Ausgabe 
(6.6.1935) Nr. 155
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Nr. 1 S 2 / 3. Jahrgang

Donnerstag, 6. Juni

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Frankreich sucht einen Ministerpräsidenten

Die Hoffnung der Stunde: pietri

Die Bemühungen des französischen Staatsoberhauptes um die Bildung einer neuen Regierung stoßen aus die größten Schwierig­keiten. Der Präsident der Republik bot zunächst am Mittwochmorgen dem Senatspräsidenten Jeanneny die Kabinettsbildung an. Dieser lehnte jedoch aus Gesundheitsrücksichten ab. Kurze Zeit darauf empfing Lebrun den Außenminister Laval, um ihn mit der Kabinettsbildung zu betrauen. Laval erklärte sich zu diesem Auftrag auch grundsätzlich bereit, machte aber seine endgültige Ant­wort von erforderlichen Vorbesprechungen abhängig. In den späten Abendstunden erschien Laval wieder beim Präsidenten der Republik und teilte ihm mit, daß er angesichts der Haltung der radikalsozialistischen Kammergruppe auf die Regierungsbildung verzichten müsse. Präsident Lebrun empfing nach der Absage Lavals den Vorsitzenden der radikalsozialistischen Partei, Herriot, der aber ebenfalls ablehnte. Inzwischen verhandelt Lebrun mit dem früheren Marineminister Pietri. Bis zur Stunde ist die Lage

noch völlig ungeklärt.

Auflösung derKammer und Neuwahlen?

Wahrscheinlich der einzige Ausweg aus der Krise

Unser Ingesspisgei

Die französische Regierungskrise spitzt sich regelrecht zur Systemkrise zu.

Generaloberst von Linfingen ist am Mittwoch in Hannover gestorben.

Im österreichischen Heer machen sich kommuni­stische Wühlereien stark bemerkbar.

Der Reichsverkehrsminister begrüßt die füh­rende Teilnahme des NSKK. an der bevor­stehenden Dauerprüsungsfahrt mit heimischen Treibstoffen.

Infolge mangelnder Beweglichkeit der Han­delspolitik geht die Anssuhr der Vereinigten Staaten dauernd zurück.

Die gestrige zivile Luftschutzübung in Bremen nahm einen vorzüglichen Verlauf.

Bei der Besichtigung der Kohlenoerladebrücke wurden grundlegende Ausführungen über Bremens Hafenpolitik gemacht.

Das Entscheidungsspiel um die deutsche Fuß­ballmeisterschaft ,st auf den 23. Juni verlegt worden.

Gesundbeter-Verein verboten

Hamburg, S. Juni.

Aus Grund des Paragraphen 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1S33 wurde dieFreie Christengemeinde e. V." für das gesamte Ham­burgische Staatsgebiet aufgelöst und verboten. Das Vermöge» des Vereins wurde beschlagnahmt. Außerdem ist es den Mitgliedern verboten, sich unter einem anderen Namen wieder zusammen­zuschließen.

Das Verbot der Freien Christengemeinde er­folgte, weil hier unter dem Deckmantel einer reli­giösen Betätigung eine Gesundbeterei be­trieben wurde, die eine erhebliche gesund­heitliche Schädigung vieler Mit­glieder zur Folge hatte. Außerdem konnten in diesem Verein staatsfeindliche Umtriebe festgestellt werden.

Der Leiter und Prediger der Gemeinde, bei dem es sich um einen Ausländer handelt, machte sich besonders an Frauen heran, die er unter einem unheilvollen seelischen Druck hielt und von denen er sich reichlich aushalten ließ. Er wurde aus dem Reichsgebiet ausgewiesen.

Gemaßkegelte Schriftleiter

Oldenburg, 5. Juni.

