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Nr. isi / 3 . Jahrgang
Donnerstag, 13. Juni
Einzelpreis is Nps.
Die englischen Frontkämpfer willkommen!
Unser lagvsspiegsl
Der Danziger Senatspräsident hielt vor dem Volkstag erne aufschlußreiche Rede
Widerhall der Erklärung des Prinzen von Wales I FrontkamemdMast
Garant des Friedens
Zwischen Bolivien und Paraguay wurde Frieden geschlossen
Heute wird das Urteil im Rundfunkprozeh verkündet
Der überseeische Personenverkehr über Bremen läht eine erfreuliche Steigerung erkennen
Das Problem der Rationalisierung in der Seeschiffahrt soll auch von der Internationalen Handelskammer behandelt werden
Reichsstatthalter und Gauleiter Carl Röver wendet sich in einem Aufruf an alle deutschen Männer und Frauen zur Mitarbeit für die Schaffung von Ferienfreiplätzen
Nach den Statistiken der letzten Volkszählung leben im bremischen Gebiet 371558 Einwohner
Die Nordseewoche 1935 wurde mit der Regatta Helgoland—Bremerhaven abgeschlossen.
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Hanseatische Exportförderung
Bremen, 12. Juni.
Wie wir hören, wird der Gauleiter Reichsstatthalter von Sachsen, Mutschmann, zusammen mit einer Anzahl führender sächsischer Industrieller in Hamburg erwartet, um dort die Frage der Exportförderung mit hanseatischen Wirtschaftskreisen zu besprechen.
Für Bremen nehmen an den Verhandlungen Gauleiter Reichsstatthalter Röver, zehn Herren des Vereins Bremer Exporteure, ein Vertreter des Präsidiums und ein Syndikus der Jndustrie- und Handelskammer Bremen teil.
Die Zusammenkunft wird durch Ansprachen der Gauleiter eröffnet, der sich eine allgemeine Aussprache über die einschlägigen Fragen anschließen soll. Wie wir weiter hören, rechnet man damit, dah diese direkten Besprechungen zwischen der sächsischen Industrie und den hanseatischen Exporteuren zu fruchtbaren Ergebnissen gelangen werden.
Aus Hamburg nimmt u. a. Gauleiter Reichs- statthalter Kaufmann und als lübeckischer Vertreter, Gesandter Werner Daitz, an den Besprechungen teil.
Heute LMeil im Nundfunkprozeß
Berlin, 12. Juni
Am 88. Verhandlungstag im Grohen Rund- funkprozeh fand am Mittwoch die letzte formale Sitzung statt, an deren Ende der Vorsitzende mitteilte, dah am Donnerstag, dem 13. d. Mts., um 13 Uhr, das Urteil verkündet werden soll.
Olympia-Ausstellung in München eröffnet. In der Halle II des Ausstellungsgeländes wurde am Mittwochvormittag die Olympia-Ausstellung feierlich eröffnet.
Berlin, 12. Juni.
Das Deutsche Nachrichtenbüro meldet: Bekanntlich hat der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, am 8. Juli vorigen Jahres in einer großen Rede in Königsberg den Frontkämpfern der anderen Völker die Freundschaftshand hingestreckt. Auf der Pfingsttagung der „British Legion", der großen englischen Frontkämpfer- Organisation, hat nun, wie bereits gemeldet, der englische Thronfolger in einer Rede zum gleichen Thema das Wort ergriffen. Dem Berliner Vertreter Reuters, der den Stellvertreter des Führers um sein« Meinung zu der Red« des Prinzen von Wales gefragt hat, wurde vom Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, folgendes mitgeteilt: »Ich bcgrühe selbstverständlich die Worte des Prinzen von Wales. Wenn die englischen Frontkämpfer nach Deutschland kommen wollen, so können sie natürlich gewih sein, dah sie von den deutschen Frontkämpfern als Kameraden aufgenommen werden. Wenn der Frontkämpfergeist in der Auhenpolitik der verschiedenen Länder mehr und mehr zum Durchbruch kommt, so wird ein
groher Schritt zum europäischen Frieden getan sein.«
General Eöring erklärte zu der Rede des Prinzen von Wales:
„Die Rede des Prinzen von Wales kann man in der Tat begrüben. Sie ist geeignet, den Welt- frieden aufrechtzuerhalten."
