Ausgabe 
(27.4.1935) Nr. 115
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öas amtliche Organ -es Semw -er Zreien Hansestadt vremen

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Nr. HZ / 3 . Jahrgang

Sonnabend, 27. April

Einzelpreis 12 Rps.

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In einem Ausruf an das deutsche Volk gibt Dr. Goebbels die Parole für den 1. Mai aus. Die Verhandlungen zwischen Paris und Mos­kau stehen nunmehr vor ihrem Abschluß. Italien und Polen gehen in Abwehrstellung gegen das französisch-russische Militärbündnis. Die Deutsche Elauvensbewegung hielt im Berliner Sportpalast ihre erste große Massen­versammlung ab.

D,e Eröffnung des Internationalen Film­kongresses in Berlin hat gestern stattgefunden. Der Führer hat den Gauarbeitsführer Wil­helm Klein zum Arbeitsgausührer in Bre­men ernannt.

Zum Führer derScharnhorst" wurde Ka­pitän Walther Stein bestimmt.

Die Schlußquote im Nordwolle-Konkurs be­trägt voraussichtlich 2 °/.

Dr. Ley an Rudolf Heß

München, 26. April.

Dr. Ley hat an den Stellvertreter des Füh­rers zu seinem Geburtstag folgendes Telegramm gerichtet:2m Namen des Korps der politischen Leiter sowie der in der Deutschen Arbeitsfront vereinigten schaffenden deutschen Menschen ent­biete ich Ihnen zu Ihrem 41. Geburtstag die allerherzlichsten Glückwünsche. Wir gedenken an diesem Tag der großen in der Geschichte der Völker beispiellosen Erfolge der nationalsozialisti­schen Bewegung, an denen Sie als des Führers ältester und treue st er Gefolgsmann hervorragenden Anteil haben. Unsere Gabe zu Ihrem Geburtstag soll das Versprechen und Las Gelöbnis sein, weiterzubleiben, was wir in den Zeiten des Kampfes gewesen sind, weiterzu­kämpfen und nicht zu rasten, uneigennützig und unermüdlich unsere Pflicht zu erfüllen, immer eingedenk des heiligen Schwurs, den wir Ihnen ablegten:Adolf Hitler unverbrüchliche Treue."

lgez.) Dr. Robert Ley."

*

Der Stellvertreter des Führers Rudolf Hetz bittet alle, die ihm zu seinem 41. Geburtstag ihre Glückwünsche sandten, auf diesem Wege seinen Dank entgegenzunehmen.

Dienftabschlußzeiten für die.

Berlin, 26. April.

Reichserziehungsminister Rust gab im Einver­nehmen mit dem Reichsjugendführer folgende teil­weise Neuregelung der Zeiten für den Dienst der HJ. bekannt: Mittwochabende: Jungvolk im Win­ter Dienst nicht über 26 Uhr; im Sommer nicht über 21 Uhr; Hitler-Jugend im Winter nicht über 22 Uhr; im Sommer nicht über 23 Uhr einschließ­lich Heimweg. Jugendliche über 14 Jahre dürfen im Winter am Sonnabend nicht über 22 Uhr in Anspruch genommen werden. Weiterhin ist ein Hinweis des Ministers wichtig, daß die Jung­volkführer am Staatsjugendtag Dienst für den Staat leisten, und daß bei entsprechender Führerbewährung auf diesen Dienst zurückzu­führende Mangel in den Leistungen bei der Ver­setzung wohlwollend berücksichtigt werden müssen. Im Sommer kann zweimal im Monat für das Jungvolk eine Wanderfahrt bereits von Freitag ab 18 Uhr durchgeführt werden, die aber bis Sonnabend 20 Uhr beendet sein muß. Dasselbe kann einmal im Monat im Winter geschehen. Es muß jedoch die Genehmigung des zuständigen Ge­bietsführers eingeholt werden.

Symbol der wledererrungenen deutschen Freiheit"

Die Parole für den i. Mai

Aufruf Dr. Goebbels zum nationalen Feiertag

Berlin, 26. April.

