversichsrungsord- nung schreibt darum vor, daß die Versicherte in den letzten zwei Jahren vor der Niederkunft mindestens zehn Monate und im letzten Jahr vor der Niederkunft mindestens sechs Monate hindurch auf Grund der Reichsversicherungsordnung oder bet der Reichsknappschaft gegen Krankheit versichert gewesen sein muß. Diese Voraussetzungen sind bei normaler Veschäftigungs- und Wirtschaftslage regelmäßig erfüllt.
In letzter Zeit haben sich jedoch wegen der lang andauernden Arbeitslosigkeit in einer größeren Zahl von Fällen Härten aus diesen Bestimmungen ergeben. Zwar sind auch diejenigen Arbeitslosen, die Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung beziehen, gegen Krankheit versichert, so daß hier die Wartezeiten ahne weiteres gegeben sind. Anders liegt es jedoch bei den von der Arbeitslosigkeit betroffenen Volksgenossen, die nach Ausscheiden aus der Arbeitslosenversicherung von der öffentlichen Fürsorge betreut werden. Hier ist in sehr vielen Fällen die Versicherung gegen Krankheit nicht aufrechterhalten worden. Ersteht dann kurz nach dem Wiedereintritt in die Arbeit ein Wochenhilfefall,
so besteht unter Umständen noch kein Anspruch auf die Leistungen der Krankenversicherung, weil die Anwartschaft wegen der Unterbrechung der Versicherung- nicht mehr erfüllt ist. Wochensür- sorge durch den Träger der öffentlichen Wohlfahrtspflege ist- aber in sehr vielen Fällen mit Rücksicht darauf, daß der Versicherte wieder in Arbeit steht, nicht gemährt worden.
Das neue Gesetz beseitigt diese Härten. Nach ihm bleibt der Zeitraum, in dem ein Versicherter von der Wohlfahrtspflege betreut worden ist, außer Ansatz. Ist also jemand etwa seit vier Monaten in Arbeit, während er vorher zwei Jahre von der öffentlichen Fürsorge betreut wurde und vorher als Leistungsempfänger aus der Arbeitslosenversicherung und davor als Re
stlich in der 6enesenden-sürsorge...
Das neue Gesetz über die Genesendenfllrsorge in der Krankenversicherung mildert die Vorschriften der Notverordnung vom 8. Dezember 1031. Hiernach dürfen Krankenkassen, deren Beitragssatz mehr als 8 v. H. betrug, keine Mehrleistungen gewähren. Zu diesen Mehrleistungen gehören auch die Fürsorge sür Genesende und die Maßnahmen zur Verhütung von Erkrankungen der einzelnen Kassenmitglieder. Bei Krankenkassen mit einem Beitragssatz von 5 v. H. handelt es sich oft um Kassen in Großstädten und in Industriegebieten, für deren Versicherte gerade diese Leistungen besonders wichtig sind. Der Reichs- regi'erung lag daran, hier helfend einzugreifen. Das ist durch das neue Gesetz geschehen. Danach dürfen in Zukunft auch Kassen mit einem Beitragssatz von über 8 v. H. diese Leistungen nach Maßgabe ihrer verfügbaren Mittel gewähren.
schäftiger gegen Krankheit versichert war, so scheiden für die Ein- bzw. Zweijahressrist der Reichsversicherungsordnung die zwei Jahre, in denen der Versicherte Fllrsorgeleistungen bezogen hat, völlig aus. Die Anwartschaftszeit ist dadurch erfüllt.
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Diese bedeutungsvolle Verbesserung der Leistungen ist auch dadurch von besonderer Wichtigkeit, weil sie nicht nur für weibliche Versicherte, sondern auch für Ehefrauen sowie solche Töchter, Stief- und Pflegetöchter der Versicherten gilt, welche mit diesen in häuslicher Gemeinschaft leben. Zugleich bedeutet das Gesetz einen weiteren Ausbau der bevölkerungspolitischen Maßnahmen der Reichsregierung.
Me „Potsdam" vor der Ausreise
Hamburg, 3. Juli.
Der neue Ostasien-Schnelldampfer „Potsdam" des Norddeutschen Lloyd wird am heutigen Mittwoch seine erste Ausreise nach dem Fernen Osten von Hamburg aus antreten. Am Dienstagabend gab der Norddeutsche Lloyd Verladern und Presse noch einmal Gelegenheit, das Schiff in allen seinen Einzelheiten und der Schönheit, Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit seiner Passagier- und Mannschaftsräume zu besichtigen.
Der Vorsitzende des Vorstandes des Norddeutschen Lloyd, Rudolph Firle, hieß die Gäste an Bord der „Potsdam" willkommen. Die Lage der Schiffahrt, so betonte er u. a., ist zwar nach wie vor nicht zufriedenstellend, doch muß es unser Bestreben sein, weiterhin unseren Stand in der Weltschiffahrt zu behaupten.
