parteiamtl.Iageszeitung der
Nationalsozialisten Bremens
Bremer Zeitung erscheint täglich (auch Montag?). Monatsbezug: RM. 2.30 einschl. 30 Rps. ZusteNungsgebühr; durch die Post RM. 2.30 einschl. Ueberweisungsgebühr ausschl. Postoestellgeld. Der Bezugspreis ist im voran? zu entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz.
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1 g z s
Sprechzeit: Berloq werktäglich von 12--13 Uhr; Schriftlertung Dienstag bis Freztag von 12 /r-13 /- Uhr.
m. 2ir / ;. ZaHrgang
Sonnabend, Z. flugust
kinzelpreis 15 Npf.
Schwere Neligionsumlchen in Nordirland
rrauriges tos der 1846 katholischen Flüchtlinge / In Deutschland nicht möglich Inoaliden und srontkämpser vertrieben
Unser lagssspsegel
Die Genfer Verhandlungen zum italienisch- abessinischeu Konflikt haben bisher zu keinem Ergebnis geführt.
In Amsterdam kam es zu neuen Kommu- nisten-llnruhen.
Die amerikanische Regierung bedauert in ihrer Antwortnote an Deutschland den Flaggenzwischenfall auf der „Bremen".
Aus Anlag des§ Todestages Hindenburgs fanden in Bremen und im ganzen Reich Ee- dächtniskundgebungen statt.
'Reichsminister Dr. Goebbels sprach aus dem Berliner Wilhelmsplatz vor den auslands- deutschen Jungen.
In der ersten Sitzung des Aufsichtsrats der Atlas Levante-Linie AG. Bremen wurde Herm. Bultmann zum Vorsitzenden bestellt.
Die Aussichten für das Zustandekommen einer Internationalen Schisfahrtskonserenz werden immer schlechter.
Am heutigen Sonnabend findet am Hollersee das Riesen-Feuerwerk der NSDAP. statt.
„ks ist bedauerlich ..
Die amerikanische Antwortnote wegen des. Flaggenzwischenfälles
Washington, 3. August.
Das Staatsdepartement übersandte am Donnerstag der deutschen Botschaft die Antwortnote auf den deutschen Protest wegen des Flaggen- zwiichenfalles auf der.„Bremen". In der Note er-
Auch heute bringt die „Bremer Zeitung" wieder den einzigen von Hauptlagerführer der Bremer HJ.- Lager, Oberbannsührer Carl Jung, autorisierten Bericht über die Vorgänge des Tages in Bad Essen.
klärt oie amerikanische Regierung, daß der Zwi- schenfall keinesfalls auf Nachlässigkeit seitens der amerikanischen Behörde zurückgeführt werden könne. Es wird betont, Vag die Schuldigen verhaftet und vor ein Gericht gebracht worden sind. Die Note schließt mit folgenden Worten: „Es ist bedauerlich, daß trotz der eifrigen Bemühungen der Polizei, jede Störung zu verhindern, die deutsche Nationalflagge während der Unruhen nicht den ihr gebührenden Respekt erhielt."
München „Hauptstadt der Veroegung"
München, 3. August.
Der Führer hat in einer heute abgehaltenen Besprechung mit Oberbürgermeister Fiehler der Stadt München die Bezeichnung „Hauptstadt der Bewegung" ofsiziell verliehen.
London, 3. August.
Der Bischof von Down und Connor teilt der Presse mit, dah sich die 1646 katholischen Flüchtlinge, die bei den Unruhen in Belfast aus ihre« Häusern und Wohnungen vertrieben wurden, in einer außerordentlich erbarmungswürdigen Lage befinden. Viele haben ihr ganze Hab und Gut in den Trümmern dieser Häuser verloren. Manche von ihnen sind Invaliden und andere sind alte und hilflose Leute; wiederum andere sind arbeitslos. Selbst alte Frontkämpfer und ihre Familien sind unter den Vertriebenen zu finden.
Viele katholische Mädchen, die oft die einzigen Lohnverdiener großer Familien sind, können wegen der ständigen Drohungen ihrer religiösen Gegner nicht an ihre Arbeitsstätten zurückkehren.
In der „Catholic Times" wird gemeldet, dah führende nordirische Regierungsmitglieder durch
Premerhaoen, 3. August.
