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Bremer Zeitung erscheint täglich (auch Montags). Monatsbezug: RM. 2.80 einschi. 80 Rps. Zustellunasaebükr- durch die Post RM. 2.3V einschi. Ueberweisungsgebühr. aussäst Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu' entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz NS.-Eauverlag Weser-Ems G. m. b. H„ Bremen, Am Eeeren K—8 / Fernsprecher: Roland 825.
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Nr. 126 / 3. Jahrgang
Mittwoch, 8. Mai
Einzelpreis is Nps.
Unser lagesspiegel
Im englischen Oberhaus nahmen mehrere Redner gegen die Ratsentschließung des Völkerbundes vom 1K. April Stellung.
Auf Anordnung Mussolinis werden weitere italienische Truppeneinheiten mobilisiert.
Die Reichsregierung hat beschlossen, bis zu zwei Millionen Mark für neue Aufgaben des Deutschen Museums zur Verfügung zu stellen.
2n Berlin wurde das erste deutsche Luftreise- biiro eröffnet.
Kreisleiter Blanke übergab die Ausstellung der NS.-Frauenschast „Wir sichern Deine Ernährung" der Öffentlichkeit.
Das Schwergewicht in der Hochseefischerei verschiebt sich mehr und mehr aus den Heriugssang.
Die 2.B.U. hat Max Baer den Weltmeister- schafts-Titel abgesprochen.
Italien mobilisiert weiter
Rom, 7. Mai
Die „Agenzia Stefani" veröffentlicht eine Verlautbarung, in der erklärt wird, die Ergreifung weiterer Vorsichtsmaßnahmen zur Sicherung der ostafrikanischen Kolonien Italiens sei durch gewisse Tatsachen unerläßlich geworden. Als derartige Tatsachen werden von Stefani aufgeführt: 1. Daß von bestimmten „einwandfrei festgestellten" europäischen Waffenfabriken bemerkenswert groß« Waffensendungen nach Addis Abeba expediert worden seien; 2. daß die abessinische Regierung Mobilisierungsmaßnahmen getroffen habe; 3. die Rede, die der Kaiser von Abessinien vor einiger Zeit gehalten hat.
Mobilisiert werden infolgedessen auf Anordnung Mussolinis die Division Sabauda de Cagliari der Armee und die beiden ersten Divisionen der Schwarzhemden. Die beiden Milizdivisionrn tragen die Namen „23. März" und „28. Oktober". Fernerhin wurden noch einzelne Schwarzhemdenbataillone mobilisiert, nämlich die von Palermo, Cuneo, Ravenna und Forli.
MiMonen-Kl'edit für Rußland
Prag, 7. Mai.
Unter dem Vorsitz des Finanzministers Dr. Trapl fanden am Dienstag zwischen Vertretern der Sowjetgesandtschast einerseits und Vertretern des Bank- und Jndustriekonsortiums andererseits Verhandlungen über einen Kredit an die Sowjetunion in Höhe von 259 Millionen Kronen statt. Der Kredit wird zum Wareneinkauf in der Tschechoslowakei verwandt werden.
Wachsendes Verständnis Englands für die Haltung Deutschlands
Oberbaus gegen Völkefbunösrat
Ein Antrag „im Interesse von Wahrheit und Gerechtigkeit"
London,?. Mai.
2m englischen Oberhaus sand am Dienstag eine durch einen Antrag Lord Dickinsons eingeleitete Aussprache über die gegen Deutschland gerichtete Entschließung des Völkerbundsrates vom 1K. April statt. Der Antrag lautete: Das Oberhaus bedauert die Annahme der dritten Schlußfolgerung der Ratsentschließung, da sie geeignet ist, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den europäischen Nationen in einem Augenblick zu unterstreichen, wo alles getan werden sollte, um eine freundschaftliche Zusammenarbeit zustande zu bringen. Das Oberhaus ersucht die Regierung, im Benehmen mit den andere» Mächten die Verhandlungen mit Deutschland aus einer Linie wiederaufzunehmen, die für das deutsche Volk annehmbar ist und einen dauerhaften Frieden in Europa sichern wird.
