Ausgabe 
(11.6.1935) Nr. 159
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Nr. 1Z9 / 3. Jahrgang

Dienstag,

11. Juni

Einzelpreis is Rps.

Die VDA.-Pfingsttagung ««Königsberg

Feierstunde und Volksdeutsches Gedenken / Stunde der Äugend

Unser logssspisgel

vo« Ribbentrop erstattete in München dem Führer Bericht über die deutsch-enalischen Flottenvesprechungen.

Nach Berichte» aus Peiping ist im chinesisch- japanischen Konflikt eine Entspannung ein­getreten.

Die französischen Marxisten drohten aus ihrem Parteitag mit Bürgerkrieg.

Zur 73-Jahrfeier der DT. sandte der Führer auf ein Huldigungsschreiben der DT. ein Antworttelegramm.

In den Kämpfen um den Davis-Pokal siegte Deutschland über Italien 4:1.

2« der Hochseeregatta Burnham Helgo­land hieß die Siegerin im D.-Fischer-Cup Hajo-Bremen.

2m Stiidtekampf gegen Krakau siegte die Berliner Städteels 2:0.

Werder-Bremen schlug in Holland Velocitas- Groningen sicher 4:1.

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Nibbentrop berichtet dem Führer

Berlin, 10. Juni

Die deutsche Flottendelegation unter Führung von Botschafter von Rrhbentrop traf am Sonn­abendnachmittag in München ein. Botschafter von Ribbentrop erstattete dem Führer und Reichs­kanzler Bericht über den bisherigen Verlauf der Verhandlungen. Im Laufe dieser Woche wird sich die deutsche Delegation zur Wetterführung der Verhandlungen wieder nach London begeben.

Pfingsten in Berlin

Berlin, 10. Juni

Die beiden Pfingftfeiertage standen in Berlin völlig im Zeichen des schönen Wetters und der sommerlichen Hitze. Hunderttausende waren schon am Pfingstsonntag der Steinwüste entronnen, um die Feiertage an der See, im Walde oder im Gebirge zu verbringen. Die Reichsbahn hatte nicht weniger als 280 Sonderzüge eingesetzt, in denen kaum ein freier Platz zu finden war. Am ersten Feiertag setzte dann der Hauptstrom der Aus­flügler nach den Ausflugsorten in der Umgebung Berlins ein. Starken Zuspruch wiesen auch die traditionellen Pfingst-Frühkonzerte auf. Ebenso hatten die Freibäder an beiden Feiertagen einen Rekordbesuch zu verzeichnen und auf den Seen und Flüssen in der Umgebung der Reichshauptstadt waren Zehntausende mit ihren Wasserfahrzeugen unterwegs, um Luft und Sonne zu genießen. Auf den Landstraßen in der Nähe und weiteren Um­gebung Berlins war ein Riesenverkehr zu beob­achten. Als am Abend des zweiten Feiertages die Berliner ausgeruht und braungebrannt wieder ihren Wohnungen zuströmten, mußten alle verfüg­baren Kräfte und Fahrzeuge der Verkehrsmittel eingezogen werden, um den Riesenandrang zu be­wältigen.

Japan wieder im Völkerbund?

Brüssel, 10. Juni.

Auf der in Brüssel abgehaltenen 19. Inter­nationalen Tagung der Völkerbundsgesellschaften glaubte der Präsident der Tagung, der italienische Senator Eiannini, mitteilen zu können, daß Japan in Kürze seinen Platz im Völkerbund wiedereinnehmen werde.

Königsberg, 10. Juni.

Die Pfingsttagung des VDA. wurde am Pfingstsonntag nach Gottesdienst in den Kirchen der alten Krönungsstadt mit einer Feierstunde auf dem Erich-Koch-Platz fortgesetzt. Bei strah­lendem Sonnenschein hatten sich Zehntausende von Jugendlichen aus allen Gauen unseres Va­terlandes und Ausländsdeutsche aus 20 verschie­denen Staaten versammelt. Weithin grüßte das Wahrzeichen des VDA., eine riesige Kornblume, flankiert von den Fahnen des Dritten Reiches. Vor der festlich geschmückten Tribüne standen die Mannschaften des KreuzersKönigsberg" in Reih und Glied.