Wegen Veröffentlichung der anmaßenden Er­klärung des erzbischöflichen Ordinariats in Bres- lau zu den Verfahren gegen katholische Geistliche und Angehörige von Klöstern wegen Devisen- verbrechen sind die Schriftleiter Dr. Kuntze (Neue Volksblätter" Osnabrück) und Thole (Oldenburgische Volkszeitung" Vechta) von ihrem Amt suspendiert und ist gegen sie ein Ve- rufsgerichtsverfahren eingeleitet worden.

Paris, 5. Juni.

Einmütig sind die Blätter in dem Urteil, daß die Lage mehr als ernst ist. Aber positive Vorschläge, wie man aus dem Wirrwar heraus­kommen könnte werden nicht gemacht. Die Links­presse ist insofern mit dem Aus'gang des 4. Juni zufrieden, als sie den Versuch vereitelt glaubt, eine mit diktatorischen Vollmachten ausgerüstete Regie­rung zu schaffen. Die kommunistischeHumanitö" und der marxistischePopulair" fordern Auf­lösung der Kammer und Neuwahlen nach dem Listensystem. Auch die radikalsozia­listischeRspublique"' schreibt:Alle Bemühun­gen werden vergeblich sein, wenn der neue Mini­sterpräsident nicht binnen 24 Stunden sein Kabi­nett bildet, wenn er nicht sofort die Vollmachten verlangt, die das Kabinett diesmal aus Angst vor dem Volksurteil kaum verweigern dürfte. Zu­nächst das Land, erst dann das Parlament. In die Ferien mit der Kammer! Nur so kann man den Franken und damit das Regime retten!"

DerJntransigeant" schreibt zur neuen Regie­rungskrise: Es handelt sich nicht mehr um eine Regierungskrise sondern um eine Regimekrise. Es kann sich sogar um eine französische Krise han­deln. Die Kammerauflösung ist aber nach Ansicht des Blattes auch kein angezeigtes Heilmittel. Denn man könne von den Wählermassen nicht er­warten, daß sie bei der Unordnung das wirkliche Interesse des Landes herausfinden und dement­sprechend Abgeordnete wählen würden. Bei Neu­wahlen hätten die Demagogen leichtes Spiel. Das Blatt empfiehlt angesichts der Gegnerschaft des Parlaments gegen Vollmachten eine Art Par­lamentsferien und die Uebertragung der Regie­rungsbefugnisse an einen sogenanntenAusschuß des öffentlichen Heils". Es fehle Frankreich nur am Willen. Wenn einige Männer mit starkem Willen zur Stelle wären, dann brauchten sie nicht um die Vollmachten zu betteln, sondern das Land würde sie ihnen aus freien Stücken gewähren.

Es gibt Kreise, die unter den heutige» Um­ständen eine» weiteren Versuch der parlamen­tarischen Regierungsbildung für vollkommen zwecklos halten pnd die einzige Möglichkeit in der Auflösung der Kammer und einer Volks­befragung erblicken. Es ist mehr als bezeichnend, daß auch in den Blättern der verschiedensten Rich­tung das WortAuflösung" immer wiederkehrt.

Die Folgen der Regierungskrise, in der man bereits Anzeichen für eine Regimekrise erblicken könnte, haben sich im Laufe des Dienstagabend geltend gemacht. Rechtsstehende Gruppen, vor allem Mitglieder der royalistischen Action Fräncaise, sind auf die Straße gezogen, um ihrem Unwillen über die Lage Ausdruck zu geben. Im Quartier Latin und auf den übrigen großen Boulevards herrschte ziemliche Erregung. Am Opernplatz kam es zu bedauerlichen Zwischen- fällen in dem Augenblick, als die Besucher der unter Furtwänglers Leitung stehenden Walküre-Aufführung das Operngebäude betraten. Junge Burschen, die den sogenannten faschistischen Verbänden angehören, versuchten, die Gäste am Betreten der Oper zu hindern und führten einen Höllenlärm auf. Ein starkes Polizeiaufgebot eilte auf zwei Lastwagen herbei, um Weiterungen zu verhindern. Mehrere der Ruhestörer wurden verhaftet. Ansammlungen von rechtsstehenden Studenten und Angehörigen der Jeunesse patriote wurden aus dem Luxemburg-Viertel gemeldet.