Botschafter von Ribbentrop hat sich auf Anfrage des Berliner Vertreters von Reuter wie folgt geäußert:
„Die Worte des Prinzen von Wales aus der Tagung der britischen Frontkämpfer werden in Deutschland überall ein warmes Echo finden. Britische Frontkämpfer werden daher von den deutschen Frontsoldaten und von dem deutschen Volk in seiner Gesamtheit aufs herzlichste begrüht werden. Erfahrungen mit Zusammenkünften von Frontkämpfern haben uns gezeigt, dah es keinen besseren Weg zur Förderung freundschaftlicher Verständigung gibt als eine offene und ehrliche Fühlungnahme zwischen den Männern, die an der Front gestanden haben. Ich bin überzeugt, dah der Geist, der in den meisten Frontkämpserverbändcn der verschiedenen Länder herrscht, sich als eine grobe Hilfe für die Be
mühungen der verschiedenen Regierungen erweisen wird, endgültig Frieden und Zusammenarbeit in Europa herbeizusühren."
London, 12. Juni
Der Bundesführer des englischen Frontkämpfer- Verbandes „British Legion", Major Fether- st o n - E o d l ey. hat einem Vertreter der „Daily Mail" folgende Erklärung zu seinem bevorstehenden Besuch in Deutschland gegeben:
„Unser Besuch wird mehr den Charakter einer Informationsreise haben als sich mit endgültigen Zielen zu befassen. Wir hoffen aber, daß viele gegenseitige Probleme auf beiden Seiten freundschaftlich erwogen und besprochen werden, und es wird von Interesse sein, das Werk der Frontkämpfer in Deutschland zu prüfen und zu untersuchen, wie wir die Freundschaft der Frontsoldaten unserer beiden Länder fördern können. Das ganze Unternehmen geschieht zur Förderung des von der British Legion kürzlich niedergelegten Grundsatzes, daß wir uns für eine Freundschaft in der Brüderschaft der Waffen einsetzen, die keine Landesgrenzen kennt. Wir hoffen, eine Woche lang in Berlin bleiben zu können."
Das Danziger Sparprogramm
Genatspräfiöenl Greifer vor dem Volkstag
Danzig, 12. Juni
Der Danziger Volkstag trat am Mittwochnachmittag zusammen, um die Erklärung des Senatspräsidenten Greiser über die Maßnahmen der Danziger Regierung entgegenzunehmen. Senatspräsident Greiser betonte zunächst mit großer Offenheit, daß manche harte Maßnahmen der letzten Zeit von einem Teil der Bevölkerung nicht verstanden worden seien, weil die tieferen Ursachen in der überaus schwierigen Struktur der Freien Stadt Danzig lägen.
Der Senatspräsident ging dann auf die Außenpolitik ein, wobei er besonders hervorhob, daß neben den völkischen Beziehungen zu Deutschland auch die Beziehungen zum Völkerbund und zur Nachbarrepublik Polen von gegenseitigem Verständnis getragen seien. Senatspräsident Greiser nahm dann eingehend zur Währung sfräge und zur Haushaltspolitik Stellung. Er ging zunächst nochmals auf die Abwertung des Danziger Guldens sowie auf die Anfang Juni erfolgte Neue Attacke auf die Danziger Währung ein. Er betonte gegenüber falschen Gerüchten, daß Polen in keiner Weise die Absicht zum Ausdruck gebracht habe, eine Unifizierung der Währungen zu verlangen.
Wenn bestimmte Kreise es gerne sehen würden, wenn gerade eine nationalsozialistische Regierung die Eigenstaatlichkeit Danzigs gegen Silberlinge
verkaufen würde, so halte sich die Danziger Regierung an den im Danziger Rathaus angebrachten Spruch „Die goldene Freiheit ist für kein Geld verkäuflich." Sie sei fest entschlossen, den Danziger Staatsbürgern ihren Danziger Gulden zu erhalten.
Die Danziger Regierung habe sich nur ungern zur Einführung der Devisenbewirtschaftung entschlossen, da diese für die Freie Stadt Danzig als Hafen- und Umschlagplatz zwangsläufig auch erhebliche wirtschaftliche Nachteile mit sich bringe. Jetzt gelte es, durch eine planvolle Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik für die Danziger Währung wieder ein festes Fundament zu schaffen, koste es, was es wolle. Der Danziger Senat wisse sich mit der polnischen Regierung darin einig, daß ein Abgleiten des Danziger Gulden auch für Polen schwerwiegende wirtschaftliche Nachteile mit sich bringen müßte.
„Wenn diese Gesetze der härtesten Not", so schloß Präsident Greiser unter starkem Beifall diesen Teil seiner Erklärung, „auch in das Schicksal einzelner Staatsbürger eingreifen, so spielt das für mich keine Rolle; denn das Schicksal Danzigs und seiner Bevölkerung ist mir wichtiger als Einzelschicksale. In Zeiten der Not kann man nicht Rücksicht aus einzelne nehmen; denn Not biegt nicht nur Theorien, sondern bricht Eisen."
