Ausgabe 
(1.6.1935) Nr. 150
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Nr. 120 / 3. Jahrgang

Sonnabend, i. 2uni

Einzelpreis is Rps.

Unser lagvsspivgvl

Im englischen Unterhaus nahmen Simon und Eden zur Rede des deutschen Reichskanzlers Stellung

Bei einer Erdbebenkatastrophe in Britisch- Velutschistan kamen 3» »08 Menschen nms Leben

Italien hat drei weitere Divisionen sür Ost- azrika mobilisiert

Der sranzöstsche Staatspräsident hat den Präsidenten der Kammer, Vouisson, mit der Regierungsbildung beaustragt.

Die Probefahrt des auf der AN. Weser er­bauten MotorschiffesOsnabrück" des Nord­deutschen Lloyd verlief znr vollsten Zu­friedenheit

Heute beginnt in Vremen die 70jährige Ju­biläumstagung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger Gestern nackt suchte ein Schadenfeuer die Trinkhalmindustrie G. m. b. H. an der Schlachthofstr. heim

Im Deutschlandflug führen auch nach der Wertung am dritten Tag die Bremer Focks- Wnls-»,Stieglitze"

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Ernennung v. Rwbentrops

Berlin, 31. Mai

Der Führer und Reichskanzler hat den Beauf­tragte« sür Abrüstungssragen Joachim von Ribbentrop zum außerordentlichen und bevoll­mächtigten Botschafter in besonderer Mission er­nannt.

Wehrmachts-Bezeichnungen

Berlin, 31. Mai

Mit dem am 21. Mai 1S3S in Kraft getretenen neuen Wehrgesetz haben sich die Bezeichnungen der obersten Führung der Wehrmacht und der Wehrmachtteile geändert. In Zukunft gelten aus­schließlich die nachstehenden Bezeichnungen:

Der Führer und Reichskanzler ist der oberste Befehlshaber der Wehrmacht.

Es find zu ersetzen:

Der Reichswehrminister" durchDer Reichs­kriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht",

Reichswehrministerium" durchReichskriegs­ministerium",

Reichswehr" durchWehrmacht",

Reichsheer" durchHeer",

Reichsmarine" durchKriegsmarine".

Hierzu tritt neu dieLuftwaffe". Dementsprechend find zu ersetzen:

Der Chef der Heeresleitung" durchDer Ober­befehlshaber des Heeres",

Der Chef der Marineleitung" durchDer Oberbefehlshaber der Kriegsmarine",

Hierzu tritt neuDer Oberbefehlshaber der Luftwaffe".

Fahrtunterbrechung des DampfersGcharnhorft"

Bremen, 31. Mai.

Wie wir vom Norddeutschen Lloyd erfahren, hat DampferScharnhor st" in Suez die Aus­reise nach Ostasien wegen Kondensator­schaden vorübergehend unterbrochen. Damp­ferScharnhorst" wird in Suez die notwendigen Reparaturen vornehmen und nach Erledigung seine Reise nach dem Fernen Osten fortsetzen.

l Lava! bleibt auch fernerhin Außenminister

Bouisson französischer Ministerpräsident

Erfolg der Bemühungen Bouiffons um ein Kabinett der breiten Llnion

Paris. 1, Juni

Um 0.3» Uhr dauerten die Verhandlungen des Ministerpräsidenten Vouisson zwar noch an, aber es ist eine erste Ministerliste in Umlauf, an der vielleicht noch Aenderungen vorgenommen werden.

Ministerpräsident und Inneres: Ferdinand Bouisson (parteilos), Staatsminister: Cail - laux, Senator (Rad. Soz,), Herriot, Abg. (Rad. Soz.), Louis Marin, Abg. (Rep. Dem. V.), Marschall Pevtain, Auswärtiges: Laval, Abg. (unabhängig), Justiz (Per not, Abg. (Rep. Soz. Berg.), Krieg: General Mau- rin, Kriegsmarine Pietri, Abg. (Links- republ.), Luft: General Denain, Handel: Laurent-Eynac, Abg. (Radikale Linke), Fi­nanzen: Palmade, Abg. (Rad. Soz.), Natio­nale Erziehung: Mario Roustand, Senator (Rad. Soz.), Oeffentliche Arbeiten: Paganon, Abg. (Rad. Soz.), Kolonien: Louis Roll in» Abg. (Radikale Linke), Arbeit: Frossard, Abg. (Sozialist), Pensionen: Persetty, Abg. (Rad. Soz.), Gesundheitswesen: Ernest Lasont, Abg. (Sozialist), Post: Mandel, Abg. (unab­