Scharfe Entschließung

der französischen Frontkämpfer

Paris, S. Juni.

Der Spitzenverband der Frontkämpfer hat an alle Parlamentarier eine Entschließung gesandt, in der es heißt:

Niemand mehr in Frankreich begreift, daß Ministerien, die wiederholt gestürzt wurden, im­

mer wieder durch andere ersetzt werden, die die­selben Persönlichkeiten umfassen. Die dauernde Beibehaltung derselben Regierungsleute läuft darauf hinaus, die Sanierung der Finanzen und die Verteidigung der Währung denselben Män­nern zu übertragen, die wegen ihrer Saumselig­keit oder Ohnmacht als die Verantwortlichen er­scheinen. Der Spitzenverband der Frontkämpfer, der Anhänger aus allen Kreisen umfaßt, darf feststellen, daß die Jugend und die von der Krise am härtesten betroffenen Volksklassen über­wältigende Verzweiflung beherrscht, die jedes Vertrauen in die Geschicke des Landes untergräbt in einer Stunde, in der der Glaube notwendiger ist denn je. Die ehemaligen Front­kämpfer haben die verschiedenen Versuche lange Zeit gewähren lassen. Angesichts der jetzigen Umstände aber ist es ihre Pflicht, die Oeffentlich- keit zu alarmieren und die volle Verantwortung zu übernehmen. Der Verwaltungsrat des Ver­bandes hat den Vorstand beauftragt, dem Präsi­denten der Republik von dieser Einstellung in Kenntnis zu setzen."

Leider zu spät

Paris, S. Juni.

Einige Blätter berichten, daß in den späten Abendstunden des Dienstag in den Wandelgängen der Kammer bekanntgeworden sei, daß ver­schiedene Abgeordnete mit der Erklärung, sie hätten für das Kabinett stimmen wollen, eine Berichtigung ihrer Stimmabgabe vorgenommen hätten. Die ursprüngliche Minderheit für das Kabinett Bouisson sei somit zu einer Mehr­heit von 16 Stimmen geworden. Gemäß der Geschäftsordnung ändern diese Berichtigun­gen aber nichts an dem in der Kammersitzung verkündeten Ergebnis.

Tag der deutschen Technik

Zum Tage der deutschen Technik hat der Generalinspektor für das deutsche Straßen- wesen ein Leitmotiv gegeben, das schon den tieferen Sinn und Zweck dieser großen Tagung klar umreißt:

Getreu dem ZeitwortTechnik ist Dienst am Volke" soll die Breslauer Tagung richtunggebend sein dem Ziel des deutschen Ingenieurs, Denken und Schaffen für den allgemeinen Nutzen der Nation ein­zusetzen; die Kundgebung soll aber insbe­sondere auch das Verständnis der breiten Öffentlichkeit für die enge Verbundenheit zwischen Volk, Technik und Wirtschaft ver­tiefen und einer gerechten Würdigung der technisch-wissenschaftlichen Forschung als einer Dienerin am Volke auch über oie en­geren Fachkreise hinaus den Weg bereiten. Die Mitarbeit einer großen Zahl führender Männer der Technik auf allen Gebieten des reichhaltigen Tagungsplanes sichert der von Tausenden von Fachgenossen besuchten Ver­anstaltung das ist meine feste Ueber­zeugung einen vollen Erfolg."

Die Technik als ein Faktor unseres Lebens und unserer Kultur ist tatsächlich nicht mehr wegzudenken, mag auch der geistige Kampf um ihren Wert oder Unwert noch so sehr toben. Für den klar und vernünftig denken­den Menschen ist es längst feststehend, daß die Technik als solche, als ein einfaches Mittel zum Zweck, jenseits von Gut und Böse steht. Der Kampf gegen die Technik, der übrigens nicht neu ist, läßt sich durch Jahrhunderte hindurch verfolgen.

