Ausgabe 
(29.5.1935) Nr. 147
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- ' o. H.. Bremen. Am Eeere» 6-8 / Fernsprecher: Roland «28.

Anspruch auf Erstattung oder Ersatz.

Sprechzeit: Verlag werktäglich von 1213 Uhr: Schristleitung Dienstag bis Freitag von 12'/»- 13'/, Uhr.

Nr. 147 / 3. Zahl-gang

Mittwoch. 2 Y. Mai

Einzelpreis is Nps.

vnrsr logssspisgel

De° NFbauernfLhrer eröffnete in Ham­burg d,e Zweite Reichsnahrstandsschau/

Der Beginn der deutsch-englischen Flotten- wo?de» "uf den 1. Juni festgesetzt

2?. der französische» Kammer wurde der Er-

Hebung der Nira-Gesetze entschieden.

Gestern nahm in Bremen der große Kommu- mitenproze» seine» Fortgang; es wurde gegen 8 Angeklagte verhandelt.

^"det in Bremen zum erstenmal eine Luftschutz-Vollubung in der Westlichen Dorjtadt statt.

Auf dem Tempelhofer Feld startete» 13t Flug­zeuge zum Deutschlandflug 1935.

V Nach monatelangen unerfreuliche» Kampf­maßnahmen ist die Rickmers-Linie in Ham- bürg als freie Reederei anerkannt worden.

Ausruf des Gauleiters

Am 16. Juni 1935 veranstaltet die National­sozialistische Kriegsopferversorgung des Gaues Weser-Ems in Oldenburg einen Front­soldaten- und Kriegsopfer-Ehre n'- tag, an dem alle kriegsbeschädigten Frontsolda­ten und die Hinterbliebenen unserer gefallenen Helden teilnehmen. Reichskriegsopferführer Ober­lindober wird dort zu den Frontkämpfern sprechen.

Jeder Volksgenosse besonders aber die Front­soldaten, die das Glück hatten, keinen dauernden Schaden an ihrer Gesundheit durch das gewaltige viereinhalbjährige Ringen für Deutschland im Weltkrieg zu erleiden sollte es für seine selbst­verständliche Ehrenpflicht halten, durch seine Be­teiligung an dieser Veranstaltung seiner Verbun­denheit mit den Kriegskameraden Ausdruck zu geben, die ihre Gesundheit für Volk und Vater­land auf dem Felde der Ehre geopfert haben.

Die Nationalsozialistische Kriegsopferversor­gung NSKOV. ist die vom Führer berufene Parteiorganisation, die die Aufgabe hat, alle Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen zusam­menzufallen. Die NSKOV. ist ein Soldatenbund im wahrsten Sinne des Wortes, der schon in den Jahren des Kampfes um die Erneuerung durch Adolf Hitler sich aktiv einsetzte.

Ich fordere die Bevölkerung des Gaues auf, durch rege Beteiligung an dieser-Veranstaltung der NSKOV. die Unterstützung angedeihen zu lasten, die den Ehrenbürgern des Staates zu­kommt.

Heil Hitler! Carl Rover, Gauleiter.

Vrager Kabinettsrücktritt

Prag. 28. Mai.

Der Ministerrat beschloß heute in Auswirkung des Wahlergebnisses den Rücktritt der Regierung. Der Ministerpräsident Malypetr wurde beauf­tragt, dem Präsidenten der Republik sofort das Rücktrittsgesuch zu unterbreiten. Nach Ausführung dieses Auftrags wurde Malypetr erneut mit der Bildung des Kabinetts betraut.

Ferner genehmigte der Ministerrat den Vertrag über die gegenseitige Hilfe zwischen der tschecho­slowakischen Republik und der Sowjetunion. Die Notifizierung des Vertrages wird Lei dem Besuch des Außenministers in Moskau in der ersten Hälfte des Juni erfolgen.

Hamburg lm Leichen des deutschen Bauerntums

Reichsnährffandsschau eröffnet

ReichsbauernMrer Darre spricht vor 100000 deutschen Volksgenossen

Hamburg 29. Mai.