Die „Bremen" ist Freitag morgen 8 Uhr in den Heimathafen eingelaufen. Ein, Vertreter des DNB. hätte Gelegenheit, den KapMn. der „Bre? men", Kommodore. Ziegenbein, über .die Vorfälle an'Bord .des SMfes''hei der Abfahrt zu befragen. Kapitän Ziegenbein' erklärtes/haß die Fahrt gut verlaufen sei und daß die Vorfälle an Bord des Schiffes'selbst keine Beunruhigung hervorgerufen haben. Ein'großer Teil der Fahr- gäste erfuhr sogar erst durch die Vordzeitung, was. in Newyörk vorgefallen war. Kapitän Ziegenbein erzählte dann weiter:
Nach der Ankunft in Newyork— wir waren nur 30 Stunden dort — wurden wir vor Üeberfällen gewarnt. Es sollen auch in kommunistischen Zeitungen Demonstrationen angekündigt worden sein. Am 26. Juli mittags wurde uns die.Warnung von der Newyorker Polizei bestätigt. Die Polizei alarmierte eine größere Anzahl Polizeikräfte, um sie für die Abfahrt' des Schiffes einzusetzen. Zunächst wurden 250 Polizeikräfte bereitgestellt, die später während des Anbordgehens der Passagiere am späten Abend noch verstärkt wurden.
Gegen 23 Uhr sammelte sich dann vor dem Pier ein Demonstrationszug in Stärke von etwa 400 Personen an, in dem Plakate mit verschiedenen Aufschriften getragen' wurden. Auch bildeten sich Sprechchöre, und man hörte Aeußerungen wie „llros Tbölwann" und ähnliche Ausrufe, die aber im Geräusch des Betriebes und bei der Entfernung an Bord nicht zu verstehen waren. Die Polizei drängte diesen Demonstrationszug von der Auffahrt zur Pier geschickt ab, so daß die zahlreichen Autos, die bei der Einschiffung von etwa 1300 Fahrgästen notwendig
„hetzerische" Reden zum Aufflammen der Unruhen beigetragen hätten. So habe der Landwirtschaftsminister Sir Basil Brocke u. a. gesagt, die Katholiken seien darauf aus, Ulster mit ihrer ganzen Macht und Kraft zu zerstören. Er empsehle den Leuten, keine Katholiken anzustellen, da diese zu 80 o. H. regierungsfeindlich seien. Er werde weitere Schritte in dieser Richtung unternehmen. Der Großmeister der nordirischen Orangisten Habs bei einer öffentlichen Kundgebung das Schlagwort geprägt: „Protestanten, stellt nur Protestanten an!"
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. Die Pressemitteilung des Bischofs von Down und Connor wirft ein bezeichnendes Licht auf die ungeheuren Ausmaße der Belfaster Religionsunruhen. In Deutschland wird . sich niemand das Recht anmaßen, von diesen traurigen Vorkommnissen in Belfast auf Regierung und Disziplin des irischen Volkes zu schließen. In diesem Zu
sind, unbehindert die Zufahrt zur Pier erhalten konüten. Da inzwischen bekanntgeworden war. daß weitere Ansammlungen geplant seien, würde bereits gegen 23 Uhr das Signal zum Verlassen für die Begleiter, der Passagiere gegeben. Von dieser Zeit an würden nur noch Passagier,«, die -im Besitz einer Schisfskart'e waren, an.Bord. gelassen- Außerdem wurde das Polizeiaufgebot v e r st ä r k t; es wurde auch mit dem Wegnehmen der Laufstege begonnen. Um' 23.30 Uhr begann das Deckspersonal mit dem Einholen der schweren Drähte, um alles klar zur Abfahrt zu haben.
Kurz vor 24 Uhr, als die erste Wache unter Führung des 2. Offiziers und des 1. Bootsmannes am Vorschiff bei der Arbeit waren, die Backbordleinen einzuholen, stürzten plötzlich in der Dunkelheit mehrere gutgekleidete Männer nach vorn und schlugen zuerst den .Bootsmann und dann den ihm zu Hilfe eilenden 2. Offizier nieder.
Die beiden Angegriffenen waren zunächst der Annahme, daß es sich bei den Angreifern um Passa- giere handele, die sich die Demonstrationen ansehen wollten und waren infolgedessen durch den Angriff völlig überrascht. Inzwischen sprangen Besatzungs- Mitglieder ihren Kameraden zu Hilfe. Auch die' in der Nähe befindlichen amerikanischen Geheimpolizisten hatten den Vorfall beobachtet und griffen sofort tatkräftig ein. Trotzdem -gelang es in diesem Handgemenge zwei von den Männern, die Haken- kreuzflagge aU Bug des Schiffes -abzuschneiden 'und über Bord zu werfen.