hängig), Unterstaatssekretär bei der Minister­präsidentschaft: Cathala, Abg. (Radikale

Linke).

Vouisson ist Abgeordneter von Marseille. Er steht im 61. Lebensjahr, ist aus Lonstantone ge­bürtig und ist von Beruf Industrieller. Im Jahre 1869 wurde er zum ersten Male zum Abgeordneten gewählt. 1924, als er auf der Liste des Linkskar­tells wieder zum Abgeordneten gewählt wurde, trat er der Sozialistischen Partei Lei. 1927 wurde er als Sozialist zum Kammerpräsidenten gewählt, ein Amt, in dem er sich als unbestrittenerPräsi- denten-Fachmann" einen Ruf schuf. Vor etwa zwei Jahren vollzog Vouisson ohne ersichtlichen Grund und ohne großes Aufsehen seinen Austritt aus der Sozialistischen Partei und ist seitdem keine poli­tische Bindung wieder eingegangen.

Nachdem die Regierung Flandin, die seit dem ü. November 1934 im Amte war, in der Kammer in die Minderheit versetzt worden war, begann der Präsident der Republik, Lebrun, Besprechungen

zur Lösung der Regierungskrise mit dem Präsiden­ten des Senats, Jeanneney, und dem Präsidenten der Kammer, Vouisson, der sich Freitag vormittag Lereiterklärte, einKabinett der breiten Union" zu bilden.

Ueber die Unterredung Lebruns mit Bouisson wird bekannt, daß Vouisson den bisherigen Außen­minister Laval als sür die Kabinettsbildung ge­eignete Persönlichkeit bezeichnet habe. Der Staats­präsident habe jedoch darauf bestanden, daß Fer­nand Vouisson selbst die neue Regierung bilde. Vouisson begab sich sofort nach seiner Unterredung mit Lebrun in den Senat, um mit dem Senats- prästdenten die Frage der Regierungsbildung zu besprechen.

Die radikal sozialistische Kammergruppe hatte im Laufe des Freitagnachmittag eine Ab­ordnung zu Kammerpräsident Vouisson entsandt, um Aufschluß über dessen Regierungspläne zu er­langen. Nach Rückkehr der Abordnung hat die Gruppe die Beteiligung der Radikalsozialisten an einem Kabinett Bouisson beschlossen.

Erdbeben fordert 30000 Tote

Schwere Erdbebenkatastrophe in Britifch-Belutschistan

Simla, 31. Mai

Die Hauptstadt von Vritisch-Belutschistan, Quetta, die ein wichtiger eisenbahntechnischer und militärischer Knotenpunkt ist, wurde in den frühen Morgenstunden des Freitag von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Nach den jüng­sten Meldungen ist nahezu die ganze Stadt Quetta dem Erdboden gleichgemacht.

Nachdem die erste Schätzung bereits von 1000 Tote in der Hauptstadt Quetta sprach, werde» jetzt etwa 8000 Tote in dem 25 Kilometer von Toten in der Hauptstadt Quetta sprach, werde» det. In Quetta sind sämtliche Flughallen der dortigen britischen Luststreitkräfte eingestürzt, wobei 43 Fliegersoldaten getötet und 26 Flug­zeuge von insgesamt 30 zerstört wurden. Durch den Einsturz des Telegraphenamtes ist jeder Telegraphenverkehr unterbunden, und es wurde ein drahtloser Notdienst eingerichtet. Die Mehrzahl der Bahngebäude ist ebenfalls eingestürzt. Die vom Erdbeben betroffenen Gebiete sind unbe­wohnbar geworden.