Die zweite Reichsnährstands - Ausstellung Hamburg 1935 wurde am Dienstagmittag durch den Reichsbauernführer R. Wallher Darrs in Anwesenheit von rund 109 000 Volksgenossen aus Land und Stadt feierlich eröffnet.

Schon mehrere Stunden vor Beginn stauten sich in dem großen Vorfühkungsring und in den Zu­fahrtsstraßen gewaltige Massen. Man sah Bauern aus allen Teilen des Reiches, darunter viele in ihren traditionellen Trachten. Mundarten aus allen Stammesgebieten Deutschlands klangen durcheinander. Von vielen hundert Masten und von den Ausstellungshallen und Gebäuden leuch­ten die Farben des neuen Deutschland. Ein Ehren- stürm der SS. nahm vor der Haupttribüne Auf­stellung, auf der sich nach und nach die Ehren­gäste, darunter die führenden Männer des Reichs­nährstandes, zahlreiche Reichsleiter und Gauleiter,

Vertreter der Staatsbehörden, der Wehrmacht, der Wirtschaft und aller mit dem Reichsnährstand zusammenhängenden Kreise einfanden.

AIs der Reichsbauernführer in Beglei­tung des Reichsführers der SS. Himmler und des Reichsstatthalters Kaufmann auf dem Aus­stellungsgelände erschien, erhob sich ein ungeheurer Jubel. Hunderttausend Arme reckten sich zum Gruß. Unter den Klängen des Präsentiermarsches schritt der Reichsbauernfllhrer mit Reichsführer Himmler, Reichsstatthalter Kaufmann und SS.- Eruppenführer Lorenz die Front des SS.-Ehren- sturms ab.

Landesbauernführer von Rheden, Hannover, nahm sodann das Wort zu seiner Begrüßungs­ansprache. Er führte u. a. aus, die diesjährige Reichsnährstandsschau legt in der ganzen Art ihrer Anlage, ihres Aufbaues und ihrer Dar­stellung Zeugnis von der Kraft, der Arbeit und der Leistungsfähigkeit des Standes ab, der als Urständ und Nährstand die Grundlage für das Leben unseres Volkes ist.

Reichsstatthalter Gauleiter Kaufmann hieß den Reichsbauernführer und die 199 000 Volks­genossen des Bauernstandes in Hamburg herz­lich willkommen. Nach der Sicherung der deutschen Landwirtschaft müsse auch die Frage der Ausfuhr und der deutschen Rohstoffversorgung einer Lö­sung entgegengeführt werden. Man hoffe, daß der Reichsnährstand hierbei seine Unterstützung leisten werde.

Dann sprach der Staatssekretär im Reichsernäh­rungsministerium Backe über die grundlegenden Fragen der Preis- und Marktordnung. Nach ihm ergriff, stürmisch begrüßt, der Reichs­bauernführer DarrS das Wort. (Den Inhalt seiner Rede sowie die Ausführungen des Staats­sekretärs Backe veröffentlichen wir im Innern des Blattes.)

Begeistert stimmten die Hunderttausende nach der Eröffnungsrede des Reichsbauernführers, die oft von Beifall unterbrochen wurde, in das Sieg- Heil auf den Führer ein.

Deutsch - englische Flottenverhandlungen

Beginn am 4. Luni in London / v. Nibbenlrop mit der Führung der deutschen Delegation beauftragt

(Vraktbvrivbt unserer Berliner Svbriktlsilnngl

Lr. Berlin, 28. Mai.

Die Reichsregierung hat heute abend amtlich die Entsendung des Sonderbeauftragten von Ribbentrop zu Flottenverhandlungen mit der englischen Regierung bekanntgegeben. 2m Ein­vernehmen mit der königlich-britischen Regierung ist der Beginn der vereinbarten Flottenbesprechun- gen zwischen Deutschland und England auf Diens­tag, 1. Juni, in London festgesetzt worden. Die deutsche Delegation, der von der Marineleitung Konteradmiral Schuster, der deutsche Marine­attache in London, Kapitän z. S. Waßner, sowie Korvettenkapitän von Kiderlen angehören werde«, wird sich Ende dieser Woche nach London begeben.

