Ausgabe 
(2.6.1935) Nr. 151
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-er Freien Hansestadt vremen

Nr. 121 / z. Jahrgang

19 3 5

Sonntag, 2 . Juni

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In Mecklenbnrg wnrde die erste deutsche Aerzt-sührersch«?- im Beisein des Stellver° treters des Führers eröffnet

Im Rei Wer die schienen

chsgesetzblatt ist eine Verordnung Musterung und Aushebung 1935 er-

Der litauische Staatspräsident sprach über das Verhältnis Litauens zu Deutschland

Im Deutschlandslug wurde die Bremer Staffel auf den vierten Platz zurückgedrängt

Die Andreas-Hoser-Festspiele auf dem Hei- lrgenberg gestaltete» sich zu einem vollen Erfolg

Zur zweite« Reichsnährstandsscha« habe» sich Hunderttausende von Gästen in Hamburg ein- gefunden

Gin alter Kämpfer

Pfarrer Münchmeyer 58 Jahre

Berlin, 1. Juni.

Am 2. Juni 1935 wird Pg. Pfarrer a. D. Münchmeyer (Düsseldorf) 50 Jahre alt. Man kennt ihn in ganz Deutschland durch seine seit einem Jahrzehnt geübte, aufrüttelnde und be­geisternde Rednertätigkeit, die er auch heute un­ermüdlich fortsetzt. Vor dem Kriege deutscher Auslandspfarrer in England, im Kriege Feld- prsdrger und mit dem EK. 1 ausgezeichnet, wurde er nach dem Zusammenbruch berühmt durch den fanatischen Kampf, den er als einsamer Insel- pfarrer auf Borkum siegreich gegen die rote Preußenregierung und das Judentum führte. Freiwillig opferte er damals sein Pfarramt, um dann seine ungeteilte Kraft unter dem Banner Adolf Hitlers dem politischen Kampf zu widmen. Das System verfolgte ihn in über 100 Prozessen, die fast sämtlich mit einem Siege Münchmeyers endeten. Am 14. September 1930 kam er als einer der 107 Nationalsozialisten in den Reichstag, dem er bis heute angehört. Wir grüßen den aufrech­ten und uneigennützigen Kämpfer aufs herzlichste.

Überfall auf deutschen Gesandten

Berlin, 1. Juni.

Der deutsche Gesandte in Bogota (Kolumbien) von Hentig, ist bei einem Ausflug in die Umgebung von Bogota von Banditen überfallen und schwer verletzt worden. Wie wir an zuständi­ger Stelle erfahren, besteht Lebensgefahr nicht. Die kolumbianische Regierung hat sowohl in Bo­gota wie in Berlin ihr Bedauern wegen des Vorfalls ausgesprochen und die strenge Bestrafung der Täter zugesichert, die inzwischen ermittelt worden find.

König Georg leicht erkrankt

London, 1. Juni.

König Georg ist an einer leichten Erkältung er­krankt. Er war infolgedessen nicht in der Lage, zu einem vom Londoner Erafschaftsrat veranstal­teten Jubiläumsempfang am Freitagabend zu erscheinen. Aus Vorsichtsgründen haben die Aerzte dem König geraten, im Hause zu verbleiben. Es wird jedoch betont, daß die Erkrankung nicht ernster Natur sei.

Wichtige Veränderung im neuen französischen Kabinett

Caillaux französischer Finanzminister

Bouisfon beabsichtigt die gleichen Vollmachten zu beantragen wie Flanbin

Paris, 1. Juni.

Die Zusammensetzung des Kabinetts Vouisson hat am Sonnabendvormittag eine wichtige Ver­änderung erfahren. Der Radikalsozialist Pal­made, der sich in der Nacht bereit erklärt hätte, das Finanzministerium zu übernehmen, hat wenige Stunden später seine Mitarbeit verwei­gert. An seiner Stelle übernimmt der als Staatsminister vorgesehene Caillaux das Amt.

Das Kabinett Vouisson findet in parlamen­tarischen Kreisen und auch in der Presse günstige Aufnahme. Selbst die Blätter, die mit Regie­rungsbildungen nach veralteten parlamentarischen Methoden nicht einverstanden sind, haben zu Vouisson das Vertrauen, daß er dank seiner unbestrittenen Autorität wenigstens die dringendsten Aufgaben, die Verteidigung des Franken, zu einem guten Ende führen werde.