Reichspropagandaminister Dr. Goebbels hat zum 1. Mai folgenden Aufruf erlassen:

An das ganze deutsche Volk! Zum dritten Male feiern wir im Zeichen des Nationalsozialismus den Tag der deutschen Arbeit. Während der 1. Mai

1033 noch im Schatten der innerpolitischen Aus­einandersetzung stand, konnten wir den 1. Mai

1034 bereits zu einer großen, alle Stände und Be­rufe vereinigenden Demonstration des nationalen Aufbauwerkes machen. Der 1. Mai 1035 soll nun­mehr Symbol und Ausdruck der wiedererrungenen deutschen Freiheit und nationalen Souveränität sein.

An ihm schließt sich das ganze deutsche Volk zu einer einzigartigen Manifestation seines nationa­len Lebenswillens zusammen und stattet in nie dagewesenen Millionen-Kundgebungen dem Führer seinen großen und tiefgefühlten Dank ab für die Proklamation des deutschen Wehrgesetzes vom 16. März, durch die Deutschland seine nationale Gleichstellung unter den anderen Mächten festgelegt hat. Die Welt soll sehen, daß dieser Entschluß des Führers der Entschluß des Volkes ist. Arbeiter, Bauern und Soldaten wollen an diesem Tage das einmütige Gelöbnis ablegen, sich wie ein Mann hinter die Politik Adolf Hitlers zu stellen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Ehre und die Sicherheit der deutschen Nation zur festen und unerschütter­lichen Grundlage des gesamten deutschen Aufbau- werkes zu machen.

Gerade der deutsche Arbeiter hat allen Grund, dem Führer für seinen mutigen Entschluß zu dan­ken; denn was nutzt der großzügige Versuch der Wiederaufrichtung unserer Wirtschaft, der das ganze deutsche Volk mit all seinen Kräften dient, wenn dahinter nicht die wahrhafte Kraft der Nation steht, die entschlossen ist, die Sicherheit und den Frieden der deutschen Arbeit zu verteidigen.

Der Pflug, der durch die Ackerschollen geht, und die Maschine, die das Lied der Arbeit singt, sind wieder geschützt durch den nationalen Ver­teidigungswillen des ganzen Volkes. Damit er­hält der 1. Mai des Jahres 1935 seine tiefe und symbolhafte Bedeutung.

Eben deshalb auch feiert ihn das deutsche Volk diesmal mit besonderer Hingabe. Er soll der Gruß der Nation an den Führer sein; er soll einen spontanen Akt des Dankes für seine auf die Sicherheit und Ehre der Nation, aber auch auf den Frieden Europas gerichtete Politik dar­stellen. Er soll der Welt zeigen, daß das ganze beutsche Volk seine nationale Einigkeit wieder­gefunden hat und keine Hoffnung mehr besteht, in Deutschland Bundesgenossen gegen Deutschland selbst zu finden.

Adolf Hitler repräsentiert dieses neue Volk. In seiner Stimme sprechen die Stimmen von 66 Millionen Deutschen mit. Er ist der beglaubigte Wortführer einer Nation, die wie jedes andere Volk ihre Ehre und gleiche Berechtigung sichert, darüber hinaus aber gewillt ist, mit allen Kräf­ten am Wiederaufbau Europas tat- und opfer­bereit mitzuarbeiten.

Diese Nation steht heute wieder lebensent- schlosse«, aber auch sriedensgewillt vor den Augen der Welt. Ueber ihr ist aufs neue die Fahne der Ehre hochgegangen. Arbeiter, Bauern und Soldaten tragen auf ihren Schultern das Reich. Es liegt in sicherer Hut in Adolf Hitlers Hand.

Dem Lebenswillen des Volkes millionenfach Ausdruck zu geben und ihn dabei zu verbinden mit dem nationalen Aufbauwerk, dem die schaf­fenden deutschen Menschen aus allen Ständen und Berufen sich mit tiefer, sittlicher Begeiste­rung hingegeben haben, ist Sinn und Parole des

nationalen Feiertags, den wir am 1. Mai festlich begehen wollen.

Darum ergeht aufs neue an die ganze deutsche Nation zum Feiertag des Volkes der Ruf: Ehret die Arbeit und achtet den Ar­beiter! Die nationale Ehre und die Freiheit unseres Volkes ist die Grundlage aller Wohlfahrt und jedes sozialen Glückes. Ihrer sollen in gleicher Weise Arbeiter, Bauern und Soldaten teilhaftig werden.

