Ausgabe 
(25.4.1935) Nr. 113
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Nr. 113 / 3. Jahrgang

Donnerstag, 25. April

Einzelpreis 15 Rpf.

Vorgefechte um den Nichteinmischungöpakt für Oesterreich

Donaukonserenz - ein Schlag ins Wasser

Das in Etresa befchloffene Programm kann nicht eingehalten werben

(Vrnbtberivlit unserer Lsrlinsr Lvliriktloituu^)

Unser logvsspivgsl

Die Donau-Konferenz in Rom wird, mit stark begrenztem Programm, erst im Juni statt­finden.

In Berlin begann die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

In Amerika ist es zu einer neuen Streik­bewegung gekommen.

Das neue Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen enthält eine Ausstellung der Ge­bühren sür Amtshandlungen.

Zehn Hamburger Kinder find auf Grund guter Aufsätze Gäste Bremens.

Die Unterweser-Reederei A.-E., Bremen, schlicht das Geschäftsjahr 1934 trotz schmie­riger Verhältnisse des Frachtgeschäfts mit einem Reingewinn ab.

Zum Frühjahrs-Sportfest auf der Kuh- hirten-Kampsbahn haben 188 Bremer Leicht­athleten ihre Meldungen abgegeben.

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Das deutsche Volk rüstet zum i. Mai

Berlin, 24. April.

Für die Begehung des nationalen Feiertages des deutschen Volkes hat der Reichs- und preu­ßische Innenminister Dr. Frick im Einvernehmen mit dem Reichspropagandaminister Dr. Goeb­bels eine Reihe von Anordnungen für die öf­fentliche Verwaltung erlassen. Danach flaggen am 1. Mai sämtliche Dienstgebäude des Reiches, der Länder, der Gemeinden, der sonstigen Körper­schaften, Anstalten und Stiftungen des öffent­lichen Rechts und der öffentlichen Schulen. Die Dienstgebäude sind mit frischem Birkengrün oder sonstigem Grün zu schmücken.

Es wird als dringend erwünscht bezeichnet, daß die Gemeinden an geeigneten großen Plätzen Lautsprecher aufstellen, um der gesamten Bevölkerung die Teilnahme an den Feiern des nationalen Feiertages zu ermöglichen. In klei­neren leistungsschwachen Landgemeinden werde der Gastwirt oder eine andere Persönlichkeit bereit sein, seine Rundfunkanlage zur Verfügung zu stellen. Die Musik- und Trompeterkorps der Reichswehr seien angewiesen, an den Feiern mit­zuwirken, ebenso würden sich die Musikkapellen der Polizei, der Technischen Nothilfe und sonstiger Organisationen zur Verfügung stellen. Für aus­reichenden polizeilichen Schutz aller Veranstal­tungen zur Feier des 1. Mai sei Sorge zu tragen. In einem weiteren Erlaß ersucht der Reichsinnen­minister die Landesregierungen und in Preußen die Polizeibehörden, die Polizeistunde für East- und Schankstätten am 1. Mai aufzuheben.

Wii-belstui-m über Thüringen

Vera, 24. April.

Lst-Thüringen wurde am Mittwochnachmittag von einem Wirbelsturm heimgesucht, unter dem vor allem der etwa 49 Einwohner zählende Ort Virkigt schwer zu leiden hatte. Von den fünf Gehöften des Ortes sind vier vollkommen dem Erdboden gleichgemacht. Die Häuser sind bis aus die Grundmauern zusammengebrochen. Cinrich- tungsgegenstände und landwirtschaftliche Maschinen liegen weit verstreut umher. Wie durch ein Wun­der sind Menschenleben nicht zu beklagen.

Irr. Berlin, 24. April.

Nach den in Berlin vorliegenden Nachrichten aus diplomatischen Kreise» wird die in Etresa in Aussicht genommene Konferenz in Rom erst etwa Mitte Juni stattfinden. Die diplomatischen Be­sprechungen zwischen Frankreich, Italien und den Staaten der Kleinen Entente haben ergeben, daß das ursprünglich in Stresa in Aussicht genommene Programm wahrscheinlich nicht eingehalten wer­den kann. Die Fragen der Militärischen Wieder­aufrüstung Oesterreichs, Ungarns und Bulgariens werden von der Tagesordnung dieser Konferenz gestrichen werden und man wird sich nur mit der Frage beschäftigen, ob die Möglichkeit zu einem Nichteinmischungspalt für Oesterreich gegeben ist.