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Das Kabinett Vouisson ist das 88. seit Bestehen der französischen Republik und das neunte der gegenwärtigen 15. Legislaturperiode. Es umfaßt 22 Persönlichkeiten, und zwar 21 Minister und

einen llnterstaatssekretär. Drei Minister find Se­natoren, 14 sind Abgeordnete, drei sind Nicht- parlamentarier (Marschall Pötain, General Mau- rin und General Denain). Neun der Mitglieder des Kabinetts gehörten bereits dem Kabinett Flandin an. Drei der Mitglieder der Regierung Vouisson sind zum erstenmal Minister geworden, und zwar die Abgeordneten Frossard, Perfetty lind Ernest Lafont. Durch die Hereinnähme eines bisherigen Altsozialisten (Frossard) und eines Neusozialisten (Ernest Lafont) sowie durch Heran­ziehung von Linkspolitikern aus dem Kreise Chautemps-Daladier scheint sich das neue Kabi­nett vor allem nach links verbreitert zu haben.

Durch seine ununterbrochene neunjährige Amts­zeit als Kammerpräsident hat der neue Minister­präsident eine große politische Erfahrung sammeln können, die ihm jetzt zustatten kommen wird.

Der Ministerpräsident soll die Absicht haben, in der Kammer am Dienstag die gleichen Vollmachte» zu beantragen, wie Flandin sie gesordert hatte und dann einige Tage später etwa am 9. Juni das Parla­

ment in die Ferien zu schicken. Die Regierung würde dann aus Grund des Ermächtigungsgesetzes die Verteidigung der Währung als ihre Haupt­aufgabe betrachten und sich ihr ganz widmen.

*

Vouisson und die neuen Minister haben sich am Sonnabendvormittag um 11 Uhr zum Staats­präsidenten begeben, um sich vorzustellen. Der frühere Arbeitsminister im Kabinett Flandin, Jacquier, befand sich ebenfalls unter den Ministern. Er hat das Landwirtschaftsministerium Lbenommen. Cathala, der Unterstaats- sskretär im Ministerpräsidium, ist mit der Füh­rung der Geschäfte des Innenministeriums und der elsässisch-lothringischen Angelegenheiten be­auftragt worden.

Der neue Finanzminister Caillaux hat am Sonnabend mit seinem Vorgänger Germain Martin über die Finanz- und Währungslage ver­handelt. Caillaux betonte, daß er entschlossen sei, die Goldparität des Franken mit allen Mitteln zu verteidige», der Spekulation unerbittlich zu Leibe zu rücken und jede Abwertungstendenz zu bekämpfen.

Goebbels über den kuliurellen Aufbau

Auftakt zum 10. Gautag der NGDAV- Thüringen / Feierliche Kundgebung für die deutsche Kunst

Weimar, 1. Juni

Mit einer feierlichen Kundgebung für deutsche Kunst und Kultur als würdigen Auftakt wurde am Sonnabend, dem 1. Juni, der 10. Eautag der NSDAP. Thüringen eröffnet. Die Eauleitung hat dieses als Jubiläums-Gautag aufgezogene Treffen mit seinen verschiedenen Veranstaltungen an verschiedene Tagungsorte verlegt. Dabei er­wies sich als besonders glücklich die Verlegung der Feierstunde in das Nationaltheater, das allein imstande ist, wenn auch räumlich be­grenzten so doch überaus würdigen Rahmen ab­zugeben für eine Veranstaltung, deren Stim­mungsgehalt und deren Wirkung bei Zusammen- ballung großer Menschenmassen nur allzu leicht verlorenzugehen drohen. Nach der Eröffnungs­ansprache des Gauleiters, Reichsstatthalter S a u ck e l, hielt Reichsdramaturg Rainer Schlösser einen Vortrag über die Bedeutung der Kunst als Propagandamittel sür den Natio­nalsozialismus, und dann sprach Reichsminister Dr. Goebbels über den Wandel auf dem Ge­biete des kulturellen Lebens des deutschen Volkes. Er führte u. a. folgendes aus: Wir stehen jetzt nahezu zweieinhalb Jahre im Neubauprozeß. Es ist allzu natürlich, daß er auf kulturellem Gebiet ähnlich wie auch im wirtschaftlichen viel behut­samer vorgehen mußte, als das auf anderen Ge­bieten der Fall war. Im kulturellen Leben mutzten wir den Neubau durchführen, ohne die Fundamente des kulturellen Lebens zu zerstören.