Der Senatspräsident machte dann nähere Mit- teilungen über das einschneidende Sparprogramm, das die Danziger Regierung in Aussicht genommen habe, um ihrerseits in der Opferleistung der Gesamtheit voranzugehen. Er kündigte im Personalhaushalt eine Einsparung von mindestens 109 Lehrern und mindestens 500 Beamten an. Alle diese Personen werden Gelegenheit erhalten, außerhalb der Danziger Landesgrenzen eine wirtschaftliche Besserstellung zu erreichen. Weiter werden nach der Erklärung des Senatspräsidenten diejenigen Pensionäre, die von Deutschland abhängen, sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, die ihnen rechtlich vom Reich zu zahlenden Rentenbezüge im Reiche zu verzehren. Ferner sollen noch mehr als bisher Erwerbslose ausfindig gemacht werden, die sich freiwillig bereiterklären, Arbeit außerhalb der Danziger Landesgrenzen anzunehmen. Außerdem soll, ähn- lich wie es teilweise bereits Leim Freiwilligen Ar- beitsdienst in die Wege geleitet wurde, auch der staatliche Arbeitsdienst, soweit seine Mitglieder sich dazu freiwillig bereiterklären, in Deutschland untergebracht werden.
Die große Mehrheit des Volkstages nahm die Erklärung des Senatspräsidenten mit langanhaltendem Beifall auf.
' Bremen, 13. Juni.
Die Worte des englischen Thronfolgers auf der Jahresversammlung der britischen Frontkämpfervereinigung haben in aller Welt großes Aufsehen gemacht. Es ist begreiflich, daß sie in Deutschland einen besonders freundlichen Widerhall fanden, dem der Stellvertreter desFührers, RudolfHeß, ferner Ministerpräsident General Göring und Botschafter von Ribbentrop bereits auch entsprechend Ausdruck gaben.
Frontkameradschast, das ist esl Frontkämpfergeist über alle früheren eingebildeten oder tatsächlichen politischen Gegensätze der Grenzen hinweg, Frontkämpsergeist, das ist es in der Tat, was zum besten Garanten des Friedens für die Völker Europas werden kann. Rudolf Heß als Stellvertreter des Führers war der erste, der dies aussprach im vorigen Jahre etwa um die gleiche Zeit, als sich Wolken von bemerkenswerter Dunkelheit am europäischen Gesichtskreis gebildet hatten. Aus ehrlich besorgtem Herzen um den Frieden Europas sprach er damals in ergreifenden Worten zu den Frontkämpfern aller Nationen und zeigte ihnen, die in den Donnern des Weltkrieges ihren Mann gestanden und unter den Schwaden furchtbarer Giftgase unsäglich viel Leid erduldet und gesehen haben, den Weg, den sie gehen müssen, damit unter keinen Umständen mehr politisches Machtgelüste verantwortungslos Regierender einen Krieg über Europa verhängen kann.
Frontkämpfergeist, das hat nun auch der englische Thronfolger erkannt, ist berufen, Garant des Völkerfriedens zu sein und indem der Thronfolger, dem das bri- tische Frontkämpfertum seine einheitliche Geschlossenheit verdankt, offen der Meinung Ausdruck gab, daß es keine andere Körper- schaft, als eben das britische Frontkämpser- tum, gibt, die geeigneter wäre, von England aus Deutschland die Hand in Freundschaft entgegenzustrecken, hat er eine Wahrheit ausgesprochen, die uns Deutschen aus dem Munde des Stellvertreters des Führers längst geläufig ist, die indes darum wahrlich nicht an Wert verliert, weil sie sich nun auch der englische Thronfolger zu eigen machte.
In der festen Ueberzeugung, daß es die Frontkämpfer aller Nationen sein müssen,' die einen neuen Krieg verhindern, ist Deutschland gesonnen und gewillt, der Abordnung der britischen Frontkämpfer auf deutschem Boden einen besonders herzlichen Empfang zu bereiten, ihr zu zeigen, wie redlich wir in Deutschland — voran der Führer — es mit der Verfemung des Krieges meinen und wie sehr wir die Bemühungen des englischen Frontkämpfertums um den Frieden begrüßen. Uns Deutschen sind die kritischen
Weltwanderer zu Fuß
yum 125. Todestag von Johann Gottfried Seume am lZ. Juni / Von Theodor tzenker
Wenn das Schriftwerk Johann Gottfried Seu-' mes in unserer Zeit keinen Bestand mehr hat, und sich auch von seinen Gedichten nichts als besonders lebenskräftig und volkstümlich erhalten hat, so steht er doch als Mensch, als Persönlichkeit — zu deren Gesamtheit seine Schriften als höchst persönliche Aeußerungen unbedingt gehören — bedeutsam in der Geschichte seiner Zeit. Sein wechselreiches, schicksalvolles Loben vermag uns heute noch zu fesseln und zu ergreifen, zumal es nicht selten einen durchdringenden Blick in die damaligen deutschen Verhältnisse gewährt und seinen Weg zum politischen Menschen mehr oder weniger bestimmt hat. Sie standen unter dem Zeichen politischer Zerrissenheit und Zuspitzung, deutscher Unbewußtheit und schließlich erniedri- gendster napoleonischer Knechtschaft und wirkten sich nicht zuletzt auch im kulturellen Leben aus.
