Ausgabe 
(24.6.1935) Nr. 172
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Nr. 172/3. Jahrgang

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Montag. 24. Juni

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Ergebnisreicher Abschluß in London

Botschafter von Ribbentrop erstattet dem Führer über die Nottenverhandlungen Bericht

Unser lagesspivgel

Die deutsche Flottendelegation ist von Lon­don zurückgekehrt.

Der Führer hat im Rahmen der Theatersest- woche in Hamburg der Meistersinger-Ausfüh­rung beigewohnt

Ministerpräsident Hermann Eöring sprach aus dem Hesselberg über den wahren Glaube»

Dr. Goebbels wandte sich im Rahmen des Westmarktresfens gegen die staatsverneinen- den Cliquen

Die Sammlungen zu den Rotkreuz-Tagen haben auch in Bremen ein erfreuliches Er­gebnis gezeitigt

Auf dem Messegelände fand die bremische Sonnenwendfeier unter Anteilnahme aller Formationen statt

Im Kölner Stadion errang Schalke 04 durch einen K:4-Sieg über den VfB. Stuttgart die Deutsche Fußballmeisterschaft 1035

2m Rennen um denGroßen Preis von Frankreich" siegte Caracciola aus Mercedes- Benz

Der Führer in Hamburg

Festlicher Abschluß der Reichstheaterwoche ' Hambnrg, 24. Juni.

Die Reichstheater-Festwoche fand am Sonntag­abend mit der Festaufsührung von Richard WagnersMeistersingern" ihren Abschluß. Der Führer und Reichskanzler ist aus diesem Anlaß persönlich nach Hamburg gekommen, um durch seine Anwesenheit dem festlichen Tage die beson­dere Weihe und Bedeutung zu geben. Er wohnte der feierlichenMeisterstnger"-Aufführung bei.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Sonntag die Kunde durch die Stadt, daß der Führer in ihren Mauern weile, und ungeheure Massen von Volksgenossen eilten zum Hafen zu den St.-Pauli- Landungsbrücken, wo der Führer, der bereits am späten Sonnabend abend in Begleitung von Reichspressechef Dr. Dietrich, SS.-Brigadeführer Tchaub und Adjutant Wiedemann in Hamburg eingetroffen war, am frühen Nachmittag von einer Fahrt auf der Unterelbe zurückkehrte. Unbe­schreiblicher Jubel scholl dem Führer entgegen, als er in Begleitung von Reichsstatthalter Gau­leiter Kaufmann, dem Regierenden Bürgermeister Krogmann und leitenden Hamburger Männern von Staat, Partei und Wehrmacht die Landungs­brücken verließ. Stehend im offenen Kraftwagen fuhr der Führer sodann durch die von unzähligen Tausenden jubelnder Volksgenossen dicht gefüllten Ltraßen der Stadt zum HotelAtlantik".

London, 24. Juni.

Die Verhandlungen zwischen den deutsche« und englischen Flottendelegationen wurde» am Sonn­abend fortgesetzt und abends zum Abschluß ge­bracht. Ueber den Abschluß wurde folgendes Kommunique ausgegeben:

Die Besprechungen zwischen den deutschen und den englischen Vertretern seit der Veröffent­lichung des Notenwechsels vom 18. Juni habe» in demselben sreundschastlichen Geiste wie die früheren Besprechungen mit anderen Regierungen stattgesunden. Ein umfassender Meinungsaus­

tausch fand über Fragen wie zukünftige quali­tative Begrenzungen und zukünftige Baupro­gramme statt, und eine Darlegung sowohl der Stellungnahme Deutschlands als auch der Vor­schlüge der englischen Regierung bezüglich eines zukünftigen allgemeinen Abkommens über Flot- tenbegrenzung wird vertraulich den Regierungen der anderen interessierten Mächte in den zukünfti­gen Besprechungen deren Vertretern mitgeteilt. Der Meinungsaustausch zwischen der deutschen und der englischen Regierung hat selbstverständ­

lich provisorischen Charakter, da spätere Entschei­dungen auf einer zukünftigen internationalen Flottenkonserenz von der Haltung anderer Mächte abhänge».

