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NS.-Gauoerlag Weser-Ems E. m. v. H., Bremen, Am Eeeren 8—8 / Fernsprecher: Roland 628.
Nr. 127 / 3. Jahrgang
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Donnerstag. 9. Mai
Einzelpreis 12 Rps.
Vorbildliche Haltung des nationalsozialistischen Volizeikorps
Deutsche Polizei handelt soldatisch!
Generalleutnant Daluege über die Aufgaben der Feldjäger
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Der englische König hat an Adolf Hitler aus dessen Glückwunsch ein Danktelegramm gesandt.
Der Führer ist, von Süddeutschland kommend, wieder in Berlin eingetroffen.
Generalleutnant Daluege änderte sich im Rundfunk über die soldatische Haltung der deutschen Polizei.
Dr. Schweigart, Abteilungsleiter des Reichsnährstandes, legte in einem grundlegenden Referat die Aufgaben der Marktordnung dar.
Die Kleinhandelskammer zu Bremen hat gemeinsam mit der DAF. und den Parteidienststellen einen neuen kaufmännischen Lehrver- trag für den Einzelhandel geschaffen.
Auf Betriebsappellen in Bremerhaven sprach der Reichspropagandaleiter der DAF. Pg. Geiger zu den Seeleuten.
Durch die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wurden 13 Fischer aus Seenot gerettet.
Deutschlands Fugball-Nationalelf errang in Dortmund einen 3:1-Sieg über Irlands Ländermannschaft.
Der Führer wieder in Berlin
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Lr. Berlin, 8. Mai.
Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler ist am Mittwochabend kurz nach 8 Uhr nach einem Aufenthalt in Süddeutschland in Berlin wieder eingetroffen. Er wurde in der Wilhelmstraße, als er mit dem Wagen vor der Reichskanzlei vor- fuhr, von den zahlreichen Passanten mit großer Freude begrüßt.
„Für Zwecke der NGD2W."
Zu den Beurlaubungen von Behördenangestellten
(Oisdtdsriodt äussrer Lsrliusr Lodriktlsituug)
Lr. Berlin, 8. Mai.
Der Reichs- und Preußische Innenminister hat die Bestimmungen über Beurlaubungen von Beamten, Behördenangestellten und Arbeitern für Zwecke der NSDAP. dahin geändert, daß auch Angestellte und Arbeiter zu den Kursen unter Fort- zahlung der vollen Bezüge zu beurlauben sind. Gleichzeitig kündigt der Minister ein« Neufassung der Richtlinien für die Beurlaubung für Zwecke der NSDAP. an.
Beamtenstellen für alte Kämpfer
Berlin, 8. Mai.
Der Führer und Reichskanzler hat angeordnet, daß im Rechnungsjahr 1935 von den im Dienste des Reiches, der Länder und Gemeinden sowie der Körperschaften des öffentlichen Rechts freiwerdenden planmäßigen Beamtenstellen des unteren und des einfachen mittleren Dienstes 10 v. H. mit solchen für die betreffende Laufbahn geeigneten Nationalsozialisten zu besetzen sind, die bis zum 11. September 1930 ihren Eintritt in die Partei erklärt haben.
Der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg wird in den nächsten Tagen in Florenz mit Mussolini zusammentreffen.
Berlin, 8. Mai.
Der Befehlshaber der deutschen Polizei, Generalleutnant der Landespolizei Daluege, machte am Mittwochabend über den Deutschland- sender als Abschluß eines Funkberichtes über die Arbeit der deutschen Polizei bemerkenswerte Ausführungen. Zur neuen inneren und äußeren Ee- samthaltung der deutschen Polizei führte Generalleutnant Daluege aus:
„Das soldatische Denken «nd Fühlen läßt sich in der neuen Polizei des nationalsozialistischen Staates nicht mehr verleugnen. Wenn der Angehörige des deutschen Polizeikorps auch Beamter ist, so wird und muß er sich immer als Soldat fühlen. Das verlangt der Dienst von ihm. Jeder Volksgenosse soll sich im klaren darüber sein, im Polizeibeamten in erster Linie einem Manne gegenüberzustehen, der gehorchen, aber auch gerecht und wenn es sein muß, unbeeinflußt streng zu handeln gelernt hat.
