das amtliche Drgan -es Senats
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Nr. 157 / 3. Jahrgang
Sonnabend, S. Juni
Einzelpreis 15 Npf.
Laval hat es geschafft
Große Mehrheit / Fernand Bouisson als Kammerpräsident wiedergewählt
Unser Tagssspiegsl
Valdwin wurde vom König von England zum Ministerpräsidenten bestellt.
Auf der Tagung der NS.-Kulturgemeinde in Düsseldorf sprach Reichsleiter Rosenberg über Weltanschanung und Kunst.
Für das graphische Gewerbe treten heute umfassende Schutzbestimmungen in Kraft.
Regierender Bürgermeister Pa. Otto Heider sprach gestern abend in den überfüllten Cen- trallhallen über nationalsozialistisches Schassen in Vremen.
Am 16. Juni findet in Vremen eine Groß- kundgebung des bremischen Handels statt.
Die Stellung Bremens als Ausfuhrhafen für Fertigwaren hat sich weiter verbessert.
Durch Neueinlatzen verschiedener Züge ist der Güterverkehr für Vremen wesentlich verbessert worden.
Bei den Schwimmveranstaltungen in der Bremer Kampfbahn siegte der Amerikaner Fick knapp vor Fischer. Bremen.
Der Führer beim Auftakt des Münchener Feftsommers
München. 8. Juni.
In der zu einem gewaltigen Konzertsaal mit 5000 Sitzplätzen ausgebauten Halle I des Mim- chener Ausstellungsparkes wurde am Freitagabend mit einem Konzert der Berliner Philharmoniker unter ihrem Dirigenten, Staatsrat Dr. Wilhelm Furtwängler, der Festsommer der Stadt feierlich eröffnet. Zur besonderen Freude und Ueber- raschung der Tausende der Besucher erschien auch der Führer und Reichskanzler, bei seiner Ankunft von herzlichen Kundgebungen der Liebe und Treue empfangen. Staatsrat Dr. Furtwängler. schon beim Betreten des Podiums mit herzlichen Ovationen begrüßt, brachte mit den Berliner Philharmonikern die „Egmont"-Ouvertüre, die „Pastorale" und die Fünfte Symphonie Beethovens zum Vertrag. Von der ersten Minute an stand die Hö- rerschaft ganz im Banne der Offenbarung, die die große Szene des großen Meisters der Töne seinem Volk geschenkt hat. und ihrer wahrhaft getreuen Wiedergabe.
Die Londoner Besprechungen
Befriedigender Verlauf
London, 7. Juni.
Die deutsche und die englische Flottenabordnung haben nach ihrer Sitzung folgende gleichlautende Mitteilung an die Presse ergehen lassen:
„Die deutsch-englischen Flottenbesprechungen haben einen zufriedenstellenden Verlauf genommen. In einer allgemeinen Aussprache hat die britische Delegation Aufklärungen über die gegenwärtige Lage gegeben. Es wurden außerdem einige technische Punkte erläutert. Die Verhandlungen werden nach der Pfingstpause am 18. Juni wieder aufgenommen."
Wie noch ergänzend verlautet, haben die Besprechungen am Freitag knapp zwei Stunden gedauert. Die deutsche Abordnung wird ihre Rückreise nach Deutschland am Sonnabendvormittag zwischen 11 und 12 Uhr antreten.
Paris, 7. Juni.
Bei Eröffnung der Sitzung der Kammer um 18.30 Uhr ist das Abgeordnetenhaus voll besetzt. Es herrscht ungewöhnliches Schweigen. Keine äußerlichen Kundgebungen sind wahrzunehmen.
Nach Verlesung der Regierungserklärung wurden die Jnterpellationsanträge verlesen. Auch hier fanden keinerlei Kundgebungen statt, ebenso wie das Verlesen der Regierungserklärung keinerlei Manifestationen auslöste. Die Vertagung der Interpellationen, die Ministerpräsident Laval unter Stellung der Vertrauensfrage beantragt hat, ist, nachdem der Neusozialist Denet dagegen Stellung genommen hatte, von der Kammer mit 112 gegen 137 Stimmen beschlossen worden.