Die Behörden sind eifrig mit der Durchführung von Rettungsarbeiten, der Entsendung von Hilfs- zügen und Flugzeugen mit Proviant und Arznei­mittel beschäftigt.

London, 31. Mai

Ueber das schwere Erdbeben in Britisch-Velut- schistan liegt eine unbestätigte Zeitungsmeldung vor, wonach die Zahl der Toten auf 30 000 ge­schätzt wird. In einer amtlichen Meldung des britische» Luftfahrtministeriums wird von schwe­

ren Verlusten an Menschen gesprochen. Außer den 43 Angehörigen der an der Nordwestgrenze lie­genden Luftstreitkräste ist ein Beamter der politi­schen Abteilung mit seiner Familie ums Leben gekommen. 20 bis 30 Flieger werde» noch ver­mißt.

Der König von England hat an den Vizekönig von Indien und an den Luftfahrtminister Bei­leidstelegramme gerichtet.

Nach weiteren Meldungen liegt das Erdbeben­zentrum zwischen der fast völlig zerstörten Stadt Quetta und der weiter südlich liegenden Stadt

Italien mobilisiert weiter

Rom, 31. Mai.

Eine amtliche Mitteilung des italienischen Staatssekretariats sür Presse und Propaganda gibt die Mobilisierung von einer weiteren Divi­sion des Landheeres und zwei Divisionen Schwarz­hemden für Ostafrika bekannt.Die teilweise Mo- bilisation der abessinischen Streitkräfte", so heißt es in der Mitteilung,und die Ankunft weiteren Kriegsmaterials in Abessinien mache neue Defen­sivmaßnahmen notwendig, um die Sicherheit der italienischen Kolonien, in Ostafrika gegen jeden Angriff zu gewährleisten. Mussolini hat daher in seiner Eigenschaft als Wehrminister die Mobilisa- tion der Division Gran Sasso unter dem'Befehl des Generals Terziani angeordnet. Eine neue Di­vision Gran Sasso H unter dem Befehl des Gene­rals Terrieri ist bereits gebildet worden."

Kalat, die ebenfalls in einen Trümmerhaufen verwandelt worden ist.

In dem gesamten Erdbebengebiet zwischen Quetta und Kalat sollen vier Fünftel der Be­völkerung getötet worden seien.

Die Stadt Quetta hat 34 006 Einwohner. Sie liegt etwa 1800 Meter über dem Meeresspiegel. Quetta ist ein bedeutender Handelsplatz und gilt als wichtiger militärischer Stützpunkt an der Nordwestgrenze zum Schutze des Bola-Passes, durch den die strategische Eisenbahn von ^"-tta nach dem Indus-Tal geht.

Die nach der heutigen Mitteilung ebenfalls für Ostafrika gebildete dritte und vierte Division Schwarzhemden werden von General Appriotti bzw. von General Traditti, dem stellvertretenden Generalsstabschef der Miliz, befehligt.

Vilsudstis Urne beigesetzt

Wilna, 31. Mai.

In der Kirche der Heiligen Therese von Ostra- bama wurde Freitag die feierliche Verschließung und Einmauerung der Urne mit dem Herzen des Marschalls Pilsudski vorgenommen. Die Handlung war ein ergreifender Ausdruck der kindlichen Gefühle der Bevölkerung für ihren toten Marschall. Der feierlichen Handlung wohn­ten die Witwe, die beiden Töchter, die Familien­angehörigen und die Würdenträger der Regie­rung und des Heeres bei.

Ein Vyrchussieg

des französfschen Varlamenlarismus

Der französische Parlamentarismus hat einen Pyrrhussieg errungen. Indem die Kammer in der Nacht zum Freitag morgens um 2 Uhr die Regierung Flandin stürzte, hat sie den schlimmsten Streich gegen den Par­lamentarismus geführt; denn es wurde Flan­din vom französischen Parlament nicht etwa darum gestürzt, weil das französische Parla­ment die von dem eisernen Zwange uner­bittlicher Notwendigkeit diktierte Politik des französischen Ministerpräsidenten tat­sächlich mißbilligte, sondern weil dem Par­lament die Folgerungen aus dieser Politik unbequem erschienen und darüber hinaus, weil Flandin in seiner körperlichen Gebrech­lichkeit vor der Kammer nicht die glänzende Figur abgeben konnte, die sich die franzö­sische Volksseele gerne wünscht, wenn sie sich von einer besseren Ueberzeugung bezwun­gen, besiegt erklären soll.