Die deutsche Flottendelegation kehrte Sonntag von London nach Deutschland zurück und traf um 14.30 Uhr mit dem Flugzeug in Hamburg ein, wo Botschafter von Ribbentrop dem Führer in Anwesenheit des Oberbefehlshabers der Kriegs­marine, Admiral Raeder, sowie der Mitglieder der Delegation, Konteradmiral Schuster und Ka­pitän Kiderlen, Bericht erstattete.

Das nächste Ziel

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Lr. Berlin, 24. Juni.

Nach dem Abschluß des deutsch-englischen Flottenabkommens wird sich die internatio­nale Diskussion der Flottensrage alsbald den Rückwirkungen zuwenden, die dieses Ab­kommen auf das Verhältnis der Flotten- stärken der anderen Mächte untereinander hat. Zunächst ist lediglich das deutsch-eng­lische Stärkeverhältnis endgültig und bin­dend festgelegt. Aber mit dem Abschluß dieses Abkommens ist von Deutschland zugleich der Wunsch geäußert worden, daß auchandere Mächte auf ähnlicher Basis mit uns einen Ausgleich und eine Verständigung suchen mögen. Dazu ist aber die Initiative von der anderen Seite her erforderlich, wie ja auch die Verhandlungen über das deutsch-englische Abkommen von den Engländern eingeleitet worden sind.

Der Führer und Reichskanzler hat die Voraussetzungen klar und in aller Öffent­lichkeit dargelegt, unter denen Deutschland zu Verhandlungen mit jeder anderen Macht bereit ist, und die anderen Regierungen müssen nun selbst die notwendigen Ent­schließungen fassen. Vor allem wird dabei oie Haltung Frankreichs in den Vordergrund des politischen Interesses treten. Der Außenminister Laval, der jetzt auch die Bürde der Ministerpräsidentschaft zu tragen hat und der daher m den letzten! Wochen durch innerpolitische Sorgen stark in Anspruch genommen war, wird sich voraus­sichtlich bald wieder in stärkerem Maße seinen außenpolitischen Aufgaben widmen, beson­ders, da außer ihm kaum ein anderer Fach­mann in Frankreich in der Lage sein dürfte, das allzu verschlungene Geflecht der Pakt­abschlüsse und Verhandlungen, die Laval eingeleitet hat, mit der notwendigen Klarheit zu durchschauen.

Auch in Frankreich scheint es Kreise zu geben, denen vor dem Uebermaß der Pakt­pläne etwas bange wird. Die Nachteile und Schwächen des wichtigsten dieser Verträge, des französisch-russischen Paktes, werden auch in Frankreich Zweifellos immer deut­licher erkannt. Umgekehrt zeigt das Beispiel Polens und neuerdings das Beispiel Eng­lands, daß die Verträge, die man mit Deutschland abschließt, aus klarer und fester Basis stehen und in ihren Auswirkungen und Vorteilen für jeden Partner deutlich zu überblicken sind. Sowohl nach ihrem Inhalt als auch nach der Methode der Verhandlun­gen und des Abschlusses haben sich die

Gegen die Partei heißt gegen Deutschland

Reichspropaganbaminister Dr. Goebbels demaskiert diekleinen Lliquen"

Koblenz, 24. Juni.

Am Sonntag begann im Rahmen des Treffens des Westmark-Eaues KoblenzTrierBirkenfeld in der Rheinlandhalle zu Koblenz die Festtagung der politischen Leiter und Führer aller Glie­derungen der Partei. Die Kundgebung wurde nach dem Einmarsch der Fahnen und Standarten durch Eaupresseamtsleiter Armes mit einer Ge­fallenenehrung eröffnet, worauf nach einem Sprechchor des Arbeitsdienstes als erster Redner der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP., Dr. Groß, das Wort ergriff.

