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Nr. 123 / 3. Jahrgang
Sonntag, 5. Mai
Einzelpreis is Nps.
Erhebliche Störung des Friedens durch Frankreich und Sowjet-Rußland
Loramo-Pflichten verletzt
Die militärischen Grundlagen des Paktes Paris-Moökau / Gegen Deutschland
Unror logsrapiogsl
In Berlin sieht man die Auswirkungen des Paktes Paris-Moskau als sehr ernst an. Der sranzöfische Lustsahrtminister wird am 8. Mai in Rom wegen eines französisch-ita- lienischen Lustpaktes verhandeln.
Die Memel-Signatarstaaten find mit der Antwort Litauens auf ihren Protest wegen der Verletzung des Memelstatuts nicht zufrieden.
Die Steuereinnahme» des Deutsche» Reiches haben den Voranschlag für das abgelaufene Haushaltsjahr wesentlich Lbertrossen.
Im Zeichen des motorisierten Verkehrs ist eine erhebliche Steigerung des Absatzes von Kraftfahrzeugen zu verzeichnen.
Bei den großen Nordseehäfen zeigte sich eine ungleichmäßige Entwicklung des Seeschiffsverkehrs.
I» der Bremer Kampfbahn wurde Werder von Fortuna Düsseldorf 2:1 geschlagen.
Ein durch Selbstentzündung entstandenes Feuer zerstörte gestern einen Schuppen auf dem Werftgelände der AE. Weser.
Der Führer dankt
Berlin, 4. Mai.
Auf das Telegramm, das die Leitung des Norddeutschen Lloyd anläßlich der Probefahrt der „Scharnhorst" an den Führer und Reichskanzler gerichtet hat, hat dieser wie folgt geantwortet:
.Laben Sie vielen Dank für die Meldung von der erfolgreichen Probefahrt des Schnelldampfers „Scharnhorst". Ich wünsche diesem neuen Schiff des Norddeutschen Lloyd allezeit glückliche Fahrt zur Förderung deutscher Seegeltung. Ihnen selbst wie Kapitän und Besatzung des Schiffes herzliche Grütze. Adolf Hitler.«
Reichstreubund tagt
Saarbrücken, 4. Mai.
In Anwesenheit vieler Vertreter der Behörden, insbesondere des Reichswehrministeriums und der übrigen Militärdienststellen, Vertretern der SA., SS., PO. und sonstigen Gliederungen der Partei, wurde am Sonnabend in Saarbrücken die FLh - rertagung des Reichstreubundes er- öffnet. Der Präsident des Bundes, Staatsrat Schwede, Gauleiter und Oberpräsident von Pommern, nahm auf der Arbeitstagung eingehend Stellung zu den das deutsche Volk berührenden wichtigen politischen Fragen.
Jubelnde Zustimmung fand er mit der Erklärung, daß ein deutscher Soldatenbund auf der Grundlage des Reichstreubundes im Entstehen begriffen sei, der allein berechtigt sein werde, die aus der neuen Wehrmacht ausgeschiedenen und ausscheidenden Soldaten ohne Rücksicht auf Dienstgrad und Dienstzeit aufzunehmen. In diesem Soldatenbunde werde die Erfüllung soldatischer Pflichten in soldatischer Treue im Vordergrund zu stehen haben.
Den Reichstreubund werde niemand dazu drin- gen, von seiner geraden und klaren Linie abzuweichen. Diese Linie sei: Enges Zusammenwirken mit der aktiven Truppe und den Militärdienststellen, treue Gefolgschaft auch der ehemaligen Soldaten ihrem Reichswehrminister gegenüber, der das unbegrenzte Vertrauen des obersten Befehlshabers besitze.
Icr. Berlin, 4. Mai.