Es gab zwar früher Zeiten, in denen der „Schutzmann" sich nur dann den nötigen Respekt
London, 8. Mai.
Im Unterhaus wurden am Mittwoch mehrere außenpolitisch« Fragen zur Sprache gebracht. Außenminister Sir John Simon erwiderte auf eine Anfrage über den Stand derLuftverHandlungen: „Die Angelegenheit wird keineswegs vernachlässigt. Ich möchte jedoch zurzeit keine weitere Erklärung darüber abgeben."
Der Abgeordnete Sir Williams Davidson bat den ersten Lord der Admiralität um eine Versicherung, daß die gegenwärtige Flottenstärhe Englands „angesichts der kiirzlichen Ereignisse in Deutschland" nicht weiter gemäß dem Vertrag von London verringert werde. Sir Vyros Monsell erwiderte, die öffentliche Erörterung dieser Frage sei unerwünscht, aber er habe sich seit langem ausführlich mit ihr beschäftigt.
Weiter teilte Sir John Simon mit, er glaube, daß der italienisch-abessinische Konflikt in diesem Monat vor den Völkerbund kommen werde. Eine andere Anfrage über die politische Lage in Tanger beantwortete Sir John Simon dahin, daß die englische Regierung mit dem gegenwärtigen Zustand in Tanger unzufrieden sei, daher würden zurzeit Schritte unternommen, um an die anderen Unterzeichnerstaaten der Konvention von 1923 Aber die Organisation des Tanger- Statuts heranzutreten.
Angesichts der Mutmaßungen über den Verlauf der zurzeit in London stattfindenden außenpolitischen Besprechungen zwischen dem eng- lischen Kabinett und dem Mini st er-
zu verschaffen glaubte, wenn er über einen mächtigen Schnauzbart, einen beträchtlichen Leibesumfang und eine grimmige Amtsmiene verfügte. Wir kennen diese komische Gestalt aus den Witzblättern der Vorkriegszeit zur Genüge und, ohne die Verdienste der alten Schutzmannschaft schmälern zu wollen, muß ich erklären, daß es unser ganzes Bestreben ist, im Gegensatz dazu unsere heutige Polizei innerlich jung und elastisch zu erhalten. Jeder einzelne der uniformierten Polizei der staatlichen Exekutive muß in seinem Innern und Aeutzeren llniformträger im wahrsten Sinne des Wortes sein.
Es gibt genug Mittel und Wege hierzu. Auch der Sport nimmt in der polizeilichen Ausbildung einen immer größeren Raum ein. Und wenn sich heute die neue innere und äußere Haltung unserer Polizei bereits in den ersten. Umrissen auszuprägen beginnt, so kann ich ohne Ueberhebung sagen, daß in absehbarer Zeit das Bild sich vervollständigt und das deutsche Volt über ein« Polizei verfügt, die ein Vorbild in der Welt sein wird!"
Zur Eingliederung des Feldjägerkorps stellte Daluege fest: „Es ist klar, daß niemand von diesen alten Kämpfern der Bewegung verlangen kann, daß sie das Wissen und Können mitbringen, das sich ein Polizeibeamter im Laufe von Jahren angeeignet hat. Ohne Zweifel sind die Schwierigkeiten, die auf die Kameraden vom Feldjägerkorps warten, groß. Das, was der Polizeibeamte in jahrelanger praktischer Tätigkeit gelernt hat, wird jetzt vom Feldjägerkorps in verhältnismäßig kurzer Zeit verlangt. Aber ich habe die Erfahrung und bin der festen Ueberzeugung, daß die Männer des Feldjägerkorps es leisten werden, genau wie Tausende und aber Tausende von alten Kämpfern, die seit 1933 in aste Zweige der Polizei eingegliedert worden sind.
Es ist nicht beabsichtigt, die Feldjäger im Einzeldienst auf der Straße einzusetzen. Melipehr ist vorgesehen, das Feldjägerkorps in verstärktem Maße für die motorisierte Straßenpolizei einzusetzen. Wir haben hierin bereits mit den jungen tadellos erzogenen, äußerst beweglichen Kräften des Feldjägerkorps die besten Erfahrungen.