Kurz nach 10 Ahr traf Reichspropagandaleiter Dr. Goebbels, von der Versammlung mit stürmischen Heilrufen begrüßt, in der Halle ein, nachdem er auf dem Saarplatz von Gauleiter Simon sowie SA.-Gruppenfiihrer Steinhoff be­grüßt und von der Bevölkerung stürmisch umjubelt worden war. In den Anfahrtstraßen hatten Arbeitsdienst, SA., SS., HJ. und BDM. Aufstellung genommen. Gauleiter Simon entbot Dr. Goebbels in der Festhalle ein herzliches Will­kommen.

Dr. Goebbels ging in seiner Rede davon aus, daß die Völker immer das seien, was ihre Führung aus ihnen macht. Daher habe die Be­wegung sich auch ein Recht auf die Macht errungen, denn sie habe aus den feige zusammen­gebrochenen Parteien von 1918 das stolze und fleißige Volk von heute gemacht. Wenn aber eine Bewegung auf Grund ihrer Tugenden die Macht errungen habe, dann werde sie auch die Macht behalten, so lange sie ihren alten Tugenden treu bleibe.

Wenn heute kleine Cliquen, die uns einst nicht hindern konnten, den alten Staat zu stürzen, ver­

suchen, sich uns entgegenzustellen, so können wir nur verächtlich sagen:Anfänger!" Was hatten unsere Vorgänger an positiven Leistungen auch nur versucht, um die Not zu lindern? Taten, wie der Bau der Reichsautobahn, wären früher vom Parlamentarismus von vornherein zerredet worden. Sie haben es falsch gemacht und sind da­her gestürzt worden. Wir machen es richtig und verbitten uns, daß sie heute dreinreden und uns dauernd zwischen den Beinen herumlaufen." (Brausender Beifall.)

. Es sei nicht so, führte Dr. Goebbels weiter aus, daß die Regierung die vielen Probleme, die'heute noch ungelöst seien, nicht sehe. Aber es sei falsch,' viele Probleme gleichzeitig lösen zu wollen. Sie würden eines nach dem anderen angepackt.

Dr. Goebbels kam dann aus die Aufgaben der Partei und der Wehrmacht zu spre­chen, die auf ganz verschiedenen Gebieten lägen. Die Partei habe den Frieden der Volksgemein­

schaft im Innern zu erhalten. Die Armee habe den Frieden dieser Volksgemeinschaft nach außen zu sichern. Das deutsche Volk falle heute nicht mehr auf die pazifistischen Phrasen herein, son­dern es habe gelernt, daß wahrer Frieden nur auf Sicherheit beruhen könne. Es sei unser Ziel, die volle Souveränität für Deutsch­land wieder zu gewinnen, und wir wüßten, daß keine Macht der Welt uns daran hindern könne. Der Träger dieses Glaubens sei die Partei, wer sich daher gegen die Partei wende, der wende sich gegen Deutschland. Die Partei aber dürfe sich nicht nur auf die Macht stützen,'sondern vor allem auf die Herzen des Volkes. Dann könne sie vor das Schicksal hintreten und ihm zurufen:Wir lassen dich nicht, du segnest uns denn!" Die Aus­führungen Dr. Goebbels fanden stürmischen Bei­fall. Die Versammlung fand mit einem Sieg- Heil auf den Führer und dem gemeinsamen Ge­sang des Deutschland- und des Horst-Wessel- Liedes ihren Abschluß.

Mit aller Llnerviltlichkeil"

Ministerpräsident Siebert bei der Sonnenwend­feier in Ebersberg

Ebersberg, in Oberbayern, 24. Juni. Bei einer Sonnenwendfeier auf der Ludwigs­höhe bei Ebersberg hielt der bayerische Minister­präsident Siebert die Feuerrede. Er erklärte u. a.: Jedem Volksgenossen, der seine alten partei­politischen Bindungen überwunden habe, reiche der Nationalsozialismus die Hand. Es gebe noch Kleinmütige und Zagende, ihre Zweifel werde die Entwicklung des Dritten Reiches zerstören. Es gebe dann noch Böse und Schlechte, die der

Bewegung zu schaden versuchen. Den Marxisten aller Schattierungen und denen, die gern die Herrschaft des politisierenden Katholizismus oder Protestantismus als das geheime Ziel ihrer Wünsche erkennen, sei gesagt, daß das Dritte Reich geduldig und langmütig gewesen sei, daß aber, wenn es finstere Mächte erkenne, die es bekämpften, es auf der Hut sei und seinen Bestand mit aller Unerbittlichkeit zu wahren wissen werde.