In Berliner diplomatischen Kreisen wird der sowjetrussisch-französifche Beistandspakt wie folgt beurteilt: Das entscheidende Stück des Vertrages ist die Bestimmung, wonach Frankreich und Sowjet- Rußland sich sofortigen gegenseitigen Beistand für den Fall zusagen, daß ein einstimmiger Beschluß des Völkerbundsrates bei einem Konflikt nicht zu- standekommt. Frankreich und Sowjet-Rußland haben sich in der Praxis verpflichtet, daß der eine oder der andere Staat die Einstimmigkeit im Völkerbundsrat verhindert, wenn einer von beiden Gegenstand eines Konfliktes ist. Auf diese Weise werden Frankreich und Sowjet-Rußland auch wenn sie einen Angriff hervorgerufen haben, eine Entscheidung des Völkerbundsrats gegen sich stets verhindern.
Paris, 3. Mai.
„Nieder mit den Verleumdern!" — „Herr Du- pont ist ein Lügner und Betrüger!" — „Die Bestochenen haben zu schweigen!" — „Schluß mit den falschen Versprechungen!" — so und ähnlich steht es in schreienden Lettern an 10.740 Holztafeln gedruckt und geschrieben, die während des Wahlkampfes auf den Plätzen und an allen Straßenecken von Paris aufgestellt sind. Neunzig Stadtratssitze sind in der Hauptstadt neu zu besetzen. 1074 Bewerber haben sich in den zuständigen Polizeikommissariaten gemeldet. Jedem Bewerber hat die Behörde zehn Holztafeln zur Verfügung zu stellen. Das macht zusammen 10 740 Holztafeln, auf denen die einzelnen Kandidaten ihre Werbeplakate anzubringen haben.
In den Wahl-Versammlungen geht es meist hoch her. Beschimpfungen, Anzüglichkeiten und Verleumdungen sind die gebräuchlichsten Waffen. Wochenlang bezeichnen sich die Bewerber jedes Wahlbezirkes gegenseitig als betrügerisch, bestochen und verkauft. Eine besondere Rolle spielt der W ah l a g e n t. Er soll dem Kandidaten die Wähler durch materielle Beeinflussung oder gewisse Kniffe zutreiben. Aus der Zeit des Sta- wisky-Skandals weiß man, daß diese Wahlagenten sich vielfach aus gemeinen Verbrechern rekrutieren. Oft haben sie als bestellte und gut abgerichtete Gegenkandidaten aufzutreten.
Insgesamt wird am 5. und 12. Mai in über 38 000 Städten und Gemeinden von ganz Frankreich gewählt. Nach dem französischen Städte-
Sodann ist festzustellen, daß die Verpflichtungen Frankreichs aus dem Locarno-Bertrag praktisch verletzt sind. Der englische Außenminister hat, worauf man von deutscher Seite noch sehr nachdrücklich verweisen wird, im Unterhaus eine irresührende Darstellung über die Rückwirkung des sowjetrus- sisch-franzöfischen Paktes auf die Locarno-Verträge gegeben. England hat in Wahrheit schon jetzt die Verpflichtung, als Garantiemacht des Locarno- Paktes Frankreich auf die Gefahren des franzö- sisch-sowjetrussischen Paktes, soweit Deutschland in Betracht kommt, hinzuweisen. Denn Deutschland ist nach dem übereinstimmenden Urteil der französischen Presse der Staat, gegen den sich der Pakt fast allein richten soll.
Dieser Tatsache entsprechen die bekanntgewordenen militäri's chen Grundlagen der
Vereinbarung. Sie bestehen einmal in der Heranziehung der Tschechoslowakei, die SO Flugplätze für sowjetrussische Fluggeschwader errichten wird. Weiter ergibt sich die militärische Grundlage des Vertrages aus den Bemühungen Sowjet-Rußlands, eine Anleihe von 5 Milliarden Franken für den Ausbau der strategischen Eisenbahnen nach dem Westen zu von Frankreich zu erlangen.
Man sieht die Auswirkungen des sranzösisch- sorvjetrusfischen Paktes für den Frieden Europas in Berlin sehr ernst an und wird nicht verfehlen, bei weiteren Erörterungen über die Niistungssra- gen und bei der Zurückweisung der gegen Deutschland gerichteten falschen Vorwürfe diese Störung des allgemeinen Friedens durch Frankreich und Sowjet-Rußland mit gebührender Deutlichkeit herauszustellen.