Me neuen
knlschuldungsönirer
Von
Richter Dr. Höver, Bremen,
Leiter des Entschuldungsamtes Bremen
2m Zuge des großen Gesetzgebungswerkes, das der Entschuldung der deutschen Landwirtschaft dienen soll, sind abschließend die Pchchter- Entschuldungsverordnung und die bedeutsame 7. Verordnung zur Durchführung der landwirtschaftlichen Schul- denregelung erschienen. Besonders die letzte Verordnung krönt das Eesetzgebungswerk, das, wie es in den „Amtlichen Mitteilungen in Entschuldungssachen" Heft 182, Seite 71, heißt, nicht nur den Interessen des einzelnen Bauern oder Landwirtes dient, sondern im Rahmen der gesamten Agrarpolitik eine wichtige Rolle für die Erreichung der für die Volksgesamtheit verfolgten Ziele spielt. Die Landwirtschaft soll in die Lage gesetzt werden, den großen Anforderungen, die zur Sicherstellung einer ausreichenden Ernährung des deutschen Volkes an sie gestellt werden, gerecht zu werden. Weiter heißt es dort, daß die beschleunigte Durchführung der landwirtschaftlichen Schuldenregelung des Einsatzes aller Kräfte bedarf. Um die Beschleunigung zu fördern, sind auf Grund der Bestimmungen im ersten Abschnitt. der 7. Durchführungsverordnung ab 1. Juli 1933 für ganz Deutschland Entschuldungsämter eingerichtet worden, die jedes mehrere Amtsgörichtsbezirke umfassen und auf die die Aufgaben der bisherigen Entschuldungsgerichte übergehen. Das beim Amtsgericht Bremen gebildete Entfchuldungs- amt umfaßt die Amtsgerichtsbezirke Bremen und Bremerhaven, also das gesamte bremische Staatsgebiet und den zu Braunschweig gehörenden Amtsgerichtsbezirk Thedinghausen.
Die Entschuldungsämter sind so organisiert, daß Leiter ein planmäßig angestellter Richter ist. Dem Leiter können zum Richteramt befähigte Beamte beigeordnet werden. Die beigeordneten Beamten haben den Weisungen des Leiters Folge zu leisten. Damit ist der Fiihrergrundsatz in die Rechtspflege eingeführt. Das Cntschul- dungsamt ist an die Richtlinien gebunden, die der Reichs-Justizminister im Einvernehmen mit dem Reichs-Landwirtschaftsminister für die Durchführung der Schuldenregelung erläßt. Auch sonst sind die Entschuldungsämter mit einer großen Machrfülle, die dem Führergrundsatz entspricht, ausgestattet. Sie haben weitgehende Aufsichtsbefugnisse und können den Entschuldungsstellen Weisungen für die Durchführung des Verfahrens erteilen. Sie können die Entschuldungsstellen abberufen und sogar die Aufgaben der Entschuldungsstellen selbst überneh-
TNarianne weidenbach
Zwei Drüder und die Sekretärin
Die Firma Gebrüder Schmitz, Eisenwaren en gros, hatte einen bedauerlichen Verlust zu verzeichnen: die erste Buchhalterin und Sekretärin, feit über dreißig Jahren dort angestellt, war an einer Lungenentzündung gestorben. Hugo und Albert Schmitz, beide bereits über fünfzig Jahre alt, waren angesichts dieses unvorhergesehenen Zustandes unsicher und ratlos, da sie sich seit undenklichen Zeiten an ein und dasselbe Gesicht, dieselben Handreichungen und Worte gewöhnt hatten und, altmodisch, konservativ und jedem Wechsel abgeneigt, nunmehr um ihre Ruhe bangten.
Auf ein Inserat hin meldeten sich so zahlreiche Bewerberinnen für den ausgeschriebenen Posten, daß den Brüdern eine Wahl unmöglich schien. Mit einem erleichterten Aufatmen hörten sie deshalb eines Abends am Stammtisch von einer jungen Dame, die eine Stellung suchte, um die kärglich bemessene Pension ihrer Mutter, einer Beamtenwitwe, zu erhöhen. Da man die Tllchtig- keit und Ehrlichkeit dieser Dame lobte, ließen die Brüder sie am nächsten Tag kommen und engagierten sie.