Trotzdem glaube ich, kann man heute bei objek­tiver Betrachtung des geistig-kulturellen Lebens in dem Vergleich zu dem, was wir vorfanden, von einem grundsätzlichen Wandel sprechen. Die deutsche Presse wird heute wie­der von Deutschen geschrieben. Aehnlich liegen die Dinge auf dem Gebiet des Theaters. Das Theater hatte die innere Verbindung mit den breiten Massen des Volkstums vollkommen ver­loren. Von einer Volkskunst konnte überhaupt nicht mehr die Rede sein.

Wir haben deshalb durch den Erlaß eines ganz neuen und modern gesehenen Theatergesetzes die innere Beziehung zwischen Volk und Theater, zwischen Theater und Volksführung wiederher­gestellt. Darüber hinaus hielten wir es für heuch­lerisch, der Kunst große grundsätzliche Anregungen zu geben, ihr aber nicht die geldlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, um diese Anregungen nun in die Wirklichkeit zu übersetzen. Wir fanden nun zu unserem Erstaunen, daß unsere Vorgänger, die sich so sehr viel auf ihre liberale Geistigkeit zu­gute hielten, auf dem Posten, auf dem wir bis jetzt bereits eine Summe von 12 bis 14 Millionen Mark im Reichshaushalt ausgeworfen haben, keine Summe stehen hatten, d. h. also, für sie war das Theater nur eine Angelegenheit der Polizei oder bestenfalls noch der Bllhnenfeuerwehr. (Hei­terkeit.)

Durch die Einrichtung einer Reichsdrama- turgie haben wir eine Konzentrierung des gei­stigen Schaffens in Deutschland einzuleiten ver­

sucht. Man kann mir hier entgegenhalten, daß wir leider noch nicht die Bühnendichter haben, die die visionäre Kraft besitzen, den seelischen Ge­halt unserer Zeit in dramatische Formen zu gießen. Das ist richtig. Aber das kann man der nationalsozialistischen Regierung nicht zum Vor- wurf machen. Sie kann Reichsautobahnen bauen; sie kann die Wirtschaft ankurbeln; sie kann eine Armee aufstellen. Aber sie kann keine Dichter fabrizieren. (Heiterkeit.)

Sie ist aber der Ueberzeugung, daß, wie bisher, in der Geschichte, großen politischen Blütezeiten auch große geistige und kulturelle Blütezeiten folgen werden, so daß wir also hoffen dürfen auf die großen dichterischen Talente, die die Kraft besitzen, den großen Schwung und den seelischen Rhythmus unserer Zeit in dichterische Formen umzugießen.

Viel schwieriger lagen die Dinge auf dem Ge­biet des Films. Hier mußten wir von Grund auf reformierend eingreifen. Durch die Gründung der Rsichsfilmkammer habem wir ein« neue Basis geschaffen. Wir haben auch hier durch Einrichtung einer Reichsfilmdramaturgie die gei­stigen Anregungen zu konzentrieren versucht, oi» von feiten des Staates und von feiten der Be­wegung aus an den Film herangetragen werden sollten. Auf der anderen Seite aber haben wir versucht, wenigstens in einigen Standardwerken den Willen des neuen Deutschland auch filmkünst- lerisch in Erscheinung treten zu lassen.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Nasse und Gtrafrecht

Die politische Revolution des National­sozialismus im Zeichen eines starken Füh­rers und einer einheitlichen Weltanschauung war zugleich eine Revolution des Rechts. Mit einem Schwung sondergleichen nahm nun vor allem die Preußische Justiz die allmählich versackte Reformarbeit des Strasrechts wie­der aus und trat bereits im Herbst des Jah­res 1933 mit einer Denkschrift vor die deut­sche Leffentlichkeit, an der sich die Geister scheiden mußten. Von einheitlichem kühnen Wurf, neuartig im Aufbau, kompromißlos im Willen, mutig und verständlich in der sprachlichen Gestaltung, fand sie den Beifall der Freunde und den erwünschten Wider­spruch der Gegner.

