Ausgabe 
(12.5.1935) Nr. 130
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

das amtliche Vrgan Ses Semts

6 -

-er Freien Hansestadt vremen

Bremer Ze-tung erscheint täglich (auch Montag?). Monatsbezug: RM. L.30 einschl. 80 Rps Zustellungsgebühr: durch die P°st RM. 2,80 einschl. Ueberweifungsgebühr. auSschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz NS.-Eauoerlag Weser-Ems G. m. b. H.. Bremen. Am Eeeren 68 / Fernsprecher: Roland 625.

i

9

3

5

Anzeigen-Grundpreise: Die 22-mw-Z-iI- im Anzeigenteil >2 Rps die 70-mm,Zeile im Textteil 7b Rps.

Ermäßigte Grundpreise (sür kleine Anzeigen Familienanzetgen v. a» sowie sonstige Bedingungen lau! Preisliste 1. (Nachlaßstasssl 0.) Für Anzeigen durch Fernsprecher keine vlewähr Annahmeschlutz I« Uyr Sprechzeit: Verlag werktäglich von 1213 Uhr: Schrkstleitung Dienstag bis Freitag von 12'/» -13'/- Uhr.

Nr. 130 / 3. Jahrgang

Sonntag, 12 . Mai

Einzelpreis is Rpf.

Eines der schönsten Geschenke an die Menschheit"

Das Auto überwindet Klassengegensätze

Adolf Hitler empfängt die Delegierten der ausländischen Automobilklubs

Unser lagesspiegel

London und Paris verlangen ein Schlich­tungsverfahren im italienisch - abessinischen Konflikt.

Der Führer empfing die Delegierten der aus­ländischen Automobilklubs.

Reichsminister Dr. Frick und Frau Scholtz- Klink eröffneten die Düsseldorfer Ausstellung Frau und Volk".

Der Jahresbericht derBaltic and Inter­national Maritime Conference" bezeichnet die Schissahrts-Subventionen als Hindernis Durchgreifender Rationalisierung.

Zür Warenhäuser wurde die Unterhaltung -on Crfrischnngsriiumen grundsätzlich unter­sagt.

Die Zahl der Erwerbslosen im Bezirk des Landesarbeitsamtes Niedersachsen ist um i,3"/» gesunken.

Aus dem gestrigen Rundfunksprecher-Wett­bewerb ging H. Eichholz als Sieger hervor. Deutschlands Hockey-Elf unterlag in Brüssel dem englischen Gegner nach zweimaliger Spielverlängerung knapp 2:3.

Das Futzball-Rückspiel des SB. Werder in Düsseldorf brachte den Bremern eine 1:3- (9:1)-Nieoerlage.

8!!!8!!!>>W!>^^

Bayreulher Festspiele 1936

Berlin, 11. Mai.

Die Leitung der Bayreuther Festspiele gibt be­kannt, daß die Vühnensestspiele 1938 am 19. Juli beginnen und am 31. August schließen. In der Zeit vom 31. Juli bis 17. August einschließlich werden die Festspiele mit Rücksicht auf die Olympiade unterbrochen. Es gelangen zur Aus­führung: Lohengrin im ersten Festspielabschnitt dreimal, im zweiten dreimal, Parsifal im erste» Abschnitt zweimal, im zweite» dreimal, der Ring der Nibelungen in jedem Abschnitt einmal in geschlossener Ausführung.

Dolch für Neichöheer-Osfiziere

Der Chef der Heeresleitung hat verfügt, daß für Offiziere, Sanitäts- und Veterinäroffiziere und Beamte im Offiziersrang die kurze Ofsiziers- seitenwaffe (Dolch) mit Portepee und Tragevor­richtung eingeführt wird. Der Offiziersdolch kann wahlweise an Stelle des Säbels oder Seiten­gewehrs außerhalb des Dienstes, zum kleinen Dienst und bei Dienstreisen sowie Uebungsreisen gelegentlich dienstlicher Meldungen getragen werden.

HZ.-Führef werden geschult

Berlin, 11. Mai.

In den Lehrgängen auf den 38 HJ.-Eebiets- fiihrerschulen und zwei Reichsführerschulen wur­den 6336 HJ.- und Jungvolkführer geschult. In 81 Lehrgängen zu je 11 Tagen wurden 4893 Jungvolkführer erfaßt und für die besonderen Aufgaben und Erfordernisse des Staatsjugend­tages vorbereitet. In elf weiteren Lehrgängen erfolgte geländesportliche Ausbildung von S20 HJ.-Führern.