Fräulein Harbers — so hieß die neue Sekretärin und Buchhalterin — nahm wenige Tage darauf den Platz ihrer Vorgängerin ein. Zur Zufriedenheit ihrer Chefs stellte sich heraus, daß sie tatsächlich sehr tüchtig war, sich schnell einarbeitete und sich mit Liebenswürdigkeit den Gewohnheiten der Brüder anpaßte. Mit der Zeit freuten sich Hugo und Albert, daß sie eine neue Sekretärin hatten, denn gegenüber der grauen Ilnscheinbarkeit der früheren Arbeitskraft, die stets etwas Krießgrämlich-Altjüngferliches an sich gehabt hatte, war es allein schon ein Vergnügen, Fräulein Harbers mit einem frischen „Guten Morgen", nett angezogen und jugendlich-lebhaft ins Büro kommen zu sehen. Ja. die beiden Brüder fingen sogar am ihr nachzusehen und
zu empfinden, daß sie nicht nur eine Angestellte war.
Und es geschah etwas, was keiner der beiden vorausgesehen hatte: sie verliebten sich in die neue Sekretärin. Sie empfanden zwar keineswegs jene stürmische Liebe, wie sie junge Leute erleben und zur Schau tragen) es war eher eine stille, aber starke Zuneigung, die ihnen selbst etwas merkwürdig vorkam. Jedoch sprachen sie von dem. was sie bewegte, miteinander kein Wort. Jeder blieb so ganz und vollkommen beherrscht und hatte so viel mit sich selbst zu tun, daß einer von den Gefühlen des anderen keine Ahnung hatte. Die Ursache des Stillschweigens mochte vielleicht mit darin liegen, daß sich beide ihrer späten Eefühlsaufwallung, zumal sie Junggesellen waren, ein wenig schämten.
Je länger Fräulein Harbers da war, desto zufriedener wurden die Brüder Schmitz mit ihr, und in demselben Maße versuchten sie auch, ihre Liebe als eine Form väterlichen Wohlwollens vor sich selbst hinzustellen. In dem Bestreben, einmal — und wenn auch nur für wenige Minuten — mit der Sekretärin ein paar Worte unter vier Augen wechseln zu können, blieb bald der eine, bald der andere nach Eeschäftsschluß noch im Büro oder kam mittags vorzeitig zurück und bat Fräulein Harbers unter irgendeinem nichtigen Vorwand ins Privatkontor. Lächelnd, immer liebenswürdig und völlig unbefangen erschien sie dann und wurde nach kurzem wieder entlassen, da weder Hugo noch Albert je den Mut fanden, persönlicher zu werden und von dem zu sprechen, was ihnen am Herzen lag.
Ueber ein Jahr war vergangen, seit Fräulein Harbers ihre Stellung angetreten hatte. Eines Tages bat sie um eine Unterredung mit ihren Chefs und erklärte, kündigen zu müssen: sie zöge mit ihrer Mutter nach Süddeutschland. Hugo machte sich nur mechanisch mit Briefen und herumliegenden Papieren auf seinem Schreibtisch zu
schaffen, Albert holte langsam eine dicke, schwere Zigarre aus seinem Etui, schnitt sie an einem Ende ab und zündete sie bedachtsam an. Nach einer Pause von nur wenigen Sekunden äußerte Albert sein Bedauern über Fräulein Harbers Weggang, Hugo pflichtete seinem Bruder bei und damit schien die Angelegenheit erledigt zu fein.
Doch war dixs keineswegs der Fall. Was nämlich die ständige Anwesenheit Fräulein Harbers nicht vermocht hatte, brachte das Wissen um ihren baldigen Weggang zustande: die Bruder überwanden ihre Schüchternheit und schamvolle Zurückhaltung. Noch am Kündigungstag schrieb jeder einen Brief an die Sekretärin und bat sie — Hugo für 149, Albert für 9 Uhr — um ein Zusammensein im Cafs König, einem gutbürgerlichen Lokal, in dem die Bruder ab und zu verkehrten — allerdings jeder von ihnen in der Annahme, der andere werde an diesem Abend bestimmt nicht dort sein.
Als Fräulein Harbers nach Büroschluß nach Hause kam, fand sie die zwei Briefe vor. Mit der Jnstin.ktstcherheit der Frau ahnte sie, was die Brüder veranlaßte, außerhalb des Geschäfts mit ihr sprechen zu wollen. Nach einigem lleberlegen entschloß sie sich, nicht hinzugehen, zumal ihre Chefs sie in ein und dasselbe Lokal, zeitlich nur durch eine halbe Stunde getrennt, gebeten hatten und aus diesem Grunde ein peinliches Zusammentreffen kaum zu vermeiden sein würde.
Pünktlich zur angegebenen Stunde saß Hugo an einem Ecktisch im Cafö König, vor sich einen Kognak. Zehn Minuten, zwanzig Minuten vergingen — Fräulein Harbers kam nicht. Statt dessen erschien um 9 Uhr Albert, der beim Anblick seines Bruders ein erstauntes Gesicht machte, sich nach einem kaum wahrnehmbaren Zögern neben ihn setzte, ebenfalls einen Kognak bestellte und die übliche schwarze Zigarre hervorholte.