Voltaire, der seine Landsleute kannte, hat einmal im Hinblick auf den französischen Volkscharakter von einer Mischung von Assen und Tigern gesprochen. Wir selbst wollen uns diese Bezeichnung gewiß nicht zu eigen machen; aber etwas von mitleidlosem Raubtiergriffe hatte dennoch das Verhalten der französischen Kammer in der Nacht zum Freitag beim Sturze Flandins an sich. Blaß, vom langen Krankenlager und in schmerz­voller Verzerrung der Gesichtszüge, nur krampfhaft sich ausrecht erhaltend und ge­stützt von seinen Aerzten hätte Flandins Be­weisführung wohl bei jeder anderen Nation wohlwollendere Beurteilung als bei der französischen erfahren; die französische Kam­mer aber kannte weder Mitleid noch Wohl­wollen, ja der kranke Mann schien ihr als Führer der Geschäfte der französischen Re­gierung anscheinend sogar widerlich, und so ließ man ihn nach einer rein als Höflich­keitsform zu betrachtenden kleinen Beifall- kundgebung, die man ihm schenkte, bevor er das Wort ergriff, sofort schon nach den ersten Worten fallen, obwohl man sich sagen mußte, daß Flandin finanzielles und politi­sches Programm, als ein von der Not der Stunde diktiertes in seinen Grundzügen schließlich auch das Programm von Flandins Nachfolger sein muß und sein wird. We­der die Krise der Währung noch die des französischen Haushalts läßt sich überwinden ohne besondere Vollmachten der Regierung, mit denen zumindest eine zeitweise Außer­kraftsetzung der Verfassung verbunden ist, wenn nicht gar eine Aenderung der Wahl- ordnung sich als notwendig erweist, um Frankreich aus der gegenwärtigen Not zu retten.

Was in der denkwürdigen Nacht zum Freitag die Kammer Flandin verweigerte, wird sie bestimmt demnächst seinem Nach­folger schon aus reinen Gründen der Vernunft gewähren müssen und sie wird es auch wohl gewähren, nachdem sie sich dies­mal vor dem französischen Volke einem Flandin gegenüber als stark erwiesen und daraufhin vor dem gleichen Volke sich die Rolle des Nachgiebigen leisten kann. Ob darüber Zeit verloren geht, ob dabei un­widerrufliches Vertrauen zu der französi-

firiedrich Schnack

Die Stadt an den drei Misten

Die bayrische Grenzstadt Pastau ist berühmt durch ihre reizvolle Lage an der Donau. Das dunkle schnelle Waldroaster der 2lz, das weiß- graue von Kalkstein und Eletscherblau gefärbte Alpenwasser des männlichen ungestümen 2nn und die Flut der grünen behäbigen Donau, die aus den breiten fruchtbaren Auen Niederbayerns kommt, schlagen hier wie drei lichte Flammen zu einer einzigen zusammen. Sechs Stromufer be­gleiten die dreifach durchschnittene Stadt, die ur­alt ist und ihre früheste Siedelung den Römern verdankt. Sie ist aus dem Wasser geboren; ter­rassenförmig erhebt sie sich aus dem kühlen Bad des Morgens und läßt die Flußnebel von ihren starken braunen Schultern gleiten; Sie ist die Stadt der römischen und napoleonischen Wächter, der Bischöfe und der lustigen Donauschiffer, die durch wundervolle baumreiche Landschaften fahren.