Lord Dickinsons erklärte zur Begründung feines Antrages zunächst, daß er nicht notwendigerweise eine Abstimmung herbeizuführen wünsche, sondern
er suche hauptsächlich Gelegenheit zu einer Erörterung über einen Abschnitt der laufenden Verhandlungen. Die Lage in Europa fei ernst. Wenn auch vielleicht nicht von einer unmittelbaren Kriegsdrohung gesprochen werden könne, so kehre Europa doch zu einer Vorkriegsatmo- sphäre zurück, die unvermeidlich zum Konflikt führen müsse, wenn sich nicht alle Völker der zivi- Werten Welt zu einer Abwehrmaßnahme zusammenschlössen. Im Laufe der Zeit habe sich herausgestellt, daß der Völkerbund selbst die ihm gestellten Ziele nicht alle erreichen könne. Die neue Generation in Deutschland fühle sich für den Krieg nicht verantwortlich und wisse nicht, warum sie für die Handlungen einer Regierung leiden solle, von der sie sich seit langem selbst befreit habe. Diese llebcrlegung müsse angestellt werden, wenn man sich mit Deutschland beschäftige. Das sei bisher nicht ausreichend geschehen.
Nach den Erfahrungen, die Deutschland im Völkerbund und auf der Abrüstungskonferenz gemacht
habe, sei es nicht überraschend, daß das deutsche Volk im Völkerbund eine Einrichtung sehe, die sich seinen Wünschen in jeder Beziehung widersetze. Aus diesem Grunde habe man Hitler Beifall gespendet, als er den Austritt Deutschlands erklärte. Wenn die anderen europäischen Mächte Deutschland in Versailles so behandelt hätten wie die Engländer die Buren, würde Europa wahrscheinlich schon wieder auf dem Wege zum Wohlstand sein.
Auf allen Seiten höre man sagen, daß man den Deutschen nicht trauen könne. Er, der Redner, wage zu sagen, daß man zwar nicht allen Deutschen vertrauen könne, aber es sei absurd, zu sagen, daß die gesamte deutsche Nation nicht ihr Wort halten werde, und es sei närrisch bei der Eröffnung von Verhandlungen gleich zu sagen, daß man nicht beabsichtige, sich auf etwaige Versprechungen zu verlassen. Die Deutschen sähen den Versailler Vertrag in einem ganz anderen Licht als die Engländer. (Fortsetzung auf Seite 2.)
Das kommende deutsche Gtrasrecht
Weitgehender Schutz für Volk und staatliche Ordnung
(vraktberiebt unserer Berliner Svbriktlvituug)
Litauen will Flugplätze bauen. Das Kownoer Innenministerium richtet an die litauischen Städte und ländlichen Selbstverwaltungen eine Anfrage, ob diese in der Lage seien, geeignete Bodenflächen für die Errichtung von Flugplätzen zur Verfügung zu stellen.
Chinesische Freischiirler im Vormarsch. In Ehina bedrohen 1200 Freischiirler nach Einnahme pon Hsialitscheng die Hauptstadt der Provinz Dschehol, aus der viele Einwohner bereits geflüchtet sind.
lir. Berlin, 7. Mai.
Die im Auftrage des Führers und Reichskanzlers eingesetzte amtliche Kommission für das neue deutsche Strafrecht, die unter dem Vorsitz des Reichsministers Dr. Gürtner tagte, hat den Bericht über den besonderen Teil des neuen Strafgesetzbuches fertiggestellt. In einer überdie Arbeiten der Strafrechtskommission herausgegebenen Broschüre wird die Hoffnung ausgesprochen, daß in absehbarer Zeit das ganze Gesetz der Reichsregie- vung zur Beschlußfassung vorgelegt werden kann.
Im ersten Aufsatz der Broschüre behandelt Staatssekretär Dr. Freisler den Aufbau des besonderen Teils des Strafgesetzbuches und erklärt, die strafbaren Handlungen seien in vier Gruppen eingeteilt: Schutz des Volkes, Schutz der Vol'ksführung und staatlichen Ordnung, Schutz des Volksgutes und Schutz des einzelnen Volksgenossen. Im kommenden Recht wird der Richter zu prüfen haben, ob ihm die zweite Rechtserkenntnisquelle, die gesunde Volksanschauung, nicht Veranlassung gibt, den Täter zu verurteilen.