Einer der Täter hatte den Revolver gezogen und auf den 2. Offizier angelegt, kam aber nicht zum Schuh, da er von einem amerikanischen Geheimpolizisten durch einen Schuß niedergestreckt wurde. .
sammenhang muß jedoch betont werden, daß es das deutsche Volk in gleicher Weise ablehnt, dah über Deutschland immer wieder Lllgenmeldungen verbreitet werden, die jeder wahrheitsgemäße Grundlage entbehren.
Immer wieder wird die unsinnige Behauptung aufgestellt,' daß - in Deutschland die Religionsfreiheit unterdrückt wird. Während der nationalsozialistische Staat sich in berechtigter Form, gerade um Frieden und Ordnung aufrechtzuerhalten, gegen den politisierenden Katholizismus wendet, im übrigen jedoch in keiner Weiss den konfessionellen Glauben des einzelnen in unfreiwillige Bahnen zu lenken sich anschickt, hat hier die Welt in den Belfaster Unruhen ein typisches Gegenbeispiel. In Deutschland — das muß immer wieder betont werden — sind derartige Vorkommnisse, auch nicht in der allerentserntesten Form möglich.
Weitere s bis 6 Angreifer wurden in dem Handgemenge von den Besatzungsmitgliedern der „Bremen" Mit'Hilfe der amerikanischen Geheimpolizisten unfchäLlich''gemacht. Per ganze Vorfall spielte sich in. kürzester Zeit ab und konnte nur von den .sich auf .dem .Borderschilf-und. auf der Brücke', befindlichen. Personen beobachtet ' werden.' - Die Arbeiten-für -ie Abfahrt würden indessen reibungslos, fortgesetzt, so daß Dampfer „Bremen" gm;27^ Juli, pünktlich 0.30 Uhr, ohne Beunruhigung der Passagiere die Newyorker Pier verlassen konnte. Um vor- weiteren Üeberfällen geschützt zu sein, gab uns der Newyorker Polizeichef 35 Ge- Leime und uniformierte Polizisten, außerdem zwei Polizeibarkassen bis zur Quarantänestation mit.
Dem energischen und tatkräftigen Auftreten der Newyorker Polizei ist es zu danken, daß der Zwi- fchenfall so schnell beigelegt wurde. Die Besatzung zeigte sich der gegebenen Lage vollkommen gewachsen und hat sich ehr- und pflichtbewußt gehalten
Ziegenbein an Holder
Bremen, 3. August.
Das bremische Staatsamt teilt mit: Kommodore Ziegenbein hat im Namen der Besatzung des Schnelldampfers „Bremen" von Vremerhaven an den Regierenden Bürgermeister Heider folgendes Telegramm gesandt: „Wir empfingen Ihre
freundlichen Willkommensgrütze und danken Ihnen mit der Versicherung, daß wir stets der Verpflichtung eingedenk bleiben werden, die wir dem Vaterland, dem Führer und der Stadt Bremen gegenüber haben. Für die Besatzung des Schnelldampfers „Bremen." Kommodore Ziegenbein."
flus der Sfl. ausgesloßen
Berlin, 3. August.
Immer wieder ereignen sich Fälle, in denen Personen eine Gesinnung offenbaren, die mit des Grundsätzen des Staates wie der Bewegung Unvereinbar sind. Damit stellen sie sich außerhalb der Volksgemeinschaft. Als einen besonders krassen Fall stellt der „Angriff" den Ausschluß des Forstassessors GrasFinckoonFinckenstein in Potsdam aus der SA. dar.
Graf Finck von Finckenstein trat 1829 dem Stahlhelm bei und wurde 1633 in die SA. übernommen. Im Sturm machte er aus seiner destruktiven Einstellung kein Geheimnis mehr. Er betonte, daß er nie in seinem Leben Nationalsozialist würde, „er habe nicht den unbedingten G/auben". Auf die Frage, warum er dann nicht aus seiner Stellung als Beamter ausscheide und so die Konsequenzen seiner inneren Haltung zöge, gab er folgende klassische Antwort:
„Meiner Auffassung nach ist der Staat «in sich stetig kontinuierlich Aenderndes. In ihm bleibt mehr oder weniger der Träger der Verwaltung der gleiche Perfonenkreis, wie es ja auch beim Umbruch 1933 war. Auch heute ist die Verwaltung dieselbe mit Ausnahme der höheren Organe. Meiner Auffassung nach kann man fehr wohl Lebensberechtigung im Staate haben, wenn man nur seine.Pflicht gegenüber.der Behörde tut, ohn« den inneren Glauben an sein« Einmaligkeit und Unwandelbarkeit zu haben."
