Ausgabe 
(29.4.1935) Nr. 117
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Nr. 117 / 3. Jahrgang

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Montag, 29 . April

Anzeigen-Grundpreise: Die LLimll-Aeile im Anzeigenteil 1S Rpj.. die ?0»mm.steiie im Lertteil ?ü Rpt.

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Unser lagesspisgvl

Die Sowjetregierung hat sich entschlossen, die °,?n Frankreich geforderte Fassung des fran­zösisch-russischen Paktes anzunehmen.

Die Vorbesprechungen zur Donaukonserenz zwischen Italien» Oesterreich und Ungarn be­ginnen am 4. Mai in Venedig.

In der Tschechoslowakei kam es bei einer sudetendeutschen Kundgebung zu wüsten marxistischen Ausschreitungen.

In Saarbrücken wurden am Sonntag die Sieger im Reichsberusswettkampf ermtttelt. Deutschlands Fußballelf schlug in Brüssel die belgische Nationalelf mit 8:1.

Unsere Reiteroffiziere errangen in Nizza im Preis der Nationen" vor Holland und Por­tugal den Sieg.

Die deutsche Hockeymannschaft wurde in Holland 1:2 (1:0) geschlagen.

Der Leiter des Fachamtes Rudern, Regie­rungspräsident Pauli, weilte am Sonntag in Bremen.

Nach dem Unentschieden gegen den HSB. war Werder im Fuhball-Riickspiel gegen Holstein- Kiel mit 2:1 erfolgreich.

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Der Führer in Nürnberg

Nürnberg, 28. April.

Der Führer inU> Reichskanzler Adolf Hit­ler besichtigte am Sonntagvormittag das Reichs- parteitagsgelände. In seiner Begleitung befan­den sich außer seinen beiden Adjutanten, SA.- Obergruppenführer Brückn er und SS.-Ober- führer Schaub, der Reichspressechef der NS- DAP., Dr. Dietrich, und Amtsleiter Speer. An der Besichtigung der neu in Angriff genom­menen Anlagen und der Pläne zur Neugestaltung des Reichsparteitagsgeländes nahmen auch der Frankenführer Gauleiter Julius Streicher, der bayerische Innenminister Wagner und Oberbürgermeister L i e b e l - Nürnberg teil.

Lohnzahlung am i. Mal

Berlin, 28. April.

Der nationale Feiertag des deutschen Volkes soll dem deutschen Arbeiter keinen Lohnausfall bringen. Das Gesetz über die Lohnzahlung am nationalen Feiertag des deutschen Volkes vom 26. April 1934 schreibt vor:

Fällt der national« Feiertag des deutsche« Vol­kes (1. Mai) auf einen Wochentag, so ist für die infolge des Feiertags ausfallende Arbeitszeit, so­weit nicht Tarifordnungen oder Betriebsordnung oder Dienstordnungen im Sinne des § 1k des Gesetzes znr Ordnung der Arbeit in öffentliche» Verwaltungen und Betriebe» die Bezahlung aus­fallender Arbeitszeit an Wochenfeiertagen vor­sehen, der regelmäßige Arbeitsverdienst zu zahlen.

Dieses Gesetz tritt mit dem 1. Mai 1934 in Kraft. Der Reichsarbeitsminister kann zur Durchführung und Ergänzung dieses Ge­setzes Rechtsverordnungen und allgemeine Ver­waltungsvorschriften erlassen. In diesem Jahr ist die Lohnzahlung am 1. Wri auch auf die Heimarbeiter ausgedehnt worden.

So kann jeder deutsche Arbeiter den Feiertag froh und freudig feiern, ohne daß seine Festes­freude durch einen Lohnausfall getrübt wird.

Sieg der französischen These

Pakt Pans-Moska« endgültig gesichert

Völkerbundspolttik vermittelt Militärbündnis zwischen Frankreich und Gowjetruhland

(Vrabtbvrivlit unserer Kr. Berlin, 28. April.

Die Sowjetregiernng hat sich nach einwand­freien Berichten aus Moskau am Sonntag end­gültig entschlossen, die von Frankreich geforderte Fassung des französtsch-sowjetrussischen Beistands­paktes anzunehmen. Damit ist, wie man in diplo­matischen Kreisen Berlins versichert, das letzte Hindernis für die Unterzeichnung des französisch- sowjetrussischen Vertrages fortgefallen.