Bei den Abschnitten Hoch-, Landes- und Volksverrat ist im wesentlichen der Inhalt des Gesetzes vom 24. April 1934 übernommen. Neu geschaffen ist der Abschnitt Volksverrat mit einer Vorschrift zum Schutze gegen Volksverleumdung. Weiter sollen die großen Vertreter des deutschen Volkes in der Vergangenheit strafrechtlichen Schutz gegen eine Beschimpfung oder Verächtlichmachung erhalten. Die Kommission
hat auch für die böswillige Herabwürdigung der Taten der deutschen Volksheere oder des Heldentodes der deutschen Soldaten eine Strafvorschrift: vorgesehen und weiter nationale Denkmäler, Symbole, Ehrenzeichen usw. vor der Beschimpfung geschützt. Ein besonderer Abschnitt stellt die Angriffe auf die Wehrmacht unter Strafe. In dem Abschnitt über die Religionsdelikte und die Störung der Totenruhe werden die christlichen Religionen und alle Religionen, soweit sie mit deutschem Empfinden zu vereinbaren sind, geschützt.
Weiter sind Strafbestimmungen zum Schutze von Ehe und Familie in einem besonderen Abschnitt zusammengefaßt mit einem Schutze der Ehe und der Mutterschaft vor Beschimpfung sowie mit Strafbestimmungen gegen das Verlassen von Schwangeren. Der Ehebruch bleibt strafbar; es ist aber neu vorgesehen, daß das Gericht bei Ehebruch von Strafen absehen kann, wenn zur Zeit der Tat die häusliche Gemeinschaft der Ehegatten aufgehoben war. Neu ist die Vorschrift gegen Nötigung wirtschaftlich Abhängiger zur Unzucht. Der Schutz der Jugend ist ausgebaut. Eine weitere Vorschrift betrifft die geschlechtliche Irreleitung der Jugend.
Der Abschnitt über Schutz der Volks - führung enthält Bestimmungen über Strafen gegen Angriffe auf die politische Führung. An der Spitze steht das Verbrechen der Tötung des Führers und Reichskanzlers, das mit der absoluten
Todesstrafe bedroht wird. Das neue Strafgesetzbuch enthält weiter Bestimmungen über den Schutz der Bewegung. Neu sind Bestimmungen gegen Angriffe auf die Reinheit der Amtsführung. Grundsätzlich muh auch der fehlerhafte Staatsakt beachtet werden. Nur gegen solche Amtshandlungen, die aus dem Rahmen der sachlichen Zuständigkeit völlig herausfallen oder grobe Willkürakte sind, ist Widerstand möglich und gerechtfertigt. Völlig neu ist der Abschnitt „Angriffe auf die Arbeitskraft". Zunächst wird die Arbeitskraft des einzelnen geschützt, darüber hinaus wurden auch Bestimmungen über den Schutz der gesamten Arbeitskraft des Volkes geschaffen.
Bei dem Abschnitt der Tötung sind die Vorschriften über Mord und Totschlag völlig umgestaltet. Der Mord wird als die besonders verwerfliche Tötung bezeichnet. Auch Tötung aus Mordlust oder Habgier mittels Feuer oder Gift zu dem Zwecke, ein anderes Verbrechen zu ermöglichen, wird als Mord bestraft, während Totschlag nur angenommen wird, wenn der Täter durch eine heftige Gemütsbewegung zu der Tat sich hat hinreißen lassen. Scharf wird Abtreibung künftig bestraft werden.
Unter den weiteren Bestimmungen über Freiheitsberaubung fällt die Vorschrift gegen Frauenraub auf, welche die Selbstbestimmung der Frau schützen soll. Eine wichtige Neuerung auf dem Gebiete der Vermögensverbrechen ist die Aufnahme des Tatbestandes des Treuebruchs an Stelle der bisherigen Untreue.