Er ist in seinem Charakter und seinen Ausgangspunkten falsch und ausgesprochen hinterwäldlerisch. Nicht die Maschine, nicht die Technik an sich ist etwas Böses und Ge­fährliches, sondern höchstens ihre falsche An­wendung und der Mißbrauch mit ihr. Ge­rade im Zeitalter der Technik war es mög­lich, die Bevölkerung in Europa um das Dreifache zu steigern und zugleich ihren Lebensstandard dauernd zu erhöhen, nur die neuzeitliche Technik hat diesen Menschen neue Arbeit, neue Bedürfnisse gegeben. In der Technik verkörpert sich auch heute die Arbeit der Hälfte aller Volksgenossen. Die Arbeit mit und durch die Technik aber ist das Fundament unserer deutschen Kultur, so wie keiner anderen Kultur. Die Arbeit formt den deutschen Menschen zur Persönlichkeit, die allein der wahre Kulturträger sein kann.

Die üblen Begleiterscheinungen des tech­nischen Fortschritts, äußerlicher, sozialer und seelischer Natur, haben sich zu allen Zeiten als die Kinderkrankheiten einer noch nicht vollendeten Technik erwiesen, und es heißt Ursache und Wirkung verwechseln, wenn man etwa das Automobilfahren grundsätzlich hätte unterbinden wollen, weil die ersten Autos soviel Lärm und Staub machten!

Das Streben nach Vervollkommnung ist der faustische Wesenszug nordischer Kul­tur, und nordische Kultur ohne dieses Stre-

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Der unbekannte Ingenieur

Mensch hinter dem Werk / Von Heinrich Häuser

Mann unter Volldampf

In vielerlei Gestalt habe ich ihn kennengelernt: Er saß in weißem Kittel in der hölzernen Bude seines Büros, mitten zwischen den Werkstätten. Aus seinem Fenster schaute er auf die gewaltige Maschinerie, deren Herr er war, aber sein Arbeits­raum war einfach, wie ein Siedlerhaus: Ein Tisch, ein Telephon, ein eiserner Kanonenofen, ein Regal, ein Stuhl für Besucher und an der Wand ein Plan des Werkes; das war die ganze Einrichtung. Es gab auch keine Voranmeldung und keine Türhüter; jeder, der etwas wollte, kam ohne weiteres herein. Die Papiere äuf dem Schreibtisch waren mit Eisenproben beschwert, auf dem Fensterbrett lag eine Sammlung defekter Maschinenteile. Es ging rauh und herzlich zu, etwa wie auf einer Baustelle einer Bahnlinie in der Wüste oder wie in einem Regimentsunter­stand. Freimütig dröhnte seine Stimme durch drei Holzwände hinlmrch, wenn er die Stenotypistin rief, er schwang das Telephon wie eine Hantel und zwischen hochdeutschen, zahlengespickten Wor­ten in den Hörer hinein flogen kernhafte Aus­sprüche in echtestem Ostpreußisch einem Arbeiter an den Kopf, der verlegen die Mütze in der Hand drehte, und verwandelten sich in unverfälschtes Westfälisch bei dem nächsten Mann. Zwar hatte er, wie die meisten Sterblichen, nur einen Mund, aber irgendwie brachte er es trotzdem fertig, nebenher noch aus einer schwarzen Zigarre dicke Wolken zu paffen: der ganze Mann stand sichtlich unter Volldampf.

Er war fllnfunddreißig, Betriebsingenieur, Lei­ter einer wichtigen Abteilung. Seit fünf Jahren hatte er vierhundert Mann unter sich und ver­

diente so gutes Geld wie ein höherer Staats- , beamter.