Wieder stehen für einen Tag die Räder still und ruhen die Maschinen. Wieder ehrt Deutschland die Arbeit, von deren Segen das Volk ein ganzes Jahr leben soll. Der 1. Mai ist Feiertag für arm und reich, hoch und niedrig. Bekränzt Eure Häuser und die Straßen der Städte und Dörfer mit frischem Grün und den Fahnen des Reiches! Von allen Last- und Personenautos, aus allen Fenstern sollen die Wimpel und Fahnen der na­tionalsozialistischen Erhebung flattern. Züge und Straßenbahnen sind mit Blumen und Grün ge­schmückt.

Auf den Fabriktürmen und Bürohäusern wer­den feierlich die Fahnen des Reiches gehißt! Kein Kind ohne Hakenkreuzwimpel. Die öffentlichen Ge­bäude, Bahnhöfe, Post- und Telegraphenämter sollen in frischem Grün erstehen! Die Verkehrs­mittel tragen Fahnenschmuck!

In der Ehre der Arbeit liegt die Ehre des Vol­kes! Die Ehre des Volkes aber ist die Bürgschaft für den Frieden und die Sicherung der Nation! Deutsche aller Stände, Stämme, Berufe und Kon­fessionen, reicht Euch die Hände! Für Arbeit, Arie- den, nationale Ehre und Sicherheit! Es lebe der Führer! Es lebe Deutschland, sein Volk und nin Reich!

Berlin, 27. April 1935.

Der Reichsminister für Volksausklärung und Propaganda: Dr. Goebbels.

Pakt Paris-Moskau vor dem Abschluß

Laval und die Kommunisten / Rom und Warschau sehen sich vor

Moskau, 26. April.

Wie jetzt von unterrichteter Seite bestätigt wird, hat der sowjetrussische Außenkommissar Litwinow auf Grund einer Sitzung des Rates der Volks­kommissare an Botschafter Potemkin in Paris neue Anweisungen für Verhandlungen mit dem fran­zösischen Außenminister Laval gegeben. Noch am Freitagabend fand eine Unterredung zwischen La­val und Potemkin statt. Man vermutet in gut unterrichteten Kreisen, daß die Besprechungen be- reits am Sonnabend oder Sorkntag abgeschlossen werden können, so daß Laval sofort nach den fran­zösischen Eemeinderatswahlen seine Moskau-Reise antreten könnte.

Paris, 26. April.

Die Kommunisten des Pariser Vororts Auber- villiers, dessen Bürgermeister Laval ist, hatten anläßlich des Wahlfeldzuges für die Eemeinde- und Stadtratswahlen den Außenminister als zur Wiederwahl stehendes Stadtratsmitglied zu einer öffentlichen Aussprache-Versammlung eingeladen, bei der sie Laval hinsichtlich seiner Rußlandpolitik in die Enge zu treiben hofften. Laval hat jedoch vorgezogen, sich nicht in die kommunistische Wahl- Versammlung zu begeben, sondern seinen Stand­punkt in einem Plakatanschlag zu verkün­den und in dem es heißt:

Während ich mit Vertretern der Sowjetregie­rung verhandele, werde ich von den beglaubigten oder nicht beglaubigten Vertretern der Dritten Internationale heftig angegriffen. Um zu ant­

worten und meine Angreifer abzufertigen, müßte ich diplomatische Akten aufdecken, wodurch die Verhandlungen in Frage gestellt werden könnten, die einen normalen Verlauf nehmen. Meine Gegner wissen, daß ich dies nicht tun werde, weil ich es aus Achtung vor meiner Stellung als Außenminister nicht tun darf. Meine Gegner be­haupten, sie verteidigten durch ihren Wahlfeld­zug den Frieden. Wenn der französisch-russische Pakt so aussehen würde, wie ihn die französischen Kommunisten wünschen, dann brächte er die Gefahr mit sich, Frankreich in den Krieg hineinzutreiben; ich erkläre klipp und klar, daß ich mich weigern würde, einen solchen Vertrag zu unterschreiben.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Llmwelt oder Erbe?