Diese Denkschrift ist trotz mancher Unzu­länglichkeiten bis heute jedenfalls in dem einen Punkte unerreicht geblieben, als sie bis vor kurzem die einzige umfassende gesetz­geberische Darstellung des sogenannten Be­sonderen Teils enthielt, d. h. derjenigen straf­rechtlichen Vorsckriften, welche die einzelnen Vergehen behandeln und daher die lebens- nahesten sind. Inzwischen hatten wir drei Denkschriften zum Allgemeinen Teil. Vor einiger Zeit nun hat das Reichsjustizministe­rium einen Bericht zum Besonderen Teil herausgebracht, der die durch die obener­wähnte Denkschrift des Ministers Kerrl gebotenen Anregungen in reichem Maße ver­wertet hat. Es ist deswegen gestattet, sich heute dieser Denkschrift zu erinnern und da­bei einen Punkt herauszugreifen, der in einem neuen Strafrecht zentrale Bedeutung beansprucht. Es ist die Frage des strafrecht­lichen Schutzes der Rasse.

Die Denkschrift des Ministers Kerrl hat erstmalig einen eigenen AbschnittSchutz von Rasse und Volkstum" herausgestellt. Das zentrale Delikt des KapitelsAngriffe auf die Rasse" ist der Rasseverrat, ein Begriff, der zwar der alten Rechtswissenschaft fremd, der aber jedem Nationalsozialisten geläufig ist. Rasseverrat ist jede geschlechtliche Ver­mischung zwischen einem Deutschen und einem Fremdrassigen, und zwar strafbar an beiden Teilen. Noch heute ist der Rassever­rat straflos, obwohl er dem politischen Hoch- und Landesverrat in den letzten Auswirkun­gen an Schwere mindestens gleichkommt. Eine Vorschrift, welche den Rasseverrat mit allerschwerste Strafe bedroht, für überflüssig zu halten, wäre gleichbedeutend entweder mit einer völligen Verkenung der national­sozialistischen Rechtsarundsätze oder mit Blindheit vor der alltäglichen Wirklichkeit. Denn es ist leider nicht so, daß die politische Herrschaft der nationalsozialistischen Bewe­gung für sich allein genügt, den Rasseverrat zu unterbinden. Hier bietet gegenüber ge­wissen Elementen nur schärfste Strafandro­hung ein ausreichendes Abschreckungsmittel. Der Jude hat vor den Grundsätzen unserer Weltanschauung sowieso keinen Respekt. Es gibt aber auch Volksgenossen, die mit einer derartigen Blindheit geschlagen sind, daß ihnen mit abschreckenden Strafandrohungen die Augen geöffnet werden müssen. Die Blindheit in Fragen der Rasse ist kein Pri­vatvergnügen. Denn der Rasseverrat ver­dirbt den Volksgenossen vollständig, er schließt ihn, wie jeder Verrat, faktisch aus

Professor Dr. Hans Lrteg-Wünchen

Vergessene Deutsche

st schon eine Reihe von Jahren her, da ich durch gemeinsame Bekannte auf dem fest zu München einen jungen Mann aus n kennen, mit dessen Vater ich in Süd- : schon mehrfach zusammengetroffen war. ite etwa dreißig Jahre alt sein; seine Er- ig war ganz die eines stattlichen, kraft- Ältbayern, groß, schlank und mit starken lenken, langem Gesicht und kurzem Schädel, wenn er auch noch so unverkennbar die seiner Abstammung trug, so merkte man ch irgendwie den Ausländsdeutschen an. te in seinem Wesen eine gewisse Zuruck- die ebensogut Argwohn wie Stolz sem und seine dialektfreie Sprache besaß etwas fälliges, wie dies bei Leuten zu sein pflegt, ahnt sind, eine andere Sprache zu sprechen, Muttersprache zwar noch beherrschen, aber usagen als Sonntagssprache gebrauchen, saßen in einer der großen Bierhallen auf rlichen Münchener Festwiese, und der lunge trank viel Bier, ohne daß es rhm stchtnch f gestiegen wäre. Im Gegenteil, er wurde : Zeit immer ruhiger und bedachtrger. und llten fest, daß er allerhand schwere Sachen t sein müsse. Er erzählte ern wemg von Pflanzung, die er drüben hatte, und wenn ssches Mädchen in der Nähe vorbeikam. enN an gelegentlich ein bewundernder halb- Fluch südamsrikanischer Herkunft, ar uns bald kein Geheimnis mehr dag er au suchte. Und wenn wir auch dachten, da» des deutsche Mädchen für das Leben einer tenfrau weitab von Eisenbahn, Dampfich fs ughasen in tropischem Land geeigne I > selten wir doch nicht, dag dieser P ch