Da noch am Freitagabend die Wahl des Kammerpräsidenten vorgenommen werden sollte, wurde eine Nachtsitzung anberaumt, die um 21 Uhr begann.
Die Kammer hat zu Beginn ihrer Nachtsitzung mit 285 Stimmen bei 112 Abstimmenden Fer-
London. 7. Juni.
Die seit langem erwartete Umbildung des englischen Kabinetts wurde am Freitag vollzogen. Ministerpräsident Macdonald reichte dem König gegen 18 Uhr sein Rücktrittsgesuch ein. das angenommen wurde. Etwa eine Stunde später wurde der Führer der konservativen Partei, Valdwin, vom König empfangen und mit der Neubildung der Regierung beauftragt. Da der Plan. die Regierung umzubilden, schon seit Wochen feststand, vermochte Baldwin noch im Laufe des Nachmit- tags im Buckingham-Palast die fertige Kabinettsliste vorzulegen. Gegen 17.30 Uhr erhielten die Minister vom König bereits die neuen Amtssiegel ausgehändigt.
In der Downing-Street und am Buckingham- Palast hatte sich «ine große Menschenmenge angesammelt, die die An- und Abfahrt der Minister mit Interesse verfolgte.
Die neue englische Regierung setzt sich wie folgt zusammen:
Ministerpräsident und Erster Lord des Schatzamtes: Stanley Valdwin, Lordpräsident des Geheimen Rates: Ramsay Macdonald,
Schatzkanzler: Naville Chamberlain, Lordkanzler: Discount Hailsham, Innenminister und Stellvertreter des Ministerpräsidenten im Unterhaus: Sir John Simon, Außenminister: Sir Samuel Hoare, Lordsiegelbewahrer und Vertreter der Regierung im Oberhaus: Lord Londonderry, Dominienminister: Tho
mas, Kriegsminister: Lord Halifax, Luftfahrtminister: Sir Philip Lunliffe-Lister,
nand Bouisson als Kammerpräsidenten wiedergewählt.
Der Finanzausschuß der Kammer hat, nachdem er Ministerpräsident Laval und Finanzminister Regnier gehört hatte, das Ermächtigungsgesetz mit 19 gegen 11 Stimmen bei sechs Enthaltungen angenommen.
Der einzige Artikel des Ermächtigungsgesetzentwurfes, den die Regierung am Freitag eingebracht hat, lautet: „Um eine Entwertung der Währung zu vermeiden, ermächtigen Senat und Kammer die Regierung, bis zum 31. Oktober 1938 auf dem Verordnungswege alle Maßnahmen mit Gesetzeskraft zur Bekämpfung der Spekulation und zurVerte id i gungdesFran- ken zu ergreifen. Diese Verordnungen, die vom Ministerrat beschlossen werden, werden vor dem 1. Januar 1936 dem Parlament zur Ratifizierung unterbreitet."
Minister für Indien: Lord Zetland, Minister für Schottland: Sir Eodfrey Collins, Kolonialminister: Malcome Macdonald (der
Sohn Ramsay Macdonalds), Präsident des Han- delsamtes: Runciman, Erster Lord der Admiralität : Sir Bolton Eyres-Monsell, Minister ohne Geschäftsbereich (für Angelegenheiten des Völkerbundes) Antony Edest, Minister ohne Geschäftsbereich: Lord Eustace Percy, ' Land- wirtschafts- und Fischereiminister: Walter Elli- o t, Unterrichtsminister: Oliver Stanley, Ge-
^.uüeumiuistvr -8ir Samuel Uoare
Das in der Kammer verkündigte endgültige Abstimmungsergebnis lautet: 324:180 Stimmen. Die Regierung hat damit eine überraschend große Mehrheit erzielt.