Bestrafte Verächtlichmachung des Eisernen Kreuzes. Das Gericht in Oberhausen hat den wegen Verächtlichmachung des Eisernen Kreuzes angeklagten Wilhelm Proth zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt.

Berlin, 11. Mai.

Die NSK. meldet: Einer Einladung des

Führers des deutschen Kraftfahrsports und Präsi­denten der obersten nationalen Sportbehörde für die deutsche Krastfahrt (ONS.), Korpsführer Hühnlein, Folge leistend, hält die Association Internationale des Automobile-Clubs Reconnus (AJACR.), die Vereinigung der international anerkannten Automobilclubs der Welt, deren Mitglied die ONS. ist, zum ersten Mal seit ihrem 31jährigen Bestehen in diesen Tagen ihre Früh­jahrstagung in Berlin ab. Die an der Tagung teilnehmenden Delegierten von Belgien, Bul­garien, Frankreich, Dänemark, Großbritannien, Holland, SUdslawien, Italien, Lettland, Nor­wegen, Oesterreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechoslowakei und Ungarn tr-ken bereits Donnerstag in Berlin ein.

Sonnabend mittag empfing der Führer in der Reichskanzlei die ausländischen Gäste, um sie zu

London, 11. Mai.

Die britische und die französische Regierung haben im Zusammenhang mit der sich aus dem italienisch-abessinischen Streitfall ergebenden Lage miteinander Fühlung genommen, sie wolle» fest­stellen, welche weiteren Schritte möglich sind, um die Einsetzung eines Schlichtungsausschusses zu beschleunigen. Der britische Botschafter in Rom sowie der Gesandte in Addis Abeba haben An­weisung erhalten, aus die beschleunigte Er­nennung des Schlichtungsausschusses zu dringen, der sich aus je zwei Vertretern der beiden Par­teien und einem neutralen Mitglied zusammen­setzen soll.

»

Unsere Berliner Schriftleitung drahtet: Eior- nale d'Jtalia hat die Unverschämtheit besessen zu behaupten, Deutschland liefere Waf­fen nach Ab essinien. Es ist anzunehmen, daß diese Behauptung in Rom die richtige Ant­wort bereits gefunden hat, zumal Giornale d'Jtalia sich auf angeblich offiziöse Aeußerungen von italienischer Seite bezog. Die italienische Re­gierung weiß genau, welche Staaten die Liefe­rung von Waffen und Munition durch ihre Staatsangehörigen geduldet haben. Daß Deutschland nicht dabei ist, weiß man in Rom auch. Es besteht deshalb ein dringendes In­teresse daran, daß die italienische Regierung ihre Kenntnis über den Waffenhandel nach Abessinien öffentlich bekanntgibt. Sie müßte dabei aller­

begrüßen. Die Delegierten wurden dem Führer von Korpsführer Hühnlein vorgestellt, der kurz über die Aufgaben und die Bedeutung der AJACR. sprach.

Hierauf nahm der Führer das Wort und sprach von der wirtschaftlichen und kulturellen Be- deutung des Kraftfahrwesens, dessen Förderung sich gerade die Staatsfllhrung des neuen Deutsch­lands angelegen sein lasse. Er wies in diesem Zu­sammenhang aus den einzigartig dastehenden Bau der Reichsautobahnen hin, die auch für die Wirtschaft neue Wege in die Zukunft weisen. Die zunehmende Motorisierung werde nach seiner Auf­fassung eine völlig neue Entwicklung einleiten, die ihren sinnfälligsten Ausdruck darin finden dürfte, daß die Wirtschaft nicht mehr an die Gegeben­heiten des Massenverkehrs gebunden sei, sondern der Verkehr sich in Zukunft, in zweckmäßigerer und individuellerer Form der Wirtschaft anpassen werde. Die Erfindung des Automobils sei eines

der schönsten Geschenke an die Menschheit, weil es die Natur wieder von neuem erschließe und bei einer weiteren Fortentwicklung der Motorisierung des Verkehrs weitesten Volksschichten zugute kom- men würde. Wenn die AJACR. in vier bis fünf Jahren wiederum eine Tagung in Deutschland ab- halten werde, dann werde sie Gelegenheit haben, die umfassende Arbeit auf dem Gebiet des mo­dernen Autostraßenbaues und der weiterentwickel- ten deutschen Automobiltechnik in ihren Auswir- kungen kennenzulernen.