Der Erziehungsgedanke des National­sozialismus

Die Geistesrichtung des Liberalismus er­blickte mit ihren schwärmerischen Phrasen vonFreiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit alles dessen, was Menschenantlitz trägt", im Menschen nur ein Produkt seiner Umwelt, deren Kräfte alle Lebewesen entscheidend formen und in ihrer Entwicklung bestim­men. Die Unterschiede der Begabung, des Temperaments, des Gemütes und des Cha­rakters seien daher genau so wie die körper­lichen Merkmale der einzelnen Menschen le­diglich aus Erziehungs- und andere äutzereEinflüsse zurückzuführen. Das liberalistische Zeitalter betrachtete daher unterschiedslos alle Fürsorgezöglinge und Verbrecher als Opfer ihrer Umgebung, welche durch eine für alle gleiche Erziehung und ihre Verpflanzung in ein besseres Milieu wieder einvollwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft" werden könn­ten.

Im stärksten Kontrast hierzu steht die Weltanschauung des Nationalsozialismus: Sind doch nach ihr die körperliche ebenso wie die geistig-seelische Einstellung und Ent­wicklung eines jeden Menschen in erster Linie durch das Erbe seines Blutes qualitativ und quantitativ bedingt. Heute er­scheinen uns die in dem Menschen steckenden Eigenschaften und Fähigkeiten nicht mehr als Folgen der Umwelt, sondern als Aus­druck und Ausfluß der durch das Blut seiner Vorfahren auf ihn überkommenen Erb­anlagen. Für den Menschen ist und bleibt die Erbmasse der Quell, aus welchem seine Person ihre Daseinskräfte zieht und durch dessen Ergiebigkeit seiner Entfaltungsmög­lichkeit Grenzest gesetzt werden. Wenn auch Masse und Menge, aus welchen das Leben mit seinen Ereignissen und Erlebnissen den Menschen gestaltet, ihm vom Schicksal in die Wiege gelegt werden, so sistd Erziehung und Bildung trotzdem nicht wertlos. Ihr Ziel kann aber nur sein, die in der Erbmasse ge­legenen schlechten Anlagen nach Möglichkeit zu hemmen oder gar einzudämmen, dagegen die in ihr schlummernden guten Anlagen durch eine möglichst günstige Gestaltung der Lebenslage zu wecken und zu fördern.

Die aus der Natur- und Vererbungs­wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse stellen natürlich als grundlegendes Ergebnis erb­biologischen Denkens das ganze System der Fürsorgeerziehung und Straf­vollstreckung auf eine vollständig neue Basis, deren Fundierung die gemeinsame Ausgabe der Juristen, Mediziner und Päda­gogen ist. Unter Verneinung eines mensch­lichen Einheitstyps und unter Ablehnung jeder schematichen und schablonenhaften Bildungsmethode wird die Erziehung stets auf die Eigenart des einzelnen Menschen abgestellt und damit individualisiert werden müssen, so daß an die Stelle der marxisti­schen PhraseJedem das Gleiche!" die na­tionalsozialistische ForderungJedem das Seine!" tritt.

Vor allem gilt es ja immer wieder zu prü­fen, ob die Verwahrlosungsanzei-

that Homer wirklich gelebt?

Ein Bildhauer beendet den jahrhundertelangen Philologenstreit / Homer war nicht blind!

Sieben Städte stritten sich einst um den Ruhm Hvmeros. Nun, da der Wolf ihn zerriß, me sich jede ein Stück", so verspotteten einst ere Dichterfürsten den Philologenstreit um ter Homer, wie ihn F. A. Wolf 1795 alls­te. Wolf bekämpfte den Glauben an die Per- Homers und stellte auf Grund von verschiede- Nachrichten aus der Antike und von Un- nnigkeiten in der Jlias und der Odyssee selbst Theorie auf, an diesen beiden berühmtesten m der Weltliteratur hätten nacheinander meh- e Dichter gearbeitet. Erst der Athener Tyrann sistratos habe die mündliche Ueberlieferung der ßen Gedichte sammeln und schriftlich nieder­en lassen. Seit Wolf ist dieHomerische rge" nicht mehr zur Ruhe, freilich auch nicht einer Lösung gelangt. Während ein Teil der ssenschaft an der Einheit Homers festhielt, nah- r die anderen zahlreiche fahrende Sänger hapsoden) als Schöpfer der Werke an und Se­ien sich darauf, daß Inhalt und Form der Ge­lte Merkmale verschiedener Zeiten und einer geren Entwicklung tragen. Aehnlich wie bei akespeare traute man einem allein das Riesen- rk nicht zu. Andererseits sind die einzelnen ile doch so fest verschmolzen, daß manÄr­en", nach denen vielfach gesucht wurde, n-ch- austrennen konnte. So hielten manche wie- Homer für den Dichter, der die uberkomme- , Teilgesänge zu einem festen Ganzen ver- nolzen' habe. . . .