Nach der Unterzeichnung des Paktes Paris—Moskau
K.IM. In den letzten Tagen beherrschten drei wichtige rüstungspolitische Ereignisse das Feld der Außenpolitik: General der Flieger Hermann Göring machte vor der Auslandspresse die bedeutsame Mitteilung, daß die deutsche Reichsluftwaffe bereits nach dem jetzigen Stand ihres Aufbaues keinen Angreifer zu fürchten braucht; im englischen Unterhaus rückte der britische Ministerpräsident Macdonald von seiner vorangegangenen schroffen Erklärung gegenüber Deutschland nur taktisch ab, und in Paris wurde der sowjet-russisch-französische Beistandspakt unterzeichnet. Um sogleich den letzteren einer kritischen Betrachtung zu unterwerfen: man wird nach aufmerksamem Studium des Vertragstextes, auch wenn er nicht alle äußeren Merkmale eines regelrechten Kriegspaktes im Sinne der vor- kriegsmäßigen Bindungen zwischen Paris und Moskau ausweist, doch von einem verschleierten Militärbündnis sprechen können. Es ist zwar nur vom gemeinsamem Vorgehen gegen einen Angreifer die Rede; wie schwer es aber ist, die Grenzen zwischen einem „nicht herausgeforderten Angriff und einer „aktiven Verteidigungsmaßnahme" zu ziehen, hat die Völkerrechtspraxis zur Genüge bewiesen. Der Vertragstext enthält auch sonst einige gefährliche Unklarheiten, was sogar das Pariser Blatt „Oeuvre" zugeben muß, Unklarheiten, die durch das dem Pakt beigefügte Protokoll nicht beseitigt werden.
Ob der im Hintergrund triumphierende Sieger im sowjetrusftsch-sranzösischen Rennen, Staatsminister Herrrot, seinem Lande wirklich einen guten Dienst erwiesen hat, als er Außenminister Laval immer wieder zur Schließung der seltsamen „Vernunftehe" zwischen dem kapitalistischen Frankreich und dem bolschewistischen Rußland trieb, wird allerdings erst die Zukunft lehren. Ueber die wirklichen Absichten Stalins und Litwinows wird der sowjetrussische Botschafter in Paris, Potemkin, sich nicht geäußert haben, wohl aber enthüllt sie der bolschewistische Journalist Radek, indem er in der Moskauer „Prawda" feststellt: „Ein durch die kapitalistischen Staaten beschlossener Krieg wird nur mit der Weltrevolution enden können." Nicht weniger deutlich betonte kürzlich der Leiter der Komintern, Manuilski: „Pakte sind Blödsinn! Nicht die Diplomatie, sondern die kommunistische Propaganda muß das Wort haben!" Daß die kommunistische Propaganda im Reich Lavals tatsächlich das Wort behält, trotz der Unterzeichnung des Paktes, das zeigt die verstärkte Aktivität der Kommunisten bei den französischen Gemeindewahlen. Geradezu naiv mutet unter diesen Umständen die (von einem Warschauer Blatt mitgeteilte) Absicht Lavals an, in Moskau einen „Pakt der moralischen Abrüstung" vorzuschlagen, dessen Ziel die Hemmung der kommunistischen Propaganda sein soll. Für solche moralischen Eroberungen wäre vielleicht vor der Unterzeichnung des militä-
Wahl-Kunterbunt in Frankreich
Äu den französischen Gemeindewahlen am s. und 12. Mai
(vrabtbe riebt unserer .Von unserem ksrissr Dr. K.-Mtarbsitsr
Berliner 8vüriktleitu»s)
gesetz von 1884 setzen sich die Gemeindevertretungen je nach der Stärke der Gemeinden aus 10 bis 36 Mitgliedern zusammen. Die Ortschaften bis zu SOO Einwohner haben einen Ee- meinderat von zehn Mitgliedern, diejenigen mit über 60 000 Einwohnern einen Rat von 36 Stadt- vätern. Auf diese Weise istOrlSans mit 62 000 Bewohnern durch ein gleich starkes Stadtparlament vertreten, wie Marseille mit 800 000 Bewohnern. Ausnahmen kennt das Städtegesetz nur für Lyon, dem 87 Stadträte bewilligt sind, und für die Hauptstadt Paris, die bisher 80 Abgeordnete hatte und infolge eines erst vor wenigen Wochen vom Senat verabschiedeten neuen Gesetzes in Zukunft 90 Municipalräte haben wird.