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lr.blü. Die Landstraße als Zufluchtsstätte des heimatlosen Arbeitssuchenden war unter den Systemregierungen im Laufe der Jahre zu einer Dauererscheinung geworden, die man als angeblich notwendiges Uebel hinzunehmen hatte und bestenfalls, auf dem Wege über die Wandererfürsorge, in ihren schlimmsten Auswirkungen mildern konnte. Erst die Vorkämpfer und Vertreter des nationalsozialistischen Staates sahen hier von der Ebene der Volksgemeinschaft aus ein sozialpolitisches Problem, dessen Lösung für sie trotz erheblicher volkswirtschaftlicher und juristischer Sck>wierigkeiten durchaus im Bereich des Möglichen lag. Sie sahen auf der Landstraße nicht allein die asozialen, ihre Not nur vortäuschenden Bettler, die moralisch entarteten Landstreicher und die der Polizei entschlüpften verbrecherischen Elemente; sie sahen vor allem den aus innerer und äußerer Not wandernden Arbeitslosen, den in der Großstadt brotlos gewordenen Jugendlichen, den nach gelegentlicher Beschäftigung Ausschau haltenden Industriearbeiter — also den entwurzelten, vom natürlichen Wandertrieb besessenen brauchbaren Volksgenossen. Mit anderen Worten: Den schuldlosen, von hartem Schicksal angepackten Menschen der Landstraße wendete sich mehr und mehr das Interesse des nationalsozialistischen Gesetzgebers zu.
Da wurde zunächst der Uebelstand in seiner ganzen Realität ins Auge gefaßt, und zwar ging es vor Inangriffnahme praktischer Re- formardeiten an eine kritische Untersuchung der Berufsgliederung der Wandernden. Hierbei kam man zu ebenso überraschenden wie bedenklichen Feststellungen. Zum Beispiel: Waren im letzten Jahrzehnt vor Kriegsausbruch mehr als die Hälfte aller Wandernden Handwerker, so bezifferte sich nach einer bayerischen Statistik der Anteil des Handwerkerstandes L934 nur noch' auf 25 Prozent. Und der ungelernte Arbeiter, 1913 mit 4 Prozent unter den Wanderern vertreten, stellte 1934 einen noch stärkeren Anteil als der Handwerker. Auch der kaufmännische Angestellte erhöhte seinen Prozentsatz fast um das Vierfache. Hinsichtlich der Altersgliederung standen, einer Erhebung vom 10. Dezember 1934 zufolge, die Personen zwischen 20 und 30 Jahren bis' zuletzt bet weitem an der Spitze.
Die Wurzeln des hier skizzierten sozialen Uebels gehen bis in die Vorkriegszeit zurück. Die Jahre, in denen sich in Deutschland die Umbildung vom Agrarstaat zum Industriestaat vollzog, waren zugleich die folgenschweren Jahre der Landflucht und der Großstadt-Uebervölkerung. Die Bedeutung des Bauerntums als Blut- und Kraftquelle der Nation wurde von keiner amtlichen Stelle, die der verhängnisvollen Entwicklung ohne Mißachtung wirtschaftlicher Notwendigkeiten hätte Emhalt bieten können, erkannt. Die gesetzlich nicht befriedigend geregelte Beschäftigung Jugendlicher, unter dem zusammengebrochenen Wirtschaftssystem fast nur dem schrankenlosen Egoismus profitgieriger Unternehmer zugutekommend, mußte dem Stand des ungelernten Arbeiters neuen Zuwachs bringen.
Englisches Kabinett «nd Dominien
Macdonald: Keine Aenderung der gegenwärtigen Verantwortlichkeit
Präsidenten der Dominien sah sich Ministerpräsident Macdonald veranlaßt, im Unterhaus eine Erklärung abzugeben.