Der 2nn wälzt seinen frischen Atem rn die alten engen Seitengassen, wo sich schmale vene­zianische Durchblicke auf sein zuckendes Wasser- geleuchte auftun. Das alte Passau, das in guten Zeiten die schweren Getreideschiffe aus llngckrn empfing, liegt zwischen 2nn und Donau auf einer schmalen felsigen Landzunge, die in den Zusammenlaus der drei Flüsse hineingebaut yt. Eng drängen sich die bejahrten Bürgerhäuser um den großen Dom, dessen Geschichte zurückschallt in den blauen Dämmerschein des fünften 2ahrhun- derts. Er hat eine fesselnde und an Erfahrungen reiche Vergangenheit. Viel hatte er unter Feuer ^ zu leiden Zweimal krähte der rote Hahn auf sein-n Türmen. Dreimal wurde er um '-baut Er hat fast alle Kirchenstile durchgemacht. 2m zwölf­ten 2ahrhundert war er romanisch, im fünfzehn­

ten gotisch, im siebzehnten wurde er im Barockstil erneuert. Sein Barock ist eines der reichsten in Deutschland, seine Orgel die größte in Bayern. Wie lieblich und kühn muß auf ihr zu musizieren sein! Wie herrlich mag eine Bachsche Fuge durch das brausende Tongeäst klettern!

Die Passauer Bürger haben ein gotisches Rat­haus mit einem schönen Turm, der mit allerlei Wappen, Fresken und Allegorien bemalt ist. 2m Untergeschoß des Gebäudes besitzen sie auch einen wein- und bratwurstduftenden Keller, wo alter­tümliche Wandsprüche und Freskobilder zum Schmausen und Trinken auffordern, als ob das Leben eine ewige Kirchweih wäre. Aus dem Rauchdunkel der Wölbung wallt der bunte Nibelungenzüg und die schöne Kriemhild setzt ihre Füße ans Donauufer, vom Herrn Bischof also gemütlich empfangen:

Bischof Pilgrim sprach zu sein Schwesterkind:

Krimhilde sei willkommen und dein lieb

2ngesind.

2n Pastau ist gut leben, drum geitz nicht mit

der Stund,

Du gehst noch früh genug im Heunenland zu

Grund.

Da ich nichtmit der Stund" zugeitzen" brauche, steige ich zur Festung Oberhaus empor, die auf einem felsigen Bergrücken aufragt.Ober­haus" ist in ganz Bayern ein berüchtigter Ort. Früher ein beliebtesMilitärstrafgefängnis". 2etzt etwas Aehnliches. 2mmerhin, der Blick vom Aussichtsturm" auf die dreigeteilte Stadt, die Flüsse und die grünen, schwellenden Höhen ist sehr ! schön. Ein Bischof bat die Burg im Mittelalter ! gebaut. Auf dem Aussichtsturm ist eine große

Orientierungsscheibe für alle Himmelsgegenden angebracht. Und wie zum Scherz laufen nach den vier Himmelsrichtungen schwarze Linien hin­durch: Wien, Budapest, Konstantinopel,

2erusalem, Madrid, Paris, London. Das Auge trinkt Nähe und Weite und schweift über die Berge des bayrischen Waldes tief hinein bis in den fernen urwaldfremden Vöhmerwald. Durchs blaue Fernenlicht des Südens schwingt sich die Salzburger und Verchtesgadener Alpenkette mit dem Hohen Eöll, dem breiten llntersberg, dem zerzackten Watzmann. Die großen blauen Räume der Landschaft verschenken sich an den hinge­gebenen Blick. Unten leuchten die Ströme wie flüssiges Feuer und bespiegeln mit Lust und Schein die Mauern Paffaus.

Heinrich Braune

Der Starter steht am Hang. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält er den weitzbespannten Modellsegler hoch über sich. In seinen Finger­spitzen spürt er die zerrende Arbeit des Windes, der den Hang herauf schon gegen die Tragflächen drückt. Zwei Meter breit schwanken sie über dem Kopf des Starters. Er weiß, der Aufwind trägt bereits, er wartet nur noch auf eine kräftige Welle, mit der der Segler reiten kann. Dann braucht es nur noch eines winzigen, aufmuntern­den Stoßes, mehr Zeichen als Schwung, und schon schwebt der Segler über dem Hang.

