Ausgabe 
(10.5.1935) Nr. 128
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vremer.

das amtliche Organ Ses Senats

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Nr. 128 / 3. Jahrgang

Freitag, 10 . Mai

Einzelpreis 15 Rps.

Neuer Erfolg der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik

Wieder H6SV00 Arbeitslose weniger

»

Besserung in allen Berufsgruppen trotz Verringerung der Zahl der Notftandsarbeiter

Unser Vagesspisgel

Im April konnten weitere 188 SÜD arbeits­lose Volksgenossen wieder in den Produk­tionsprozeh eingereiht werden. Reichserziehnngsminister Rüst erläßt neue Anordnungen zur Jugendertüchtigung.

In Berlin tagten die Landesstellenleiter des . Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.

, Die Termine für die Eröffnung der ersten Teilstrecke» der Reichsautobahnen sind nun­mehr festgesetzt.

Mussolini beschäftigt sich mit dem Gedanken einer italienischen Militärmission für Oester­reich.

Das Vremer Staatstheater hat R. E. Zim­mer, Kiel, als Kapellmeister verpflichtet.

Die Freundschasts-Fuhvallspiele zwischen Nie- dersachsen und Württemberg wurden abge­sagt.

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Der Führer

verleiht NettungsmedaMe

Berlin, 9. Mai.

Der Führer und Reichskanzler hat folgendes Telegramm an die Deutsche Gesellschaft zur Ret­tung Schiffbrüchiger gesandt:Der Besatzung des RettungsbootesKonsul Kleyenstueber" spreche ich zu der tapferen Rettungstat Dank und Anerken­nung aus. Gleichzeitig verleihe ich ihr die Ret­tungsmedaille am Bande, (gez.) Adolf Hitler."

Danktelegramm an den Führer

Berlin, 9. Mai.

Die türkischePresseabordnunghat an den Führer und Reichskanzler beim Ueberfliegen der deutschen Grenze das folgende Telegramm ge­richtet: Beim Ueberfliegen der deutschen Grenze "in einem deutschen Flugzeug entbieten wir dem großen Führer des befreundeten Volkes unsere tiefste Verehrung und Hochachtung. Die große Gastfreundschaft, vor allem aber der Empfang bei Euer Exzellenz während unserer lütägigen Deutsch­landreise wird uns in dankbarer Erinnerung blei­ben und zu den schönsten Erlebnissen unseres Le­bens zählen. Dem großen, edlen und fleißigen deutschen Volke wünschen wir von ganzem Herzen unter Ihrer zielbewußten Führung eine glückliche Zukunft und den Frieden.

Lanöesstellenleitel'-Xagung

Berlin, 9. Mai.

Donnerstag versammelten sich die Landesstellen- leiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin zu ihrer allmonatlichen Besprechung. LZormittags besichtigten sie die Bau­ten auf dem Tempelhofer Feld. Nachmittags sprach Reichsminister Dr. Goebbels vor den Landes- stellenleitern und Referenten über aktuelle Tages- probleme und ihre Auswirkung auf die Propa- ganda. Anschließend berichteten verschiedene Sach­bearbeiter des Ministeriums über ihr Aufgaben­gebiet. Abends fuhren die Landesstellenleiter zu einem Besuch der Reichsmarine nach Warnemünde.

FurtwänglerdirigiertinBayreuth

Berlin, 9. Mai.

Die Leitung der Bayreuther Bühnensestspiele gibt bekannt, dah Lei den Festspielen 1938 Wil­helm Furtwängler als Hauptdirigent mitwirkt.

Berlin, 9. Mai.

Die Frühjahrsbelebuug im Arbeitseinsatz hat sich, wie die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung mitteilt, im April fortgesetzt. Die Arbeitslosenzahl nahm um 188 999 ab. Damit liegt der Ende April erreichte Stand der Arbeitslosigkeit in Höhe von 2 231999 Arbeits­losen bereits um rund 39 999 unter dem im Ver­lauf der Arbeitsschlacht bisher erreichten gün­stigsten Stand vom Oktober des Vorjahres. Die inzwischen in Zugang gekommenen 83 999 Arbeits­losen des Saarlandes find hierbei eingerechnet.