Die Flottenverhandlungen zwischen Deutschland und England spielen in der Debatte der englischen und französischen Presse seit Wochen eine beson­dere Rolle. Man hat auch auf diesem Teilgebiet der internationalen Diplomatie den Versuch ge­macht, durch Veröffentlichungen von Gerüchten und Kombinationen festzu­stellen, was Deutschland bei diesen Verhandlun­gen vorschlagen wird. Man wollte im voraus, wie das leider in einem Teil der europäischen Diplomatie so üblich ist, auf dem unsicheren Grunde von Kombinationen kleine Geschäfte für die kommenden Abmachungen abschließen. Deutsch­land hat ein unbedingtes Interesse daran, daß die Londoner Flottenverhandlungen zu einem Ergebnis führen. Eine Grundlage dafür kann

aber nur in einer rein sachlichen Aussprache ge­funden werden, wobei sich diese Aussprache von allen unnötigen politischen Machenschaften frei­zuhalten hat. Diese Tatsache der deutschen Auf­fassung ist in Punkt 8 der Rede des Führers nie­dergelegt.

Es ist dort festgestellt, daß die deutsche Regie­rung nicht in der Lage ist, von dem Ausmaß der in Aussicht genommenen Wehrmacht abzugehen.

Es ist weiter festgestellt, daß.eine Bedrohung irgend einer anderen Nation durch das Ausmaß der deutschen Wehrmacht nicht vorliegt. Es ist er­

klärt worden, daß DeutschlarL bereit ist, Begren­zungen in den Waffenriistungen dann vorzuneh­men, wenn andere Staaten für die gleiche Be­grenzung sich verpflichten. Ueber die Flottenfrage ist festgestellt, daß eine 35prozentige Stärke der deutschen Flotte gegenüber der englischen Flotte noch 15 Prozent Ueberlegenheit der französischen Flotte gegenüber Deutschland bedeuten würde.

Wenn man in England sich diese Erklärungen des deutschen Reichskanzlers vor Beginn der Ver­handlungen vergegenwärtigt, dann muß es mög­lich sein, die Verhandlungen auf einer Grundlage zu beginnen, die Deutschland die Gleichberechti­gung und die Sicherheit garantieren.

Letzter Meiöeiermin: is. Äuni

Starker Andrang Freiwilliger zum Wehrdienst

Berlin, 28. Mai.

Wie bekannt wird, muß wegen der großen Zahl bereits eingegangener Meldungen der Schlußtag für freiwillige Meldungen zum Wehr­dienst vom 1. Juli aus den 15. Juni vorverlegt werden.

Die Wehrpflicht in Ostpreußen

Berlin, 28. Mai.

Der Ersatzbedarf der Wehrmacht auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht wird in Zukunft nach dem territorialen Gebiet gedeckt, d. h. die Wehrkreis­

kommandos erhalten ihren Ersatz vornehmlich aus dem eigenen Wehrkreis zugewiesen. Diese Rege­lung ist für Ostpreußen, das von dem Mutterland abgeschnitten und nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen ist, besonders wichtig, aber auch schwierig, da die Provinz nur dünnbesiedelt ist. Der Reichskriegsminister hat es daher für not­wendig gehalten, die Wehrpflicht für die Bewoh­ner Ostpreußens bis zum 55. Lebensjahr zu verlängern und außerdem zur Erfüllung der aktiven Dienstpflicht im Jahre 1935 bis 1936 noch einen zweiten Jahrgang, den Jahr­gang 1919, heranzuziehen. Es ist beabsichtigt, in den folgenden Jahren mit dem Jahrgang 1915 den Jahrgang 1911, mit dem Jahrgang 1916 den Jahrgang 1912, mit dem Jahrgang 1917 den Jahrgang 1913 einzuziehen.

pariser Krise

lVon unserem ständigen pariser Kj.-IMsrbeiter)

Paris, 28. Mai.

Wieder einmal ist die französische Regie­rung nach allen Regeln parlamentarischer Kunst in die Enge getrieben. Ehe es sich der Ministerpräsident versah, ist die Krise hereingebrochen mit allen schlimmen Be­gleiterscheinungen von Haushaltsfehlbetrag, Frankenbaisse und Ebbe in der Staatskasse, wie es sich für eine ordentliche französische Regierungskrise gehört. Mit der parlamen­tarischen Weisheit, die doch diesen Zustand mit viel Geschick herbeigeführt hat, ist es zu Ende. Alle Welt in Frankreich ist dar­über einig, daß sich die verfahrene Lage nur noch dadurch meistern läßt, daß Senat und Kammer die Regierung mit besonderen Vollmachten betrauen. Wer aber soll diese besonderen Vollmachten erhalten? Das ist die große Frage.