Der Leiter des Außenamtes der evangelischen Kirche, Bischof Ha eckel, Berlin, sprach zu Her­zen gehende Worte Volksdeutschen Vekennens und gedachte der Märtyrer des deutschen Volkstumes in der Welt. Für die katholische Kirche sprach Konsistorialrat Dr. Scherer, der die Besiedlung

Berlin, 10. Juni.

Ueberdas künftige Offizierskorps des Beur­laubtenstandes der Reichsluftwaffe" wird folgen­des Merkblatt veröffentlicht, das in den einlei­tenden Abschnitten die bereits bekannten Bestim­mungen über die Auswahl des Offizierskorps und ihre Voraussetzungen enthält. Der weitere Teil besagt unter anderem, daß Offiziere d. B., die zum fliegenden Personal der Fliegertruppe gehören, die Verpflichtung haben, sich durch luftsportliche Vetätigung in fliegerischer Uebung zu halten.

Für die aus dem aktive« Dienst ausscheidenden Unteroffiziere

1. Soldaten, die bei der Fliegertruppe und Luftnachrichtentruppe nach freiwilliger viereinhalbjähriger Dienstzeit aus­scheiden und auf Grund ihrer Leistungen und Persönlichkeit bei der Entlassung aus dem aktiven Dienst zum Reserveoffizier-Anwärter und über­zähligen Unteroffizier der Reserve ernannt worden sind, leisten nur die II. und III. Reserveübung von je vier Wochen Dauer im 1. und 2. Reserve- jahr ab. Pflichtübungen als Offizier d. V. gleich zwei Uebungen innerhalb vier, in Ausnahmefällen innerhalb sechs Jahren nach erfolgter Ernennung zum Offizier d, B., die erste Uebung von sechs Wochen, die zweite Uebung von vier Wochen Dauer.

2. Unteroffiziere, die nach zwölfjähriger Dienstzeit aus der Reichsluftwaffe ausschei­den, können, sofern ihnen nach zehneinhalbjähriger Dienstzeit die Eignung zum Reserveoffizier-An­wärter zugesprochen worden ist, zur Ernennung zum Offizier d. B. vorgeschlagen werden. Sie müssen sich verpflichtet haben, bei der Flieger­truppe (fliegendes Personal) bis acht Jahre nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst alle zwei Jahre eine Uebung von vier Wochen Dauer, bei

des deutschen Ostens als kirchliche und deutsche Tat feierte. Seine Rede klang aus in einem Treueschwur zum Führer. Dann nahm anstatt des erkrankten Gauleiters und OLerpräsidenten Koch der stellvertretende Gauleiter Eroßherr das Wort. Er überbrachte die herzlichsten Grüße des Oberpräsidenten und der ganzen Provinz Ostpreußen. Namens des Oberpräsidenten ge­dachte er der Memelländer und der Sudeten- deutschen und dankte zugleich allen, die auf dem ganzen Erdenrund den Gefahren der Welt trotz­ten und ihr Deutschtum mit freier Stirn ver­treten. Wenn man versucht hat, den Sinn der Ostlandtagung des VDA. umzudeuten und diese Kundgebungen, die sich im Schutze des alten Ordensschlosses zu Königsberg oder im Zeichen des Tannenberg-Denkmals oder der Marienburg abspielen, als einen pangermanischen Angriff auf die Lebenshaltung und die Kulturen anderer Völker zu bezeichnen, so verwahrte sich der Red-

der Fliegertruppe (Flugzeug- und allgemeines Personal), der Flakartillerie und Luftnachrichten­truppe innerhalb vier Jahren, in Ausnahmefällen innerhalb sechs Jahren zwei Uebungen, die erste Uebung von sechs Wochen, die zweite Uebung von vier Wochen Dauer, abzuleisten.

Für die aus dem aktiven Dienst ausscheidenden Offiziere:

Die aus dem aktiven Dienst ausscheidenden Offiziere der Fliegertruppe, Flakartillerie und Luftnachrichtentruppe, können zu den Offizieren d. V. ihrer Waffengattung übergeführt werden, sofern Eignung in jeder Hinsicht noch vorhanden ist und die ausscheidenden Offiziere sich zur Ab­leistung der erforderlichen Uebungen verpflichten.