Die Sowjetregierung hat den französischen Plan angenommen, wonach der Beistandspakt erst nach einer Entscheidung des Völkerbunds­rates in Kraft treten soll und eine automatische Verpflichtung der beiden Vertragspartner nicht in Betracht kommt. Die französische These hat da­mit gesiegt.

Für die Politik Europas aber ist es gleichgül­tig, ob der franzöfisch-sowjetrussische Vertrag die Klausel einer Entscheidung des Völkerbundsrates

Prag, 28. April.

Anläßlich einer Wahlversammlung der sudeten­deutschen Heimatfront kam es in Znaim in Süd­mähren zu wüsten marxistischen Ausschreitungen. Schon in den frühen Morgenstunden war durch Flugzettel der Marxisten offen zu Gewalttätig­keiten aufgefordert worden. Kurz darauf wurde ein Werbekraftwagen der sudetendeutschen Hei­matfront in der Nähe des Arbeiterhauses mit Steinen beworfen, einige seiner Fenster eingeschlagen und etliche seiner Insassen verletzt.

Am Mittag war dasDeutsche Haus" in Snaim, der Versammlungsort, von einer großen Menge, die eine drohende Haltung einnahm, um­lagert. Nachmittags versuchten etwa 600 Marxi­sten, die Hauptfront desDeutschen Hauses" zu stürmen, was aber nicht gelang. Bei der Ab­wehr wurden viele Ordner der sudetendeutschen Heimatfront durch Steinwürse und Knüppel schlägeverletzt.

Die gegen 18 Uhr eintreffende sudetendeutsche Musikkapelle hatte ebenfalls einige Verwundete zu beklagen. Ihr Kraftwagen wurde schwer beschädigt. Sämtliche Fenster desDeutschen Hauses" wurden eingeschlagen. Auch der Kraft- wagen Henleins, des Führers der sudetendeutschen Heimatfront, wurde bei der Anfahrt durch Steinwürfe beschädigt. Wiederholt mutzte die Polizei mit aller Kraft eingreifen, um die Ab­haltung der Versammlung überhaupt zu ermög­lichen. Dabei wurde auch ein Polizei­beamter erheblich verletzt. Henlein wurde bei seinem Eintreffen mit einem orkan­artigen Begrüßungssturm empfangen. Nach der

vorsteht oder ob automatisch die Verpflichtung für beide Staaten zum Beistand eintritt, denn das Entscheidende ist, daß mit Mitteln der Völ­kerbundspolitik ein militärisches Bündnis zwischen Frankreich und Sowjetrußland auf Grund der heute in Moskau getroffenen Ent­scheidung zustande gekommen ist.

Die Vorbesprechungen zur Konferenz von Nom

(Diadtderiobt äussrer Lsrliusr Lodriktisituug)

Lr. Berlin, 28. April.

Ueber die Aussprache zur Donaukonferenz zwi­schen Italien, Oesterreich und Ungarn, die in Venedig am 4. Mai beginnen, läßt sich die DAZ. aus Wien berichten, daß diese Konferenz als Vorbesprechung zu der im Juni in Rom statt­

findenden Konferenz aller Donaustaaten in Aus­sicht genommen ist. Die Teilnehmer der Aus­sprache in Venedig werden sein: für Oesterreich der Außenminister Baron Verger-Wal- denegg, für Ungarn der Außenminister Kanya und für Italien Unterstaatssekretär Suvich. Diese Fühlungnahme der drei Staaten entspricht dem Konsultativpakt zwischen Oester­reich, Ungarn und Italien. Von ungarischer Seite wird vor allem gefordert, daß noch vor der Konferenz in Rom die Angelegenheit des Mar­seille! Königsmordes abgeschlossen werden soll. Ferner verlangt Ungarn Zuflcherungen, daß von ihm in Rom kein formeller Verzicht auf seine Revisionsansprüche ver­langt wird. In der Frage der künftigen Heeres­organisation erwartet Ungarn keine besonderen Ergebnisse von der römischen Konferenz. In der Praxis hat Ungarn seine Heeresorganisation be­reits soweit ausgebaut, daß die Bestimmungen des Diktats von Trianon längst überholt sind.