Auch 1926, als der Franken ins Bodenlose zu stürzen drohte, war man sich darüber klar, daß nur diktatorische Maß­nahmen das Schlimmste verhüten könn­ten. Aber auch damals wurde hinter den Kulissen ein erbitterter Kamps unter den eifersüchtigen Bewerbern um den großen Posten einesRetters von Frankreich" aus- gefochten. Joseph Caillaux, der bedeutendste französische Haushaltssachverständige und in jenen kritischen Tagen Finanzminister, war zunächst als Spardiktator ausersehen. Doch sein Parteifreund Herriot gönnte ihm diesen Ruhm nicht. Er hielt damals eine flammende Rede über die unveräußerlichen Souveränitätsrechte des Parlaments und er­reichte tatsächlich, daß die Partei dem Fi­nanzminister Caillaux die verlangten be­sonderen Vollmachten trotz der drängenden Notwendigkeit versagte. Aber die Vergeltung folgte aus dem Fuße. We­nige Tage später wurde der Ministerpräsi­dent Herriot von der wütenden Bevölke­rung von Paris, die das Kammergebäude zu stürmen drohte, gestürzt. Der Weg war frei für Raymond Poincare, der sich bis dahin bedächtig im Hintergrund gehalten hatte. AIsRetter" begrüßt, übernahm er die Regierung. Innerhalb von 24 Stunden hatte er von dem verängstigten Parlament alle Vollmachten erhalten, die er nur haben wollte.

Wer wird diesmal das Rennen machen? Zunächst hat Flandin selbst sich entschlos­sen, sein Glück in diesem Vabanque-Spiel zu versuchen. Angesichts des ziemlich hohen Haushaltssehlbetrages von mindestens 11 Milliarden Franken, den es möglichst um­gehend zu beseitigen gilt, um die Angriffe auf den Franken abwehren zu können, sind harte und unpopuläre Sparmaß­nahmen unvermeidlich. Wieder werden die kleinen Gehalts- und Pensionsempfän­ger, sowie die Kriegsopfer herhalten müssen, die erst im Sommer vorigen Jahres unter Doumergue geblutet haben, da sich die Re­gierung an die wahnsinnig aufgeblähten Rüstungskredite und an die unerhörten

Fischer vom Haft

Ein Lebensbild von der memelländtschen Gehrung / Don Wilhelm Müller

Die große Pfingsttagung des VDA. in Königs- ca lenkt die allgemeine Aufmerksamkeit aus Pr­eußen seine Grenzlandschasten und Grenzmen- en. Wunderbar herb und eigenartig w,e die itur sind die Bewohner des östlichen deutschen bensraumes: Harte, volksbewuß^ Werk- und

itmenschen. Nachstehend d,s Geschichte des eu- ers K. P. in Nidden, d,e dem wirklichen Leben gelauscht ist und ein Bild von .der schweren !beit im Lebenskampf der Grenzdeutschen gibt.

Fischerhaus in Nidd-en sitzen sie zusammen, portsegler und der alte Fischer. Lange schon dunkel und nur das Licht der Kerze spielt das Runengesicht des Greises. Er erzählt mein Leben, vom Haff und vom Fischfang.