Vorläufig können außerdem Offiziere d. B. werden:

s.) Ehemalige aktive und Reserve-Offiziere der alten Wehrmacht (Heer und Marine), die über entsprechende Sonderausbildung verfügen, falls ihre Eignung feststeht. Sie müssen sich nach erfolg­ter Ernennung zum Reserveoffizier bei der Flieger- und Luftnachrichtentruppe zur Ableistung von 13 Uebungen, bei der Flakartillerie zur Ab­leistung von zwei Uebungen verpflichten.

b) Vor längerer Zeit aus dem Reichsheer oder der Reichsmarine ausgeschiedene aktive Offiziere mit entsprechender Sonderausbildung, falls ihre Eignung feststeht (Einstellung nur bei Flak­artillerie und Luftnachrichtentruppe). Verpflich­tung zur Ableistung von zwei Uebungen inner­halb vier Jahren, in Ausnahmefällen innerhalb sechs Jahren nach erfolgter Ernennung zum Reserveoffizier ist erforderlich.

e) Ehemalige Soldaten der alten Wehrmacht (Heer und Marine) sowie der neuen Wehrmacht,

ner gegen derartige Unterstellungen, wobei er auf die letzte Rede des Führers hinwies. Mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer und mit dem Gesang des Deutschland- und des Horst- Wessel-Liedes fand die Feierstunde ihren Aus­klang.

Im Laufe des Nachmittags wurden dann auf dem Palästra-Platz die sportlichen Hauptwett- kämpfe ausgetragen. Nach dem Aufmarsch der Wettkampfteilnehmer und der Abordnungen der Königsberger Vereine überbrachte der Vertreter des Reichssportführers, Vreitmeyer, dessen Grüße an die hier versammelte Jugend des Reiches und des Auslandes. Die Olympischen Spiele im kommenden Jahre, so führte er aus, seien die beste Gelegenheit, das deutsche turn- und sportliche Friedenswerk vor der ganzen Welt zu bekunden.

(Fortsetzung nächste Seite)

ohne Offizierdienstgrad aber mit dem Dienstgrad eines Portepee-Unteroffiziers (Alter in der Regel nicht über 40 Jahre), falls auf Grund acht- bis zwölfwöchiger Uebung bei der Flakartillerie oder Luftnachrichtentruppe ihre Eignung festgestellt wird und sie sich verpflichten, nach - Ernennung zum Offizier d. B. im 1. und 2. Jahr je eine Uebung von vier Wochen Dauer abzuleisten.

6) Bei der Fliegertruppe Persönlich­keiten, die bis Ende 1934 eine abgeschlossene fliegerische Ausbildung bei Ausbildungsstellen der Luftfahrt erhalten und sich dauernd in fliegerischer Uebung gehalten haben. Flugzeug­führer müssen mindestens den Flugzeugführer­schein L 1 besitzen. Persönlichkeiten ohne mili­tärische Vorbildung dürfen das 35. Lebensjahr, ehemalige Soldaten ohne Offizierdienstgrad in der Regel das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben. Nach sechsmonatiger militärischer und fliegerischer Ausbildung und Ableistung der drei Reserveübungen für die Ungedienten bzw. drei­monatiger militärisch-fliegerischer Ausbildung und Ableistung von 13 Reserveübungen für die ehemaligen Soldaten, müssen sie sich zur Ab­leistung von vier weiteren Uebungen innerhalb acht Jahren nach erfolgter Ernennung zum Reserveoffizier verpflichten.

Anträge sind schriftlich nur an das für den Wohnort des Bewerbes zuständige Wehrbezirks­kommando zu richten.

Propaganda- und Organisationsverbot. Die Nanking-Regierung hat eine Verfügung erlassen, nach der hetzerische Herausforderung ' in Wort oder Tat, die die Erhaltung freundschaftlicher Beziehungen zu Chinas Nachbarländern stören konnten, verboten ist.

Leben oder Tod?

Die neue deutsche Raffengesetz gedüngt deren wichtigster Abschnitt sich mit den Fra­gen der Sterilisation Erbkranker, zur Ver­hinderung des Nachwuchses aus krankem Blut befaßt, ist von vornherein von gewissen Kreisen und insonderheit von den Führern der katholischen Kirche und ihrer Unterglie­derungen nicht widerspruchslos hingenom­men worden. Während man sich aber säst über zwei Jahre damit begnügte, diese Geg­nerschaft in noch einigermaßen tragbarer Form zum Ausdruck zu bringen, scheint matt in neuester Zeit, nachdem wohl alle Kräfte, die hierfür in Frage kommen, genügend vor> geschult sind, auf eine andere Taktik umge­stellt zu haben und die Zeit für gekommen zu erachten, dieMachtprobe zu versuchen.

