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Üas amtliche Organ -es Senats
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Nr. 174 / 3 . Jahrgang
Anzeigen-Grundpreise: Die L2-mm-Zeile im Anzeigenteil 18 Rps., die 70 -mm-ZeiIe im Tertteil 1b Rps. Ermäßigte Grundpreise <sür kleine Anzeigen, Familienanzeigen u. a.s sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste 4. (Nachlaßstasfsl v.f Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeschiutz 18 Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 12—12 Uhr; Schriftleitung Dienstag bis Freitag von 12'/-—13'/- Uhr.
Mittwoch, 26 . Juni
Einzelpreis 16 Rps.
Unser lagvsspisgel
Die abgebrochenen deutsch-französischen Han- delsvertragsoerhandlnngen sollen demnächst wieder ausgenommen werden.
8m englischen Unterhaus wurde der Inhalt einer Erklärung Deutschlands znr U-Voot- Kriegfiihrung bekanntgegeben.
Der Führer besuchte seinen Stellvertreter, Reichsminister Rudolf Hetz, der sich zur Erholung rn Hohenlychen aufhält.
Die Qualitätserzeugnisse der Norddeutschen Steingutfabrik finden im Auslande guten Absatz.
Die Weserschiffahrt leidet unter ungünstigem Wasserstand.
Das bremische Handwerk ehrte den Reg. Bürgermeister und den Senat durch Ueber- reichung des Handwerkeravzeichens.
Reg. Bürgermeister Pg. Heider sprach bei einer öffentlichen Kundgebung der Ortsgruppe Pagentorn über die Aufgabe» Bremens in Vergangenheit und Gegenwart.
Aus dem Hof der Adolf-Hitler-Kaserne in Bremen wurden Rekruten auf den Führer vereidigt.
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Hart aber gerecht
15 Jahre Zuchthaus sür kommunistische Jugendfunktionärin
Berlin, 2«. Juni.
Der Volksgerichtshof verkündete am Dienstag ein Urteil gegen eine kommunistische Jugend- sunktionärin, das mit Rücksicht auf die Höhe der verhängten Strafe besondere Beachtung verdient. Die Ltjährige Bert« Karg aus München erhielt wegen Vorbereitung zum Hochverrat 15 Jahre Zuchthaus und 1V Jahre Ehrverlust, außerdem wurde die Polizeiaufsicht gegen sie angeordnet. Der Vertreter der Reichsanwaltschast hatte sogar lebenslängliches Zuchthaus beantragt.
Die Angeklagte war in der Reichsleitung des illegalen kommunistischen Jugendverbandes tätig und hat am Wiederaufbau der zerschlagenen Parteiorganisation in den drei Bezirken Groß- Thüringen, Baden und Pfalz sowie Düsseldorf- Niederrhein bis zu ihrer Festnahme am 31. Januar IM gearbeitet. Die Weisungen für ihre staatsfeindliche Wühlarbeit erhielt sie von einem Beauftragten des Zentralkomitees der KPD., den sie in Paris aufsuchte. Es handelt sich dabei um. einen äußerst gefährlichen Emigranten, der vom sicheren Hinterhalt im Ausland her sein ehemaliges deutsches Vaterland bekämpfte und versuchte, die Organisation der KPD. wiederaufzurichten.
Dieses neueste Urteil des Volksgerichtshofes steht im Zeichen der verschärften Strafbestimmun- gen, die in besonders schweren Fällen sogar die Todesstrafe für Hochverrat ermöglichen. Es beweist erneut, daß der Volksgerichtshof gewillt ist, die ihm übertragene Aufgabe, sich schützend vor den neuen Staat zu stellen, bis zur letzten Konsequenz durchzuführen. Irgendwelche Milde ist bei Angeklagten vom Schlage der jetzt abgeurteilten Zunktionärin nicht am Platze, da sie aus ihrer staatsfeindlichen Gesinnung nicht den geringsten Hehl gemacht hat und auch die Strafe vollkommen kalt aufnahm. Immerhin dürfte das Urteil seine abschreckende Wirkung nicht verfehlen.
Schwierigkeiten beim deutsch-französischen Verrechnungsabkommen
Neuer Handelsvertrag Berlin—Paris?