Lr. Berlin, 24. April.

Der Führer der Deutschen Elaubensbewegung, Pros. Wilhelm Hauer, gab soeben einem Ber­liner Blatt ein Interview, das sehr wesentliche Aufschlüsse über die Ziele der Elaubensbewegung enthält. Pros. Hauer führte in diesem Interview u. a. aus:

Die von mir geführte Deutsche Elaubensbewe­gung ist nach Ausscheiden einiger kleiner Gruppen aus der im Juli 1933 in Eisenach gebildeten Ar­beitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewe­gung herausgewachsen. Nach sehr gründlichen stillen Vorbereitungen haben wir es in den letzten Monaten unternommen, in vielen Hunderten von Versammlungen im ganzen Reich vor das deutsche Volk zu treten. Der Erfolg dieser Veranstal­tungen hat eindeutig die Bereitschaft großer Teile des Volkes erwiesen, für einen deutschen Glauben einzutreten. Wir sind keine Sekte oder Konfession, sondern eine Seelenbewegung, die mit Notwendigkeit aus der inneren Entwick­lung des deutschen Volkes entspringt. Wir glau­ben an den religiösen Urwillen des deutschen Volkes, d. h. an eine eigenständige religiöse Kraft in der deutschen Seele, artverwandt mit dem religiösen Urwillen der gesamten indogerma­nischen Welt, der aus der Tiefe von innen her bestimmter religiöser Haltungen und sittlicher Zielgebungen wirkt.

Eine weitere Frage an Pros. Hauer bezog sich auf das Programm der Deutschen Glaubensbewegung. Wir verstehen war die Antwort unter deutschem Glauben einen Glauben, der im Gegensatz zum morgenländischen und römischen Christentum unmittelbar aus dem

Auch darüber sind aber zur Zeit die diploma­tischen Besprechungen noch nicht abgeschlossen. Offensichtlich ist man in Paris und auch in Rom zunächst nur bereit, über die weitere Möglichkeit einer solchen Konferenz zu verhandeln. Man wartet in beiden Hauptstädten, vor allem aber auch in den Hauptstädten der Kleinen Entente, die weitere Entwicklung der Besprechungen zwi­schen Frankreich und Sowjetrußland ab, weil das gesamte Verhältnis Frankreichs zur Kleinen Entente wieder davon abhängt, ob Frankreich den Wünschen der Kleinen Entente auf ein möglichst enges Verhältnis mit Sowjetrußland entgegen­kommt. In einigen politischen Kreisen wird von der Möglichkeit gesprochen, daß in Abänderung der ursprünglichen Teilnehmerliste weder Polen

noch Rumänien zu der Konferenz eingeladen werden sollen.

*

Die Reise, die Fürst Starhemberg dieser Tage nach Rom unternommen hat, gibt nach den Mitteilungen, die über ihren Zweck durchgesickert sind, nunmehr dem Problem des angestrebten Dönaupaktes eine Nuance, die der Beachtung aller Staaten, die an der Frage beteiligt sind, wert ist. In der gleichen Zeit, in der man sich italienischer- seits darum bemüht hat, Oesterreich volle innere Selbständigkeit zu garantieren, werden von Wien aus Sendboten nach Rom gesandt, um dort über rein innerösterreichische Fragen zu debattieren. Es ist nichts davon bekanntgeworden, daß Herr Starhemberg in Rom einen Hinweis auf die Nichteinmischung Italiens in die innere Angele­genheit des österreichischen Staates erhalten habe.

Weder Wodansanbeier noch gottlos"

Die sittliche Zielgebung der Deutschen Glaubensbewegung

(Drulitberivbt unserer

Lvrlinvr Leliriktleitunx)

Herzen deutscher Menschen entspringt. Wir sind überzeugt, daß dieser Glaube arteigener Grund­besitz der gesamten indogermanischen Welt seit Jahrtausenden gewesen ist, so weit diese Welt von nordischer Art bestimmt wird. Der Inhalt des deutschen Glaubens ist kurz der: Wir glauben an die Gottunmittelbarkeit des Menschen. Darum braucht der Mensch keinen Mittler, zu Gott zu kommen, so dankbar wir religiöse Führer aner­kennen.