In dieser Zeit großer Umwälzungen werde auch das Automobil zu einem Werkzeug der Ueberwin­dung der Klassengegensätze werden. Der Kraft- fahrsport habe in seinen Spitzenleistungen die Marken abgesteckt für den breiten Strom einer umfassenden Motorisierung. Mit einem nochmali­gen Dank und dem Wunsch für eine erfolgreiche internationale Zusammenarbeit der Kraftfahrver- bände schloß der Führer seine Begrüßungs­ansprache.

Der Konflikt Jtalien-Abessinien

Englisch-französischer Schritt in Rom / Deutschland weift Lügen zurück

dings Namen von Staaten nennen, mit denen sie augenblicklich gerade in diplomatischen Verhand­lungen steht.

Die Sorge Frankreichs und auch einiger eng­lischer Zeitungen um Italiens Stellung im abessinischen Konflikt ist im übrigen nach einer in diplomatischen Kreisen weit verbreiteten Auf­fassung in erster Linie darauf zurückzuführen,

Ein «Krenzzwischensall

Berlin, 11. Mai.

Der tschechoslowakische Gesandte hat im Auf­trage seiner Regierung beim Auswärtigen Amt gegen die Verhaftung eines deutschen Emigranten protestiert, die am 27. April ds. Js. auf dem Erenzbahnhof Eisenstein und zwar nach tschecho­slowakischer Ansicht auf tschechoslowakischem Gebiet erfolgte. Dem Gesandten wurde weitere Unter­suchung des Vorfalles zugesagt, der sich nach den bisherigen deutschen Ermittlungen auf deutschem Boden abspielte.

Balkanpakt-Konferenz

Bukarest, 11. Mai.

Die Arbeiten der Bukarester Konferenz der Balkanpaktstaaten konzentrierten sich am Sonn­abend auf die Frage der Aufrüstung Bul­gariens in Verbindung mit der Auf­rüstung Ungarns und Oesterreichs und auf die Frage der Neuregelung der Lage im Donaubecken. Nach Mitteilungen aus Konferenz-

daß man eine Ablenkung Italiens nach Afrika nicht gern sieht. Man möchte lieber eine Bereitstellung Italiens in Europa haben, weil bei den geringsten militärischen Schwierigkeiten Mussolinis gegenüber Abessinien ein Großteil des mühsam aufgebauten diplo­matischen Gebäudes gegenüber Deutschland zu­sammenstürzen müßte.

kreisen stellten sich hierbei sämtliche Valkanpakt- staaten auf den Standpunkt, daß Italien durch sein Vorgehen im Donaubecken die diesbezügliche Entscheidung an sich gerissen habe und deswegen auch die Verantwortung für die Entwicklung der Beziehungen der Donaustaaten übernehmen müsse. Die italienisch-französische Einigung ermögliche es den Balkanpaktstaaten, sich dem Vorgehen Italiens anzuschließen, doch verständen sie die Verantwortung Italiens dahin, daß es auch die Garantie für die Aufrechterhaltung des stutus guo im Donauraum gemeinsam mit anderen interessierten Staaten übernehme.

2m weiteren Verlauf der Verhandlungen brachte Rüschtü Aras die Wünsche der Türkei wegen Aufhebung derEntmilitarisierung der Meerengen mit Nachdruck erneut vor. Es scheint nicht ganz ausgeschlossen, daß ein Aus­gleich zwischen den Meerengen-Wünschen der Türkei und den Wünschen Rumäniens und Süd- slawiens in der Habsburger Frage zustande kommt. Auch die Frage des Wirtschaftsverkehrs zwischen den vier Balkanpaktstaaten wurde näher behandelt.

Wagner über alles,

Von unserem römischen Korrespondenten Dr. Gustav Gberlekn

Rom, im Mai.

Er ist immer noch unser größter Botschafter: vor Wagner beugt sich der kaltschnäuzigste Kano- nenhändler, der gerissenste Diplomat, der un­freundlichste Politiker. Vielleicht kann nur der Ausländsdeutsche so ganz ermessen, erfühlen, was wir an dem musikalischen Kllnder unseres Wesens haben, denn erst im feindseligen Ausland begreift man seine grenzensprengende Kraft. Von ihm geht aus ein Leuchten eine menschen- und feuerzwin- gende Macht wie von Wotans heiligem Speer.