Bedeutsam ist, daß dieses Ergebnis erzielt wer­den konnte, obwohl die Zahl der Notstandsarbeiter

planmäßig verringert wurde.. Im April ds. Js. waren nur 319 099 arbeitsuchende Volksgenossen bei Notstandsarbeiten'beschäftigt gegenüber 690 090 im Vorjahr.

Zur Wertung dieses Erfolges ist weiter zu be­rücksichtigen, daß in diesem Jahr im April ein gegenüber dem Durchschnitt der vorherigen Jahre weit stärkerer Jahrgang Jugendlicher indasBerufslebeneingetretenist. Ein solcher Zugang kann auf die Gestaltung des Ar­beitseinsatzes insgesamt nicht ohne Rückwirkung bleiben, um so mehr, als wiederum versucht wurde, den neuen Jahrgang möglichst weitgehend sofort in das Berufs- und Arbeitsleben einzureihen.

In der Verteilung der Arbeitslosigkeit auf die einzelnen Berufe, der Zu- und Abnahme in den­selben, kam das saisonmäßige Gepräge der Vor­monate nicht so stark zum Ausdruck. Die Abnahme der Arbeitslosigkeit war in den ausgesprochenen Saisongewerben, wie Bau- und Baunebengewerbe, Industrie der Steine und Erden und Verkehrsge­werbe zahlenmähig geringer und überragte die Be­wegung in den übrigen Berussgruppen verhältnis­mäßig nicht mehr so sehr. Insgesamt ging in den Außenberufen einschließlich der Landwirtschaft die Arveitslosenzahl um rund 199999, in den mehr konjunkturabhiingigen Berufen um 88 999 zurück.

Rechte und pflichten der Landesverteidigung

Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht durch die befreiende Tat des Führers am 16. März ist zunächst einmal nur der Grund­satz, daß jeder Deutsche wehrdienstpflichtig ist, festgestellt worden. In welcher Form und in welchem Umfang der einzelne Volks­genosse diesen Pflichten nachkommen soll und muß, wird erst durch das in der nächsten Zeit zu erlassende Wehrgesetz festgelegt werden.

In dem früheren monarchischen Privile­gienstaat war selbstverständlich die kasten­mäßige Gesellschaftsordnung auch auf die Wehrmacht übertragen. Sie hatte aber dann auch die Aufgabe, den Privilegienstaat als solchen und damit die Privilegien des einzel­nen zu schützen. Im nationalsozialistischen Volksstaat dient die Wehrmacht nicht mehr dem Schutze einzelner politischer Vorrechte und der Sicherung des Spielraumes einzelner abgegrenzter Kasten, sondern hier hat sie die alleinige Aufgabe der Verteidi- gungdes gemeinsamen deutschen Lebensraumes.

Aufgabe der Wehrverfassung muß es. daher sein, Volk, Staat und Wehrmacht zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschweißen, um damit zu erreichen, daß die Nation allen Bedrohungen gewachsen ist und in Ruhe und Sicherheit ihrer friedlichen Arbeit nachzu­gehen vermag. Das uns durch den Versailler Vertrag ausgezwungene Wehrsystem be­deutet, militärisch gesehen, einen Rückfall ins Mittelalter, in die Zeiten eines besonderen Wehrstandes. Ein derartiger Wehrftand, der den Kampf als eine besondere Berufs­verpflichtung auf sich genommen hat, ist aber mit dem Grundsatz des Verteidigungsrechtes aller Bewohner eines Lebensraumes niemals in Einklang zu bringen. Weiterhin ist aber dieses Wehrsystem für Deutschland nicht mehr tragbar gewesen, da es der Forderung nach der Sicherung des deutschen Lebensraumes nicht entsprechen kann, so lange die anderen Staaten Europas und oer Welt für ihre Wehrbereitschaft die gesamte und geschlossene Volkschaft einsetzen.