daß sich um den Schöpfer der Mas im aus : Jahrhunderte ein Kranz von Sagen gewunden tte, in denen Homer als Perjon auftra,

: die Philologen kein Beweis; ebeiqowenlg die tsache, daß verschiedene Büsten Homers

halten sind, die in den Gesichtszügen fast genau übereinstimmen. Beides war leicht zu erklären: Die Alton hatten sich ein Idealbild von dem Manne geformt, der den Griechen zwei Bücher schenkte, die für sie ähnliche Bedeutung gewannen, wie für uns die Bibel. Und dieses Idealbild hatte ein genialer Künstler in Marmor so packend dargestellt, daß er immer wieder kopiert wurde. So lebte derblinde Dichter" in den Erzählungen des Volkes, so zierten seine Büsten die Wandel­hallen der Philosophenschulen.

Gerade die Ueberlieferung, daß Homer blind gewesen sei, scheint jetzt zu einer Lösung der Homerischen Frage führen zu können. Schon häufig ist es den Gelehrten ausgefallen, daß die Sage von der Blindheit Homers sich nirgends bei Schrift­stellern aus alt-griechischer Zeit findet, sondern erst in Spätrem auftritt. Auch da blieb diese Auffassung von Homer nicht unwidersprochen; Lu- cian z. V. lehnte sie entschieden ab. Die wunder­baren Plastiken Homers aber schienen ganz klar einen Blinden darzustellen. Dagegen war nur merkwürdig, daß Homer auf Münzen oder den beliebten Schmuckgemmen vielfach lesend gezeigt wurde. Erst in jüngster Zeit ist man diesen Wi­dersprüchen nachgegangen.

Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts glaubte ein Augenarzt Dr. Hugo Magnus bei einer Untersuchung der berühmtesten dieser Büsten, der Reagier, vom augenärztlichen Standpunkt feststellen zu müssen, daß der Künstler wohl be­absichtigt habe, einen Blinden darzustellen, aber hierfür Verfallsformen an ven Auge» und Ge­sichtszügen gewählt habe, die sich nach moderner Kenntnis bei Blinden nicht finden. Soeben ver­öffentlicht aber ein Dresdner Bildhauer, Arthur

Zweininger inForschungen und Fortschritte" aus bildhauerischer Fachkenntnis heraus eine neue Theorie, die vielleicht geeignet ist, die ganze Frage der Persönlichkeit Homers zu lösen.

Friedrich Schnack

Roman des Oelkenbaumes

Bei einer Analyse der Neapler Homer-Büste zeigt Zweiniger recht überzeugend, daß diese Büste aus zwei Teilen besteht: aus dem Gesicht vom Haaransatz des Bartes rund um Kinn und Wangen bis zum Stirnband, das bei allen Homer­büsten ausfallend weit vorn sitzt, und dem übrigen Kopf, der eine vielfach recht flüchtige Bearbeitung namentlich in der Haardarstellung gefunden hat. Eine Reihe von Anzeichen führen ihn zu der An­sicht, daß es sich hier um den Abguß einer Toten­maske handelt. Abgüsse von der Natur wußten die griechischen'Bildhauer schon seit dem 4. Jahr­hundert zu formen, der Bruder des Lysippos hatte diese Technik erfunden. So hat der Künstler der Homerbiiste -einfach die Totenmaske des Dichters in den Kopf eingefügt.

Aus den Veränderungen, die im Gesicht bereits vor sich gegangen waren, als der Abguß erfolgte, erklärt sich nun sehr einfach der 'Eindruck der Blindheit, den die Alten und die Beschauer bis in die jüngste Zeit herausgelesen haben. Zwei­niger gibt in seinem Bericht sehr genaue Anwei­sungen, wie der griechische Künstler durch Nach­arbeiten aus der Totenmaske die Maske des Le­benden hätte rekonstruieren sollen. Für die Streitfrage um Homer ist aber die Entdeckung sehr wichtig: Die Homerbüsten zeigen erstens einen Toten, keinen Blinden, sie sind nach der Totenmaske des Dichters gesormt. Um aber, zweitens, eine Totenmaske Homers abnehmen zu können, muß der Dichter existiert haben. So kann man mit hoher Sicherheit aus den Entdeckungen Zweinigers darauf schließen daß Homer nicht nur ein Sammelname für eine größere Zahl von Autoren der Ilias und Odyssee gewesen ist, son­dern tatsächlich als historische Persönlichkeit gelebt hat. Or. 3. Lebvsulrs.