Es gibt überall in der Welt, die uns im Kriege gegenüberstand, Leute, die während der auch über die deutsche Musik verhängten Blockade schier ver­hungerten, die ohne Wagner nicht leben konnten und sich kümmerlich von Konserven nährten, den heimlich gespielten Schallplatte». Kaum schwieg der Lärm der Waffen, da erzwängen sich die Wagnernarren" allen Boykottversuchen zum Trotz den Weg nach Vayreuth, die Herren Kapellmeister in Paris sogar gehorchten ach, und wie gern sie gehorchten!

Und Nikisch zog nach Rom. Ich sehe ihn noch vor dem See am damals noch ungepflastertcn Bahnhofsplatz stehen, ein Wolkenbruch ging nieder und ich hatte den neuen Strohhut auf. Nikisch fand keine Furt, da hieß es halt durch, der Stroh­hut flatterte ihm als Signal entgegen, auf einem Seitenweg gelang es, den Maestro zu einer Droschke zu lotsen. Wie die Stimmung sei, fragte er. Besser als das Wetter, sagte ich, und sein durchdringender Blick verlor sich ungläubig in der molluskenhasten Masse, die in der Flohecke der Droschke schwabbelte: Strohhut wie Wagner, das schien ihm heute die gleiche Herausforderung.

Aber dann der Abend im Augusteum! Das Publikum war geladen mit Spannung, aus allen

Fingern sprühte es wie St. Elmsfeuer, die Wag- nerhungrigen verschlangen schon Tannhäuser mit förmlicher Eier. Und schließlich glomm es auf, das überirdische Leuchten, es zog Isoldes Liebes­tod durch das Mausoleum des Augustus da hielt es die Menschen nicht mehr, da sprangen sie auf, vergebens rangen Frontkämpfer mit den Tränen, harte Männer gruben die Fingernägel in die Handflächen, um nicht aufschreien zu müssen... und als die letzten Töne hinstarben wie das opale Licht eines Sonnenuntergangs auf dem Bodensee, als unermeßlich einherschritt das Seh­nen einer Menschenseele, da, ja da war es, als müsse nun der zweitausendjährige Bau einstürzen. Deutschland hatte gesiegt.

Und wieder herrscht unfreundliches Wetter in Italien; die Zeitungen, kontrapunktistisch gebun­den an das Pariser Leitmotiv, scheinen uns nicht verstehen zu wollen, sie ziehen wieder einmal in den Staub, was uns heilig ist. Sie verspotten den Wotan des Rings alsalten Nörgler", sie machen ein lächerliches Duell aus seiner letzten Begegnung mit Siegfried; sie tun sich etwas auf die überlegene lateinische Kultur. Macht auch das Volk dabei mit?

Nun, als die Oper in Turin kürzlich den Ring durchsetzte, mußte das Publikum durch Anschläge ersucht werden, das Beleuchten der Textbücher durch Taschenlampen während der Vorstellung zu unterlassen. So verbissen sich die Wagnerfreudi- gen in die Partitur!

Rom brachte dann in einer vollendeten Dar­stellung die Meistersinger heraus. Wer keinen Platz mehr errang, hing sich an den Rundfunk. Wer in Deutschland mithörte, weiß, wie die Be­geisterung durch das Haus hallte. Wäre der Fern­sehen schon da, so hätte man auf der allerhöchsten

Galerie reihenweise jungeFanatiker" sitzen ge­sehen, die, das Notenheft auf den Knien, den Kopf in den Händen vergraben, die Welt um sich ver­gaßen.

Das größte Musikereignis der Saison: Schluß­konzert des Augusteums. Niemand hätte etwas Ungewöhnliches dahinter gefunden, wenn es von den nationalen Musikheroen bestritten worden wäre; ist es ja doch auch guter Brauch, die Opern- saison stets mit einem nationalen Werk zu er­öffnen. Ungewöhnliches aber geschah: das Auguste­um hatte den Mut, die Saison mit einem Nur- Wagner-Konzert zu beschließen! Von allen Mauern schrien es die Plakate, von Münd zu Mund wurde die Sensation weitergetragen. Nur Wagner! In Rom! Im Augusteum!