Der Nationalsozialismus hat es bis heute in keiner Weise unterlassen, immer wieder zu zeigen, daß ihm an einer friedlichen Rege­lung in den Fragen der Raffengesetzgebung alles gelegen ist und er bedauert es aus das tiefste, wenn nun die andere Seite das Gesetz des Handelns an sich reißt und durch die Form ihres Angriffes auch die Schärfe der Abwehr bestimmt. Denn schließlich geht es hier )a nicht um irgendwelche Doktrinen, nicht um Wahrheit oder Irrtum wissenschaft­licher Theorien, nicht um Dogmen oder Prinzipien, sondern um Leben oder Tod der Nation; aber auch darum, die Grundlagen unserer wirklichkeitsbejahenden Weltanschauung, die allein das völkische Le­ben zu leiten und zu befruchten vermag, gegen eine Askese zu behaupten, die schein­bar nichts von dieser Welt will und die darum auch nicht das Recht für sich verlan­gen kann, den Staat in seinen Entschlüssen zur lebendigen Förderung des Fortschrittes seiner Menschen zu beeinflussen oder gar zu korrigieren.

Gewiß ist Toleranz eine Zierde des Star­ken. Zu weit geübte Nachgiebigkeit jedoch ist auch hier Sünde gegen die Nation. Solange als gelegentliche Vorstöße kirchlicher Kreise- gegen die Raffengesetzgebung, aus persön­licher Initiative einzelner übereifriger kom­mend, erschienen, war ihre Zurückweisung noch Sache derjenigen, die zufällig ihnen be­gegneten. In dem Augenblick jedoch, wo die Führung der Kirche in durchaus unmißver­ständlicher autoritärer Form sich hier einsetzt, wird auch der Staat nicht mehr umhin können, ebenfalls sehr bestimmt sein Recht aus seine Gesetze anmelden zu müssen. Und das durchaus autoritär!

Denn am Ende ist es ja heute nicht mehr so, daß parlamentarische Gruppen in höchst anfechtbarem Kuhhandelsverfahren irgend­welche Gesetze untereinander ausknobeln, sondern daß die Führung der geeinten Na­tion, nur bestimmt vom Verantwortungs­gefühl gegenüber dem Leben des Volkes, ihre Gesetze erläßt, die ihr diktiert werden aus der Erkenntnis der- das Sein der Men­schen und damit der Nation bestimmenden natürlichen Dinge.

Das aber bedingt auch die kompromißlose Verteidigung dieser Gesetze gegen alle, die glauben, sie sabotieren zu können. Und wenn jene hunderterleiGründe" für die Berechtigung" ihrer Gegnerschaft glauben

Das Offizierskorps der Luftwaffe

Wer kann aus dem Beurlaubtenstanbe Offizier dieser Waffe werden?

Lar! Sötz

Deutsche Achule in -er Fremde

Mit Erlaubnis des Verlages I. Engelhorns Nachf. Stuttgart bringen wir nachstehend einige Proben aus dem WerkDas Kinderschisf" von Karl Götz, das soeben mit dem Volksdeutschen Schrifttumsprcis der Stadt Stuttgart und des Teutschen Ausland-Instituts ausgezeichnet wor­den ist.

Unser Schulhaus steht blockig und trutzig wie eine kleine Burg in der Mitte der Kolonie, die aus einer einzigen langen Straße besteht. Neben dem Schulhaus steht in dem weiten Hof eine alte, knorrige Eiche. Unter ihr stand das Zelt der Feldmesser, als sie seinerzeit die Markung auf­teilten.

Alle zwei Jahre kommen wieder Kinder in die Schule, zu dem einen Lehrer. Sie freuen sich darauf, denn sie haben schon ein paar Jahre lang in die Kinderschule hinüber das Lachen, Singen und Musikblasen gehört. Und sie haben gehört, von was für wundersamen Dingen die großen Schüler erzählen.