Die Grundlage der nationalsozialistischen Wehrethik ist der Selbstbehauptungswille des deutschen Volkes in der Welt. Hauptaufgabe der neuen Wehrverfassung muß es daher zu­nächst sein, alle psychologischen und mate- tiellen Fehlerquellen der Vergangenheit zu vermeiden und die soldatische Opfer­lei st ungsürden Staat und das Volk in dem richtigen Ausmaße zu würdigen. Die oeutsche Wehrver­fassung darf daher-nicht mehr wie früher das Kompromiß bürokratischer Erwägungen und etatmäßiger Schwierigkeiten sein, sondern sie muß als Ausdruck des nationalsozialistischen Willens das Werk soldatischer Politiker im wahrsten Sinne des Wortes werden. Die Wehrverfassung muß insbesondere alle die Fehlerquellen der Vergangenheit vermeiden» die geeignet sind, die innere Wehrbereitschaft und den Willen zur Landesverteidigung zu vermindern, die damit selbst eine Voraus­setzung des inneren und äußeren Zusammen- bruchs werden können. Gerade die Wehr­verfassung des Kaiserreiches hat auf Grund des Vorhandenseins zu großer Mängel der

Schlagadern des motorisierten Verkehrs

Generalinspektor;

(Vrabtberivbt unserer Lr. Verlin, 9. Mai.

Am 19. Mai erfolgt die Eröffnung der ersten Reichsautobahnstraße Frankfurt a. M.Darm­stadt mit 23 Kilometer Länge. Die Eröffnung der weiteren im Bau befindlichen Reichsautobahn­straßen wird nur noch zum Teil im Lause des Jahres 1935 möglich sein. Im Juni folgt die Strecke MünchenHolzkirchen mit einer Länge von 25 Kilometer als Teilstrecke der Autobahn MünchenLandesgrenze. 19 weitere Teilstrecke« werden mit einer Gesamtlänge von 359 Kilometer im Herbst 1935 eröffnet werden. Darunter befindet sich auch eine Teilstrecke auf der Reichs­autobahn Bremen Hamburg Lübeck.

Zur Eröffnung der ersten Straße der Reichs­autobahn wird eine Verordnung erscheinen über den Betrieb und Verkehr. Als Zusahrtswege dürfen nach dieser Verordnung nur die dafür bestimmten Anfahrten für die Reichsautobahn benutzt werden. Der Verkehr wird von motori­sierten Polizeistreifen überwacht. Soweit im Jahre 1935 Reichsautobahnen für den Verkehr freigegeben werden, sollen Gebühren nicht erhoben werden.

Der Generalinspektor für das deutsche Straßen- wesen Dr.-Jng. Todt sprach am Donnerstag vor der in- und ausländischen Presse über das Straßen- wesen im nationalsozialistischen Deutschland, ins­besondere über das Werden der Reichsautobahnen. Dabei führte er im einzelnen aus:

1599 Kilometer Neichsautobahnen sind im Bau, weitere 1599 Kilometer für den Bau freigegeben und für 2999 Kilometer werden die Pläne zurzeit bearbeitet. 18 Millionen Tagewerke wurden bis­her geleistet, 89 Millionen Kubikmeter Erdmassen

ladt über das Werben der

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in Bewegung gesetzt, 899 999 Kubikmeter Beton, 99 999 Kubikmeter Eisenbeton und 72 999 Tonnen Stahl und Eisen verarbeitet. Die Zahl der orts­ansässigen Arbeiter reichte nicht aus; aus den Großstädten, den Zentren der Arbeitslosigkeit, mußten etwa 18 999 Arbeiter herangezogen werden. 198 neue Barackenlager sind nach dem Muster des Arbeitsdienstes für ihre Unterbringung errichtet worden. Außerordentlich groß ist die Zahl der Brückenwerke.