Es wurde 1410 Uhr) die Brüder tranken einen Kognak nach dem anderen und beide versuchten, ihre Verlegenheit hinter einer gewollt-eifrigen Unterhaltung zu verbergen. Im stillen jedoch beschäftigten sie sich mit der Frage, warum der andere ausgerechnet heut abend hier sei. Daran,
daß der Zufall eine Rolle gespielt habe, glaubte keiner von ihnen, und'so grübelten sie über alle nur denkbaren Möglichkeiten nach. bis eine immer mehr an Wahrscheinlichkeit gewann, nämlich die, daß der Bruder ebenfalls ' eine Zuneigung zu Fräulein Harbers gefaßt und sie nach der heutigen Kündigung in dieses Cafe gebeten habe.
Gegen 11 Uhr konnte Albert die Ungewißheit nicht länger ertragen. Ermutigt durch den Alkohol erklärte er dem Bruder sein Hiersein — allerdings mehr indirekt und leise vor sich hin- murmelnd, aber doch so. daß dieser seine Worte hören mutzte — indem er trocken meinte, daß „Sie" wohl nicht mehr kommen werde. Hugo wußte sofort, wer mit dem „Sie" gemeint war,
nickte zustimmend und äußerte gelassen, halb als Frage und halb als Feststellung,' daß es eigentlich ganz gut sei, daß Fräulein Harbers ginge. Auf diese Bemerkung hm zog Albert nur die Augenbrauen hoch.
In der nächsten Zeit mieden sich die Brüder, denn jeder empfand eine leise Scham für sich und auch für den anderen. Erst als Fräulein Harbers längst fort war und ein Herr ihre Stelle einnahm, verlor sich der letzte Rest von Befangenheit zwischen ihnen. Gemeinsame Interessen und Gewohnheiten verbanden sie wieder wie früher, und sie dachten an jene Unterbrechung ihres geregelten Lebens nur noch als an etwas, was mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte, zurück.
Hans Seiffert
Der neue Rennwagen
Eifersüchtig wachen die Autofabriken darüber., daß die Konstruktionsgeheimnisse ihrer neuen Rennwagen gewahrt bleiben.
Daß aber über die Ergebnisse der Probefahrten schon manches durchsickert, ehe Presse und Publikum zugelassen werden — dafür sorgen die Monteure in der Kantine.
Und so sitzen sie beieinander und erzählen sich Wunderdinge von den phantastischen Geschwindigkeiten ihrer neuen Wagen.
„Wenn du mit unserem neuen Typ „Windhund" die Landstraße fährst", sagt der erste, „so siehst du links und rechts keine Landschaft, sondern eine dunkle Mauer. Weiter nichts. Die Chausseebäume fliegen nämlich so rasend schnell vorbei, daß sie wie eine kompakte Wand vKrken!"
„Pah! Alter Witz!" brummt der zweite wegwerfend und fährt fort: „Natürlich habt ihr alle im- seren neben Kompressorwagen bei den Probefahrten heulen und donnern hören. Es ist ja ein Höllenlärm. Aber glaubt mir, Kinder: wenn man in voller Fahrt drin sitzt, hört man nichts. Gar nichts. Es herrscht eine absolute Stille . .
„Unsinn! Wie soll denn das möglich sein?" ruft der erste ungläubig.
„Weil der Schall einfach nicht mitkommt mit unserer Geschwindigkeit, mein Lieber, sondern kläglich zurückbleibt."
Der dritte Monteur blickt seine Kollegen ernsthaft an und beginnt: „Ich liebe solche Uebertrei- düngen nicht, wie ihr sie da zum besten'gegeben habt. Aber ich will euch ein Erlebnis mit unserem neuen Typ V 7 erzählen. Ich sitze gestern mitKa- ratsch in der Kiste drin, und wia trudeln so mit zwohundertsechzig bis -siebzig ganz gemütlich immer um die Avus herum. Es sollte ja bloß eine erste Versuchsfahrt sein. Doch allmählich dreht Karatsch auf, und das Ding fängt richtig zu laufen an. Immer schnell.:. Immer schneller. Eine Runde nach der anderen. Die Tachometernadel war längst aus dem Lager gesprungen, ich weiß also nicht, wieviel wir eigentlich drauf hatten. Und da sehen wir mit einem Male, ihr mögt es glauben oder nicht, vor uns — unser eigenes Schlußlicht und rückwärtiges Nummernschild! Wir fuhren fast mit Lichtgeschwindigkeit, Kinder!"
Die beiden anderen tranken still ihr Bier aus und waren k .o.