Denkmal sür Karl Benz in Karlsruhe. Am Sonntag fand in Karlsruhe die Enthüllung des Karl-Benz-Denkmals statt, an der zahlreiche Gäste teilnahmen, darunter Reichsstatthalter Wagner und die Mitglieder der Familie Benz.

Das Antlitz Lübecks

Größe und Schönheit einer alten deutjchen Stadt / Von Wilhelm Haujenstein

In diesen Tagen hält die Nordische Ge- -llschast in Lübeck ihre S. Reichstagung ab.

Dem Zureisenden steht das Profil der Stadt a-s eines der reinsten, die man erleben kann, im be­wundernden Blick, der sogleich auch Vertrauen sagt: da ist die Stattlichkeit und Sicherheit der eben Stadt.

Das Holstentor, das berühmte, in weihnacht­lichem Marzipan schon den Kindern, auch im ^utschM Süden, gar wohl bekannt, bestätigt sich nun endlich im Märchen der Wirklichkeit sem eigenes Siegel. Die fest zusammengedlchteten Ziegelsteine sind ein Urbild des Massiven und der Verläßlichkeit.

Am Ufer der nahen Trave halten sich die Salz- steicher. Mit ihren Treppengiebeln hängen ste zurück den Rücken anlehnend an die stützende Aisterkraft einer Vergangenheit, die auch m dre­ier, lichten Morgen als eine wirkliche Macht an­lesend ist. Das Wasser vor den Häusern steht woorig aus.

Der viereckige Platz mit dem Rathaus und der Marienkirche ist einer der schönsten Platzraume, °>e es geben kann. Es ist eine Piazza, wre nur ls in Italien ein« gewesen ist: auch der Markt in Nürnberg ist nicht glücklicher! Die rüstige Gotik des Ratbauses hat sich spielend und auch groß­artig bewußt in die Höhe gestreckt; eine verwegene ^cksteinwand. durch kreisrunde Windlocher ge- nördliche Stürme geschützt, die von der See Kr durch die Luken schießen, dem Gemäuer aber An darum nichts anhaben können - diese Mauer sitzt wie ein Diadem auf der Stirn oe ftirgerlichen Stadtpalastes, und schlanke Turme ub'r der Wand sind wie Zinken einer Krone: am Brust trägt dies Rathaus mit reizender E'tet- "k den Schmuck der gleichsam vorgesteckten Re-

naissaiceformen aus Hellem, plastisch ziseliertem Haustein. Dies Bild ist köstlich. Aber den ent­scheidenden Zug der Größe empfängt der Platz von der Marienkirche, die mit einfacher Mächtig­keit das Rathaus und den Platz überschattet und versichert, wie überhaupt die Kraft des geistlichen Lebens dem bürgerlichen Selbstgefühl, der bürger­lichen Heiterkeit das Recht, das Matz und vollends den Hintergrund jenseitiger Bürgschaften verleiht.

Es ist eine Kirche von kathedralischen Graden: kathedralisch außen, kathedralisch auch innen, wo die weißgetüncht« Kirche die ganze gottselig aufgeschwungene und demütige Ueberlegenheit der weitesten und edelsten Gotik beurkundet. Der Aufbau hat aus späteren Zeit­altern die lebhaftesten Verzierungen empfangen, ohne an kirchlichem Adel einzubüßen. Eine ge­waltige Orgel gehört jener spätesten und am üppigsten entwickelten Zeit der Gotik an, die man um ihres gleichsam flammenden, um ihres feurig ausschlagenden Charakters willen das Flamboyant genannt hat. Renaissance und Barock baben ein übriges getan: die Kirche starrt vom Dekor der nachgeborenen Jahrhundert«. Die Fülle nimmt der Reinheit des gotischen Bauwesens und der gotischen Andacht den Platz nicht ernstlich fort. Die Dinge schieben sich voreinander, aber man erkennt die Größe gotischen Ursprungs.