Wiederaufnahme der unterbrochenen Verhandlungen in Aussicht genommen
(Orsbtbsiiolit unserer Berliner ZoliriktlsitunZ)
Lr. Berlin, 26. Juni.
Die deutsch-französischen Handelsvertragsverhandlungen, die in der vorigen Woche in Berlin geführt wurde», sind vorläufig unterbrochen. Ein Teil der französischen Delegation ist nach Paris zurückgefahren. Zur Ueberwindung möglicher Schwierigkeiten in den Handelsbeziehungen ist das Verrechnungsabkommen zunächst um 1« Tage verlängert worden. Das Ergebnis weiterer Verhandlungen, die in Aussicht stehen, ist noch nicht zu überblicken.
Die französische Delegation hat in den Verhandlungen besondere Wünsche bezüglich der E e - staltung des Kontingentsverfahrens geäußert. Diese Wünsche lauteten auf grundsätzliche Aenderungen des bestehenden Systems. Die französische Delegation hat die deutsche Zustimmung zu ihren Vorschlägen verlangt. Eine Einigung ist in diesem Punkt noch nicht erreicht worden.
Weiter hat sich die französische Delegation mit der Frage der Rückstände im Berrechnungsverfahren befaßt. Diese Rückstände haben ihre Ursache darin, daß die Methode des Verrechnungsabkommens für Deutschland und für Frankreich nachteilig ist. Zumindest erklärt sich
ein Teil der Rückstände daraus, daß bei den schwierigen Formalitäten der jetzt geübten Verrechnungsmethoden die Ausfuhr aus Deutschland nach Frankreich erheblich mehr eingeschränkt wird, als in den wirtschaftlichen Tatsachen begründet liegt. Eine Besserung in den deutsch-französischen Handelsbeziehungen kann nicht eintreten, solange diese formalen Schwierigkeiten bei dem Verrechnungsabkommen bestehen. Von deutscher Seite ist vorgeschlagen worden, die Methode des Verrechnungsabkommens so zu ändern, daß das zwischen Deutschland und England bestehende System, das sich durchaus bewährt hat, angewendet wird. Eine französische Erklärung ist über diesen deutschen Vorschlag noch nicht abgegeben worden.
Regeln des Ll-Booiskneges
Weitere Llnterdausanfragen zum deutsch-englischen Flottenvertrag
London, 26. Juni.
Im Unterhaus richtete am Dienstag Admiral Eampell (konservativ) an den Ersten Lord der Admiralität die Frage, ob im Verlauf der letzten Besprechungen mit den Deutschen geklärt worden sei, welches die Politik der deutschen Regierung bezüglich von U-Booten im Kriege sei.
Sir Bolton Eyros-Monsell erklärte hierauf: „Während der Besprechungen der vielen Einzelfragen bezüglich der bestehenden Seeverträge erklärten die deutschen Vertreter, daß Deutschland bereit sei, sich an die Regeln bezüglich der U-Boot-Kriegführung zu halten, wie sie in Teil 4 des Londoner Vertrages von 1930 niedergelegt seien, und daß sie bereit seien, sie anzunehmen ohne Rücksicht darauf, ob sie auch von allen anderen Mächten angenommen würden.
Teil 4 des Londoner Vertrages besagt folgendes: 1. 2n ihren Aktionen gegen Kauffahrteischiffe müssen sich U-Boote an die Regeln des internationalen Rechts halten, die auch für Ueberwasserschiffe gelten.
2. Insbesondere gilt folgendes: Mit Ausnahme von Fällen fortdauernder Weigerung, auf einwandfreie Aufforderung hin anzuhalten, oder im Falle aktiven Widerstandes gegen Besuch oder Durchführung darf ein Kriegsschiff, sei es ein Ueberwasserschiff oder ll-Voot, kein Kauffahrteischiff versenken oder navigationsunfähig machen, ohne vorher die Fahrgäste, die Besatzung und die Schiffspapiere an einen sicheren Platz gebracht zu haben. Zu diesem Zwecke werden Rettungsboote nicht als sicherer Platz angesehen, es sei denn, daß die Sicherheit der Fahrgäste und der Besatzung angesichts der See- und Wetterbedingungen oder der Nähe von Land oder Position eines anderen Schiffes, das in der Lage ist, Fahrgäste und Besatzung an Bord zu nehmen, sichergestellt ist. — Die hohen vertragsschließenden Parteien fordern alle
anderen Parteien auf, ihre Zustimmung zu den obigen Regeln zu geben.