Jeder kennt das aus den heißen Ländern ein­geführte Gewürz: die Nelke, dasNägelein" des Nelkenbaumes. Wie der Volksausdruck sagt, ist es ein nagelförmiges Erzeugnis des tropischen Baume, aber beileibe nicht seine ausgereifte Frucht, sondern die getrocknete, noch unerschlossene Knospe.

Schon seit 2006 Jahren würzt die Menschheit mit der Nelke ihre Getränke und Leckereien, Schnäpse, Pünsche, Kuchen und Konfitüren, aber erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert kennt man die Geschichte des köstlichen Baumes, seine Her­kunft und Abstammung. Die ägyptischen unü arabischen Eewllrzhändler trieben mit der Nelke schwunghafte Geschäfte und wurden reich daran. Sie waren mit dem wohlriechenden Gewürz durch die Chinesen bekannt gemacht worden, deren Ver­dienst ist es, in grauer Vorzeit den Eewürz- nelkenbaum wie auch den Muskatnußbaum ent­deckt zu haben. Alte Schriftsteller berichten, daß in China hohe Mandarine die Sitte hatten, Nelken zu kauen, wie man heutigentags Mundpillen und Kaugummi zwischen den Zähnen wälzt, um ihren Atem zu verbessern, angenehm zu machen, wenn sie mit ihrem Herrscher sprachen.

Wie Gold und Diamanten, Kohle und Oel in der europäischen Geschichte wichtige Triebkräfte waren und noch sind, so auch mancherlei Pflanzen und Bäume, um deren Besitz sich Kämpfe, Schurke­reien, Jntrigen und Abenteuer abspielten. Von solchen historischen Erinnerungen ist der Nelken- baum legendär umrankt. Das erste europäische Volk, das seiner habhaft wurde, sind die Portu­giesen, die einst die Meere beherrschten. Auf ihren ausgedehnten See- und Entdeckerfahcten lernten sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts die

Molukken als das Heimatland der Nelke wie auch der Muskatnuß kennen, und sie nannten jene Inseln Eewürzinseln, womit sie einen unbe­schreiblichen Duft in der geographischen Vorstel­lung des Abendlandes erweckten. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser zauberhafte Wohlgeruch und der wertvolle Besitz andere seefahrende und handeltreibende Völker verlockte, nach diesen Pflanzen-Schatzinseln zu gieren. So mußten die Portugiesen denn auch etwa 200 Jahre später ihre schönen Eewürzinseln den mächtig gewordenen Holländern auf Nimmerwiedersehen überlassen. Der Händlergeist der neuen Herren war nun ebenso weitblickend wie habgierig, er verübte eine große Rohheit an den Bäumen: auf allen Inseln der Molukkengruppe vernichtete er die Nelken, außer auf Amboina, einer Insel, die leicht zu bewachen und auch klimatisch am gesündesten war. Eifersüchtig wurde nun auf diesem Eiland der handelswichtige Baum gehütet und gepflegt, so daß den Holländern sein Besitz und das ganze Nelksngeschäft anderthalb Jahrhunderte gesichert war. Doch auf die Dauer ist keine Grenze so dicht, daß nicht eines Tages ein Bewachter aus- bräche, und wäre es bloß das Reis eines Nelken­baumes.

Der Franzose Pierre Poivre, zu deutsch Peter Pfeffer, ein schicksalhafter Mann mit einem Ge­würznamen und ein pfiffiger Bursche, stahl den Holländern eine Anzahl junger Nelkenpflanzen und führte sie ihnen vor der Nase davon. Nach mancher Gefahr und Schwierigkeit reiste er mir ihnen über den Indischen Ozean nach verschiede­nen indischen Inseln, wie sie ihm für die Ansied- lung des Baumes geeignet erschienen. Die Se-