Da diese Gemeindewahlen eine Art Generalprobe für die Neuwahlen zur Kammer im Frühjahr nächsten Jahres darstellen, kommt ihnen eine starke politische Bedeutung zu. Sie wer-
Warnung an Litauen
London, 4. Mai.
Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" teilt mit, daß die Antwort der litauischen Regierung auf den englisch-französisch-ita- lienischen Protest wegen der Verletzung des Memelstatuts als unbefriedigend betrachtet werde. Die litauische Antwort werde daher zu weiteren diplomatischen Erörterungen zu Beginn der nächsten Woche Anlaß geben. Man hat Litauen mit
den zum ersten Mal allgemeine Rückschlüsse auf die innenpolitische Umschichtung nach dem blutigen 6. Februar und nach dem Zusammenschluß der II. und III. Internationale in Frankreich zulassen. Bisher verfügte die Rechte in den Gemeinde- und Stadträten über 60 v. H. der Sitze, was sich durch das stärke lleberwiegen der ländlichen Gemeinden erklärt Von den Großstädten ist bisher allein Paris eine Bastion der Rechten gewesen. Die politische Bedeutung dieser Gemeindewahlen wird auch dadurch unterstrichen, daß neben 313 Kammerabtzeordneten und 172 Senatoren acht im Amt befindliche Minister als Bürgermeister bzw. als Stadtrat, in den Wahlkampf verwickelt sind, und zwar als Bürgermeister: Flandin, Laval, Herriot,
Marchandeau, Rsgnier, Mandel, Queuille und Jacquier als Stadtrat. Sehr beachtlich ist auch die Kandidatur des früheren Polizeipräsidenten Ch tappe und das erstmalige Auftreten weiblicher Bewerberinnen.
aller Deutlichkeit angekündigt, daß es vor dem Völkerbund angeklagt würde, wenn die von der litauischen Regierung ergriffenen Schritte die Signatarstaaten nicht befriedigen. Die Signatarstaaten seien der Ansicht, daß es durchaus möglich sei, die deutschsprechende Bevölkerung des Memel- gebietes in angemessener Weise an der Führung der Geschäfte zu beteiligen, ohne die litauische Souveränität zu gefährden. Es würden sofortige Schritte von Litauen verlangt.
Kamerad
Philosophie des
Zum erstenmal lernt der Mann im Leben die Pfeife als Knabe kennen, wenn er auf der Schule lernen muß: „Gott grüß euch, Alter, schmeckt das Pfeifchen?" Diese erste Begegnung bleibt ohne Folgen. Die Pfeife ist dem Jungen ein gleichgültiger Gegenstand, der dem Alter geziemt. Wenn er aber Marl May zu lesen beginnt, macht er Bekanntschaft mit der Friedenspfeife. Und nun ahmt er augenverdrehend im Kreis schweigender Freunde diesen schönen Brauch der Rothäute nach, um hinterher bleich und standhaft zu behaupten, es sei etwas Wundervolles und Verruchtes gewesen. Aber bald liebt er das Rohr sehr wie alles, was man heimlich tut und wofür man Opfer gebracht hat: der Knabe raucht leidenschaftlich. Eines Tages wird er dann mit den Jndianergeschichten der Pfeife überdrüssig, und mit der ersten Liebe geht er zur Zigarette über, die ihm eher eines Kavaliers würdig scheint. Ganz schmal und dünn steigt der blaue Nebelfaden aus ihr nach oben. Und so was macht Eindruck, denkt der junge Liebhaber.