Das bedeutet, daß Deutschland dem zugestimmt hat, daß es niemals wieder zu dem greifen wird, was man während des Krieges als unbeschränkten V-Bootskrieg bezeichnet hat.
Der oppositionell« Arbeiterabgeordnet« Thons fragte, ob die Frage der Abschaffung
Heute Rückr eise Edens
Rom, 26. Juni.
Wie man von englischer Seite hört, ist die Abreise des englischen Ministers Eden auf heute mittag festgesetzt worden. Der Minister trifft Donnerstag früh in Paris ein, um die verabredete zweite Besprechung mit dem französischen Ministerpräsidenten Laval zu führen.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" berichtet aus Rom, bei den ersten Besprechungen zwischen Eden und Mussolini hätten sich folgende drei wichtigen Tatsachen ergeben:
1. In allen europäischen Fragen würden England und Italien keine Schwierigkeiten haben, eine gemeinsame Politik zu betreiben, die mit der Frankreichs im Einklang sein würde.
2. Italien sei nicht übertrieben beunruhigt wegen des deutsch - englischen Flottenab- kommens, empfinde aber ebenso wie Frankreich Unbehagen wegen der Methode, durch die es zustande gebracht worden sei. 3. Mussolini billige die Tatsache, daß ein wirklicher Anfang mit einem neuen allgemeinen Abkommen über die Begrenzung der Seerüstungen gemacht worden sei und begünstige sofortige Verhandlungen über einen westeuropäischen Luftpakt.
der U-Boote erörtert worden sei, für die sich die Deutschen immer wieder erklärt hätten. Eyres-Monsell erwiderte hierauf, daß die deutschen Vertreter wiederholt hätten, sie seien ebenso wie die Engländer für die Abschaffung der Unterseeboote, aber bedauerlicherweise stimmten gegenwärtig einige andere Länder hiermit nicht Worein.
Lavals Wunschzettel fm Eden
London, 26. Juni.
Wie der diplomatische Korrespondent der „Mor- ningpost" wissen will, hat Eden bei seinem Besuch in Paris von Laval Vorschläge für die Verfahrensfrage bei der Behandlung der gesamteuropäischen Probleme erhalten. Mit diesen Vorschlägen soll sich am Mittwoch das englische Kabinett befassen. Nach der „Morningpost" laufen sie daraus hinaus, irgendwelche weiteren Söndervereinbarungen zwischen England und Deutschland zu verhindern. Eden habe die Zusicherung gegeben, daß es sich bei dem Flottenabkommen um eine Ausnahme gehandelt habe und daß ein solcher Fall nicht wieder eintreten werde.
Was „Morningpost" weiter mitteilt, zeigt, daß Frankreich an Methoden zäh festhält, deren Unfruchtbarkeit längst erwiesen ist. Da heißt es u. a., Lavals Vorschlag beruhe aus denselben Grundsätzen, wie sie in der englisch-französischen Mitteilung vom 3. Februar niedergelegt und von der Stresakonferenz bekräftigt worden seien. Auf diese Weise würde der Abschluß des westlichen Luftpaktes nur möglich sein, wenn Deutschland auch an einem östlichen Nichtan- griffs- und Beratungspakt und an einem Donau-Pakt der Nichtein- mischungteilnehme.
Die Strafakten
im neuen deutschen Gtrafrecht
Vom 26. bis 29. Juni findet in München die 2. Jahrestagung der Akademie für deutsches Recht statt.
Wer feine Treuepflicht gegenüber der Volksgemeinschaft durch Betätigung verbrecherischen Willens verletzt, stellt sich außerhalb der Volksgemeinschaft und wird bestraft. Dies ist der wesentliche Grundgedanke, aus dem sich die „Nationalsozialistischen Leitsätze für ein neues deutsches Strafrecht", die das Reichsrechtsamt der NSDAP., Reichsleiter Dr. Hans Frank, kürzlich herausgegeben hat, aufbauen. Die Bestrafung muß also zum Ausdruck bringen, daß der Verbrecher außerhalb der Volksgemeinschaft steht und sein Verbrechen sühnen muß. Es muß aber auch die Möglichkeit berücksichtigt werden, daß die Bestrafung bessernd wirken kann. Daneben ist bei dem Ausbau der Strafen dafür Sorge zu tragen, daß die Volksgemeinschaft vor einer Wiederholung von Angriffen durch den gleichen Verbrecher geschützt werde.