Nach der dienstlichen Vernehmung durch seinen Vorgesetzten, den Oberscharführer, übersandte Gras Finck von Finckenstein diesem eine „Forderung auf schwere Waffen".
Zu dieser Tatsache äußert sich der „Angriff" nun wie folgt: „Die Person des Grafen Finck von Finckenstein in Potsdam, interessiert uns wenig. Aber . hier wird eine Dunkelkammer erhellt, aus oer nicht zuletzt alle jene Erscheinungen geflossen sind, die wir in den letzten Monaten.erlebt haben. Wir brauchen nur an die „Saxo-BorufseK" zu -erinnern. Es. gibt mehr „Saxo-Vorussen" in Deutschland als man glaubt, auch wenn'sie keine Bänder tragen. Sie gehören, um mit den Worten des Grafen Finck von Finckenstein. zu sprechen, zu seinem „Perfonenkreis", dem gegenüber der nationalsozialistische Staat seine ideellen Träger und staatlichen Führer etwas „sich kontiyuierlich Aenderndes" sind." Bemerkenswert ist noch, daß sich der Forstassessor Gras Finck von Finckenstein in einer Laufbahn befindet, für die der „mtwsrus oluusus" besteht, die also wegen Ueberfüllung nicht von jedem beschritten werden kann und nur einer gewissen Auslese offen steht. „Der nationalsozialistische Staat wird", so führt der „Angriff" weiter aus, „dafür sorgen, daß der „Numerus elausus", dem Graf Finckenstein seinen Forstassessor zu verdanken hat, künftig in anderer Weise angewandt wird.
flnkunst des Schnelldampfers „vremen" lm Heimathafen-vorbildliche Zusammenarbeit mit der New vorher Polizei
Werner Schumann
Besuch bei Hans Sachs
Jeder Straßenjunge in Nürnberg sagt dir, wo Hans Sachsens Haus steht. So sehr ist er, der Schuhmacher und Poet, Besitz feiner Baterstadt, feines Volkes. Der Weg vom Bahnhof in die kleine, enge Gasse, die des.Meistersingers Namen trägt, ist nicht weit, aber aufschlußreich: er führt an den Bastionen und Türmen, die einst die reiche, mit ihrem Einfluß bis zur Adria reichende Stadt zu schützen hatten, vorüber in die Bezirke der Kaufleute, der breiten Patrizierhäuser und stolzen Kirchen. Aber schon aus dem Obstmarkt, wo das „Gänsemännchen" unscheinbar hinter Gittern steht, wird er bescheidener. Und gleich dort hörte, sich noch nach Jahrhunderten deutlich abgrenzend, das Nürnberg der Macht und des weithin reichenden Wohlstandes auf und begann das dunkle, enge, gedrückte, das Nürnberg der dumpfen Wohnungen, winzigen, lichtlosen Höfe und gefährlichen Krankheiten. Hier wohnte Hans Sachs.
Inmitten des Proletarier- und Handwerkervier- lels befaß er immerhin ein eigenes Haus. Es schießt engbrüstig in die Höhe, die Balken zeichnen sich darauf ab, aus friedlich-schmalen Erkern quell len Blumen, tief herabhängende Ranken. Ein Schild über dem Eingang meldet, daß hier die historische Hans-Sachs-Stube sei. Das ist des An- sichtskarten-Händlers gegenüber bestes Geschäft. Ein schwüler, gcwitterverlündender Nachmittag ist es, Geruch von Wein, Räucherwaren und Semmeln liegt in der trägen Luft. Ich trete endlich ein und finde mich in einer Weinkneipe, die geschickt zu verstehen scheint, die Anhänglichkeit des Volkes an eine seiner liebwertesten Erscheinungen in klingende Münze zu verwandeln. Muß man, um ein Beispiel anderer Art anzuführen, des van Gogh Haus in Alles lange suchen und öffnet sich die Vforte zum Heiligen nur widerstrebend, so hat die Kneipe hier die volle Öffentlichkeit betriebsam hergestellt.