Die Regierungserklärung, die Ministerpräsident Laval am Freitagabend in der Kammer und Justizminister Bsrand im Senat verlesen hatte, lautet:
Unsere Regierung ist gebildet worden, um gegen die Spekulation zu kämpfen und den Franc zu verteidigen. Wir haben, indem wir dem Ruf des Staatsoberhauptes entsprechen, unsere Pflicht getan. Jetzt brauchen wir die Mittel zum Handeln. Das Parlament wird sie uns geben, indem es unverzüglich den vorliegenden Gesetzentwurf verabschiedet. Die Vollmachten, die wir beantra- gen, achten das organische und politische Statut des Landes. Sie gewährleisten unter außergewöhnlichen Umständen das Heil unserer Einrichtungen.
(Fortsetzung siehe nächste Seite!)
sundheitsminister: Sir Kingsley Wood, Ar- beitsminister: Ernest Brown, Staatskommissar für öffentliche Arbeiten: Ormsby-Eore, Postministor: Major Tryon (Major Tryon wird nicht dem eigentlichen Kabinett angehören).
Wie aus dieser Liste hervorgeht, treten fünf neue Männer in das neue Kabinett ein: Lord Zetlano, Malcome Macdonald, Antony Eden (der bisher ebenfalls keinen Kabinettsrang hatte), Lord Eustace Percy und Ernest Brown.
Aus dem bisherigen Kabinett scheiden folgende Persönlichkeiten aus: Lord Sankey, Sir John Eilmour und Sir Hilton Poung. Sir Hilton Sjoung ist die Würde eines Peers verliehen worden.
Macdonald hat nach seinem Rücktritt eine Botschaft an die Oeffentlichkeit herausgegeben, in der es u. a. heißt, daß die schweren und fortgesetzten Anstrengungen, denen er als Ministerpräsident in den letzten sechs Jahren angesichts der kritischen Verhältnisse im In- und Auslande ausgesetzt gewesen sei, ihn seit einiger Zeit vor die Notwendigkeit einer Erholung gestellt habe. Er sei der Führer eines Kabinetts gewesen, in dem man, wie in nur wenigen Kabinetten zuvor, die mannigfachsten Ansichten über allgemeine politische Grundsätze gehabt habe und dennoch sei man in der praktischen Arbeit der Erfüllung einer gemeinsamen nationalen Aufgabe wie in nur wenigen anderen Kabinetten einig gewesen. Ein solches Kabinett sei nach wie vor vonnöten, wenn der nationale Fortschritt anhalten und sowohl die innen- als auch die außenpolitischen Probleme überwunden werden sollten.
Erkannt!
Das wahre Gesicht des politischen Katholizismus von heute
«Bremen, 8. Juni.
Mit der anmaßenden Stellungnahme des erzbischöflichen Ordinariats von Breslau zu dem Strafausmaße bei den wegen Devisen- verbrechens verurteilten Klosterleuten hat der leider in Deutschland immer noch spukende politische Katholizismus vor aller Oeffentlichkeit sein Gesicht für einen Augenblick enthüllt. Mag der unter dem Eindruck gerechter Entrüstung, ja flammender Empörung des nationalsozialistischen Deutschlands erschienene Erlaß des Kardinalbischofs Bertram auch versuchen, den überaus schlechten Eindruck unerhörter Einmischung des Breslauer Ordinariats in staatliche Angelegenheiten etwas zu' verwischen, die erschreckende Erkenntnis der deutschen Oeffentlichkeit von einem auch heute noch übel am Werke befindlichen politischen Katholizismus hat der Bertram'sche Erlaß um so weniger trüben können, als das Echo der Ordinariatserklärung in der ausländischen katholischen Presse deutlich genug erweist, wie es auch heute noch um die Gesinnung des politischen Katholizismus zum nationalsozialistischen Deutschland bestellt ist.