Die Autobahnen werden für den motorisierten Verkehr künftig die Schlagaderntm eigent­lichen Sinne des Wortes sein; sie dienen in erster

Verschleppung der Memel-Wahlen

Landtagsneuwahl auf den 29. Sept. festgesetzt

Kowno, 9. Mai.

Wie die litauische Telegrafenagentur aus Memel meldet, hat der Gouverneur des Memel- gebietes zwei Erlasse herausgegeben, von denen einer die Legislaturperiode des bestehenden Land­tags für beendet erklärt, während der andere die Neuwahl für den 29. September festsetzt. Zur Festsetzung dieses Wahltermins erklärt die litauische Telegrafenagentur, daß dieser Zeitpunkt mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Landwirt­schaft gewählt worden sei.

Gegen die Hinausschiebung der Landtags­wahlen auf einen so späten Termin muß schärfster Einspruch erhoben werden. Die

Reichsautobahnen

Linie dem Weitverkehr. In Zukunft bestehen neben den Reichsautobahnen etwa 19 509 Kilo- meter Reichsstraßen und etwa 83090 Kilometer Landstraßen erster Ordnung.

Im übrigen schätzt der Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen die Ersparnis für den Autoverkehr bei der Benutzung der Reichsauto. bahn gegenüber den bisherigen Straßen infolge ge­ringeren Benzinverbrauchs, kürzerer Strecke, ge­ringeren Materialverschleißes, auf 39 Prozent. Die Reichsregierung behält sich vor, diese Ersparnis später in irgendeiner Form zur Abdeckung eines Teiles der Kosten der Reichsautobahnen einzu­ziehen.

kerndeutsche Bevölkerung des Memelgebiets hat ein Recht darauf, sofort ihrer poli­tischen Meinung Ausdruck zu geben. Die un­haltbaren, durch ununterbrochene Rechtsver­letzungen Litauens hervorgerufenen Zustände im autonomen Memelland müssen schnell­stens beseitigt werden. Jedenfalls werden sich die Garantiemächte des Memelstatuts nicht ihrer Pflicht entziehen können, eine Vorverlegung des Wahltermins zu veran­lassen. Im übrigen verrät die fadenscheinige Begründung zur Festsetzung des späten Wahl­termins nur Litauens schlechtes Gewissen.

Der Führer dankt Professor Grimm. Der Füh­rer und Reichskanzler empfing gestern den Rechts­anwalt Professor Dr. Friedrich Grimm, Mitglied des Reichstages, um ihm für die erfolgreiche Wahrnehmung der deutschen Interessen im Kairoer Juden-Prozeß seinen Dank auszusprechen.

Vom fröhlichenKhemifchenchausfreunö"

Kleine Geschichten aus dem Leben Äoh. Peter Hebels / Hu seinem l7S. Geburtstag am 11. Mai

Es ist wahrlich kein leichter und ebener Weg gewesen, der den armen Weberssohn I. P. Hebel zum Prälaten und zugleich zu einem der volks­tümlichsten deutschen Dichter führte. Seine Kind­heit war erfüllt von Armut, Sorge und früher Vrotarbeit in der Schmelzhütte seines Heimat­ortes Hausen im Schwarzwald. Frühzeitig starben beide Eltern, und aus eigener Kraft arbeitete der Jüngling sich über Schule und Studium zum Geistlichen empor. Doch in aller äußeren Not vermochte Hebel sich jene tiefe innere Heiterkeit zu erhalten, die ihm Kraft und Lebensmut gab und aus der auch sein dichterisches Schaffen emporstieg. Humor und Lebensfreude, die in sei­nen , Alemannischen Gedichten" und in den Anek­doten und Erzählungen desRheinischen Haus- sreundes" lebendig sind, bilden auch die Leit­linien und Richtkräfte seines Lebens.