Napoleon in der Werkhalle

Einen anderen traf ich, der inmitten seiner von Arbeit tobenden, dröhnenden, von Weißglut und Schlagschatten durchzuckten Abteilung stand, wie Napoleon bei Austerlitz. Sein grüner Loden­mantel war erheblich abgeschabt; viele runde, schw.arzrandige Löcher waren in ihn und in das verbogene Hütchen hineingebrannt, mit dessen Krempe er sich gegen die Hitze schützte. Irgend etwas ging schief: Elutschlangen aus Eisen ent­gleisten, schössen wildschlagend in die Luft, prall­ten gegen stählerne Schutznetze. Mit drei Sätzen war er an der Gefahrenstelle, packte ein Beil, durchhieb einige der tobenden Schlangenleiber, packte eine Zange und zerrte die erlöschenden Lei­ber aus dem Weg. Kein Mann hätte so etwas wagen können, dem nicht jeder Handgriff in Fleisch und Blut übergegangen war.

Der Herr der Eeisterfabrik

Mit einem dritten lief ich in einer sehr unheim­lichen Fabrik herum, die aussah, wie eine ins Gigantische gewachsene Hexenküche: Es war eine Stickstoffabrik; sie arbeitete mit unvorstellbar hohen Drucken und unvorstellbar tiefen Tem­peraturen. Vom Herstellungsprozeß war kaum etwas zu sehen, weil er sich hinter dicken Stahl­wänden, in explosionssicheren Wänden ein­gemauert verbarg. Wir gingen einen endlos lan­gen, marmor- und nickelschimmernden Gang ent­lang, von dessen Wänden viele hundert große Lichteraugen farbig leuchteten. Strahlend erklärte

er, wie diese Augen das Unsichtbare spiegelten, wie er durch sie die geheimsten Vorgänge hinter den Panzerwänden verfolgen könne. Er öffnete eine dieser Augenkammern und zeigte mir die un- unendlich feine Mechanik, die auf langsam rotie­rende Trommeln farbige Linien schrieb: Tem­peraturlinien, Drucklinien, Linien der Gaszusam­mensetzung und Menge. Winzige Elektromotors summten dünn, winzige Zahnräder drehten sich knackend Zahn um Zahn, magnetische Hämmerchen lösten sich jäh aus Erstarrung, pochten und hin­gen wieder reglos zwischen bläulichen Stahlfedern. Ein halbes Dutzend Männer in Arbeitskleidung stand, scheinbar untätig in dem Marmorgang, in die Betrachtung der farbigen Lämpchen versunken, bei der Sauberkeit und Eleganz des Raums hät­ten sie gerade so gut Gesellschaftskleidung tragen können. Sie waren die Wächter der fast auto­matisch arbeitenden Fabrik.

All diese unendlich komplizierten Fernkontrollen hatte dieser junge Ingenieur selbständig eingerich­tet. Nachdem sein Plan einmal von der Direktion genehmigt war, hatte er in der Ausführung freie Hand gehabt. Die Fabrik bestand drei Jahre, aber schon zeigte sich die Notwendigkeit, Produk­tionsprozesse zu verbessern, Anlagen von der Größe eines mittleren Dampfers von einer Stelle auf die andere zu schieben, Neubauten zu schaffen mit dem Kostenaufwand von Millionen. Würde er seine Pläne durchführen können? Wenn er einen Nutzen nachwies, ohne Zweifel. Wenn er sich aber in seinen Berechnungen irrte, dann würde er sich auf seinen Posten wohl nicht halten kön­nen. Eine erstaunliche Machtflllle und Verant­wortung war in die Hände dieses jungen Mannes gegeben, der sich in seinem grauen Kittel so gar nicht von seinen Arbeitern unterschied.

Jugend und Wagemut waren wohl notwendig in einer so schnell sich wandelnden Industrie; ihr menschlicher Aufbau schien nach dem Prinzip Napoleons sich zu vollziehen: Junge Offiziere alte Soldaten.

