Ausgabe 
(27.5.1935) Nr. 145
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bezeichnete die Reichstagsrede Msche PE». Wegweiser für die enro-

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Der Fußball-Länderkampf Deutschland-Tsche- endete mit einem deutschen 2:1

l1:«f-Sieg.

Das Avus-Rennen gestaltete sich am Sonntag zu einem Triumph deutscher Technik.

Der erste diesjährige Rennsonntag in der Bahr wurde ein voller Erfolg.

3n Anwesenheit des Gauleiters Telschow wurde in Achim die Feier des 1« jährigen Bestehens der Ortsgruppe der NSDAP. be­gangen.

. Göring

beim König von Bulgarien

Sofia, 26. Mai.

Ministerpräsident General Eöring wurde am Sonntag vom König in Audienz empfangen, die eineinhalb Stunden dauerte. Beim Verlassen des Palais wurde er von einer großen Menschenmenge vor dem Schloß und vor seinem Hotel mit Hoch­rufen begrüßt.

Vorher hatte sich General Eöring auf den bul­garischen Soldatenfriedhof begeben, um am Grabe des Unbekannten Soldaten einen Lorbeerkranz niederzulegen. Die Kranzschleifen in den Farben des neuen Deutschland trugen die InschriftGene­ral Eöring in alter Waffenkameradschaft". Am Grabe wurde General Eöring von der gesamten Generalität der Sofioter Garnison und des Eene- ralstabes mit dem Kriegsminister an der Spitze empfangen, die ihn herzlichst begrüßte. Die beiden Nationalhymnen wurden intoniert. General Eöring schritt dann die Front der aufgestellten Ehrenkompagnie ab, worauf die Kranznieder­legung erfolgte.

Neue Nüstungskredite

Paris, 26. Mai.

DerPetit Puristen" macht einige Angaben über bevorstehende Erneuerungsmatznahmen im französischen Heer: Die Befestigungsbauten an der Grenze sollen vollendet, Regimenter aufgeteilt und für 1500 freie Stellen Offiziersersatz beschafft werden. Zur Ergänzung der Ausrüstungs- Lestände, die zwar in Modellen vorhanden seien, mit deren Serienherstellung bisher aber nicht be­gonnen sei, habe das Kriegsministerium schon während der Parlamentsserien durch Verordnung einige Kredite bereitgestellt. In den letzten zwei Monaten habe man ein Eesamtprogramm ausge­arbeitet, das dem Parlament vorgelegt werde. Die Regierung dürfte demnächst einen Gesetzent­wurf zur Kreditbewilligung auf Rüstungssonder­konto beantragen.

E. C). Single

Meine Liebe

Die Stunde war zeitlos und ohne Gewicht. Zwei Menschen fuhren heim. Wiegend trug sie der Zug aus einem glücksonnigen Tag in den dämmern­den Abend. Zwei Menschen, die sich einen Tag ge­schenkt hatten, einen einzigen kurzen Sonntag, kehrten zu sich selbst zurück. An der Wagendecke klirrten leise die Lampen. Das Fahren des Zuges war von einer wohlig einschläfernden Eintönigkeit, darin die bunte Vielheit der verflossenen Stunden sich einbettete wie in einen kleinen zärtlichen Traum.

Sie waren Eroßstadtkinder, beide, Menschen eines gehetzten Alltags. Sie: Schreibmaschine,

Diktaphon, Telephonoerbindungen. Der Mann: Zeichenbrett, Stücklisten, Akkordberechnungen. Er: hundertzweiundsechzig netto pro Monat, sie: hun- dertachtzig, dafür alleinstehend und belastet mit den Ausgaben für ein viel zu teures Zimmer. Jeder wußte das vom andern. Viel näher kannten sie sich eigentlich noch nicht, aber über des andern Monatseinkommen war jedes sofort im Bilde ge­wesen.