Dennoch ist die Pfeife ein viel treuerer Kamerad als die Zigarre oder Zigarette. Deren Los ist es „aufzusteigen ins blaue Schweigen ..." Verdammt rasch geht das. Die Pfeife dient dir länger, vorausgesetzt, daß du sie nicht gerade mit einem Hammer bearbeitet. Selbst wenn du sie kalt rauchst, hast du einen Genuß davon. Schon das „Piepenstoppen" ist eine Arbeit, die die Nerven beruhigt, die ablenkt, und an die man viel Sorgfalt verschwenden kann. Und wie läßt sich erst in die Pfeife hineinbeißen, wenn einem die Wut im Leibe raucht. Direkt kauen kann man sie, und wenn sie davon mit der Zeit am Mund-
klauen Dunste«
stück ein Loch bekommt, so ist das nur ein ehrenvolles Zeichen, nicht anders, wie der alte Krieger seine Feldnarben als ehrenvolle Zeichen betrachtet.
Mein Nebenmann, mit dem ich im Krieg besonders zusammenhielt, hatte eine kleine, verwitterte Pfeife, auf der stand das Wort Vruyöre. Eines Tages hielten wir in stockdunkler Nacht in einem zerschossenen französischen Dorf. Es war lausig kalt in unserem Quartier. Aber das Holz war nicht kleinzukriegen, eine besondere Sorte Holz mußte das sein, mindestens so fest wie 12 niedersächsische Vauernschädel zusammen. Also ließen wir das Feueranmachen sein und froren. Als es hell wurde, sah ich auf die Karte und las Bruyöre. Wir waren in der Heimat des Pfeifenholzes. Mein Kamerad hatte im schlimmsten Trommelfeuer die Ruhe weg, solange ihm die Pfeife im Munde saß. Kurz vor dem Angriff klopfte er sie aus und barg sie sorgfältig in der Tasche. Wie dem König von Thule sein goldener Becher, so ging ihm nichts darüber. „Eine gutangerauchte Pfeife ist besser als ein schönes Mädchen", pflegte er zu sagen. Und das war vielsagend genug.
Längst hat sich die kurze Pfeife als praktischstes Gerät durchgesetzt. Im Tabakskollegium des Soldatenkönigs gab es Riesenpfeifen aus kostbarem Meerschaum. Sie hatten massivsilberne Deckel und wurden wegen ihres Gewichtes mit kleinen Rädchen versehen. Daraus zu paffen war Männerarbeit. Friedrichs des Großen Grenadiere bevorzugten Porzellanpfeifenköpfe, darauf setzten sie ihren vergötterten König als Bild. Wozu eine Pfeife auch sonst noch gut ist, bewies der
schneidige Reitergeneral Seydlitz; er warf sie hoch in die Luft zum Zeichen des Angriffs. Die schwarzen Lützower rauchten aus Pfeifen mit edler antikisierender Darstellung der Königin Luise. Als Gegenstück zu diesen Pfeifen gibt es aber auch die Hatzpfeife. In den Pariser Arbeiterquartieren qualmte man seit dem 66er Krieg aus einem wüst-karikierten Bismarckkopf, der auf einen Stiefelunterteil gesetzt wurde.
Aber was ist eigentlich am Rauchen dran? Wenn der Griechengott sich zurückzog, hüllte er sich in Wolken. Und also tun wir auch. Wir hängen zwischen uns und die rauhe Wirklichkeit einen Vorhang aus blauem Dunst. Rauchen ist eine Art Romantik. Die Tabakstaude ist zum Baum der Erkenntnis geworden. Man kann sich durch die Pfeife, meinte der geistvolle Christian Morgenstern, zu jeder Zeit, an jedem Ort seine eigene Atmosphäre schaffen. Hat nicht der große Schweiger, der alte Feldmarfchall Moltke, eine grundgescheite Plauderei geschrieben „Ueber die Tabakspfeife und das Rauchen in der Türkei?" Man sollte sie wieder einmal nachlesen. In seinem gastlichen Haus kam einmal die Rede auf den Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Moltke, der schweigend dabei saß und tiefe Züge aus seiner Pfeife lockte, wurde auch um seine Meinung gefragt. Er sagte: „Kein Tier raucht." Fertig.