Der Ministerpräsident wies auf die in einigen Morgenzeitungen veröffentlichten Berichte hin, wonach man vereinbart habe, daß die englische Regierung in Zukunft schnelle außenpolitische Entscheidungen treffen könne, ohne vorher mit den Dominien Rücksprache zu nehmen. Es sei äußerst bedauerlich, daß in einer für das Vertrauen und die Verständigung im englischen Weltreich so wichtigen Frage derartige völlig unbegründete und schädliche Behauptungen aufgestellt würden. Es sei gänzlich unwahr, daß eine Aenderung der gegenwärtigen Verantwortlichkeit
13 Fischer aus Seenot geborgen
Bei schwerem Nordoststurm mit Hagelböen und grober See gelang es am 8. Mai dem Doppel- schrauben-Motorrettungsboot „Konsul Kleyen- stüber", Station Pillau der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, in zwei Rettungsfahrten dreizehn Fischer von vier sinkenden Fahrzeugen glücklich zu bergen.
Es handelt sich um kleine Fahrzeuge, die dem Lachsfang in der Danziger Bucht nachgingen und die Sturmwarnung nicht rechtzeitig erhalten hatten. Drei dieser Fischerboote gerieten in Seenot. Ein Fahrzeug vertrieb bis Leba und kenterte dort. Die drei Mann Besatzung ertranken.
und außenpolitischen Verpflichtungen der Dominien erörtert oder erwogen worden sei.
Die fraglichen Klauseln lauten wie folgt: „Jede in Verhandlungen stehende Regierung Seiner Majestät soll die anderen Regierungen Seiner Majestät, falls diese interessiert sind, unterrichten und ihnen Gelegenheit zur Mitteilung ihrer Ansichten geben, wenn sie glauben, daß ihre Interessen berührt werden können. Jede Regierung Seiner Ma- jestät sollte nach Erhalt solcher Informationen irgendwelche Ansichten mit angemessener Schnellig- keit äußern. Keine der Regierungen kann irgend- welche Schritte tun, die die anderen Regierungen Seiner Majestät in irgendwelche aktive Verpflichtungen ohne deren endgültige Zustimmung verwickeln könnte."
- Dem Rettungsboot glückte es, die Besatzungen der ersten drei Fahrzeuge 7 Meilen südwestlich' von Pillau an Bord zu nehmen und die Fahrzeuge einzuschleppen. Um 8 Uhr erfolgte ein neuer Alarm, worauf Rettungsboot „Konsul Kleyenstüber" erneut in See ging. Außer den vorher geretteten zehn Mann wurden jetzt drei weitere Fischer trotz schwerer Erundsee und Brandung an Bord genommen und ihr Fahrzeug eingeschleppt.
Die Zahl der geretteten Menschenleben ist nunmehr auf 5589 seit Bestehen der Gesellschaft angestiegen. Im Jahre 1935 gelang es bisher, 20 Schiffbrüchige der See zu entreißen.
Vruno Vrehm
Der heilige Reigen
An den Frühling mit Lotte
Line Geschichte um den Ehemann Schüler / Von Llbert Winter
Mit den weißen Schneeglöckchen hebt das Lied an, noch befangen von winterlicher Blässe, duftlos, leise, eine stille Weise vor Morgengrauen. Ein Stück Himmel fällt auf die Erde, zerflattert in das braune Laub, Leberblümchen erheben ihr Haupt. Vom Wegrain her weht Veilchenduft und an sonnigen Hängen atmet der Seidelbast die gefährliche Süße der Erde aus.
Nun erschließen die Marillenbäume ihre Knospen, Pfirsich- und Mandelblüten stehen als Voten einer schöneren Welt, umwölkt von Abendglühen, in den braunen Weinbergen. In den weißen Trauben der überreichen Kirschbäume wiederholt das Summen der Bienen den Gesang der Engel des Himmels in irdischem Nachhall. Nun wachen die Apfelblllten mit rotwangigen Knabengesichtern auf und die bleichen Mädchenwangen der Birnblüte ersehnen das milde Licht des Mondes.
Der Flieder wächst, der Gast aus dem Fernen Osten, das Geschenk der Liebenden und die Lockung der Gärten. Die weißen Kastanien entzünden ihre Kerzen und die roten brennen vor Leben.
Jetzt fließt das Jahr über in taumelnder Lust, der Mensch legt die Hände in den Schoß und kann sich vor Schönheit nicht fassen. Wie es wächst, wie es die braunen, die verblaßten, schneegebleichten Räume füllt, wo erst vor kurzem die Veilchen scheu am Wegrand geduftet und die Leberblümchen mit blauen Augen wie ein Kind, das sich auf die Zehen stellen muß, um über den Tisch der Großen zu blicken, in die noch wartenden Wälder geäugt haben.