An eine vereinzelte Entgleisung einer hohen kirchlichen Stelle durfte man nur so lange glauben, als man erwarten konnte, daß Anstands- und Gerechtigkeitssinn bei allen anderen katholischen Stellen in Deutschland sehr rasch die eindeutige Verurteilung des Breslauer Vorstoßes gegen die deutsche Justiz nach sich ziehen würden. Nachdem diese Hoffnung getrogen, im Gegenteil die Breslauer Anmaßung Unterstützung der Presse des Auslandes fand, sieht man in Deutschland wenigstens nun kl^x, wie es mit dem politischen Katholizismus innerhalb und außerhalb der Grenzen des Dritten Reiches bestellt ist.
„Eine zur Dirne gewordene Justiz im Tritten Reich hat sich wieder einmal hergegeben, dem Polke eine Gerichtskomödie vorzuspielen". So wagt sich der politische Katholizismus in der Wiener Zeitung „Christlicher Ständestaat" über die deutsche Rechtsprechung zu äußern. Dabei vergißt er in seiner einrissigen Haltung, womit um jeden Preis die Perbrecher unter Klosterkutten verteidigt werden möchten, zweierlei völlig; einmal daß er damit selbst aller Welt die doppelte Moral des politischen Katholizismus offenbart, dann aber auch, daß er sich einer ganz dreisten Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten schuldig macht, einer Einmischung, wie sie vom Bundeskanzler Schuschnigg dieser Tage erst entrüstet abgelehnt worden ist.
Wahrlich, es ist besser gewesen für die sonst so beliebte Tarnung des politischen Katholizismus, es hätte dieser weder in Deutschland noch außerhalb Deutschlands zu den Perbrechen seiner klösterlichen Exponenten Stellung genommen, als diese Verbrechen noch zu verteidigen und damit eindeutig kundzutun, daß es für ihn keine Moral gibt, wenn der Eigennutz gefährdet ist. Und wenn das Wiener Blatt mit heuchlerisch verdrehtem Augenaufschlag
Die neue englische Regierung
Eden »um Minister ohne Geschäftsbereich ernannt / Hoare Außenminister
Morestsn und Eusebius
Vier symphonische Sätze zum Gedächtnis Robert Schumanns / Von Stephan Georgi
ALLEGRO
Im Biedermeier-Leipzig von Anno 1831 saß am Stammtisch im „Kaffeebaum" allabendlich eine Runde lebhaft debattierender Männer; Mitarbeiter der seit kurzem erscheinenden „Neuen Zeitschrift für Musik", Freunde und Anhänger der „Neuromantischen Richtung". Als die Dispute über die gegenwärtigen Musikverhält- nisfe, über die Verdrängung der wahren, großen Kunst durch hohles Scharlatanentum, über Abwehrmaßnahmen und dergleichen, sich gar zu sehr ins Uferlose zu verlieren drohten, ergriff endlich auch jener das Wort, der, wie gewöhnlich, bislang schweigend in der Ecke gesessen hatte, nur seiner schwarzen Zigarre und seiner stillen Träumerei hingegeben: Robert Schumann, der jung-stre- bende Komponist und Redakteur der „Neuen Zeitschrift". „Es handelt sich", begann er, „bei unserem Bemühen allein darum: An die alte Zeit und ihre Werke mit allem Nachdruck erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Ouell neue Kunstschönheitcn gekräftigt werden können, sodann die letzte Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging, als eine unkünstlerische zu bekämpfen, und endlich etzre neue poetische Zeit vorzubereiten und beschleunigen zu helfen. Die Erhebung deutschen Sinnes durch deutsche Kunst, geschieht sie nun durch Hinweisung auf ältere Muster oder durch Bevorzugung jüngerer Talente, mag als das letzte Ziel unserer Bestrebungen angesehen werden. So die Parole: Ein- gebi'deten und Törichten schlägt unsere Kritik die Waffen aus der Hand. Willige schont, bildet sie; Mutigen tritt sie rüstig, freundlich gegen
über; vor Starken senkt sie die Degenspitze und salutiert."