Scharf wandte sich Wilhelm Hauer gegen die Behauptung, die Deutsche Elaubensbewegung sei

Truppenbewegung in Frankreich

Paris, 24. April.

Die Truppenbewegungen an der französischen Ostgrenze dauern an. Zwei Kompanien des 91. J.-R. aus den Garnisonen Stenay (südwestlich von Montmödy) und Möziöres sind an die französisch­belgische Grenze verlegt worden. Ein Bataillon des 27 J.-R. aus Dijon ist in Montmödy einge­troffen. Im Abschnitt Morvillars (südlich Bel­forts) an der Schweizer Grenze sind Abteilungen des 60. Infanterie- und des 1. Pionier-Regiments aus Dijon eingetroffen. Eine Abteilung des 38. J.-R. aus Belfort wurde in die Gegend von Mühlhausen vorverlegt. In der gleichen Gegend in Richtung Kembs (südöstlich Mllhlhausens an der deutschen Grenze) hat bereits das dritte Bataillon des 8. marokkanischen Schützenregiments aus Auch (Slldwestfrankreich) Stellung bezogen. Das Gebiet der Ardennen soll demnächst durch Abteilungen der 8. Infanterie-Divisionen verstärkt werden.

eine heidnische Religion. Wir sind weder W odansanbeter" nochgottlo s". Keiner von uns denkt daran, Wodan wieder zum Leben zu erwecken. Die Dämmerung der Götter kann nicht rückgängig gemacht werden. Wir bekennen uns mit innerer Notwendigkeit zur nationalsozia­listischen Weltanschauung und damit zum Dritten Reich und seinem Führer. Abschließend äußerte sich Pros. Hauer über gewisse organisatorische Fragen seiner Bewegung, wobei er feststellte, daß im ganzen Reiche Orts-, Kreis- und Landesgemeindcn gebildet würden, da man bei allem Willen, mit einem Mindestmaß von Organisation auszukom­men, aus diese doch nicht ganz verzichten könne.

Versassungöi'efol'm gefordert

Paris, 24. April.

Auf der Tagung der französischen Union Föderale der ehemaligen Frontkämpfer in Le Touquet hielt Senator Henry de Jouvenel eine Rede, in der er für den sozialen Aus­gleich und für eine Verfassungsreform sprach, die sich nicht auf bloße Anwendung der vorhandenen Handhabungen zur Auflösung der Kammern beschränken dürfe, sondern die Volks­befragung als verfassungsmäßiges Mittel ein­führen müsse. Auf diese Weise könnte in vielen Fällen der Meinungsstreit zwischen Gesetzgeber und Vollzugsgewalt geschlichtet werden.

Rekrutcneinziehung in Frankreich. Ein neues französisches Rekrutenkontingent ist zu den Regi­mentern eingezogen worden, bei denen 18 Monats Dienst geleistet werden muß.

Vorposten

Blick in auslandsdeutsche Volksgruppen k. IM. Bremen, 25. April.

Naoierner Die europäischen Signatar- mächte des Memelstatuts, Memel-Protest? Folien, Frankreich und