Die Strafe macht den Verbrecher grundsätzlich ehrlos, ohne daß es einer besonderen Ehrloserklärung bedarf. Der Zustand der Ehrlosigkeit ist im allgemeinen beendet, sobald der Verbrecher seine Tat durch Ab- büßung der Strafe gesühnt hat. Ein besonders verwerflicher Angriff gegen die höchsten volksgenössischen Pflichten macht dagegen dauernd ehrlos.
Die schwerste Art der Ausstoßung ist die Todesstrafe. Die Freiheitsstrafen sollen nach der Schwere des Verbrechens abgestuft werden in Zuchthaus, das lebenslänglich oder von 1 bis zu 15 Jahren zuerkannt werden kann; Gefängnis, das von einem Monat bis zu zehn Jahren dauern kann, und Haft von einer Woche bis zu zwei Jahren.
Die nationalsozialistischen Leitsätze sagen hierzu: „Dem Gedanken der materiellen Gerechtigkeit entspricht es, daß der Strafvollzug bei Zuchthaus strenger als bei Gefängnis und bei Gefängnis strenger als bei Haft vor sich geht; insbesondere muß bei Zuchthaus und bei Gefängnis der Gedanke zum Durchbruch kommen, daß die Volksgemeinschaft aus einem Bedürfnis ihrer inneren Reinigung heraus den Verbrecher auch tatsächlich ausgeschlossen hat, weil er sich selbst außerhalb des volksgemein- schaftlichen Bandes der Treupflicht gestellt hat; je stärker er sich von der Volksgemeinschaft abgesondert hat, desto stärker muß auch diese Aussonderung fühlbar werden."
Statt auf eine Gefängnisstrafe von weniger als einen Monat ist wegen der Geringfügigkeit des verbrecherischen Willens auf Haft zu erkennen. Die Haft wird daher die Regelstrafe auf fahrlässig begangene Straftaten bilden.
An Vermögensstrafen kennen die Leitsätze als schwerste die Einziehung des Vermögens. Bei ihr ist jedoch darauf zu achten, daß sie nicht gegen unschuldige Dritte wirkt, insbesondere nicht gegen Arbeiter in
Lei,wich Cspelimann
Tragödie
Sie war liegen geblieben, als man die andern Sur Feldbestellung geholt hatte: Die kleine,
ichmutziggraue Kartoffel im hintersten Winkel des großen Kellers. Schuld daran trugen eigentlich die Schwestern, die sie allzutief in Stroh und Lehm hineingedrückt hatten. Nun lag sie ganz allein und unbeachtet in dem kühlen Keller, und wahrscheinlich würde keiner kommen, der nun auch sie in den lebenbringenden Frühling hinaustrug.
Den ganzen Winter hatte sie darauf gehofft und chre Kräfte gebändigt und sie geschont und gesammelt und das Stoffliche ihres Lebens gewandelt und vorbereitet für den großen Tag, u»d nun lag sie hier allein und vergessen.
keiner hatte es ihr gesagt, aber sie fühlte, daß uun Frühling sein mußte; sie wußte es aus dem und der geheimen Kraft allen Lebens, das der Sonne entgegenrankt, sie wußte es aus der großen, geheimnisvollen Eingebung, die die Wurzel zur rechten Zeit treibt, den Schog der Mütterlichen Erde zu suchen und die zu eben der- >elben Zeit dem schlafenden Keim den Weg nach oben weist zur gütigen Allmutter allen irdischen Lebens.