Der Sprecher war bei seinen Ausführungen in eine Begeisterung geraten, die sein vollweiches Gesicht straffte und in die versonnene Augen ein streithaftes Feuer legte; hinter Eusebius war Florestan hervorgetreten. So nämlich nannte Schumann, nach dem Beispiel seines vielgeliebten Jean Paul, die beiden Seelen in seiner Brust; Florestan war der Starke, Kämpfende, Aufbegehrende, Eusebius dagegen war der verträumte, verschwärmte Romantiker. Er schwieg nun wieder, doch die Art, wie er an seiner Zigarre kaute, ließ erkennen, wie sehr er innerlich beschäftigt war. Bald erhob er sich. „Ich habe noch zu arbeiten." Achtlos den Mantel schräg über die Schulter geworfen, ging er.
Wenig später saß Schumann an seinem Schreibtisch und schrieb, Stunde um Stunde, seine scharfen, kritischen Untersuchungen für die nächste Nummer der Zeitschrift. Endlich, nachdem er auch noch die ersten nach Leipzig gekommenen Kompositionen eines noch Unbekannten, namens Fran- cois Frederic Chopin, mit einem „Hut ab, ein Genie!" gewürdigt hatte, warf er die Feder beiseite. Sein Kopf schmerzte. Zu viel an Arbeit und seelisch Aufregendem war in letzter Zeit auf ihn eingestürzt, die Zeitschrift, die rümpfenden Bestrebungen der Davisbündler, sein eigenes künstlerisches Wollen und Wagen — und dann das qualvolle Hangen und Bangen um die Geliebte.
Er trieb ihn noch einmal in die Nacht hinaus. Im Dunkel blieb er vor einem Hause, unweit seiner Wohnung stehen. „Klara!" flüsterte er. „Chiara!" Und das flüsterte er auch noch, als er zu Hause
leise die Tasten anschlug. Klara! Chiara; sangen die Sopranstimmen unter seiner rechten Hand; aber die linke vergaß nicht, der Bässe dumpfes Murren ertönen zu lassen.
ANDANTE
An einem Frühjahrsabend des Jahres 1838 trat aus der Hinterpforte des Hauses, das dem bekannten Leipziger Klavierpädagogen Friedrich Wieck gehörte, ein neunzehnjähriges Mädchen. Große, dunkle Augen lagen in einem zart-blassen Gesicht, das von schwarzem, korrekt gescheiteltem Haar gekrönt war.
„Chiara!" klang es von des wartenden Schumann Lippen und er streckte seiner Klara Wieck, der weit über die Grenzen deutscher Gaue hinaus berühmten Pianistin, beide Hände entgegen. Dann hing Mund an Mund.
„Hat dein Vater meinen letzten Brief erhalten?"
Sie senkte traurig das Haupt. „Ja, aber er will noch immer nicht nachgeben. Wir müssen warten. Robert."
„Warten! Warten!" rief er. „Ach, Klara, wie lange warten wir nun schon! Seit der Zeit. da wir noch vierhändig auf deines Vaters Flügel spielten und er nichts, wußte, nichts ahnte von unserer Liebe. Und nun . . .?"
Eine Drossel sang. Aber das Oeffnen der Tür erklang so unwirsch laut, daß sie jäh verstummte. Friedrich Wieck, dessen lange, spitze Nase aus einem zornoeröteten Gesicht hervorstach, kam hinzu und sah Schumann giftig an. „Habe ich es Ihnen nun noch nicht oft und deutlich genug zu verstehen gegeben, daß Sie im Bereiche meines Hauses nichts mehr zu suchen haben?" scharrte er und kiibrte seine Tochter unsanft mit fort .Aufdringlicher Mensch! Habenichts! Verpruickte Karriere! Habe ick, mir deshalb so viel Mühe mit dir gegeben?" börte Schumann noch, dann schlug polternd die Tür zu.
Die braven Leipziger, die in der Nähe von Schumanns Wohnung ansässig waren, hatten während der folgenden Tage viel durchzumachen. Bis spät in die Nacht hinein hämmerte dieser vertrackte Musikus auf den Tasten herum. Wenn er wenigstens noch ein richtiges, erbauliches Lied gespielt hätte, wie „Freut euch des Leben", „Es ist bestimmt in Gottes Rat", oder das Lied vom Jungfernkranz und der veilchenblauen Seide; aber an diesem besessenen Geklimper konnte sich ein braver Bürger weder erbauen noch erfreuen.