Nun hatten sie diesen gemeinsamen Sonntag ver­lebt, den ersten, seit sie sich kannten, waren irgend­wohin in die Berge gefahren, nicht mit Rucksäcken und Kochgeschirr, sondern wie eben eine kleine Sekretärin und ein junger Ingenieur sonntags zusammen ausfliegen, er das halbe Monatliche bei sich, sie, ebenfalls nicht ohne Geld, zwei klein zusammengefaltete Zwanziger in der Handtasche und etwas Silber.

Jetzt fuhren sie heim und hatten doch eigentlich keine Heimat als ein Zimmer irgendwo in einem gleichgültigen fremden Haus, ein paar Bilder von Eltern und Geschwistern an den Wänden und in der Fabrik den gewohnten Arbeilsraum.

Manchmal legte er seine Hand hinüber in ihren Schoß auf ihre Hände, dann öffnete sie für einen

Die bedeutsame Nede des italienischen Gtaatöchefs

Ein Zeichen beginnender Einsicht

Wird Deutschland bei der Vorbereitung der Donaukonferenz zu Nate gezogen werden?

(vralitberiebt unserer L

llr. V-rlin, 26. Ma i.

Die Stellungnahme des Auslandes zu der gro­ßen Red« des Führers und Reichskanzlers hat zwar bereits in den ersten Tagen unmittelbar nach der Reichstagssitzung eingesetzt, aber in grö­ßerem Rahmen kommt diese Stellungnahme ei­gentlich erst jetzt recht in Gang. Es ist nicht wei­ter verwunderlich, daß aus Sowjetrußland mit Ausnahme einiger völlig konfuser Aeußerungen noch keine sachlich bemerkenswerte Stellungnahme vorliegt. Dagegen ist es als ein erfreu­liches Zeichen beginnender Einsicht zu begrüßen, daß die Betrachtungen in der eng­lischen Presse sich in durchaus vernünftigen Bahnen bewegten. Besonders beachtlich erscheint natürlich die große Rede, die Mussolini am Sonn­abend vor der Kammer in Rom gehalten hat Man wird gut tun, diese Rede losgelöst von allen günstigen oder ungünstigen Stimmungsmomenten rein nach ihrem sachlichen Inhalt zu prüfen Dabei läßt sich feststellen, daß nach den Aeußerun­gen Mussolinis von italienischer Seite jedenfalls

erlinei Leliriktleitung)

den Tatsachen Rechnung getragen wird, die Deutschland auf Grund der Entwicklung der letz­ten Jahre herzustellen genötigt war.

Wir haben keine Ursache, auf die Aeußerungen Mussolinis zur österreichischen Frage näher ein­zugehen, denn die Rede des Führers hat darüber bereits alles Erforderliche enthalten und-'-tii der abessinischen Frage hat sich Deutschland ebenfalls von Anfang an absoluter Neutralität befleißigt, so daß in dieser Hinsicht keine direkten Berüh­rungspunkt« zwischen Rom und Berlin vor­handen sind.

Wenn Mussolini ferner davon gesprochen hat, daß die D o na u k o n f e re n z, di« man wohl als das wichtigste in nächster Zeit bevorstehende euro­päische Projekt ansprechen muß, sehr gründlich vorbereitet werden soll, und daß sie überhaupt nur dann zusammentreten könne, wenn ein« solche Vorbereitung vorangegangen ist, so können wir feststellen, daß derartige Eedankengänge in derselben Richtung liegen, wie die Aeußerun­gen, die der Führer über die künftige Beteiligung

Deutschlands an irgendwelchen Konferenzen ge­tan hat. Sie haben erklärt, daß Deutschland sich nur dann an europäischen Zusammenkünften be­teiligen werde, wenn wir auch zu ihrer Vorbe­reitung und Programmaufstellung entsprechend herangezogen worden sind.