England, haben sich vor einigen Tagen end­lich dazu entschlossen, die Kownoer Regie­rung an ihre Pflicht zu erinnern, die ver­brieften Selbstverwaltungsrechte der Meine!- länder gewissenhafter zu beachten. Die Rechtsbrüche, die sich Litauen in den letzten Monaten wieder hat zuschulden kommen lassen, sind indes so zahlreich und so tief­greifender Art, daß es mit einem bloßen Protest, der in Kowno stillschweigend zu den Akten gelegt wird, nicht sein Bewenden haben kann. Es ist vielmehr erforderlich, ohne Säumen den normalen Rechtszustand an der Memel wiederherzustellen. Bor allem mutz dem Memellandtag, der durch die Eingriffe des Kriegskommandanten nicht weniger als achtmal beschlußunfähig gemacht wurde, Gelegenheit zur Ausübung seiner Rechte gegeben werden. Die 1932 gewählte Volksvertretung weist 24 deutsche Abgeord­nete, darunter 11 Vertreter der Landwirt- schastspartei, auf, während die Litauer nur 5 Mandate besitzen. Dieses klare Mehr­heitsverhältnis wurde, wie man weiß, dadurch praktisch unwirksam gemacht, daß der Kriegskommandant 5 Abgeordneten der Landwirtfchaftspartei unter keineswegs stich­haltigen, allzu durchsichtigen Gründen die Mandate entzog. Den litauischen Vertretern ist damit die Möglichkeit gegeben, allein durch Nichterscheinen bei den Landtags­sitzungen die Volksvertretungsatzungs- gemäß" immer wieder arbeitsunfähig zu machen. Mit anderen Worten: eine kleine litauische Minderheit läßt die deutsche Mehr­heit nicht zur Erfüllung ihrer Selbstver­waltungsaufgaben kommen. Nach dem Pro­testschritt der Signatarmächte müßte hier in­sofern zuerst Wandel geschaffen werden, als die gewaltsam an der Ausübung ihres Man­dats verhinderten deutschen Abgeordneten von den litauischen Behörden sofort freizu­geben sind, damit der Skandal der Ver­tagungen des Landtags sich nicht wiederholen kann.

*

Sudetendeutsche 19. Mai wird in der Heimatfront. Tschechoslowakei das Par-

° lament neu gewählt wer­

den. Bei dieser Gelegenheit dürfte das Su- detendeutschtum, bisher in neun Parteien zersplittert, zum ersten Male in aktiver Ge­schlossenheit hervortreten. Nachdem die Deutsche nationalsozialistische Partei in der Tschechoslowakei aufgelöst worden war, Hatte sich, wertvolle Traditionen weiterpflegend, die auf Sammlung der Stammesgenossen hinarbeitendeSudej»ndeutsche Heimat­front" gebildet. Es zeigte sich sehr bald, daß diese (nicht lediglich als Partei im parlamen­tarischen Sinne anzusprechende) Bewegung die Kraft besitzt, eine Reihe nationaler Sondergruppen völlig mit sich zu ver­schmelzen und darüber hinaus siegreich ins marxistische Lager vorzustoßen. Die Reaktion auf diesen bedeutsamen Einigungsprozeß blieb bei den verbündeten deutschen und

Radium heizt die Erde

Leue Forschungen über das Innere unseres Planeten

Die ersten 3999 Meter

Rund 6370 Kilometer trennen den forschenden Menschen, der die Oberfläche dieser Weltkugel be­wohnt, von ihrem Mittelpunkt, eine Entfernung von Berlin bis nach Peking oder Chikago. Bis vor wenigen Jahrzehnten kannte er von dieser ge­waltigen Strecke des Erdhalbmessers kaum einen Kilometer, der durch Bohrungen der unmittel­baren Beobachtung erschlossen worden war.

Vor zehn Jahren hielt Deutschland noch den Weltrekord für Tiefbohrungen mit dem be­rühmtem Bohrloch von Czuchow in Oberschlesien, das eine Tiefe von 2240 Metern besaß. Die ver­besserte Bohrtechnik ermöglichte es, vor einigen Jahren die 3000-Metergrenze beim Bohren nach Erdöl in West-Texas zu überschreiten. Und doch, was bedeuten diese Tiefbohrungen im Vergleich zu dem gewaltigen Halbmesser der Erdkugel: Kaum Nadelstiche von etwa X Milliometer in eine Kugel von Zimmergröße mit rund drei Me­tern Durchmesser. Nicht einmal ein Zehntel der äußeren Steinkruste des Erdballs wurde damit durchbohrt.

Die gelbe bis braune Farbe unserer Ackerböden rührt iii den meisten Fällen vom Gehalt an Eisen­rost her, der selbst in den ausgelaugtesten Sonden nicht fehlt. Hieraus schon ergibt sich, daß das Eisen auf und in der Erde eine weite Verbrei­tung und damit auch eine große Bedeutung für den Ausbau der Erde besitzt.