Aus diesen Jahren gingen — trotz meist ertötenden Druckes von außen und innen — zahlreiche deutsche Mahner und Rufer hervor, die in ihrer Gesamtheit Erwecker und Vorkämpfer für 1813 wurden. Zu ihnen gehört auch 2. E. Seume, nicht als der Größten einer, der — zuerst von der allgemeinen, in deutschen Landen herrschenden Weltanschauung eines allzeit von Westen beglückten Weltbürgertums gefangen — sich desto mehr von diesem Lebensbanne löste, je mehr das bonarpar- tesche „Gestirn" zum napoleonischen Wahnsinn wurde, der das zerstückelte Vaterland zu verschlingen drohte. -
Für Seume gab das Schicksal dem französischen Eroberer zwei Namen; einen schönen, großen: Bonaparte, und einen furchtbaren: Napoleon. In seinen „Apokryphen", eine Art politisch-philosophisches Tagebuch und zu deutsch „Fragwürdigkeiten",
sagt er vernichtend: „Napoleon konnte ein Fixstern werden und ist eine Sternschnuppe geworden!", was der Anschauung damaliger Zeit sehr zuwiderlief. Seume zog, wenn nicht als einer der Einflußreichsten, so doch als einer der Ersten und so offen es die i ände erlaubten, urdeutsch gegen den Korsen und besonders all seine zahlreichen deutschen Freunde mit gerecht-harten, rücksichtslos verkündenden Worten zu Felde und geißelte scharf die ursächlichen innerpolitischen Miß- stände.
So sind seine Schriften zumeist Zeugnisse seines Daseins und politischen, deutschen Denkens und Fiihlens und nicht künstlerische, dichterische Offenbarungen. Sein kurzes Leben (er starb schwerleidend schon mit 47 Jahren während einer Kür in Teplitz), das ihn zu dieser kämpferischen Reife führte, war aber auch in besonderem Maße wirk- lichkeitsgekettet und schickialsbeladen — ein steter Unstern wirkte verbitternd und aufzehrend seine Fäden!
In dem Dörfchen Poserna bei Weißenfels wurde er am 29. Januar 1763 geboren und kam mit sieben Jahren nach Knautkleeberg bei Leipzig, wo sich sein Vater als Wirtschaftspächter niederließ, aber schon fünf Jahre später starb. Ein Graf von Hohenthal-Knauthein nahm sich des zwölfjährigen Johann Gottfried an — ihm allein verdankte er seine höhere Bildung: In Vorna aufs Gymnasium vorbereitet, siedelte er auf die Nikolaischule in Leipzig über, deren Ziel der Reichbegabte rasch erreichte, um sich dann in dieser alten Universitätsstadt dem Studium der Theologie zu widmen. Und sie wurde sein Verhängnis: Durch mancherlei Einflüsse kam er zweifelnd ünd ungläubig mit der strengen kirchlichen
Glaubenslehre und seinem Gewissen in Widerspruch und Zwiespalt, was den aufrechten und wahrhaftigen Jüngling in seelische Nöte und Qualen stürzte. Da hing er das Studium an den Nagel und zog heimlich hinaus in die weite Welt, das Leben selbst zu befragen und seinen inneren Menschen zu befreien. Das war gefühlsmäßig der richtige und helfende Weg für einen Menschen seines Wesens; aber von Zweifel und Gewissenszwang kam er auf diesem Befreiungspfad in Verzweiflung und Gefangenschaft; denn damals sah es in deutschen Landen böse aus, und man konnte noch ein Sklave menschenunwürdigen Söldner- tums werden, aus dem es kein Entrinnen gab.