Sie liegt im Halbdunkel, andachtsvolle, flüstern- de Gäste trinken behutsam ihren hellen Wein. Zu
weilen erfährt jemand, die Kellnerin mutig um Auskunft angehend, daß dies des Meisters Wohnstube gewesen sei. Hier also war es, wo er, der gelehrte Handwerker, der mit seiner lieben Frau Künegund zwei Söhne und fünf Töchter dem Leben schenkte und noch als 67jähriger, „vor Sonnenuntergang", unverdrossen ein Mädchen von siebzehn Lenzen heimführte, äm großen Familien- tisch strenge auf Zucht und gute Sitte hielt: auf daß die Hände fein gewaschen sind, niemand sich beim Essen laut und gefräßig zeigen oder gar das Schnupftüchlein geräuschvoll benutzen möge . . . Denn im Leben wie beim Dichten war er ein Mann, der bewußt abseits von mancher Zllgellosig- keit seiner Zeit stand und, wie seine mit Recht vielgerühmten und unerreichten Fastnachtsspiele zeigen, auch dem derben Witz und ausgelassenen Humor feine wohlgesetzte Form zu geben oer- mochte.
Ich leere mein Glas und schließe mich dem bescheidenen Zuge an, den die WirHn bis zu Sachsens verschwiegen und überaus winzig im Hinterhaus gelegener Werkstatt anführt. Man hört die Erklärungen, die tausendmal schon hergesagten, mit halbem Ohr. Aber unsere Ergriffenheit, unsere Ehrfurcht kann nichts mindern. In diesem nur wenig Quadratmeter messenden Loch, in das das Wetterleuchten des aufgewühlten 16. Jahrhunderts zuckte, ist noch alles unverändert oder doch echt in feinen Bestandteilen da, was seine Hand bewegte, sein Geist ordnete: das Handwerkszeug, der Schemel, die Oellämpchen, der selbstgebaute Ofen. In diesem rührend bescheidenen Raum schusterte und iag, maß und brütete er, schmetterte der Feuerkopf den beckmessernden Zeitgenossen seine Kampfansagen entgegen, gab er gütig weifen Rat, wälzte er nach Feierabend die reichbeschlagenen Folianten. Aber der Schuster Hans Sachs, der Dürer und Stoß, Bischer und Pirkheimer würdige Zeitgenosse, blieb nicht bei feinem Leisten; zu seinem
Mllzelm-BusH-INuseum in Hannover
Lin flrchio für den Philosophen von Medensahl im 5Ntstehen
Lobe und zu unserer Ehre! In feiner Werkstatt re- parierte er nicht nur die Schuhe seiner Mitmenschen, fanden auch ihre Fehler, ihre Schwächen und Unarten. Denn außer Leisten, Nadel undHammer -standen ihm noch ein unbezähmbarer Drang zum Reimen, ein tapferes, großmütiges Herz und der Blick des Weifen zur Seite.
Der Mensch braucht nicht viel Raum, um Unvergängliches zu schaffen. Dieser vom Holzwurm ange- nagte, von Jahrhunderten mürbe gemachte Tisch, über dem die Glaskugeln der altertümlichen Oel- lampe sinnlos hängen, kennt wie kein anderer das bärtige Haupt des Sängers und Spötters, der in unerhörtem Schöpfungsdrang alle Echos der damaligen Welt reimend, dialogisierend und psalmodie- rend auffing, „Zum Preise der Tugend und zur Schmach des Lasters" und den „Traurigen zur Fröhlichkeit". Ein gut Teil der 34 Bücher seines Lebenswerkes hat er hier eigenhändig niedergeschrieben: insgesamt 6048 Dichtungen, darunter fast 1500 Schwänke und Fabeln, über 200 Komödien und Tragödien, 4275 Meistergesänge. Solch mönchischer Fleiß, solch immense Fruchtbarkeit ist nur noch mit der Lope de Vegas oder Goethes vergleichbar, der für den damals zu Unrecht Verspotteten .mutig die Stimme erhob: Da droben in den Woll .ken schwebt — ein Eichkranz ewig unbelaubt — den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt! Das Leben Sachsens war eitel Arbeit und fand seinen höchsten Sinn darin.
Wir gehen schweigend, zurück in die vordere Stube. Das Gewitter hat sich verflüchtigt, zierliche Flammen spielen in den Fenstern. Einen alten, schlichten Mann in Vergmannstracht hat es im Innersten ergriffen. Er hält sein halbgefülltes Glas in der verarbeiteten Rechten, aber er führt es nicht zum Munde, und ein über das andere Mal bricht es aus ihm mit abgehackter Baßstimme, dankbar und-erschüttert: „Hans Sachs! Lieber, alter Hans Sachs! Hab ich's doch -noch erlebt und dein Haus hier gesehen,, deine Werkstatt". Er sieht aus, wie von Dürer gemalt, wie dessen Hierony- mus Holzschuher, und wir blicken ihn alle an.