Die Marienkirche, deren Großartigkeit dem noblen Stil französischer Kathedralen nicht aus­zuweichen braucht, ist das überragend« Beispiel der lllbischeu Kirchen des gotischen Mittelalters. Sankt Aegidien, Sankt Jakob, die Katharinen- kirch«: dies ist der nämliche Akkord bloß we­niger mächtig angeschlagen, weniger großartig gespielt. Aber jenseits des Hauptplatzes, dem südlichen Rand der Altstadt nah«, erhebt sich eine Kirche von kathedralischem Geist. Der Dom, den

Heinrich der Löwe 1173 gestiftet hat. Die ro­manische Stirnseite mit den mächtigen, die hun­dert Meter weit übersteigenden Türmen ruht hin­ter einem Schleier von Baumzweigen: rot vom Backstein. Auch innen hat die gewichtige Gewalt romanischer Form an der Gestalt gebildet, und dies so sehr, daß man des romanischen Wesens am gewissesten und liebsten inne wird.

' Der Dom umschließt überm gotischen Lettner ein erregendes Flamboyantkreuz des Notke. Er umfängt einen Altar aus der Hand des Mein­ung, und niemand wird leugnen, daß Kreuz- tragung, Kalvarienberg, Grablegung, auch Auf­erstehung, wie sie von der vollkommenen Innigkeit eines großen gotischen Meisters da gemalt sind, das Gemüt auf ebenso nachdrückliche wie feine Art anrühren. Die Künstler und Kunsthandwer­ker der Renaissance haben eine große Uhr herein- getan, damit die Gläubigen lernen, die Zeit zu be­trachten. Auf dem Zifferblatt ist eine Sonne ein­gesetzt; sie wendet die Augen nach rechts und links sieht alles drüben wie hüben, bringt auch alles an den Tag. Nun ist es zwölf Uhr. Nun schlägt in Gestalt eines Jünglings das Leben selbst viermal mit dem Hammer an die Glocke, um anzumelden, daß die Vollendung der Stund«, die Mitte des Tages da ist. Und nun geschieht's, daß der Tod in der Gestalt eines Gerippes das Stundenglas umdreht und schrecklich den Schädel schüttelnd, den Hammer zwölf harte Male an die Glocke fahren läßt.

Die wahrhaft gewaltigen Baudenkmal« der Stadt sind durch Straßen und Gasten verbunden, in de­nen die Einheit des kubischen Geistes bescheidener und dennoch eindringlich genug sich bezeugt: die Häuser sind in rotem Backstein ausgemauert, und qotijch gestaffelte oder barock geschweifte Giebel zurücksinkend da und dort wie an den Salz­speichern sind fast die einzige Zierform Mit- unter haben die Häuser einen simplen Verputz »nd Anstrich empfangen. Da sind von Gasten ab­gezweigt, kleine Höfe, in denen alte Witwen wohnen: Höfe gleich den Beghinenhöfen Flan­

derns oder der unvergessenen Fuggerei in Augs­burg. Alte Wsiblein sitzen auf grüner oder weißer Bank vor ihren Puppenhäuschen und sonnen sich oder sie putzen das Messing ihrer Türklinken mit eifernden Händen. Und wenn sie den Fremden einladen, das Innere des Häuschens zu besehen, so ist ein winziges, mit alten Dingen überfülltes und sehr behagliches Stübchen da, in dessen Grund ein reinliches Bett den Alkoven einnimmt. Es gibt ein Heiligengeisthospital. Man tritt in eine schöne gotische Kirchenhalle, die durch feine und robuste Schnitzaltäre der Gotik ausgezeichnet ist; aus dieser Kirche blickt man in das angeschlossene Hospiz, in dem die alten Menschen, Greise und Greisinnen, als Pfrllndner in Zellen sitzen, wie Mönche und Nonnen in ihren Klosterzellen tun. Wenn sie zur Straße wollen, dann nehmen sie immer gern den Weg durch die Kirche denn er ist der gegebene; und ebenso kehren sie zu ihren Zellen zurück.