ihr der Frühling Gewißheit war nicht sterben wollte in Dunkelhsi slosigkeit, so rang sie ,?urch A n Entschluß: Sie wollte sich selbst
r die Kraft der Sonne und des en Frühlings zu suchen, it. weit für die kleine Knolle, fiel
ike. schmal und verdämmernd, -m
rahl in das kühle Dunkel des Kel- if diese Luke und auf diesen Licyt- - nun all ihre Hoffnung; wen-r es
im Teiler
ihr gelang, als erste Etappe, den Lichtschein zu erreichen, und dann nachher die Luke zu ersteigen, so war sie gerettet. So begann sie also mit der Arbeit und ließ den bisher gebändigten Triebkräften freien Lauf; einen Teil ihrer Vorräte opferte sie, um in der dünnen Lehmschicht des Kellers einige Wurzeln zu schlagen; zwei, drei, vier senkte sie in die erdige Unterlage. Aber die Ausbeute war nur gering, weil Dunkelheit und Kühle die Arbeit der Wurzeln erschwerten, weil keine Sonne da war, die die Nährstoffe zu neuen wertvollen Säften und Kräften hätte formen können. Aber sie war nun wenigstens fest im Boden verankert und konnte aus einer gesicherten Stellung heraus ihre Vortrupps auf den Marsch schicken. Aus dem Stärke- leib der Kartoffel hob sich nun ein spitzer, weißer Keim, bog sich prüfend zur Seite und nahm dann seinen Weg stracks der Luke zu. Zelle um Zelle schob sie nun, aus den Vorräten ihres Kartoffel- leibes schöpfend, nach vorne; aus dem kleinen, spitzen Keim wurde eine weiße, gläsern blinkende Schnur, die zart und gebrechlich über den Kellerboden dahinkroch. Millimeter um Millimeter schob sie sich vorwärts, schwach und sterbenselend; denn ihr fehlte ja vor allem die Kraft der Sonne, und sie lebte nur von dem, was die kleine Knolle ihr aus eigenem Vermögen geben konnte. Und der Weg war-noch so weit, und die kleine Knolle mußte sparen, sparen. Sie kargte mit jedem Teilchen ihres Vorrats, verbot jegliche Abzweigung, jede Verstärkung und jeden Abweg; alles durfte nur dem einen, großen, rockenden Ziele dienen. Vier Meter hat sie schon ihre Vortruppe nach vorne getrieben, dann wagt sie es, ein Würzelchen abzuipleißen, das den Boden nach Hilfe abtasten soll. Und Hilfe ist not
wendig; denn aus der prallgenährten Kartoffel- mutter ist jetzt schon ein verhutzeltes und ver- schrumpftes Weiblein geworden, und der Weg bis zur Luke ist sicherlich noch einmal so weit.
Ihre Hoffnung auf Hilfe ist vergebens; überall nur harte, kalte Steinplatten. Da will sie schier verzweifeln; denn sie fühlt, wie ihre Kräfte erlahmen und ihre Vorräte sich erschöpfen. Höchstens für zwei Meter wird es noch reichen. Aber dann, zwei Tage später, beglückt sie das große Ereignis: Die Vorhut hat den Bereich des Lichtschimmers erreicht; von der Spitze her fließt es durch die Hilfsleistung der Etappe bis in ihren dunklen Winkel: Ein Tröpflein Licht, nur ein
Tröpflein, aber es birgt doch schon fremde Kraft. Den dürren, ausgemergelten Leib der Kartoffel durchschauert neuer Lebensmut; nun kann das große Unterfangen doch noch gelingen. Sie rafft sich zusammen und schickt ihre letzten Reserven nach vorne im Kampfe um Licht und Leben. Eine ganze Woche dauert es, ehe die Spitze sich um ein kleines Stück vorgearbeitet hat. Aber sie kann dann einen ganz großen Erfolg melden: Sonne! warme, leuchtende Sonne! — Das Tagesgestirn ist nämlich sieghaft höher gestiegen und sendet zum ersten Male einen zitternden Strahl durch die Luke, der klar und scharf den Boden des Kellers trifft. Der warme Strahl trifft die weiße, bleiche Linie der Vortruppen in ihrer vollen Länge; vor Freude färbt sie sich auf. zu einem zarten Grün. Und dann schickt sie die belebende Kraft der Sonne durch die bleichsüchtige, sterbensschwache Schnur bis zu dem verhungernden Leib der kleinen Knolle, die jetzt die Wurzeln zum letzten Spurt auspeitscht. Aber auch die Spitze greift jetzt mit ein in den Kampf um den Aufstieg; zwei feine, hauchdünne Blättchen saugen gierig den blanken Strahl der Sonne in sich auf und verarbeiten mit seiner Hilfe die rohen Säfte und Kräfte, die die ferne Mutterknolle ihnen jetzt aus den Wurzeln zusendet. Sie