So, so! Singen und Musikblasen! Ist ja kein Schulrat da, der an die Hirnkästlein klopft! So werden die Mißgünstigen sagen. Aber abgesehen davon, daß ein paar Neunmalgescheite schärfer auf­passen als der gestrengste Schulrat, weil sie jahr­aus jahrein ängstlich besorgt sind, ihre Büblein könnten für die hohen Schullasten nicht das voll aufwiegende Quantum Weisheit bekommen, ab­gesehen davon: Da draußen unter fremden Völkerschaften ist ein anderer Schulrat, ein uner­bittlicher: Der Lebenskampf, der im gelobten Land noch schwerer wird, wenn man die Gegner­schaft des jüdischen Einwandererstroms einmal ganz spüren wird. Gewiß, ein paar haben von den Eltern her ihr Schäflein schon im Trockenen. Aber es geht ja um die anderen, die sich durch- beitzen müssen.

Noch ganz anders als daheim liegt der Stoff vor einem. Noch viel mehr Dinge müssen fest in die Köpfe hinein, noch viel mehr Geschicklich- keiten muß man loshaben, recht loshaben oder gar nicht. Denn der deutsche Name gilt hier etwas wie überall in der Welt, weil die Deut­schen jedes Ding recht und ganz getan haben. Das darf nie anders werden! Es ist uns armen Dorfschulmeistern in allen vier Winden der Erde ein heiliges Amt zugefallen: Wir müssen Sorge dafür tragen, daß die andern allezeit den Atem anhalten, wenn sie einer deutschen Hand zu­schauen, daß sie wissen: Deutsches Werk ist ohne Mäkelchen. Und wie's seither bei den Arabern gegolten hat: Ein deutsches Wort gilt so viel wie ein Eid.

Mancher meint, man mache zu viele Umstände. Es ist wahr, daß viele um eine Binsenweisheit einen großen Sums machen. Aber wer kann von den Alten sagen, was für den Schusters-Fritz eine Binsenweisheit ist? Und ob ihm nicht ein geringer, einziger Begriff, mit allen Sinnen er­faßt, weiter hilft als hundert Dinge, die so herumsumsen an einem, ein bißchen brummen im Kopf und dann wieder sachte verklingen? Nicht weil wir mit der Mode gehen wollen, haben wir alle formmäßige, leere Lernerei aufgegeben. Nicht deshalb lassen wir nach den Dingen, die in unserem Schaffensplan liegen, eine heiden­mäßige Neugier aufsteigen oder ein Gelüsten, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen läßt. Nicht deshalb tüfteln wir selber mühselig aus Zahlen, Atlas und Reisebllchern heraus, wie es in Australien aussieht. Nicht deswegen stellen wir in lustigem Spiel die verschiedentlichsten Ge­stalten aus den Welthändeln dar und wälzen die dicksten Bücher, damit wir genau herausbekom­

men, wie sie gelebt und geschafft haben. Nicht deshalb lasten wir die Köpfe warmlaufen über Erfindungen, die schon dreimal -gemacht worden sind, nicht wegen der Mode. Aber deshalb, weil nur die Erkenntnis als Licht in einem aufgeht und nicht mehr auslischt, die man sich selber müh­selig vom Baum geholt hat. Unsere Zeit will nirgends hinreichen, und wir müssen oftmals einen Sprung über unsere Pflichtstundenzahl machen, wozu uns nichts zwingt, wenn's unser Gewissen nicht tut. Oft bleibt nur ein einziges Körnlein inneren Gutes liegen nach solch einer Stunde. Aber die Stunde reut uns nicht, wenn das Körnlein echt ist und selber herausgeschafft aus dem endlosen Schatz, den wir zu heben vor uns haben. Denn dann ist's nicht bloß das Körnlein. Dann ist's noch etwas ganz anderes. Dann sind die Fangarme unserer Seele wieder ein bißchen griffiger und geschickter geworden. '

Durch unsere langen Schulwochen hindurch leuchtet immer wieder ein Fest. Eine Spiel­stände, ein Jndianerlestag, ein Eselritt, eine deutsche Bücherkiste, der Christtag.