Das Hohelied der deutschen Arbeit

Seit Jahrhunderten gilt der 1. Mai als' der symbolische Kalendertag für das Erwachen und die Auferstehung in der Natur; seit Jahr­hunderten ist es uralter Volksbrauch, den 1. Mai festlich zu begehen, gehören Maken- tanz und Maienbaum zu den Ueberlieferun­gen ältesten deutschen Volkstums. Daher übernahm auch die nationalsozialistische Re­gierung den 1. Mai und erhob ihn durch Gesetz zum Nationalen Feiertag des deutschen Volkes als Symbol der Auferstehung unseres Volkes. Doch der 1. Mai ist nicht nur ein Tag der Freude und des Feierns, er bedeutet für uns alle heute mehr und mehr einen Tag der Verpflichtung, der Ver­pflichtung zur Arbeit. Einmal im Jahre soll an einem Tage das ganze schaffende Deutsch­land in machtvollen Kundgebungen aus­marschieren, soll in dem wuchtiyen Gleich­schritt der Bataillone der Arbeit das Be­kenntnis legen zur Arbeit und zum Arbeiter- tum, wie wir es verstehen. Zu einem Ar- beitertum, dessen geistige Haltung bestimmt wird von den Grundsätzen der Pflicht­erfüllung und der Disziplin, der Kameradschaft und der Gemein­schaft. In den Riesenkundgebungen der Arbeiterschaft der Stirn und der Faust am 1. Mai findet der Aufbruch der Nation, der Marsch des deutschen Volkes in eine bessere Zukunft seinen stärksten Ausdruck.

Das deutsche Volk hat sich wieder auf seine eigene Kraft besonnen. Nationalsoziali­stischer Geist und nationalsozialistische Tat­kraft suchten einen Ausweg aus der Ver­elendung und dem schier unabwendbar scheinenden Zusammenbrach dem Erbteil eines zusammengebrochenen Systemsund sie fanden ihn in der Arbeit. Zwei Jahre harter Arbeit liegen hinter uns. zwei Jahre beispiellosen Ringens eines wieder in sich geschlossenen-Volkes um seine Zukunft. Und wir können stolz sein aus den bisherigen Erfolg, der aus einem ohnmächtig und ge­knechtet darniederliegenden Deutschland wieder ein festes und einiges, willensstarkes Volk schuf, dem die Völker der Erde die Gleichberechtigung zuerkennen müssen, ob sie wollen oder nicht.

Nationalsozialistischer Geist und national­sozialistische Tatkraft schufen die große Er­zieh u n g s - und Arbeitsschuleder deutschen Jugend, den National­sozialistischen Arbeitsdienst, der m den zwei Jahren seines Bestehens, zu einem festumrissenen Begriff geworden ist, ein unlösbarer Bestandteil des national­sozialistischen Staatsgefüges. Als die Lei­stungsschule des Volkes bedeutet, er den ersten Prüfstein des Lebens für die heran­wachsende Jugend. Erst wer sich im schlichten Drillichrock des Arbeitsdienstes bewährt hat als ein ganzer Mann und als wahrer Füh­rer, dem der deutsche Sozialismus der Tat nicht Lippen- sondern Herzensbekenntnis ist, der ist dermaleinst dazu berufen, auch in der allumfassenden Schicksalsgemeinschaft des ganzen Volkes ein Führer zu sein. Nicht Stand und Erziehung, Geburtsvorrechte und Schulbildung sind entscheidend für die Füh­rerauslese im Heere der deutschen Arbeit, sondern einzig und allein die Leistung und

Wüste marxistische Ausschreitungen

Der Führer der sudetendeutschen Heimatfront von Kommunisten überfallen

Versammlung setzten dir Gegner der sudeten­deutschen Heimatfront, die sich aus deutschen und tschechischen Sozialdemokraten sowie tschechischen Nationalsozialisten zusammensetzten, die Störun­gen vor demDeutschen Hause" fort, so daß die Amtswalter der Heimatfront zunächst das Haus nicht verlassen konnten. Endlich, gegen 22 Uhr, konnte die Polizei den Platz vor demDeutschen Haus" räumen, wobei wieder zahlreiche Marxisten fe st genommen werden mußten.

Auf der Fahrt von Znaim nach Nikolsburg wurden die Kraftwagen des Führers der Sudetendeutschen Heimatfront, Konrad Hen­lein, und seiner Begleitung aus einem Hinter­halt, offenbar von Marxisten, überfallen und

Mussolini kündetharte Zeit" an

Rom, 28. April.