Weitere Fmger?,eige in dieser Richtung liefert die Untersuchung der Zusammensetzung der Me­teore, von denen 1020 Millionen täglich die Erdlusthülle ourchsausen und etwa sieben in jeder Etunde ihre Weltraumreise auf der Erde be­enden. Sie lassen sich deutlich in Eisenmetcore

(mit 34 v. H. Nickel) und Steinmeteore sondern. Der Engländer Fleischer hat nach der weltberühm­ten Meteorsammlung des Britischen Museums in London das Verhältnis der auf die Erde fallen­den Eisen zu den Steinmeteoren errechnet. Auf fast 14 Eisenmetcore kommt ein Steimneteor. Eisen und Nickel sind in den Meteoren 21mal häufiger als Gesteine. Wenn die Meteore einen guten Durchschnitt durch das Weltbaumaterial liefern, so müßte also auch das Erdinnere 21 mal dicker sein als die Steinkruste.

Tausend Tonnen Druck aus Kleinfingernagel- Fläche

Die intensive Dichte des Kernes der Erde will aus den ersten Blick schlecht passen zu diesen An­gaben über die Zusammensetzung aus Eisen und Nickel, da Eisen und Nickel z. V. nur eine Dichte von 7,8 besitzen. Man würde, rein nach der Dichte, viel eher auf Metalle wie Wismut, Blei, Silber und Quecksilber schließen, deren Dichte etwa 10 bis 13 beträgt, wenn nicht zu berücksichtigen wäre, daß der Erdkern und die ihn aufbauenden Eisen- Nickel-Ehrom-Schichten unter dem ungeheuren, nach der Tiefe schnell zunehmenden Druck der äußeren Erdschichten steht. Man kann diesen aus den Dichten errechnen und findet in der Mitte der Zwischenschicht, also in 1480 Kilometer Tiefe, schon eine Million Atmosphären im Mittelpunkt der Erde nach Lord Kelvin sogar vier bis fünf Millionen. Das heißt, daß aus einer Fläche, von einem Quadratzentimeter, also Klcinfinger- nagel-Fläche, ein Gewicht von tausend bzw. drei­tausend Tonnen lastet.

Weltuntergang durch Kältetod?

Die Tätigkeit der Vulkane, die ihre glut- flüssige Lava über die Erde ergießen, sowie die

alte Erfahrung, daß mit je dreißig Meter Tiefen- zunahme in Schächten und Bohrlöcher die Wärme um ein Grad steigt, hat die Menschheit immer wieder zu dem Glauben verführt, daß der größte Teil des Erdinnere glutflüssig ist und wir aus einer gefährlich dünnen Decke über einem Höllen- feuer wandeln.Auf Vulkanen tanzen". Würde die Zunahme der Wärme nach der Tiefe zu in demselben Maße fortschreiten, so müßten im Mittelpunkt der Erde Temperaturen von mehr als 220 000 Grad vorhanden sein. Keinerlei geologische Anzeichen deuten daraus hin, daß solche hohe Temperaturen im Erdinnern herrschen. Seit man in der Erdrinde die verschiedenen ra­dioaktiven Stoffe wie Radium, Thorium, Uran usw. entdeckte und die bei ihrem freiwilligen Zer­fall z. T. als Wärme freiwordende Energie in Rechnung setzen konnte, sind jene Ansichten aufgegeben. Die von den radioaktiven Stoffen abgegebene Wärme reicht vollkommen aus, um die Zunahme und Höhe der Wärme im Erdinnern zu erklären. Die'heutige Wissenschaft ist der Meinung, daß das Erdinnere höchstens 8000 Grad Wärme besitzt, wahrscheinlich aber nur etwa 2000 Grad.

Das Innere der Erde ist also ein Ofen, der mit den kostbarsten Brennstoffen, wie z. B. Radium, geheizt wird. Die Befunde über den Vorrat der Erde an radioaktiven Stoffen machen es sehr wahrscheinlich, daß der Wärmeverlust der Erde an den Weltcnraum mit seinen 230273 Grad Kälte allein schon von der Wärme ausgeglichen wird, die die radioaktiven Stoffe der äußersten Erdkruste bis zur Tiefe von 60 Kilometern er­zeugen. Da nach Ansicht der meisten Forscher auch in den tieferen Schichten noch radioaktive Stoffe anzutreffen sind, so ist es unmöglich, daß die Erde in absehbarer Zeit durch dauernden Wärmerverlust dem Kältetod entgegengeht.