Mehr noch: Molinari dirigierte, der römi­sche Nikisch. Und der Rundfunk wollte kein Ge­heimnis mehr daraus machen, er übertrug auf alle Landes- und viele ausländische Sender, unmittel­bar nach der Weihe von Lourdes. So hörte man um sechs Uhr dreißig nachmittags noch den Kardi­nal, eine Viertelstunde später den Fliegenden Holländer, schließlich Wotan. Und unter dem Fantasma des Wallkürenritts verließen die Men­schen summend und singend den Saal,

Da war keiner, der an einen alten Nörgler dachte, als der Gott schied von seinem Kinde. Da war nur ein einziger inbrünstiger Herzschlag, als das Mausoleum selber zu brennen schien in wa­bernder Lohe. lleberall sind Anschläge, die die Zu­hörer ermähnen, keinbis" zu verlangen, keine Wiederholung; jeder weiß es von Jugend auf, und doch, was vergißt man nicht alles bei einer solchen Musik, die Leute rasten vor' Verlangen: büs! büüüssü Da capo! Vüssss! Sie trommelten mit Fäusten und Füßen, Molinari blitzte weg wie eine Sternschnuppe, der sogleich eine andere folgte, folgen mußte; wäre Wagner selbst dagewesen, man hätte ihn in Stücke zerrissen vor Liebe und Be­geisterung.

Er ist immer noch unser größter Botschafter.

Llfons von Cfibulka

Ein deutscher

Als noch allein der Atem Gottes, der Wind, die Schiffe über die sieben Meere trieb, war es von Hamburg nach Südamerika eine weite Fahrt. Das bekam auch die kleine BriggDorothea" zu spü­ren, die nach Venezuela bestimmt war. Nach zwei Wochen lag sie erst vor der Insel Texel in Holland. Womit für den alten Windjammer die Reise zu Ende war. Den» vor Topp und Takel, ohne Segel und Ruder trieb die Brigg hilflos über die in den Dezemberstürmen brüllende See, auf die der durch schwarze Wolkenfetzen jagende Mond seinen ge­spenstischen Schein warf. Nicht einmal ein Vater­unser hätte man beten können zwischen dem gellen­den Ruf des Mannes im AusguckBrandung voraus" und dem Augenblick, in dem dieDoro­thea" zerschellt auf den Bänken vor Texel 'ag Es war noch ein Wunder, daß die Mannschaft nach einer furchtbaren Nacht heil die Küste erreichte.

»

Damit hatte auch der Kajütenjunge Heinrich Echliemann zum ersten Male ein bißchen Glück. Las war ihm nämlich bis dahin noch nicht widerfahren. Eine Kette von Mühsalen war seine Jugend gewesen; nur seine früheste Kinddheit hatte ein wenig Freude gekannt. Ja, das mecklen­burgische Dorf Ankershagen, wo der Vater Land­pfarrer war, war für einen rechten Jungen sogar ein Paradies. In dem Hause, das Heinrichs Eltern bewohnten, konnte man das Gruseln lernen: der frühere Pfarrherr ging dort um. Dem kleinen Eartenteiche, der den märchcnschönen, heimeligen Namendas Silberschälchen" trug. enstieg in Vollmondnächten «ine geheimnisvolle gespenstisch« Jungi.au. Am Dorfrand« erhob sich «in Hünen­grab, in dem der Sage nach das Kind eines Ritters

Feinspinner

Deutschland auf dem Weg der Ehre und des Rechts

"Bremen, 12. Mai.

Nach Tagen verhältnismäßiger Ruhe. er­warten wir in dieser Woche wieder verstärk­tes Pulsieren der außenpolitischen Strömun­gen. Nicht so sehr im Innern, wo der Reichs­tag vom Führer zu einer neuen Tagung be­rufen ist, als vielmehr außenpolitisch, wo neue Entwicklungen sich anzubahnen scheinen.

Herr Laval ist in Warschau gewesen und nun auf dem Wege nach Moskau begriffen. Hier wird man ihn vermutlich herzlicher empfangen als es in Polen geschah. Da hat man es natürlich an freundlichen Formali­täten auch nicht fehlen lassen; aber aus vollem Herzen konnte man dem französischen Gaste nicht zugeneigt sein, nachdem mit dem Abschluß des französtsch-sowjetrussischen Pak­tes Polen in eine verhängnisvolle Zwangs­lage gebracht worden ist.