Ganz Italien stand am Sonntag im Zeichen des Festes der nationalen Arbeit. Die Hauptfeiern be­standen in Rom in einem Empfang der Akademie von Italien, bei dem in Gegenwart des Königs Preise für wissenschaftliche und künstlerische Lei- stungen verteilt wurden, und in einer Massenver- anstaltung auf der Piazza Venezia, bei der Mussolini Arbeitsauszeichnungen, Verdienst- kreuze und an mehrere tausend Arbeiter für ihren Lebensabend Renten verteilte.

Bei dieser Gelegenheit hielt Mussolini eine An­sprache, in der er folgendes ausführte: Die Unter, scheidung, die immer noch zwischen Hand- und Kopfarbeitern gemacht werde, habe ausschließlich theoretischen Charakter. Der Tag werde kommen.

mit Steinwürfen überschüttet. Die Angreifer verschwanden im Dunkel der Stacht.

Briinn, 28. April.

Wie derTagesbote" mitteilt, hielt Konrad Henlein im Deutschen Hause in Brünn eine Riesenversammlung ab. Auch die Nebensäle waren überfüllt. Zwei Kommunistenzüge, die versuchten, bis zum Deutschen Hause vorzudringen, wurden von der Polizei zerstreut. Henlein wies in seiner Ansprache darauf hin, daß auch 3)4 Millionen Menschen so lange ein Spielball bleiben, so lang« sie nicht erkennen, daß vor allem dieEinigkeit nötig ist. Diese Einigkeit der Sudetendeutschen unter allen Umständen durchzusetzen, sei das Ziel der Sudetendeutschen Heimatfront.

wo die sogenannten intellektuellen Arbeiter das Bedürfnis verspüren würden, auch einmal mit den Händen zu arbeiten, um mit der Materie Fühlung zu bekommen, die gemeistert werden müsse und die den Reichtum und die Macht bringe. Immer gebe es noch einige klägliche lleberreste intellektueller Kreis«, die dem Leben der Nation fernbleiben, die aber nicht mehr wert seien als der Staub auf dem Schuhzeug eines in Marsch befindlichen Gi­ganten und dieser Gigant sei das italienische Volk.

»Ich kenn« euch wohl und lese in euren Augen eure intimsten Hoffnungen. Ich weiß, daß ihr kein bequemes Leben erwartet und sage euch deshalb, daß das Herannahen einer harten Zeit sehr nahe ist. die die Anspannung aller Kräfte des italieni­schen Volkes erheischen wird, um jene Ziele zu er­reichen, die wir längst klar umrissen haben."

Ein russischer Jungkommunist berichtet

Fahre der tzuchtlosigkett / Lletner Raubmord und mißglückte flucht / Lebend heraus l

Auch in diesem Jahr wird der 1. Mai in der wwjetunion als Tag zur Vorbereitung der Zeltrevolution gefeiert. Nicht weniger als l Losungen stehen auf den Fahnen und Trans- arenten der riesigen Demonstrationszüg«. die ch durch die Straßen Moskaus bewegen. Unter en politischen Losungen an erster Stelle der ppell an die Proletarier der ganzen Erde:Es be die proletarische Weltrevolution!" Und: Proletarier aller Länder, folgt den Fahnen der nnmunistischen Internationale, die Euch zu euen Kämpfen und Siegen vorwärtsführen!" ianz besonders wendet man sich an die prole- irische Jugend, an dieJunge Garde der Welt­evolution" und beschwört sie, denhohen Idealen es Kommunismus" die Treue zu wahren.

Aber wenn heute die russischen Machthaber im igenen Lande sich der Mühe unterziehen wür- en, die wahre Gesinnung dieser Jungkommum- en' kennenzulernen, könnten sie vielleicht an er Sache der Weltrevolution irre werden. Wohl jemals ist eine Jugend so furchtbar und erbar­mungslos ihrer revolutionären Ideale beraubt wrden wie die der Sowjetunion. Diese 2u- end glaubte sich das Paradies auf Erden er- ämpft ZU haben und erkannte ZU spät, in welche fülle sie in Wirklichkeit geführt worden war. ciner von diesen einst fanatischen Jungbol^che- oisten Andre Mikkelson. hat kürzlich rnr Aus- aride eine Broschüre veröffentlicht, in der er ein -schlitterndes Lebensbild von dieser mißleiteten ussischen Jugend entwirft. Hier wird mit chonungsloser Offenheit gezeigt, wie die Revo- ution Scharen jugendlicher Russen für iimne mtwurzelte und wie der Kampf ums Da,ein aus ungen, wohlerzogenen ""'"lhen beiderlei Ee- chlechts Verbrecher m - h :.