Von Lessing schimpfte die Wirtschafterin in Wolfenbüttel: „Hei havve nix, hei kunne nix, aver smöken dan hei'n ganzen Dag." Aber während Lessing rauchte, entstanden seine besten Abhandlungen, seine schärfsten Angriffe und feine klügsten Fabeln. Als man den berühmten Vill- roth um Rat fragte, wann ein junger Mann ohne Schaden zu rauchen anfangen dürfe, antwortete er: „Wenn er sich das Geld zum Tabak selbst verdient."
Der bekannte Sprachrechtslehrer Franz von
Liszt behauptete, es gäbe kein besseres Mittel, den Charakter eines Menschen kennenzulernen, als durch die Art, wie er rauche. „Es kennzeichnet den Menschen genauer als mancher Steckbrief. Ob er in stummer Geduld die Pfeife anraucht oder aufgeregt jeden Glimmstengel im unteren Drittel zerkaut; ob er träumend die Kreise sich ringeln läßt oder die Wolken in kur-
Edvard-Grteg-SkiM von Stephan Georgi
Orpheus
„Er ist wieder da!" riefen sich die Bauern von Lofthus zu, und ein freudig belebender Zug legte sich neu in die kernigen Gesichter. Mit diesem Zuruf aber meinten sie nicht den jungen Lenz. der eben begann, seinen Farbkasten über den Har- danger-Fjord auszuschütten, sondern den kleinen, untersetzten Mann, der seit einigen Tagen mit flatterndem Haar unten, am Wasser, einherwan- delte, mit komisch wirkenden, ungelenken Sätzen von Stein zu Stein sprang, um an einen besonders günstigen Aussichtspunkt zu gelangen und dann, mühsam atmend, wobei die Hände stets die Jakettaufschläge festhielten, so eindringlich in die Runde blickte, als wollte er nicht nur die Schneekuppe des ragenden Folgefoiö», den mächtigen Wasserfall und die hohen Fichtenwälder, vielmehr jede Bergspitze, jedes Wasserzipselchen einzeln grüßen.
Eduard Erieg, Norwegens weltberühmter Komponist, war auf der Flucht vor lauten Städten wieder im stillen Lofthus eingezogen. Hier, bei den Bergen und Wassern, in diesem stillverschwiegenen Prachtbereich seines über alles geliebten Vaterlandes, fand er Sammlung und Arbeitsruhe; hier sang er, als Orpheus am Fjord, seine Lieder den Tieren und Steinen zu.
gen, heftigen Stößen, etwa gar durch die Nase, hinausstößt; ob er das gute Kraut mit Kamm, Bleistift und Federmesser zusammen offen in die Brusttasche steckt oder ob er es im untadligen juchtenen Gehäuse verwahrt — stets ist es ein anderer Mensch, stets ein anderer Charakter. Ich gebe meine Frau keinem Manne, den ich nicht vorher rauchen gesehen habe."
am Hör-
Dicht über dem Wasser, auf halber Höhe des Felsens, stand eine primitive Holzhütte, deren einziger Raum kaum mehr enthielt, als Stuhl, Tischchen und den kostbaren Flügel. Das war die Werkstatt Eriegscher Melodien. Völlige Einsamkeit, weite Naturruhe ringsum; denn die dem Komponisten in liebender Wertschätzung treu ergebenen Bauern wußten es trefflich anzustellen, neugierige Fremde von der Hütte am Abhang fernzuhalten.
Ein beschwerlicher Weg über steinige Hügel und Geröll war es bis zu jener Landzunge, deren Spitze einen großartigen Ausblick bot. Dort ließ sich Erieg auf einem moosigen Stein nieder und (aß, fast reglos, Stunde um Stunde, sich seinem Hang zum stillen Träumen hingebend. Er merkte nicht, wie die Zeit verrann; murrend und schäumend umspielte das Wasser die Felsblöcke, noch sprangen da und dort Fische aus ihrem Element empor, dann glitt die Sonne hinter die Berge, Nebel wallten auf und hüllten die Landschaft in feuchtes Grau; heimliches Flüstern und Raunen unsichtbarer Trolle und Wassergeister nur noch.
Naß und frierend kam der solchermaßen Natur- andächtige abends ins Dorf. Am nächsten Tage lag er fiebernd im Bett. Eine quälende Angst