Or. Lopokslezr

Die Handschuhe von Versailles

Line Episode aus schicksalsschwerer tzeit / Von Fritz Llfred tzimmcr

Es sind nur zwei Handschuhe gewesen, Herren­handschuhe aber sie haben in schicksalsschwerer Stunde geholfen, Geschichte zu machen. Sie mahnen unL Deutsche und die Welt wie ein un­vergeßliches Symbol ...

Es war im Frühjahr 1919, mitten in jenen beispiellos schweren neun Monaten vom Oktober 1918 bis Ende Juni 1919. Sie sollten das Ende des Krieges bringen, das doch immer wieder durch die unerhörte Unritterlichkeit der Feinde Deutschlands hinausgezögert wurde. Was mußte unser armes Vaterland erleben in jenem unend­lich langen Dreivierteljahr, das zwischen dem ersten Friedensschritt des Reichskanzlers Prinz Max von Baden und der Unterzeichnung des Ec- waltvertrages lag! Die Enttäuschung durch Wil- son, die Meuterei der Marine, der Spartakus­aufstand. die Waffenstillstandsbedingungen, die Abdankung des Kaisers, die Proklamation der Republik, die Besetzung des Rheinlandes und das Diktat von Versailles mit dem siebentägigen Ul­timatum^ das auch die vorbehaltlose Unterzeich­nung des deutschen Kriegsschnldparagraphen for­derte, die Auslieferung von Wehr und Flotte und trotz allem die Fortdauer der Hungerblockade!

Unverwischbar bleiben diese Ereignisse in das Bewußtsein jedes Deutschen geschrieben . . .

Es war Ende April 1919. Im Speisesaal des Trianon-Palasthotels in Versailles sollte das Ränkespiel desRat der Vier" seinen Abschluß finden. DieSieger" wollten ihren Triumpb ganz auskosten: der deutschen Abordnung das

Friedensdiktat zu überreichen. Es war eine glän­zende Versammlung französischer und englischer Politiker, Generale und Diplomaten, und sie glaubten, heute ihren großen Tag zu haben. Mit

schlechtverhohlener Schadenfreude erwartete man die Deutschen, die amtlichen Vertreter der ent­waffneten gedemütigten Nation. Man wollte ihnen nichts ersparen. Ebensowenig wie jener früheren deutschen Delegation, die damals im Walde von Compiögne die Waffenstillstandsbe­dingungen entgegenzunehmen hatte ... Es war kein leichter Gang für unsere Landslsute. Aber an'ihrer Spitze stand als Fübrer der Graf Brock- dorff-Rantzau aus altem Geschlecht...

Er hatte seine eleganten Handschuhe vor sich liegen, und als zum Schlüsse das Protokoll von der Uebergabe der Friedensbedingungen zur Un­terschrift herumgereicht wurde, als die Reihe zu­letzt auch an den Deutschen kam und die Augen einer ganzen Welt auf ihn gerichtet waren, da nahm er feine Handschuhe auf und zog sie über, nahm die Feder, tauchte ein und unterschrieb

-richtete sich auf. zog ruhig die Handschube

aus, warf sie mit kurzer Bewegung auf den Tisch und verließ aufrecht und ohne Gruß den Saal.

Manch einem der fremden Generale und Offi­ziere mag mebr die Scham- als Zornröte ins Gesicht gestiegen sein. Sie verstanden sehr gut die Geste-.

Verlegenheit trat ein. Der feierliche Akt von weltgeschichtlicher Bedeutung hatte einen unver­muteten Ausgang gefunden. Da stand die Unter­schrift. Aber auf dem Tische lagen die Handschube. Sie lagen da wie ein sichtbares Zeichen der Ver­achtung, auch: wie der Febde-Handschuh eines in Selbstzucht ungebeugten Deutschlands . . .

Nie wird das deutsche Volk den Keivaltfrieden von Versailles vergessen Möge es eingedenk sein auch der Handschube aus dem Tische von Ver­sailles!