Einmal lag dieResolute" aus Hamburg im Hafen von Haifa. Dem Kapitän hatte unser Koloniewein geschmeckt und unsere schwäbische Luft hatte ihm gutgetan. Er wollte desgleichen tun und machte uns am anderen Tag einen Fest­tag aus seinem Schiff. Als uns das Motorboot auf die Reede hinausschaukelte, wären wir am liebsten vor freudiger Erregung ins Wasser ge­sprungen. Hernach bekamen wir einen Rausch von der Bibliothek und den Speisesälen von Teppichen und glitzernden Kronleuchtern, von Blumen und Gärten, vom Schwimmbad und der Turnhalle, von Kuchen, Schokolade und Knall­bonbons und von der Schiffsmusik, die uns Kinderlieder spielte DieResolute" mußte dann nach Indien und nach China Aber sie kommt wieder einmal!

Ein anderesmal war dieses Fest:

An einem Abend kam ein Trupp Studenten vom Nerother Bund, der seine Jugendburg im Rheinland hat, auf unsere Kolonie. Sie erzählten in unserem Schulhof zwischen Eichen und Euka­lyptusbäumen, wie sie durch Siebenbürgen ge­wandert seien, gesungen und gespielt und das Herz mit Bildern vollbekommen hätten. Wie sie von Konstantinopel aus Syrien zugefahren seien und durch den Libanon gewandert, allwo sie sich allnächtlich mit dem Himmel zugedeckt hätten. Und wie sie von Aegypten aus probieren wollten, wie man am geschicktesten umsonst nach Italien hinüberkommen könnte. Dann kam ein derbes, holzgeschnitztes Spiel vom Teil, bei Fackeln und einem unruhigen Lagerfeuer.

Hernach sangen sie alte Lieder und spielten auf Lauten und Geigen. Dann stand ihr Führer am Feuer, braungebrannt, die Aermel hinaufgestülpt, den Feuerschein im Gesicht, und erzählte von der Burg im Hunsriick, von Fahrten zu Toreros und Fremdenlegionären, ins Eismeer und auf südliche Inseln, nach Südamerika und nach Mexiko. Die Meinen ließen kein Auge von ihm. Einmal holte einer tief Atem, einmal packte eine ihre Nach­barin fest am Arm und alle dachten: Ach, wer da mitreisen könnte!

Am andern Tag sagten sie's. Wenn man auch einmal so in die Welt fahren könnte und singen und spielen dazu, Tandaradei! Einmal nach Deutschland! Aber du liebe Zeit! Deutschland liegt weit über dem Meer . . .

Wiener erleben Prsg

Zu den lautesten Schreiern um Hilfe für das in seinerUnabhängigkeit" von Deutschland be­drohte Oesterreich gehören die Tschechen. Man sollte daher meinen, daß die Oesterreicher, die besuchsweise zu ihnen kommen, gern gesehene Leute sind. Wie es sich damit in Wirklichkeit ver­hält, lehrt folgende Geschichte: Zwei Wienerinnen, auf Verwandtenbesuch in Prag, besuchten ein dor­tiges Kino. Leider hatten sie nicht bedacht, daß ihre heimatliche Sprache trotz aller sonstigen Entdeutschungsversuche der österreichischen Regie­rung immer noch deutsch geblieben ist Die bitte­ren Folgen dieser Tatsache sollten sie bald erfah­ren. Kaum hatten sie vor der Vorstellung Platz genommen und eine kleine Unterhaltung begon­nen, als sich eine keifende Megäre erhob und sie anschrie:Warum sprechen Sie deutsch? Sprechen Sie tschechisch!"

Antwort:Wir sind Deutsche aus Wien!"

Egal hier haben Sie tschechisch zu sprechen!"

Die Wienerinnen unterdrückten ihre Empörung über diese schamlose Anmaßung, die Ausländern den Gebrauch ihrer Muttersprache verwehren wollte und unterhielten sich leise weiter. Da kam die keifende Megäre noch einmal:

Lernen Sie tschechisch wir haben früher auch deutsch lernen müssen! Bei uns muß man in der Oeffentlichkeit tschechisch sprechen, wir sind eine tschechische Stadt!"

Kommentar überflüssig. Aber man denke sich einmal aus, was geschehen würde, wenn in einem Wiener Kino im Tschechenviertel von Favoriten ein Oesterreicher den dort anwesenden Tschechen empfehlen würde, deutsch zu sprechen, da Wien eine deutsche Stadt sei. Der Mann käme nicht lebend heraus! Allerdings - und das ist das Bittere und Traurige an dieser Geschichte der Mann konnte mit gutem Recht auch nicht mehr behaupten, daß Wien eine deutsche Stadt sei.