Nationalsozialistische
Steuerpolitik
In Eisenach veranstaltet das Reichsfinanzministerium gegenwärtig eine fachwissenfchaft- liche Woche, auf der Staatssekretär Reinhardt eine Rede über die Auslegung der Steuergesetze nach nationalsozialistischer Weltanschauung hielt, die wir in folgenden Ausführungen wiedergeben:
Der Staat ist die gesetzliche Verkörperung der Gesamtheit aller Volksgenossen, der aber- nach nationalsozialistischer Auffassung nicht um seiner selbst oder bestimmter Personen oder Jnteressenten- gruppen willen da ist, sondern einzig und allein des seiner Führung anvertrauten Volkes wegen. Führung, Form und Gesetze des Staates müßen unter allen Umständen den Belangen der Volksgemeinschaft entsprechen. Nationalsozialismus ist der gemeinsame Nenner, auf dem wahrer Nationalismus und wahrer Sozialismus sich finden, und der den Begriff der Volksgemeinschaft in sich schließt. Der Schlüssel zum Erfolg im Kampfe um die Gestaltung der Dinge der Nation und eines jeden einzelnen ist die unbedingte soziale Gerechtigkeit in der Regelung der Beziehungen der Volksgenossen zueinander und zum lKtaat. Soziale Zufriedenheit der Arbeiterschaft ist elementare Voraussetzung für die Volksgemeinschaft, ist der felsige Grund, auf dem allein nur die Nation blühen und gedeihen kann.
Der Nationalsozialismus in seiner letzten Schlußfolgerung ist der Kamps um das Lebensrecht d e r Nation. Und im Kampf um das Lebensecht der Nation steht an erster Stelle die Pflicht und immer wieder die Pflicht. Aus diesen Grunderkenntnissen der nationalsozialistischen Weltanschauung ergeben sich für die nationalsozialistische Steuerpolitik bestimmte Leitsätze, deren höchster lautet: Ohne Steuern kein Staat, ohne Staat keine Daseins- undEnt- Wicklungsmöglichkeit des einzelnen. Steuerzahlen heißt nicht Opfer bringen, sondern einzig und allein: seine Pflicht tun, die die Natur dem einzelnen um seiner selbst willen auferlegt und deren Merkmale durch die Gesetze des Staates geregelt sind. Es hat Ehrensache eines jeden Volksgenossen zu sein, Steuern zu zahlen, durch Besserung seiner Verhältnisse zu größerer steuerlicher Leistungsfähigkeit zu gelangen, seine Einkünfte, sein Vermögen und die sonstigen Besteuerungsmerkmale vollständig und durch die vorgeschriebenen Steuererklärungen einwandfrei so anzugeben, daß sie zu keinerlei Beanstandungen führen. Eine große Erziehungsarbeit wird deshalb notwendig sein.
Die Liste der säumigen Steuerzahler wird erstmals im Frühjahr 1936 aufgestellt werden; doch wird das Wesen der Stundungsmöglichkeit durch diese Maßnahme in keiner Weise berührt. Soweit begründete Stundungen gewährt werden, fällt die Voraussetzung für die Aufnahme in diese Liste fort. Wenn Volksgenossen ihre steuerlichen Pflichten nicht erfüllt haben, soll künftig eine Berufung In den Beirat des Finanzamtes ausgeschlossen sein. Aufträge öffentlich-rechtlicher Körperschaften von 5999 Mark aufwärts werden nur noch an solche Volksgenossen erteilt, die eine Bescheinigung des Finanzamtes vorlegen können, daß für die Er
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Apiel im Herzogsfchloß
Das älteste deutsche Theater lebt wieder auf / Von Dr. L. Hartmann
Lustig zwinkert die Frühlingssonne dem alten Heidhügel zu. Der weiß sich vor Staunen schier nicht zu lassen. Soviel Leben und Treiben hat er seit Jahrhunderten nicht gesehen. Zwar — zu seinen Füßen das markttägliche Gewese, das kennt er schon. Da breiten die stämmigen Heidjer die Erstlinge ihrer Gärten aus. Treuherzige Veilchen winken verschämt. Blütenzweige und junges Laub wispern. Tomaten leuchten. Es mutz sich schon lohnen, all diese Dinge, obgleich sie alljährlich wiederkehren, in die Strahlenfalle einzufan- gsn — taucht doch unablässig, bald hier, bald da jener schmale dunkle Kopf mit den lebhaften braunen Augen auf, die durch die Mattscheibe der Kamera blicken, über die Verkaufsstände hinweg den Hügel hinauf, wo das alte Herzogsschlotz thront. Darf ich übrigens bekannt machen: Kurt Hielscher ist es, der Vielgereiste, der in Deutschland, in Oesterreich, in Spanien, in Mexiko und überall auf der Welt, wo sich die Schönheit der Landschaft mit dem Schaffen der Menschenhand vermählt, Schätze sammelt und Schätze verschenkt.