I spricht sonst der Fischer davon, denn er wie seilen ein Fremder ihn zu verstehen g. Kommt aber mal einer, der die Arbeit, ssfnung und die Sorge der Menschen zwischen nd Haff kennt, dann öffnet er ihm gern sein

Totensonntagabend war's, dreißig Jahr«

! ich alt sein, erzählt der Alte. Ich hatte da- den Kahn Nr. 23 und der mit mir fischte den Nr. 16 Din trauriger, trüber Totensonn- ar es, früh Nacht und Regen, kreu-ten bei leichtem Südost nach dem hinüber So um sieben Uhr abends gehe ich teuerbordbug. um am Wind nach Tawe her- - zu lausen. Mein Geselle schlaft «rn Ich ^ ihn ja auch nicht. Als er aufwacht ,agt mir- Ich habe eben geträumt, wir haben bis zum Hals im Wasser gestanden. Das ^chis Gutes ab, denke ich bei mir. ^

Tawe eine Stunde vor Mitternacht wir das Kurrnetz über Bord. -^- Wind iuf Ostnordost. Wir treiben nach der Nehrung

in Richtung Kunzen. Es regnet noch, aber oben befriert das Segel schon. Der Wind legt immer noch zu; noch in der Nacht haben wir Stärke acht. Wir treiben bis es dämmert. Es ist setzt schwerer Sturm, gut Windstärke zehn.

Wir müssen die Netze einholen, das ist eine schwere Arbeit, und die Dünung läuft so durch­einander, daß sie uns die Kähne beinahe voll­schlägt. Bevor wir wieder Segel setzen, müssen wir erst ausschöpfen. Einer nimmt den Grapen, womit wir die Segel bespritzen, und- der andere die Schaufel. Das Wasser muß erst raus. Dann nehmen wir das ganze gereffte Großsegel hoch und das viereckige Kletnsegel vorn- Es wird plötzlich furchtbar kalt, ganz scharfer Frost kommt. Im­merzu fegt das Wasser herüber und die Kähne fangen an zu vereisen. Wenn man bloß ein biß­chen was Warmes zum Essen gehabt hätte. Den Kocher hatte man damals in einem Sandkasten aus dem Boot, da konnte man bei dem Sturm nicht kochen. Wir geraten nicht mehr mit dem Ausschöpfen. Der Kahn bedeckt sich immer mehr mit Eis, wird immer schwerer und liegt immer tiefer.

So um neun Uhr morgens sind wir bei Pill- kopp-en. Der andere Kahn bleibt da. Beim Landen schlägt er gleich ganz voll. Alle Pillkop- pener Käbne liegen schon vollgeschlagen aus Grund. Nur die Masten und Steven stecken her­aus. Schweres Schneegestöber kommt und wir können jetzt nichts mehr sehen.

Um elf Uhr kommen wir mii dem Schwert auf Grund und müssen ankern und Segel wegnehmen. Am Haken südlich Nidden waren wir, aber das wußten wir nicht. Auf den anderen Bug gehen

und weitersegeln geht nicht mehr. Aus der Wind­seite ist das ganze Boot zu sehr vereist. Wir schlagen uns gegenseitig das Eis vom Südwester herunter. Wenn man bloß ein bißchen was War­mes zum Trinken gehabt hätte!

Bevor wir den Anker werfen, müssen wir von ihm das Eis abschlagen, dann vom Mast auch, dann Salz in die Hand und das Tauwerk ab­reiben, um das Segel herunter zu bekommen. Wir liegen schon sehr tief im Wasser, so schwer ist der Kahn geworden. Nun kommen drei große Wel­len, und da ist er ganz voll. Nur der Steven steckt heraus. Ich sage dem Gesellen:Geh her­aus." Er geht über Bord, eine Welle nimmt ihn mit, aber er behält Grund; 1,20 Meter mochte es tief sein.

Ich Lind« in dem vollgeschlagenen Kahn noch die Segel fest und gehe dann auch über Bord, finde aber keinen Grund. Der Kahn muß ins Tiefe geschwoft sein. Ich lasse mich bis an den Mund herunter, die Dünung will mich wegreißen. Ein Hochkommen gibts nicht mehr. Ich halte mich an der Schoot fest und lasse mich ganz tief her­unter. Die Wellen gehen mir über den Kopf, aber ich fasse keinen Grund. Das Wasser ist eisig, ich werde matt und muß weg. Geschrieen hab ich, keine Hilfe kam. Geschrieen hab ich, keine Ant­wort. Zu Gott geschrieen hab ich. Ich kann nicht mehr, ich muß vom Kahn weg. Eine Dünung kommt, noch eine, ich hab noch den Gedanken, mit der nächsten Dünung mußt du weg. Da kommt sie, ich lasse los und stoße mich vom Kahn ab. Die Welle nimmt mich mit. ich berühre mit dem Fuß den Grund- Die nächste Well« duckt mich unter ich kann ja gar nichts machen, alles ist so zusam- mengefroren, die Schürze, der Südwester und der Bart. Dann Habs ich wieder Grund, bis an die Schulter geht's mir noch. Ich kann nicht mehr richtig armen, aber ich komme doch an Land.