drehen und wenden sich im rettenden Strahl, um ihn nur gar voll auszunutzen, ja, sie kriechen ihm sogar mit schwachen Versuchen nach, um die kostbaren Augenblicke auch nur um ein weniges zu verlängern. Die Mühe trägt reichen Lohn; der Anstieg zur Luke gelingt; Zentimeter um Zentimeter wächst die lebendige Schnur des Schößlings nach oben: Was die ersterbende
Knolle nicht mehr leisten kann, das schaffen jetzt die erstarkten Wurzeln und die kleinen Blatt- paare der Spitze. Nun taucht das erste Blattpaar schon für Stunden in das volle Sonnenlicht; die Not ist zu Ende, und in einigen Tagen werden die siegreichen Vortruppen frei und unbehindert über den Rand der Luke schauen, und die kleine vergessene Knolle wird in ihren Sprößlingen mit aufleben im Segen des Frühlings.
Suje Hoerner-Heintze
Verwandlung
In einer Berliner Konditorei ist nur noch Platz neben der Telephonzelle. Diese ist an zwei Seiten fast ganz aus Glas. Man kann den Rücken des Sprechers sehen, und weil neben dem Apparat eine große Glasscheibe über einem dunklen Grunde ist, so kann man auch das Gesicht erkennen, das sich in dieser Scheibe spiegelt. Der Sprechende selbst merkt kaum etwas davon, er denkt im Augenblick nur an sein Gespräch.
Männer sitzen mit schönen Frauen in der Konditorei, sie reden höflich und lächeln zuvorkommend. Dann stehen sie auf, schreiten würdig durch den Raum, und auf ihren glatten Gesichtern liegt nichts anderes als Wohlwollen Dann klappt die Tür der Zelle hinter ihnen zu. Und plötzlich erscheint auf der Glasplatte neben dem Apparat so etwas wie eine Bulldogge in Kampfstellung.
Aber da schiebt sich etwas Großes, Dunkles über all ihre Freude und all ihre Hoffnung; der Hausmeister schiebt einen schweren Stein über die Luke — der Katzen wegen! Die Spitze des Schößlings kreist verzweifelt unter dem deckenden Stein. Die kleine, verhutzelte Knolle im Kellerwinkel erbebt in allen Fasern: Was ist ge
schehen!? — Die Vortruppe, ihre kleinen Blättersprößlinge, meldet Hunger, Dunkelheit und Kälte, und sie kann nicht mehr helfen; ihre letzten Vorräte sind aufgezehrt! Eine Woche noch hofft sie, arbeitet sie mit der letzten Kraft ihrer Wurzeln — dann zieht sie die ersterbenden Wurzsl- füßchen näher an ihren ausgemergelten Leib: Jyr Kampf ums Dasein ist zu Ende; ein großes,
unüberwindliches Etwas war stärker als sie-
Tragödie im Keller!
am Telephon
Junge Frauen sitzen in anmutiger Haltung im Sessel und verstehen es, langsam und leicht die Handschuhe auszuziehen und dem ganzen Lokal das Schauspiel einer reizenden Handbewegung zu geben. Ihre Handgelenke sind zart, und ihre Schultern zeigen die Andeutung der Hilflosigkeit und des Bedürfnisses, sich anzulehnen. Wahrscheinlich muß so etwas Zartes beschützt werden. Und wenn sie zwischen den Stuhlreihen hindurch gehen, so geschieht das mit leicht geneigtem Kops und ängstlichen kleinen Bewegungen. Dann aber klappt die Tür der Telephonzelle hinter ihnen zu Der Rücken strafft sich wie zum Angriff, und au; der Platte neben dem Apparat erscheint ein lmrtes Gesicht mit aufgesperrtem Schnabel, das an Federvieh erinnert, wenn es böse fauchend und flllgel- schlagend auf der Dorfstraße steht. Und meistens