Die Streiche seiner unsterblichen Gauner- gestalten Zundelheiner und Zundelfrieder zeugen von dem frohen Uebermut, mit dem Hebel in sei­ner Jugend allerlei ähnliche Streiche verübte. Da gab es in seinem Heimatort einen Feldschützen, einen grimmigen Mann, der keinen Spaß ver­stand und ein rechter Kinderschreck war. Einmal ging Hebel mit einem Schulkameraden von Hau­sen nach Schopfheim. Der andere war ein hoch­mütiger und aufgeblasener Bursche, der den jun­gen Hebel oft wegen seiner ärmlichen Kleidung verhöhnte. Als die beiden so über die Wiesen gingen, veranlaßte Hebel diesen ein wenig ein­fältigen Jungen, die Stellfallen, die zur Be­wässerung der Wiesen dienten, zu öffnen. So­gleich strömten große Wassermengen über die Wissen, und während der andere noch ganz ver­blüfft darüber dastand, erkletterte Hebel eilig einen hohen Baum denn schon nahte der

wütende Feldschütz, verprügelte den Missetäter und platzte fast vor Grimm, weil er Hebels höhni­sches Gelächter vernahm, aber den Baum nicht ersteigen konnte...

Weniger angenehm für Hebel lief ein anderer Schalkstreich aus. Der Lehrer Hebels, der Dorf­schulmeister von Hausen, war ein strenger Schul- tyrann, der den Stock nie aus der Hand legte. Einmal bekam die Schule eine neue Tür. Doch als der Lehrer das Schulzimmer betrat, war die schöne weiße Tür mit seinem eigenen Bilde be­malt, in Holzkohle ausgeführt. Das peinliche Verhör ergab die Täterschaft. Hebels. Und die darauffolgenden Prügel veranlaßten Hebel, die Hausener Schule zu verlassen und nach Schopf­heim in die Schule zu gehen.Doch hier kam ich vom Regen in die Traufe!" berichtet Hebel spä­ter,denn der Präzeptor in Schopfheim hat mich statt mit Peitschen, mit Skorpionen gezüchtigt".

Auch im Karlsruher Gymnasium fiel Hebel ein­mal in Ungnade, weil er einen Streber und An­geber dadurch bestrafte, daß er die Klinke seiner Zimmertllr so erhitzte, daß der Eintretende sich arg die Hand verbrannte . . .

Als junger Vikar in den freundlichen Schwarz­walddörfern gewann Peter Hebel durch sein hei­teres und offenes Wesen bald die Herzen der Landleute. Wenn er nach damaliger Sitte bei den Bauern reihum zum Mittagessen kam, so ent­schädigte er sie durch seine lustigen Schnurren.

In seinem 32. Lebensjahre wurde Hebel als Subdiakonos nach Karlsruhe berufen. Am Gym­nasium gab er nun Unterricht in Sprachen und Naturgeschichte. Noch hatte er seine Sturm- uns Drangzeit keineswegs ganz überwunden. Und unwiderstehlich zog es ihn auch immer wieder in seine schöne und oberländische Heimat. Mit zwei

Edelleuten unternahm er 1805 eine Reise nach Basel und Lörrach. In der linken Westentasche hatte er 20 Gulden, in der rechten ebensoviel seine Ersparnisse von dem knappen Gehalt. Doch als die Freunde gerade über den Zuger See fuhren, merkte Hebel, daß die rechte Tasche schon leer war. Da fuhr er schleunigst zurück, und die 20 Gulden reichten gerade für die Rückreise. Auch vor vergnügten Zechereien schreckte der junge Dia­konus keineswegs zurück. Als ch: mit zwei Prin­zen einmal in seinem Studierzimmer beim Wein saß, geschah hierbei freilich ein Unglück.Nachts um 10 Uhr" so erzählt Hebel,wurde eine Petarde losgebrannt, da rissen wir die Fenster­läden auf und machten zum Fenster hinaus Feuer­lärm, daß die halbe Stadt zusammenlief, weil wir den aufgehenden Mond für eine Feuersbrunst in der Waldhorngasse gehalten hatten. Aber nüchtern waren wir noch ziemlich."