Also etwas mehr mutz es schon sein, was diesen Schönheitssucher hergetrieben hat, als dieser Markttag vor dem Herzogsschloß von Celle. Die Feste selbst ist es. Gemächlich pilgern wir den Hügel hinan. War die Beute heute groß? „Aber gewiß", kommt die fröhliche Antwort, „299 Aufnahmen waren es bis jetzt." Ja, da staunt selbst der Fachmann!
Lärmender noch als draußen auf dem Marktplatz ist es drinnen im Schloßhofe, in den Gängen und Gemächern der alten Burg. Verwundert blicken die 1ö9 Fenster drein. Zwar die muntere Frühlingssonne liegt noch immer warm und hell auf der ehrwürdigen Sonnenuhr, deren Zeiger
schatten sich der Mittagsstunde nähert. Und aus dem Dunkel blickt uns das vertraute Sachsenroß an, das zwischen den heraldischen Zeichen des Hirschgeweihs und den emporgereckten Klauen da- hinsprengt. Aber sonst . . . Ein wüster Lärm tobt auf dem Schloßhofe. Nervige Fäuste schwingen den Hammer. Knirschend gräbt sich das Stemmeisen in den zähen Stamm. Der Lenzwind spielt mutwillig mit dem Staub von Bauschutt und Mörtelgemisch.
Was ist in dieses alte Schloß gefahren? Jahrhundertelang hat es von der prunkvollen Zeit geträumt, da die Welfenherzöge hier Hof hielten. „Sehen Sie, lieber Landsmann, in diesem mächtigen Turm war damals, vor drei Jahrhunderten etwa, die fürstliche Wache", erklärt uns der freundliche Führer. „2a, es war ein wehrhaftes Geschlecht. Der Dreißigjährige Krieg konnte die Burg nicht zerstören. Heute allerdings sind die mächtigen Erdwälle abgetragen. Aber das Wässerchen, was Sie da am Fuße des Hügels sehen, das ist noch der alte Graben, der dem Feinde den Zutritt wehrte. Und wo heute die Heidjer ihre Veilchen verkaufen, da standen vorzeiten die Mar- ställe, und geharnischte Reiter sprengten auf der Stechbahn mit gefällter Lanze gegeneinander.
Ja. so hat sich alles geändert. Die Welt steht eben nicht still. Und war schon früher so. Sehen Sie, dieser Flügel, den wir jetzt betreten, steht auf den Grundmauern eines Bergfrieds. Aber schon vor 259 Jahren — es stimmt fast auf den Tag genau — errichtete der Herzog hier ein Theater. Und das ist dann das älteste deutsche Theater gewesen."
Das älteste deutsche Theater! Hier also sind zum ersten Male Komödianten über eine deutsche
Bühne geschritten? „Jawohl", bestätigt der Kundige, „und dieses Theater wird Mitte Mai zu neuem Leben erwachen. Die Handwerker, die hier in Hof und Hallen munter schaffen, stehen gerade im Begriff, die Bühne, den Zuschauerraum, die Wandelgänge, die Empfangssäle wieder instand- zusetzen."
Fröhlicher Lärm ringsum. Man möchte sich bisweilen die Ohren zuhalten. Wir drücken uns vorsichtig an geschwungenen Hämmern vorbei. Den frischgetünchten Wänden bleiben wir tunlichst fern. — „Sehen Sie, dies war das Schlafzimmer der Herzogin. Das ist dann zum Empfangsraum für die Theaterbesucher geworden. Diese Stuhlreihen mit dem roten Plüsch werden genau so erneuert, wie sie damals aussahen. Und der schöne alte Stuck an den Wänden, die geschwungenen Ornamente und die kraftvollen Frauenbilder — das alles bleibt natürlich. Betrachten Sie ferner diese leuchtenden Gemälde — und hier ist nun die Bühne mit dem Zuschauerraum. Lauter Einzelkabinen, keine Reihen mit Klappsitzen, kein Amphitheater, sondern Ränge übereinander. Im ganzen etwa 499 Plätze. Vor allem dort: Die weltbedeutenden Bretter."