Der Sieger

Ein vierter, ein Bergbauingenieur diesmal, schilderte mir achthundert Meter unter Tag an­gesichts einer Zementwand, die den Stollen ab­schloß, dramatisch den großen Wassereinbruch, der hier einmal erfolgt war. Das war im Krieg ge­wesen, bei einem allgemeinen Mangel an Maschi­nen, Maschinenleistung aber brauchte man, um der Wassermassen Herr zu werden. Mit einem müh­sam aufgetriebenen Auto fuhr dieser Ingenieur von Werk zu Werk im Revier, um auf irgendeine Art Elektromotors und Pumpen aufzutreiben. Schließlich fand er einen entbehrlichen Motor von tausend Pferdekräften, verlud ihn und fuhr selbst mit ihm im offenen Waggon, einen Tag und eine Nacht bei strenger Kälte. Dramatisch war es, wie sie dann im letzten Augenblick den Schacht erreichten, wie die Sprengmannschaft hastig ein genügend großes Loch auf der zweiten Sohle in den Berg schoß, um den Motor aufzu­stellen. Wie sie dann um ihn herumstanden in atemloser Erwartung, als man den Schalthebel herumwarf und der mächtige Motor mit tiefem Dröhnen anhub zu arbeiten. Wie sie oben in Jubelruf« ausbrachen, als das Wasser in manns- dickem Strahl aus dem Schacht hervorschoß, als der Wasserspiegel sank und die Grube gerettet war.

In der Schilderung von dem sieghaften Gesang der Maschine, der die Rettung brachte, klang etwas wie in dem ChoralNun danket alle Gott!"; klang etwas von Heldentum und Kampf, was mir unvergeßlich bleiben wird.

Taten ohne Phrasen

Die Männer, von denen ich kleine W-- , >iige zu schildern hier versucht habe, bilden bei aller menschlichen Verschiedenheit doch einen Typ: den Unbekannten Ingenieur". Unbekannt, weil seine Arbeit so selbstverständlich wichtig ist, daß kein Aufhebens von ihr gemacht wird, am wenigsten

durch ihn. Unbekannt, weil die Person zurück­tritt hinter dem Werk, weil sie scheu und be­scheiden kaum je von sich selber spricht, weil ihr jeder Tag ein Kampftag ist und keine Zeit bleibt, selbstbewußt zu werden. Im unbekannten Vetriebs- ingenieur ruht ein sehr großer, Schatz an mensch­licher Erfahrung, der ungehoben ist, weil jeder seine Erfahrungen hat selber machen müssen, weil ihm bisher kaum Gelegenheit gegeben worden ist, sie auszutauschen und der Gesamtheit dienstbar zu machen. Es wird in Zukunft die Aufgabe unserer technischen Hochschulen sein. nicht nur die Tech­nik, sondern auch die Menschenführung im Be­trieb zu lehren.

Malerei zur Olympiade

Auf Veranlassung des Französischen Olympia- Komitee hat in diesem Jahre der Salon der französischen Künstler auf der Ausstellung Werken, die dem Sport gewidmet sind, eine be­sondere Abteilung eingeräumt. Diese Zusammen­stellung soll einer Auswahl für die Beschickung der Kunst-Olympiade in Berlin dienen. Die fran­zösischen Kritiker bemängeln allerdings, daß die dort gezeigten Darstellungen ausschließlich auf Baskenball, Tennis und Pferdesport sich beschrän­ken. Umfangreicher sind die Vorbereitungen Italiens, wo die im Mussolini-Stadion in Rom zusammengebrachte Auswahl als Wander­ausstellung in einer Reihe italienischer Städte gezeigt werden soll, um weitere Anregungen zu vermitteln. Im Spätherbst wird eine neue Aus­wahl-Ausstellung in Rom stattfinden. Weitere Ausstellungen werden in diesem Jahr noch in Oesterreich. wo soeben ein nationales Kunst­komitee, das die Auswahl vornehmen wird, be­gründet worden ist, in England, Spanien und in den Vereinigten Staaten ver­anstaltet werden.