Aber nun hat sich das Jahr schon selbst an den gedeckten Tisch gesetzt, sein Haar fällt ihm in die Stirn, seine blanken Augen leuchten und Wolken-
schatten verdunkeln und erhellen im Kommen und Gehen das Antlitz.
In den Gärten erzählen japanische Zierkirschen und blühende Magnolien von der Schönheit fremder Länder, aber sie schwätzen zu laut, mit zu großen Worten für unser stilles Land, wir hören sie gern an, finden ein wenig Prahlerei dabei und wenden uns wieder unseren bienenumsummten stilleren Bäumen zu.
An den Wiesenrändern sitzen Kinder — und meine drei sind auch dabei —, flechten aus den hohlen Stengeln des Löwenzahnes Ketten, und es werden die leichtesten, lieblichsten Ketten, mit denen jemals ihre Hände gefesselt sein werden. In den Wäldern stecken die Nadelbäume ihre grünen Lichter auf, an den abgeholzten Hängen blüht die Erdbeere, und damit das Leben nicht gar zu schön sei, stehen die bösen Brennesseln daneben und versprechen, im Sommer die roten Früchte zu schützen. Schlehdornduft weht auf und verrät in betäubender Süße verhaltene Lust. Ungeduld greift nach unserem Herzen, das Jahr hebt uns hoch und trägt uns mit sich hoch oben auf seinen kräftigen Armen. Schon suchen wir Erdbeeren, wir finden soviele, daß sie abends vor dem Einschlafen uns immer wieder vor den Augen vorbei- rollen, rotes Kügelchen um rotes Kllgelchen, wie sie uns aus dem Grün entgegengeleuchtet haben Wir steigen auf den Kirschbaum, essen die dunklen, festen Herzkirschen und schnippen zwischen den blauen Fingern die Kerne davon. Wir kosten die säuerlichen Weichseln — vergeht mir nur die gute, dunkle Erde da unten nicht, die alte, die treue, die uns dies alles geschenkt hat.
Schon reifen die ersten Sommeräpfel, noch ohne Festigkeit, noch ein wenig wässerig, als hätten sie
nur den brennenden Durst in den heißen Tagen zu stillen, die Rosen entfalten sich, der Jasmin erwartet den Abend und die erste Nachtigall läßt dich nicht schlafen. Aber des Morgens wartet schon der Wegwart deiner mit treuen blauen Augen, und wenn du mittags den gleichen Weg zurückgehst, sind all die Blüten schon verwelkt und verschwunden. Aus den Wäldern steigt, wenn der Wind weht, der Rauch, die Wolken der Samen ziehen über sie hin und hoch oben im Gebirge beginnt mit leuchtenden Primeln und weißen Narzissen ein zweiter Frühling. Du kannst Sommer und Frühling mischen, du kannst noch einen Hauch des Winters dazu tun, wenn du aus dem Sommer in den Frühling wanderst und am Rande des Winters Rast hältst, du darfst so erkennen, daß immer alles zugleich ist, daß nichts vergeht, daß es nur eine Wanderschaft, ein Weiterziehen ist.
Wir wollen noch nicht von Herbst und vom Winter reden; denn unser aller Frühling in diesen Zeiten war sturmbewegt, zu vielen von uns haben die Bienen nicht kommen können, wir warten noch, wir wissen, daß sie kommen müssen.
Wir waren alle ein wenig blind in diesen Jahren, verstockt und trotzig, grollend gegen das Schicksal, wir haben es nicht gewagt, die Erde so schön zu finden, wie sie es wirklich ist. Hinter all dem Benzin und Blech der Zeit aber wartet sie noch immer auf uns, sie hat uns, ihre klügsten und auch dümmsten Kinder, nicht vergessen.