Ach, wie ist das alles gemütvoll und anheimelnd! Denn wenn auch alle Verbesserungen eingefügt werden, die vom heutigen Standpunkt — hinsichtlich Feuersgefahr beispielsweise — unerläßlich sind, so wird doch das von den Vätern Ueberkommene tunlichst geschont und wiederhergestellt.
Aber was sind das für ehrwürdige alte Leitern auf den beiden Seiten der Bühne? Auch der Kundige lächelt. „Ja, da sind einst die Männer hinaufgestiegen, die man heute Beleuchtungstechniker nennt. Sie haben alle die Wachskerzen oder Oellämpchen anzünden müssen, die sich in langer Reihe neben der Leiter hinaufziehen. Und wenn' man das Licht dämpfen wollte, dann drehte man dieses schmale Holz vor die ängstlich flackernden
Stllmpfchen, worauf die Bühne ins Dunkel versank."
Wer denkt da nicht an den guten alten William Shakespeare, der eins seiner Szenenbilder mit einer einzigen Kulisse schmückte: „Dies soll eine Wiese sein!"
Marianne von Gellhorn
Wir lächeln. Aber groß und erhebend, von ernster und doch froher Eindringlichkeit ist der Gedanke, daß auch durch dieses alte Schloß der Atem des Dritten Reiches braust und den jahrhundertealten Staub von dem ehrwürdigen Kulturgut fegt.
Von Elisabeth bis Elisabeth
Kein Mensch wußte vor der Taufe, wie das Kind genannt werden sollte ... es war ein Geheimnis.
Deshalb staunten auch alle so, als der Pastor die Hände hob und sagte: „Ich taufe dich auf den Namen Elisabeth."
Man hatte mindestens Adelaide, Kunigunde oder sonst etwas Ausgefallenes erwartet ... und nun hieß das Kind ganz einfach Elisabeth. So schön „Elisabeth" klang . . ., lieber Himmel, es war immerhin ein Allerweltsname.
Die Kleine gedieh prächtig und freute sich über Lieschen.
Wie Lieschen lallte . . . Lieschen lachte . . .
Mit sechs Jahren kam sie zur Schule und jeden Morgen sah man „Liese" mit Wagenden und fliegenden Zöpfen vorbeistrolchen . . . immer Dummheiten im Kopf, immer lustig, immer vergnügt.
Wenn in der Schule irgend etwas ausgefressen war . . . wer hatte die Hand im Spiel gehabt? . . . Liese . . . Liese . . . immer Liese!
Sie wurde größer, saß in den höheren Klassen und es kam die Zeit der Tanzstunde.
Wer war die Hübscheste, die Keckste?
„Lisa."
Für wen schwärmten die Herren Primaner?... für „Lisa".
Wer tanzte am besten? „Lisa."
Dann kam der Abschied von der kleinen Stadt, Lisa kam in Pension. „Liesbeth" nannte man sie
hier, und ihre neue Freundin, wenn sie besonders lieb zu ihr sein wollte, sagte „Vetty".
Auch diese Jahre entschwanden.
Nun war sie erwachsen und Fräulein „Li" ging auf die Bälle.
Man sprach von der schönen „Li", ihren Talenten, ihren Flirts, ihren Verehrern und . . . ihren Bewerbern.
Ja, Fräulein Li spielte eine Rolle.
Und es kam ein Tag . . ., ein wundervoller Junitag, da stand sie, Seligkeit im Herzen und mit ihrem Auserwählten vor dem Standesbeamten. Der fragte kurz und sachlich: „Wie heißen Sie?"
Fast hätte sie „Li" geantwortet. Aber sie sagte doch ganz richtig: „Elisabeth Böhmer".
Elisabeth . .. Elisabeth, dieser schöne Name, von dem nie ein Mensch Gebrauch gemacht hatte, seit dem Tauftage, als der Pastor die Hände hob und ihn aussprach zu aller Verwunderung.
Und wieder wurde er eingetragen in das wichtige Buch . . . genau wie damals . . . „Elisabeth".
Die anderen Namen aber tanzten hin und her vor ihren Augen.
Lieschen . . . Liese . . Lisa . . . Liesbeth . . . Betty,. . Li.
Am Anfang und am Ende aber stand der Name „Elisabeth".
Aber einer nannte sie von jetzt ab so . . . das war ... der junge Ehemann.