Gegen wen richtet sich eigentlich dieser Pakt?" So fragte man sich in berechtigter Sorge in Warschau. Gegen Deutschland, ließ Frankreich nach Polen hin verlauten. Aber die polnischen Staatslenker sind schließlich keine politischen Kinder, die sich mit dem ohnehin stark abgeleierten Pariser Wgesang gegen Deutschland einlullen lassen. Klipp und klar stellten sie sich selbst und nun wohl auch so gelegentlich einmal an den franzö­sischen Gast die Frage, wie das denn eigentlich werden, soll, wenn Sowjetrußland in Erfüllung gegebener Bündnispflichten Frankreich zuliebe gegen Deutschland mar­schieren wollte? Rußland hat ja keine ge­meinsame Grenze mit Deutschland, und die in Warschau erkannte Möglichkeit, daß . in solchem Falle die russische Heereswalze sich über Polen legen könnte, um an die deutsche Grenze zu gelangen, löst in Warschau be­greifliches Unbehagen aus.

Polen als Aufmarschgebiet für die russi­schen Heere! In der Tat keine verlockende Aussicht sür einen Staat, der etwas aus seine Selbständigkeit und seine Ehre hält. Die Rolle Belgiens während des Weltkrieges verlangt Polen bestimmt nicht zu spielen. Ge­rade diese Rolle aber muß heute vor den erschreckten Augen Polens stehen, wenn es beobachtet, wie alle neu gebauten und noch im Bau befindlichen russischen Schienenwege auf die polnische Grenze hin- und dort aüs- laufen, wie viele, allzu viele Flughäfen der polnisch-russischen Grenze entlang in erster Linie doch Polen und in zweiter Linie erst Deutschland bedrohen. Wie bedrohlich aber diese Lage tatsächlich für Polen ist, dürfte vielleicht gerade Lavals Besuch in Warschau erwiesen haben, der man kann die Dinge drehen und deuten, wie man will einen französischen Druckversuch auf die pol­nische Unabhängigkeit darstellt und erreichen sollte, daß Polen, durch den französisch- sowjetrussischen Pakt bereits vor vollendete Tatsachen gestellt, sich den Verhältnissen fügen und dem Pakt mit Rußland sich an­zuschließen bereit fände.

Man kann nicht gerade sagen, daß die so in Warschau angesetzten Daumenschrauben der ohnehin sehr in der Ehre empfindsamen polnischen Volksseele Rechnung trugen. Ganz

Schatzgräber

in einer Wiege aus purem Golde ruhte. Die ver­fallene Burg, um deren düstere Mauern die Fle­dermäuse flatterten, hatte einst dem Henning Bra- denkirl gehört, wie das Volk den Raubritter Hen­ning von Holstein nannte, weil er einst einen Kuhhirten bei lebendigem Leibe in einer eisernen Pfanne gebraten haben soll.

Das Geheimnis, das um versunken« Mauern und Schätze webte, hatte es schon dem Buben an­getan. Begeistert hörte er dem Vater zu, wenn dieser von Herkulanum und Pompeji sprach oder von der mächtigen, blühenden Königsstadt Troja erzählte, von der nun kein Stein mehr künde. Und eines Tages tat der Zehnjährige einen Ausspruch, dessen Wahrheit er freilich erst vierzig Jahre später beweisen sollte:Vater, das kann ooch nicht sein, daß dieses Troja verschwunden ist. Solche Mauern können nicht untergehen. Sie sind wohl nur unter Schutt und Staub begraben." Der Pastor lachte und versuchte, dem Buben zu erklären, daß Troja und seine Helden doch nur Erfindungen des großen Dichters Homer wären. Doch das wollte der Junge nicht glauben. Da meinte der Vater schließlich:Schön, mein Junge, wenn du also mal groß sein wirst, wirst du Troja ausgraben." Selten ist ein« ungewollte Weissagung so seltsam in Erfüllung gegangen.

Vorerst aber brach alles Unheil über Schlie- manns Jugend herein. Die Mutter starb. Der Vater geriet in Not. Er mußte den Buben zu einem Bruder geben, der in einem anderen Orte Pfarrer war. Aber das half nur wenig. Schlie- mann konnte nur wenige Jahre die Mittelschule besuchen, dann mußte «r sich selbst sein Brot ver­dienen. Aber gerade er hat bewiesen, daß ein