Als im Jahre 1817 die Revolution entbrannte, sah der kaum 15jährige AndrS Mikkelson sich auf eigene Füße gestellt. Der Vater, ein beweglicher Kaufmann, war rechtzeitig ins Ausland geflohen, hatte aber nicht mehr soviel Zeit gehabt, um Frau und Sohn nachkommen zu lassen. Die Zurück­gebliebenen mußten es sich gefallen lassen, daß sie expropriiert", das heißt von Staats wegen ihrer gesamten Habe beraubt wurden. Frau Mikkelson, eine unselbständige, wohlbehütete Bllrgerstochter, überlebte die Schrecken dieser Zeit nicht lange und starb inmitten der furchtbaren Revolutionswirren. Der junge Andrs aber stürzte sich voll glühender Begeisterung in den Strudel der bolschewistischen Umwälzungen. Don der Schulbank fort zog es die Halbwüchsigen auf die Straßen und Plätze. Sie beteiligten sich an Demonstrationen, Massenver­sammlungen und StrafexpedÄionen gegen die verfl . .Bourgeois", zu denen sie doch selber teilweise gehörten. So wurde cus dem jungen, unfertigen Menschen ein überzeugter Jung­kommunist, der keinen sehnlicheren Wunsch kannte, als nach Vollendung seines 16. Lebensjahres in die Rote Armee einzutreten.

Plötzlich aber merkte Andrs, daß er nicht mehr die Möglichkeit hatte, sich satt zu essen. 2n Mos­kau begannen Tausende zu hungern und zu frie­ren während die roten Funktionäre eine Schlem­merdasein führten. Von Tag zu Tag wuchs die Not. Die Stratzenhunde verschwanden in den Kochtöpfen darbender Bürger- und Arbeiter­familien, die sich den Sieg des Bolschewismus und damit den Anbruch der Weltrevolution ganz an­ders vorgestellt hatten. Ganz anders! Zu Tau­senden kampierten obdachlose Familien in den ' u des Zaren, in den Prunkvillen des , ,-d der Millionäre. Sinnlose Zerstörungs­

wut tobte sich in Orgien aus. Man ritz die Par­kettfußböden aus, um damit zu heizen. Man vernichtete unschätzbare Kunstwerte und stand dennoch am Ende hungernd und frierend an den Portalen und bettelte um einen Bissen Brot und einen Schluck heißen Tees. Der Terror regierte in den Straßen. Tausende und aber Tausende wurden tagtäglich von einer blutdürstigen Menge auf Geheiß einiger wahnwitziger Sadisten dahin- gemordet. War es ein Wunder, daß unter die­sen Umständen eine der Zucht entratene Jugend verwilderte?

Eine Zeitlang schacherte Andre Mikkelson als Straßenhändler mit geraubten Sachen. Klassen- weise stahlen die Schulkinder, was ihnen in die Finger kam. Bei Einbruch der Dämmerung ver­anstalteten sie planmäßig Raubzüge und scheuten auch vor Mord und Totschlag nicht zurück. Diese Jugend hatte alles verloren: den Glauben an alle Ideale, ihr Gewissen und ihre Ehre im Leibe. Eines Tages traf Andrö seinen um einige Jahre älteren Vetter Boris, der, nach einjähriger Dienst- zeit aus der Roten Armee ausgestoßen, den ganzen Kommunismus für einenaufgelegten Schwin­del" bezeichnete. Er überredete Andrs zu einem Raubüberfall auf einen Droschkenkutscher. In jener Zeit waren die Droschkenkutscher die ver­mögendsten Männer Moskaus. Sie fuhren die Herren Kommissare und Funktionäre spazieren und zahlreiche reiche Fremde, die sich dieWelt- revolution" zum Privatvergnügen aus der Nähe besehen wollten. Sie verdienten Geld wie Heu. Mit einem dieser Biedermänner fuhren die beiden jungen Leute ins Freie, schössen ihn hinterrücks über den Haufen und beraubten ihn seiner Bar­schaft, die allerdings nur aus Kleingeld bestand.