Denkt nur, ein Kirschzweig klopft an mein Fenster. Und in der Nacht, da wir schlafen, kommt der Mond und leuchtet in die Blüten. Die Welt ruht nicht, sie wächst, sie blüht, sie will geerntet sein. Und wenn sie uns so die Jahre abschmeichelt, eins um das andere, und uns für jedes immer mehr silberne Fäden durch das Haar zieht, gib hin deine Jahre, gib sie hin, deine Kinder wachsen im Schlaf und träumen in der Nacht, wie du geträumt hast von Veilchen und Erdbeeren, von leeren Schneckenhäusern und vom Ruf des Kuckucks in den grünüberhauchten Wäldern.
„I mag so was nit höre, das weischt doch, Lotte!" Schiller sprach schwäbisch, denn es war ausgemacht zwischen ihnen: wenn seiner Meinung nicht mehr widersprochen werden durfte, gab er sie in seiner Heimatsprache kund. Da er Widerspruch selten vertrug, sprach er fast immer schwäbisch: besonders, wenn er gerade mit einer Arbeit beschäftigt war, die seine Eedankenkraft beanspruchte.
Aber heute hielt sich Charlotte nicht an die Abrede. „Du sitzt doch jede Woche zweimal drüben", beharrte sie . . . „Schließlich bleibt doch etwas hängen von dem Gerede; wir haben ja am Ende auch wegen der Kinder aufzupassen!"
„Na, wenn die Bälger nur sonst nix schlecht's höre! Was die Klatschweiber vo Weimar über d' Vulpius. sage, das werde die Kinder scho noch verdaue in ihrem reine Herze. Tu dich abhalte von dem Geschwätz, Lotte — das ischt alles dem Eeheimrat sei Sach, nit die unsere."
Er ging in seine Schreibkammer, Lotte in die Küche. Sie war böse auf den Fritz. Er wollte nicht hören, daß man in ganz Weimar von den Besuchen sprach, die sogar während des Geheim- rats Krankheit zu Christine kamen. Junge Männer ...
Der Fritz aber setzte sich an den Schreibtisch und blickte düster vor sich hin. Ekelhaftes Treppen- geschwätz das — und seine Lotte immer fleißig mitten darin in dem Haufen nichtsnutziger Klatschbasen. Das konnte ihn zur Verzweiflung treiben. Seinetwegen hockten die übrigen Frauenzimmer den ganzen Tag mit-der Stallmeisterin der Stein, zusammen und machten sich über die Vulpius her.' Der eifersüchtigen Frau konnte man manches zugute halten — aber was, in Dreiteufelsnamen,
was ging es seine Lotte an, wer bei Goethes aus und ein ging?
Schiller redete sich selbst in schwarze Seelenver- finsterung hinein. Ehemisere und Alltagsnot, das Stocken der poetischen Ader und der ewige Husten — oh, er war herzlich gern bereit, alles der Lotte in die Schuhe zu schieben Dichter sollten nicht heiraten . . .
. . . Als er wieder einmal bei dieser Weinstubenweisheit angekommen war, lachte er auch schon über sie. Solche Phrasen könnten dichtende Bengel aussprechen, aber nicht er, er, der für den Ernst und die Ordnung, für die Unerschütterlich- keit ewiger Gesetze zu bürgen hatte mit seinem Werk und mit seinem Leben. Verdammt nochmal, was war man denn gewesen, ehe man Lottes lockenden Mund zum erstenmal geküßt, ihr unschuldiges Herz zum erstenmal an der eigenen, zerrissenen Brust hatte schlagen hören? Ein armer Luftikus, ein Literat mit einem Ruhm, der bei Studenten und Lebensfreibeutern etwas galt, aber nicht vor Männern. Ein armer, seinen Sinnen und Stimmungen ausgelieferter Bursche war man gewesen, den es weder bei der.Kchwan, der Mannheimer Buchhändlerin, noch bei der Kalb, dieser verflucht herrlichen Frau, gehalten hatte. Ein junger Poet. der jedem Weiberrock nachschauen mutzte, tagelang in Schwermut verfiel, wenn so eine Demoiselle lieber mit Dalbergs Schranzen als mit ihm, dem linkischen und mund- schweren Kerl, tanzte, der nach jeder Quadrille das Vallgespräch auf ewige Menschheitsfragen brachte, statt Süßholz zu raspeln. Das war er gewesen, jawohl! Und man mußte schon gar nichts laugen, wenn man das alles vergessen und der Lotte ihre kleinen Frauenschwächen so hoch an-