bursche hier bald an jedem Finger ein Mädel haben würde, das nur allzu gerne und allzu be­geistert den Sprung in eine ungewisse Zukunft wagen würde . . .

Aber es kam ganz anders. Unser Freund ließ es zwar an Draufgängertum gewiß nicht fehlen, aber bald merkten wir, daß er in der Beurteilung deutscher Frauen vollkommen versagte. Die Ver­käuferin in einer Likörbude des Oktoberfestes machte mit hingeklatschtem schwärzen Scheitel und losem Mundwerk Eindruck auf ihn und entflammte sein Herz. Er gab unseren Warnungen erst recht, nachdem sie ihn hereingelegt hatte. Stets ging er, wie man zu sagen pflegt, ^aufs Ganze", wie er dies von den einfachen Mischlingsfrauen seiner Heimat gewohnt war. Seelische oder kulturelle Werte schien er weder zu erwarten noch, wo sie vorhanden waren, richtig zu würdigen.

Wir gaben uns ein paar Wochen lang redlich Mühe mit ihm. Wir schätzten ihn als guten Kum­pan und Kameraden, aber wir fühlten tagtäglich, daß er den Anschluß an den Kulturkreis seiner deutschen Vorfahren nicht mehr recht finden konnte.

Alles mißfiel ihm schließlich, was anders war als in Südamerika: die vielen Vorschriften und vor allem die Vildungsansprüche, die man immer wieder an ihn stellte und denen er nicht genügen konnte. Wir brachten ihn in nette und gute Ge­sellschaft, aber er war dort hilflos und unsicher Immer mehr begann er, sich nach Südamerika zu­rückzusehnen, nach seiner Pflanzung, wo er der Herr und der weitaus Gebildetste von allen war, wo man in ihm den reichen Besitzer sah und ihm alle dienten. Was konnten wir tun? Der Fall war hoffnungslos . . .

Was hätte dieser Mensch, dieser geborene Süd- amerikaner, dem Deutschtum in Uebersee sein kön­nen, wenn er in Deutschland erzogen worden wäre! Sein Haus wäre ein deutsches Haus geworden, seine Kinder deutsche Kinder. Stattdessen ging er nach Amerika zurück mit dem eigenartigen Haß jener Leute, die mit einer gewissen Sehnsucht in die Heimat ihrer Väter gekommen sind, sich, ge­wiß nicht aus eigener Schuld, dort ein wenig bla­miert haben und ihren Zorn auf sich selber zu einem Zorn aus Deutschland machen. Ich habe ihn später in Südamerika besucht und habe ihn ver­stehen gelernt. Er ist einer von vielen.

Sein Vater, so erzählte er mir einmal, ist vor mehr als vierzig Jahren als armer Schlossergeselle nach Argentinien ausgewckndert. Damals war eine Zeit, zu der ein fixer Kerl auch ohne Geld an­sangen und es in zehn oder zwanzig Jahren zum wohlhabenden Mann bringen konnte, die Zeit, zu . der man in Mittelargentinien das Land noch nach Ealopeadas, nach den Sprüngen des galoppieren­den Pferdes des Vertreters der hohen Obrigkeit, vermaß und zu der man noch wenige Pesos brauchte, um ein paar hundert Hektar in jenen »verschlossenen Landstrichen zu kaufen, durch die heute die Eisenbahn fährt, rechts und links bis zum Horizont umsäumt von Weizen, Mais, Lein und Futterluzerne. Heute kostet dort der Hektar mehrere hundert Pesos, und die kinderreichen Pächter beginnen, hungrig nach neuem Land zu werden. So wurde aus dem, was der tüchtige deutsche Schlosser mit seinem Handwerk verdient hatte, durch den Wertzuwachs ein Riesenvermögen. Aber der deutsche Schlosser wurde drum kein großer Herr. Wohl war er nun weltgewandt, und wenn er in den deutschen Klub in Rosario kam, iahen die jungen Kaufleute mit Neid und Be­wunderung nach ihm. Wohl wurde er selbstbewußt und unbestechlich in seinem Urteil. Und ein ehr­licher deutscher Mann blieb er wie zuvor . . .