Eingehüllt in dicke Rauchwolken, saß Schumann am Flügel und komponierte sein „Kreisleriana". Der zipfelmlltzigen Bürger erbauliche Lieder konnte er freilich nicht spielen, wenn er an den wunderlichen Fratzenschneider E. T. A. Hoffmann, an den verrückten Kapellmeister Kreisler und an den Kater Murr dachte. So trefflich Schumann diese bizarren Gestalten in seinen Tönen auch charakterisierte, er konnte nicht verhindern, daß immer wieder ein Stück seiner eigenen, übervollen Seele mit in die Melodien hineinkam; ein Stück von Florestan und Eusebius. Florestan begehrte trotzig auf, verband sich mit leiden- icha'tliäi dahinstürmenden Synkopenketten und schnitt mit E. T. A. Hoffmann Fratzen; Eusebius gab sich ntastsichen Schwärmereien hin, doch seine sonst so bunte Romantik wurde hier oft zu duwvjen Träumen, zu resigniertem Flüstern. Hinter allem aber tauchte wieder und wieder ein - -.-e Bild aus: Klaras. Lbiaras
SCHERZO
Die H- rbstsonne des Jahres 1810 versteckte sich beschämt, als sie das verklärte Leuchten auf den Gesichtern Robert Schumanns und Klara Wiecks sah, die nach eben vollzogener Trauung die Kirche verließen Nun waren sie trotz all-r Jn- trigen, trotz väterlichen Protestes vereint Neues Hoffen, Wollen und Wagen wuchs auf Klaras Ruhmessonne stand noch immer am Zenit; viele
Gastspielreisen gab es, auf denen er sie begleitete. Und dazwischen schuf auch er; sein „Paradies und die Peri" entstand, dann Lieder und abermals Lieder. In seiner köstlichen Schale der Musik fing Schumann die mondlichtfarbigen Tropfen der Romantik auf, die um diese Zeit wie ein Sprühregen durch die Länder ging.
Bis abermals dunkle Wolken am Horizont heraufzogen.
Die eigentümlich nagenden Kopfschmerzen, deren geringe Anfänge Schumann schon früher wahrgenommen hatte, traten häufiger und heftiger auf und verbanden sich mit einer mehr und mehr zunehmenden Eemlltskrankheit. Nach Dresden waren sie übergesiedelt. Dort war Schumann an einigen Tagen der Woche am Stammtisch in der „Alten Post" anzutreffen, wo neben anderen bekannten Musikern und Literaten auch Richard Wagner, der große Neue, zu finden war. Die beiden waren durchaus gegensätzliche Naturen. Während Schumann gewöhnlich schweigend und zuweilen auch recht gedankenabwesend dasaß, war Wagners spitzes Kinn unermüdlich zum Sprechen in Bewegung. Trennte man sich spät am Abend, so pflegte Wagner zu sagen: „Er ist ja ein hochbegabter Musiker, der Schumann, aber in seiner Stummheit ein unmöglicher Mensch." Schumann äußerte sich: „Ein geistreicher Kerl voll toller Einfälle, der Wagner, aber sein unaufhörliches Sprechen kann man auf die Dauer nicht aushalten."
Mit Klara von einer Konzertreise zurückgekehrt, die diesmal bis nach Petersburg geführt hatte, artete Schumanns schleichende Krankheit in ein schweres Nervenleiden aus, von dem er sich nur langsam erhalte. Ein dunkler, verdüsternder Schleier hatte sich über ihn gesenkt.
Aus dieser Stimmung heraus ergriff er Bvrons ..Manfred" zur Vertonung Das' lyrische Sichversenken in die zerquälten Seelentiesen Manfreds wurde für ihn wiederum ein Unter-