Seine Absicht, in die Rote Armee einzutreten, hatte Andrs längst aufgegeben. Er wußte Bescheid, wie es dort in Wirklichkeit zuging.

Dennoch kam er mit der Truppe in unliebsame Berührung. Nach jahrelangen Bemühungen war es dem in der Schweiz lebenden Vater gelungen, durch Bestechung einiger Mittelsleute Andrs die Möglichkeit zu einer Flucht aus Rußland zu ver­schaffen. Der Junge schlug sich bis nach Süd- rußland fechtend und bettelnd durch. Von dort unternahm er einen Fluchtversuch über die Grenze. Unterwegs wurde er von einigen Rot­gardisten abgeschossen und lag tagelang unter furchtbarsten Qualen in einem Waldwinkel. An ein Weiterkommen war nicht mehr zu denken. Einige Bauern lasen den Verwundeten auf und pflegten ihn aus Barmherzigkeit gesund. Dann ging AndrS, durch seine trüben Erfahrungen gewitzigt, nach Moskau zurück, drängte sich als Jungkommunist" gehörig vor und erjagte schließ­lich ein Pöstchen als Funktionär bei dem Elav- moloko-Regierungstrust, dem die Verteilung der Lebensmittel in Moskau oblag.

Aus nächster Nähe erlebte er hier die blutige Niedermetzelung zahlloser Intellektueller, die Verfolgung der Kulakis, das barbarische Treiben der Tscheka. Er selbst zitterte wie zahlreiche andere Beamte stündlich um lein Leben, das ihm keinen Pfifferling wert schien. Tausende schieden freiwillig aus dem Leben. Mikkelson selbst war oft genug nahe daran, Schluß zu machen. Nur der Gedanke an seinen Vater hielt ihn aufrecht. Seine Beharrlichkeit fand ihren Lohn. Der Vater ließ nochmals seine internationalen Beziehungen spielen. Durch Vermittlung des russischen Kultus­ministers Lunatscharsky erhielt AndrS die Aus­reisebewilligung, um seineStudien in der Schweiz" zu vollenden. Mit einem Diplomatenzug fuhr der Jungkommunist Mikkelson über Deutsch­land nach Lausanne, um nie nie wieder! in die Hölle Rußland zurückzukehren!

Or. Larl örsnnsrt

Gesinnungswandel vor 120 Fahren

Am 1. März kehrte Napoleon I. aus seiner Ver­bannung zurück und landete an Frankreichs Küste. In 20 Tagen eroberte er aufs neue Frank­reich und sein Volk. In dieser kurzen Zeitspanne änderte sich die öffentliche Meinung mit einer bisher unübertroffenen Geschwindigkeit. In den Meldungen der französischen Zeitungen spiegelte sich dieser Gesinnungswandel wider:

1. Der Menschenfresser hat seine Höhle auf Elba verlassen.

2. Der korsische Vielfraß, die Nimmersatte Hyäne ist im Golf von Juan gelandet.

3. Der Tiger, das Untier ist in Gap ange­kommen.

4. Der Kannibale liegt in Erenoble.

5. Der Tyrann hat Lyon durchzogen.

6. Der Usurpator zeigt sich bereits 60 Meilen vor der Hauptstadt.

7. Bonaparte rückt in Eilmärschen näher, aber er wird nie in Paris einziehen.

8. Napoleon wird morgen vor unseren Wällen sein.

9. Der Kaiser ist in Fontainebleau angelangt.

10. Se. kaiserliche und königliche Majestät hat

gestern Ihren Einzug in die Tuilerien ge­halten, inmitten Ihrer getreuen Untertanen.

Handel in Lemen;eug

Zu einem jüdischen Leinen-Großhändler kommr ein Weinhändler und Glaubensgenosse, um einzu­kaufen. Er findet auch eine passende Partie, aber der geforderte Stückpreis ist ihm zu hoch.Jca reservier die Ware für Dich", sagt der Groß­händler,kannst es Dir ja überlegen." Damit ist der andere einverstanden und geht wieder weg.

Aus der Straße murmelt er vor sich hin: Zwölf Taler! Das sagt er bloß, weiter mechl' haben zehn Wort is ve Ware acht. Haben mecht' ich se for sech s. Vielleicht krieg' ich se sor vier. Gut, werd' ich bieten zwei Taler!"