In aller Stille reift in Hannover ein bedeutsames Werk heran, von dem leider die breitere deutsche Öffentlichkeit noch viel zu wenig weiß, obwohl dieses gerade für das restlose Gelingen von ausschlaggebender Wichtigkeit wäre. Seit der denkwürdigen Jubiläums-Ausstellung in Hannover im Jahre 1932 zum 100. Geburtstag des großen niedersächsischen Zeichners, Dichters, Malers und Philosophen Wilhelm Busch ist die hier ansässige Wilhelm- ^Busch-Eesellschaft damit beschäftigt, ein. Wilhelm-Busch-Ärchiv aufzubauen. Schon ist ein schöner Erfolg zu verzeichnen; denn während der drei Jahre rastloser Arbeit konnte bereits ein umfangreiches Material gesammelt werden, teils durch Schenkungen, teils durch Ankäufe, so daß man Lei einem Rundgang durch das Archiv heute schon ein recht, schönes und umfassendes Bild vom Charakter, Leben und Werk des großen Meisters des deutschen Humors erhält, dessen Heimat das kleine niedersächsische Dorf Wiedensahl war.
Nach dem Wunsch des Vaters sollte Wilhelm Busch als hochbegabter Mathematiker Maschinenbauer werden, und so kam er im Jahre 1847 auf die Technische Hochschule zu Hannover. Doch, wie man aus den ausgestellten Kollegheften ersehen kann, die am Rande mit fein säuberlich gemalten Porträts von Professoren oder mit aus mathematischen Figuren und technischen Zeichnungen findig hergestellten Figurinen versehen sind, drängte sich der Zeichner und Karikaturist in Busch schon srüh mächtig in den Vordergrund, so daß er nach einigen Kämpfen mit den Eltern die Malerakademien in Düsseldorf, Antwerpen und'München besuchen durste. Aus dieser Zeit enthält das hannoverschs Wilhelm- Busch-Archiv einige Skizzen, die vorwiegend nach der Natur gezeichnet sind.
So geht es fort, hervorragende. Beispiele, zum ' großen Teil Originale bis in das Alter des großen Zeichners sind vorhanden, daneben gibt
es auch Proben der beachtlichen Malkunst von Wilhelm Busch, echte Gestalten der niederdeutschen Landschaft, Stimmungsbilder aus der Natur, so ein Oelbild, in dem mit großen Mitteln ein heraufziehendes Gewitter mit schweren Regenwolken, oder ein anderes, in dem in frischer Aquarelltechnik ein Sonnenuntergang in Vorkam dargestellt ist. Ferner bringt das Archiv Kostbarkeiten aus Buschs Hausratbesitz, so einen irdenen, behäbigen, in kräftigen Farben rundherum mit den zwölf Aposteln bemalten Krug, und ferner einen bereits umfangreich zu nennenden Schatz von Büchern aus seiner Bibliothek; einige sind darunter, die dem zu Lebzeiten stets eifrig Studierenden von den Dichtern mit Widmungen geschenkt wurden. Björnson zum Beispiel schickte ihm sein Werk „Ueber unsere Kraft" mit der Widmung: „Mit herzlichen Grüßen von alten Freunden. Karoline und Björnstjerne Björnson." Das Archiv besitzt sodann fast alle Erstausgaben der Werke von Busch, zahlreiche Schriften und Aufsätze über ihn, ferner Briefe, Original- handschriften und wertvolle Dokumente. Einen breiten Raum nehmen die Bildergeschichten ein, die teils in den Originalhandschristen und in den mit Buntstiften oder Wasserfarben ausgeführten Kolorierungen vorhanden sind; erst kürzlich konnten einige unbekannte Zeichnungen und bisher angedruckte Bildergeschichten erworben werden. Ueberaus reizvoll sind schließlich noch die kostbaren farbigen Zeichnungen zu den abenteuerlichen Begebenheiten von Fröschen, Heuschrecken und anderen Tieren. So gibt das Archiv schon heute ein klares Abbild von der noch viel zu wenig erkannten Bedeutung Buschs, die sein verdienstvoller Interpret Fritz von Osti i treffend umriß, indem e5 sagte: „Man muß wirklich unter den größten alten Meistern des Griffels Umschau halten, will man wieder einen finden, der mil so wenigen Strichen >o viel zu sagen weiß." Man erkennt auch bei dem Einblick in des Meisters