Man zählte in letzter Zeit gegen zehntausend Seeschiffe im Hafen, nämlich aufs Jahr, und l929 wurde der Wert des Güterumschlags auf dreihundertfünfzig Millionen Mark berechnet. In merkwürdiger Begegnung ergibt sich, daß aber auch das Museale dieser Stadt eine leidenschaft­lich angreifende Gewalt empfangen kann: der Sankt Jürgen, dem Original des großen lübi- schen Spätgotikers Vernt Notke in der großen Stockholmer Kirche vorzüglich nachgebildet und in der zu einem erstaunlichen Museum gewan­delten Lübecker Kalharinenkirche mit anderen be- wundernswerten Dingen aufgestellt dieser hei­lige Georg ist ein Werk von unerhörter Eegen- wärtigkeit! All« Modernen, die je nach Kraft und Ausdruck begierig waren, dürften froh sein, wenn sie, zusammengenommen, als Heer, die pul­sierend« Gewalt der Form, die phantastisch« Fülle des Ausdrucks besäßen, die von dieser Gruppe eines mittelalterlichen lübischen Meisters noch in unserem Augenblick erregend und vollkommen überspringt, wie sie Schweden ehedem in Stau­nen hielt.

1143 nahe einer alten wendischen Siedelunz als deutsche Stadt gegründet, erfährt Lübeck die Gunst Heinrichs, den man den Löwen nannte, und die Freundschaft des Rotbarts, auch jenes zweiten Friedrich, der unter den Staufen der genialste, der weiteste, in Raum und Idee am großartigsten ausgespannte Geist gewesen ist. 1387 wird Lübeck Vorort aer Hanse. An der Spitze dieses wirt­schaftlichen und weltpolitischen Verbandes stehend, greift Lübeck nach Flandern und nach Krakau, nach Köln und Breslau, nach London und Now­gorod, nach Lissabon und Island nicht nur handel­treibend, sondern auch gebieterisch aus; es gibt der nordischen Welt auch das Beispiel der Kunst! Nicht ein einziges Schiff auf der Ostsee, das in jenem Zeitalter vor Lübeck nicht anlegt. Die dä­nischen Könige halten ein« Weile die gepanzerte Hand auf der Stadt; aber sie schüttelt sich, und siehe: 1370 gewinnt ste sogar die Befugnis, die dänischen Könige zu bestätigen! Es verschlägt ihr auch nichts, das unbotmäßige Kopenhagen zu zer­stören. Diese ungeheure Herrschaft währt bis etwa 1500: bis zur Entdeckung Amerikas und der at­lantischen Gewässer.

Mit diesen Dingen stimmt es überein, wenn die große Gestalt der Stadt romanisch und gotisch ist. Aber noch in den Zeiten nach 1500, die wir Re­naissance und Barock nennen, ist die Kraft der Stadt zum wenigsten so stark, daß Rathaus und Kirchen auf eine überschwengliche Weise geschmückt werden können. Nun empfängt der Dom den barocken Staatsaltar, nun die reiche Barockorgel in Braun, Weiß und Gold, nun die Alabaster- reliefs der Renaissancekanzel; nun empfängt die Aegidienkirche die gewaltige Orgel, deren Form von der Renaissance zum Barock hinüberschwillt und den prächtigen Renaissancedeckel auf dem gotischen Taufstein .... Die Spannungen der Reformation und der barocken Formlust sind we­nigstens noch in diesem stolzen, ja schwelgerischen Maß des Schmuckes ein produktiver Antrieb ge- worden, und noch in jenen Zeiten hat das Meer die lubgche Flagge hoch geehrt.