Er ist dann einmal nach Deutschland gereist, in der Absicht, seine alten Freunde und Verwandten aufzusuchen und durch die Felder und Straßen seines Heimatdorfes zu gehen. Er wollte sich in Deutschland Haus und Garten kaufen für seine alten Tage und sich nach Schulen umsehen für seine vier Söhne, die eine Deutschbrasilianerin zur Mutter hatten.

Aber viele seiner Jugendfreunde lebten nicht mehr. Und er war für seine Verwandten der

Seefahrer

Ihr seid dem Schicksal inniger als wir verbunden.

Zeit eures Lebens spürt ihr seine schwere Hand, die euch mit Leid, Gefahr und vielen bösen Stunden hart machte für ein Dasein fern dem sicheren Strand!

Was ihr gekämpft, kann keiner so wie ihr ermessen!

Was noch an Kampf geschieht, weiß nur die See allein!

All eure Wirksamkeit ist ein Sich-selbst-vergessen!

All euer Handeln Einsatz! Frei von Trug und Schein!

Ihr seid erwählt, Verstehen in die Welt zu tragen, zu überwinden falscher Lehre bösen Bann!

Damit sich einst auf Brücken, die ihr kühn geschlagen, der Menschen Haß in Gunst und Freundschaft wandeln kann!

Herbert Osstibouäois

reiche Onkel aus Amerika, der die Pflicht hatte, zu schenken und zu helfen. Er half und schenkte, wo er nur konnte, aber schließlich wehrte er sich inner­lich dagegen, immer und überall der reiche Mann zu sein, der nach der Meinung der anderen ge­schädigt werden mutz, wie wenn er ohne Zutun und Arbeit das große Los gewonnen hätte. Und das war nicht das Schlimmste. Er war gewohnt,.etwas zu gelten. Hier galt nur sein Geld. Er war ge­wohnt, zu befehlen. Hier mußte er immerfort Zuge­ständnisse machen. Er erzählte keine Indianer- geschichten und keine renommistischen Erlebnisse mit Riesenschlangen, weil er nur gearbeitet, aber keine Abenteuer erlebt hatte. Das nahm ihm schließlich allen Nimbus in den Augen seiner deut­schen Freunde und Verwandten. Ein Jahr ist er in Deutschland geblieben, dann floh er zurück in das Land seiner Lebensarbeit und seines Lebens­erfolges. So etwas erzählte mir sein Sohn, aber er beschränkte sich dabei ganz auf die nackten Tat­sachen. Das Psychologische und Gefühlsmäßige habe ich selbst dazugetan. Und wenn er es hier lesen sollte, dann wird er sagen: Wie kann man nur um all' dies so verzwickte Gedanken denken.

Der Vater liegt aus einem kleinen Friedhos einer argentinischen Provinzstadt begraben. Sein Grabmal hat sünftausend Pesos gekostet und ist aus Marmoor. Dabei hatte er die Sehnsucht, in Deutschland zu sterben und neben der alten Dorf­kirche gebettet zu werden. Der Sohn hat diese Sehnsucht nicht. Seine Kinder sprechen die Jn- dianersprache ihrer Mütter und ein wenig Spanisch. Sie kommen jetzt eben in das Alter, in dem solche Kinder zweier Welten von ihrem weißen Vater lachend sagen:Dieser verrückte alte Ausländer!"-

Deutschland hat es versäumt, seinen die alte Heimat suchenden Söhnen beizeiten und immer wieder ide Hand zu reichen. So sind sie ihm in­nerlich und äußerlich verloren gegangen. Hier hat das neue Deutschland vieles gutzumachen.