Der Vstar illrr äsutsoksn OialsIit-OiLlitung

Ein großer Kreis geistig regsamer Menschen schloß sich in Karlsruhe um Hebel zusammen. Im Värenwirtshause kamen sie zusammen, sprachen über die Zeitläufte, die damals unruhiger wur­den, und unterhielten sich mit allerlei Rätseln und Scherzspielen. Eine Anzahl dieser von Hebel in schlaflosen Nächten erfundenen Rätsel und Scharaden ging später in seine Werke über. Als der Dichter Ludwig Tieck einmal in dem Gast- hause der Hebelschen Tafelrunde Aufenthalt nahm, wurde er mit diesen schwerenKopfnüssen" so lange bombardiert, bis er in ein anderes Wirts­haus. zog. Doch auch hier hörte er Hebels Rätsel, die in der ganzen Stadt in Umlauf waren. In diesem frohen und gemütlichen Kreise entstanden, geboren aus der Fabulierlust Hebels, seine Anek­doten und Geschichten, wie sie dann in seinem

Rheinischen Hausfreund" veröffentlicht wurden. Hier erhielt der Dichter auch seine schönstem An­regungen für die alemannischen Gedichte, die sei­nem Heimatdialekt deutsche Geltung verschafften.

Bei allem unbändigen Frohmut aber war Peter Hebel in seinem Beruf ein pflichttreuer und hochgeachteter Mann. Auf seiner letzten Dienstreise nach Mannheim, wo er die Prüfung der Lyzeen abhielt, durfte er noch einmal die Verehrung erleben, die ihm das Volk und die Jugend entgegenbrachten. Mit der Schuljugend fuhr er im Schiff über den Rhein, unterwegs be­gegnete ihnen ein anderes Schiff, festlich geschmückt mit jungen Menschen beladen, die den Dichter mit Gesang, Musik und Hochrufen begrüßten.Das ist der froheste Tag meines Lebens!" rief Hebel. Wenige Tage später ging er aus dieser Welt.

Max Äungnlckel

Von einer LLmderzeichnung verführt

Der alte Bürovorsteher hat einen Sohn, für den er gelebt hat, der der Inhalt seiner grauen Buch­stabentage war. Für diesen Sohn hat er gespart, für diesen Sohn hat er sich abgerackert. Er hat sich keinen Feiertag gegönnt: alles für diesen Sohn.

Der lernte gut. studierte Jura, wechselte von einer Fakultät in die andere, trank, hatte Lieb­schaften, warf das Studium beiseite, ging ins Vankfach, unterschlug eine hohe Summe, wurde bei Wein und Tanz verhaftet und saß lange Zeit im Gefängnis Der Alte verfluchte ihn.

Wer weiß, was er jetzt macht der Sohn? Der Alte weiß nicht einmal wo er jetzt ist. Der Büro­vorsteher ist grau und gebeugt vom Leichtsinn seines Kindes. Er lebt so feinen Tag hin Wer weiß, wie lange das noch dauert? Ach Gott, wenn morgen Feierabend wäre für immer! Dem

alten Bürovorsteher wäre es recht. Er hat seinen Jungen schon lange aus dem Herzen gerissen.

Aber da fand er gestern, in einem verblichenen Wirtschaftsbuch, das er gedankenlos durchblät­terte, ein Blatt mit dummen, einfältigen Kinder- zeichnungen: ungelenk, aber in jedem Strich die schnelle Kinderhand mit ihrer ganze» keuschen Zauberei. Eine Zeichnung von seinem Jungen, als er zwei Jahre zur Schule ging Der alte Bürovorsteher hat lange über der leichten Kinder­zauberei gesessen, hat fein junges, stolzes Vater­glück aus den hingekrakelten Linien zusammen­gelesen, lange, lange bis tief in die Nacht hin- ei». lind dann hat er das Blatt genommen und hat es in seinen Schreibsekretär geschlossen wie etwas ganz Kostbares Dem Jungen in der Fremde, der das Herz des Vaters zerrissen hat, müssen die Ohren geklungen haben