Auf seiner Wanderung fiel er hessischen Werbern in die Hände und wurde den vom Landgrafen Hessen-Kassel an England verkauften Truppen (!) angeschlossen und nach Amerika befördert, wo die Engländer gegen die sich befreienden Amerikaner standen. Nach der Rückkehr flüchtete er in Vremen, wurde aber von preußischen Werbern wieder ergriffen. All seine verzweifelten Fluchtversuche mißlangen, bis er nach einigen Jahren gegen geldliche Bürgschaft eines freundschaftlichen Gönners den harten Fesseln entkam. Das waren die sechs grausamsten Jahre seines Lebens!
Er ließ sich in Leipzig nieder, das seine Heimat wurde. Von hier aus führte ihn sein Weg in mehrjährige russische Dienste, die angenehmerer, aber auch eigenartiger Natur waren und ihn gefahrvoll in den blutigen Polenaufstand von 1794 verwickelten. Im Herbst 1797 zog er als Mitarbeiter der Verlagsunternehmungen des berühmten Buchhändlers Göschen nach Erimma und brach von hier im Dezember 1801 zu seiner neun- monatigen Fußreise nach Sizilien auf, die ihn durch Oesterreich, Schweiz. Italien und Frankreich führte und nicht zuletzt durch das Buch „Spazier- gang nach Syrakus" sehr bekannt machte. Später durchreiste er noch Rußland, Schweden und Finn
land („Mein Sommer im Jahre 1806"). Diese zwei Schriften werden, ergänzt durch die von ihm selbst verfaßte, aber unvollendete Geschichte seines Lebens.
Der „berühmte Wanderer", von der Zeit an durch ein schweres Leiden körperlich behindert, wanderte dann geistig um so inniger den deutschen Nöten und Eroßfragen, der Zukunft des geliebten Vaterlandes, entgegen, als deren erkennender Vorkämpfer er Sinn und Ziel seines Lebens erreichte und erfüllte, ohne daß ihm vergönnt war, den nahe bevorstehenden großen Freiheitskampf und die Vernichtung des grimmig gehaßten Napoleon zu erleben. — An diesem licht
vollen Sieg hatte Seume, dem Leben und Fügung nur einen sehr steinigen, dornenvollen Weg be- schieden, menschlichen und künstlerischen Anteil, der .in seinen Schriften kämpferischen Niederschlug und bleibende Ueberlieferung fand.
Dr. Rainer Schlösser
stellvertr. Präsident der Retchscheaterkammer
Der Präsident der Reichstheaterkammer, Mini- sterialrat Otto Laubinger, hat das Präsi- dialratsmitglied Dr. Schlösser als stellvertretenden Präsidenten der Reichstheaterkämmer berufen.
Victor Lrthur Schunck
Der letzte sȊnger
Der Abend sinkt.
Zwischen glühenden Bergen leuchtet die Sonne verglimmend auf dem geheimnisvoll raunenden See. An dem schartigen, felssteinigen Ufer, das drohend aus der Tiefe klimmt, zittern die blütenweißen Kämme aufschäumend und bespülen mit eintönigem Sang das naß-schwarze Gestein. Graublauer Dunst entsteigt dem Boden und schwimmt schwer und träg über das Wasser, das schon im Anzug der Nacht zu dunkeln beginnt. Mählich schieben sich die Dunstwellen vor, die weit vorne am Himmelsrand im magischen Aufleuchten violettfarben verrinnen.
Lichtlos bäumen sich in mäßigem Abstand vom See die trutzigen Eichenstämme hoch, kraftstrotzend ihre knorrigen Aeste reckend, die im Auslauf schlangengleich ineinander verflochten liegen. Aber über dem holzgewobenen Netz spielen in jungen Zweigen Blätter, aufgescheucht vom singenden Abendwind.
Es rauscht wie Orgelklang durch den dunklen Wald, der weithin den Hügel überzieht.
Durch klaffende Lücken im Unterholz fällt noch spärliches Licht der untergehenden Sonne, beleckt morsche Baumstümpfe und blitzgefällte Stämme.
Ein Schatten, aus der Lichtung kommend, huscht über moosigen Grund. Traumhaft tritt die Gestalt des Greises aus dem uralten Ge- hölz und schreitet müde auf schmalem Pfad den Hügel hinab, dem See zu. Die Haare flattern in silbrigen Strähnen im fächelnden Hauch der Abendluft. Und das weiße Gewand, von einem breiten, rohledernen Gürtel gehalten, hängt verknittert an dem abgezehrten Leib.
Jauchzend schwingt sich eine Lerche auf zur nachtblauen Höh'. Ueberquellend schwirrt das Lied steilab und geht unter in dem lauschigen Weben des Waldes. Der Jubelklang der Melodie erschließt ein letztes Leuchten in dem verfallenen Antlitz des greisen Sängers; ein letztes