Da liegt der Geielle wie tot aus dem Gesicht.

Ich mutz mich erst hinsetzen und ausruhen. Dann rüttle ich den Gesellen bis er aufwacht, und dann gehen wir gegen den Schneesturm nach Nidden. Arm in Arm gehen wir, legen uns hin und gehen wieder. Das Oelzeug und die Kleider, alles friert steif. Es dauert so lange, das Gehen, aber dann lind wir in Nidden.

Ich stehe vorm Haus an der Tür, aber ich kann den Arm nicht heben. Mit dem Kopf haue ich

gegen die Tür. Die Mutter hört es, die Nachbarn kommen. Heißes Wasser gießen sie über mich, um Schürze und Kleider herunterzubekommen, dann ins Bett. Acht Wochen war ich krank. Einen Arzt gab es damals nicht in Nidden. Vom Gesicht und von den Händen ging mir das Fleisch her­unter, aber ich wurde wieder gesund.

Ja, das war der Tag nach Totensonntag, schloß der Alte.

Junger Mann versetzt sein Herz

Beinahe ein Märchen / Don L. N. Geubert

Eine alte Frau, der ich Streichhölzer abkaufte, brachte mich auf eine Idee. Sie sagte nämlich ge­rührt:Sie haben noch ein goldenes Herz, junger Mann!"

Dieses goldene Herz, philosophierte ich, bereitet mir manchen Verdruß. Damen, die vielleicht vom Fünf-llhr-Tee kommen, biete ich in der Straßen­bahn meinen Platz an, sie danken flüchtig, setzen sich und plaudern in einer Wolke von Parfüm, während ich müde und seekrank an einem Leder­griff baumele.

Und wie schlägt mein goldenes Herz heftig in der Brust, wenn Hausierer an meiner Tür klingeln und mir Rasierklingen, Schnürsenkel und selbst- gemalte Ansichtspostkarten verkaufen wollen. Ich muß immer erst einen schweren Kampf mit mei­nem goldenen Herzen ausfechten, ehe ichNein" sagen kann.

In dieser Situation erleuchtete mich also ein Gedanke: Mensch! Versetz doch dein goldenes Herz! Wenn man goldene Uhren beleiht, warum sollte man da nicht ein richtiggehendes goldenes Herz beleihen?

Ich erschrak Meine Hand griff nach der Brust, als müsse sie ein altes Erbstück bewahren.Nie­mals" sagte ich,von diesem Wertstück trenne ich

mich nie! Es hängen zu viele Erinnerungen dran!"

In diesem Stadium meines Kampfes schrillte die Türglocke, ich öffnete, und vor mir stand der Ver­treter für Nähmaschinen, der mich schon zweimal besucht hatte Er wollte mir zum drittenmal die Vorzüge einer Marke klarmachen, obwohl ich ihm klarmachte, daß ich Junggeselle wäre. Aber er meinte, daß ich doch einmal heiraten würde. Es wäre überhaupt das schönste Hochzeitsgeschenk. Eine Nähmaichine. Er bat und bat, und mein goldenes Herz begann zu erweichen. Mit letzter Kraft konnte ich ihn abwehren. Und jetzt ver­suchte er es zum drittenmal. Wie er mich schüchtern anlächelte, spürte ich mein goldenes Herz wieder. Kauf ihm doch die Nähmaschine ab" flötete mein goldenes Herz mitleidig.Er rennt sich die Hacken ab!" Es gelang mir jedoch noch einmal, ihn weg­zuschicken, Aber beim viertenmal, das ahne ich, werde ich Besitzer einer Nähmaschine sein.

Da packte mich tiefe Verzweiflung über diese Aussichten, und ich ging hin und stellte mich vor dem Schalter eines Leihamtes an. Vor mir stan­den Leute mit Paketen, aus denen sie Eehröcke,