2n leichter Kurve steigt seine Schnauze gegen den Himmel hoch trägt ihn die fremde Kraft des Abschwungs, mit schwindender Stärke. Lang­samer und schwankender wird seine Bewegung. Einen Augenblick lang steht er zögernd still in der warmen Luft. Die Sonne flimmert auf seinen spiegelnden, cellongetränkten Tragflächen. Und

Schwäbisches: Der Seger

Die Bäuerin Anna Lämmle fährt mit der Lokalbahn von Laichingen nach Nellingen.

2m letzten Augenblick vor der Abfahrt steigt ein Neger ins Abteil. Anna ist erstaunt, ver­blüfft, entgeistert.

Sie?"

2a."

Pause.

Sie sind do nit von Laichinge,,.- Nein."

Lange Pause.

Und au nit von Nellingen?"

Nein."

Sehr lange Pause.

Drum." liVilbsIm Asbrs.

jetzt hat der Segler den echten Aufwind gefaßt. Pendelnd gleitet er hinein, sicher jetzt, eitel seiner Sicherheit. Die enge Kurve, die er nun hundert Meter über dem braunen Heidegrund zieht und über den Menschen, die die Hand schützend über die Augen legen, um seinen Flug zu verfolgen, ist elegant und fast kokett. Mit dem Wind wagt er sich hinaus über die nächste Kuppe. Schnell segelt er, ist nur noch eine schimmernde Linie, ein glitzernder Wellenstreif des Windes.

Die Stoppuhr in der Handhöhlung, steht der Prüfer, verfolgt sachlich, mit zusammengekniffenen 2ägeraugen den Flug. Neben ihm der Starter, der das Modell baute.

Es ist sein, zu dieser weißen Vogelgestalt er­starrter, grübelnder Gedanke, der dort draußen leicht spielerisch, spöttisch fast den Wind überlistet. Es ist seine 2ntelligenz, seine formschaffende Phantasie, die dort hundert Meter über dem hell­

grünen Birkenwäldchen wie ein denkendes, wä­gendes, überlegendes Wesen seine Bahn sucht. In sechzig nächtlichen Arbeitsstunden, nach dem Dienst in Büro und Amt wurde dieses Modell ent­worfen und gebaut. Federleicht ist das Gerüst der Tragflächen, überspannte Luftkammern. Ihre Spannweite, die Wölbung ihres Profils, die Nei­gung der hochstehenden, in den Kurven die Ba­lance ausgleichenden Ohren, der Kreuzwinkel des Schwanzsteuers all das ist seine eigen­schöpferische Leistung. Sie bewährt sich jetzt da draußen. Kreist, kurvt, gleitet, fällt, fängt sich schwankend wieder auf, streicht, schwebt, segelt, weit hinaus.

Immer, wenn die Sonne schräg auf die Spiegel der Tragflächen trifft, schickt der Segler einen kurzen Blitz herüber, dann spielt es wie Lächeln um die Lippen seines Schöpfers, der stumme Zwiesprache hält mit seinem im Wind sich erpro­benden Geschöpf.

Aber nun schüttelt ein Zittern durch den schlanken Leib des Seglers, das majestätisch stolze Gleiten wird ängstlich zuckendes Springen, un­sicheres Schaukeln. Als hätte plötzlich alle Kühn­heit und Kraft ihn verlassen, jagt er jetzt schräg, die Krone einer jungen Birke achtlos streifend, zu Grund. Noch einmal scheint er sich erheben zu wollen, aber ohnmächtig ist der Versuch. Erschöpft taumelt er plump in das braune Heidegewucher. Kläglich, ein stummer Hilferuf, ragt ein geknickter Flügel in den Hmimel.

Aus den Gesichtern von Starter und Prüfer ist jede Spannung gewichen. Der Daumen über der Stoppuhr hat sich automatisch auf den Metall­knopf gedrückt.

83 Sekunden . . . alle Achtung!", sagt der Prüfer.

2a, ja", nickt der Konstrukteur, als hätte er es vorher gewußt, und springt mit langen Schrit­ten den Hang hinunter.

Schon schwebt ein andrer Segler wägend, prüfend am Hang vorbei.

Kinder des Windes