Die Absicht Mussolinis, zur Donaukonferenz die deutsche Regierung einzuladen, und di«, wie er ausdrücklich sagte, auch über die einzelnen Fragen der Vorbereitung auf dem laufenden gehalren werden soll, kann daher kaum anders aufgefaßt werden, als daß der italienische Regierungschef die Aussichten dieser voraussichtlich sehr schwieri­gen Konferenz von vornherein dadurch zu ver­bessern bestrebt, daß er auch die deutsche Re­gierung bei der Vorbereitung zu Rate zieht. Es wird vom Standpunkt der deutschen Öffentlich­keit aus gut sein, sich angesichts der Kammerrede Mussolinis auf diese sachliche Feststellungen zu beschränken, weil sie auf dem Wege absoluter Sachlichkeit die Aussichten auf eine im Interesse aller Staaten gelegene Lösung der europäischen Probleme gegeben erscheinen lassen.

Hitler zeigt Europa den Weg"

Snowden und Lloyd George zur Führerreöe

London, 26. Mai.

Unter der UeberschriftHitler zeigt Europa den Weg" veröffentlicht der ehemalige sozialistische Schatzkanzler Snowden in derSunday Tispatch" einen ausführlichen Artikel, in dem es u. a. heißt: Hitlers große Rede hat die euro­päische Lage umgewandelt. Die Politik, Sicherheit durch Bündnisse und Pakte zu suchen, die das Ziel einer Einkreisung Deutschlands durch schwer­bewaffnete Nationen verfolgen, kann jetzt nicht mehr verteidigt werden.

Deutschlands Aufkündigung der Versailler Ver­botsklausel und die Bekanntgabe seines Ent­schlusses, sich selbst die Rüstungsgleichheit zn geben, wird sich, falls die anderen Mächte auf Hitlers Rede eingehen, wahrscheinlich als der größte Beitrag erweisen, der seit dem Kriege im Interesse der europäischen Sicherheit und des Friedens geleistet worden ist.

Es ist unvorteilhaft, daß sich die Staatsmänner Europas solange eingebildet haben, daß das größte Land Mitteleuropas für alle Zeiten eins Stellung erniedrigender Inferiorität erdulden werde. Deutschland war solange eine Drohung für den europäischen Frieden, wie es unter den ihm aufgezwungenen Ungerechtigkeiten litt. Ein freies und gleichberechtigtes Deutschland hat kein« Ursache, zu den Waffen zu greifen. Die Erkenntnis dieser Tatsache ist die Sicherheit, die Deutschland seinen Nachbarn geben kann. Hat

Deutschland die Gleichberechtigung im Rat der Nationen, dann gibt es in Europa kein Land, das mehr am Frieden interessiert ist, als Deutschland.

Deutschland benötigt alle seine Hilfsquellen zur Wiederherstellung seines Wirtschaftslebens. Es ist natürlich seicht, so fährt Snowden fort, nachdem er die wichtigsten Vorschläge Hitlers aufgezählt hat, die Erklärungen des deutschen Kanzlers als unaufrichtig abzutun, aber die verbrecherischen Feinde des Friedens sind diejenigen, die jeder echten und aufrichtigen Bemühung, zur Regelung

Dr. Goebbels auf derGeneral Osorio"

Hamburg, 26. Mai.

Reichsminister Dr. Goebbels besuchte am Sonntagvormittag den im Freihafen liegenden DampferGeneral Osorio", auf dem während desTages der Seefahrt" die Vertreter der in- und ausländischen Presse untergebracht waren.

Jedesmal, wenn ich auf einem Schiff bin, habe ich den Wunsch, eine Seefahrt zu machen; denn wenn man zehn Jahre lang durch alle deutschen Gaue gefahren ist, hat man Land und Leute kennengelernt und hat deshalb den Wunsch, auch fremde Länder und Völker kennenzulernen. Wenn Sie heute über den Ozean in ferne Länder fah­ren, lassen Sie ein Land und Volk hinter sich,

der ernsten europäischen Schwierigkeiten beizutra­gen, mit Argwohn gegenüberstehen. Was Hitler auch sonst sein mag, er ist nicht ein Mann, der sich diplomatischer Ausflüchte bedient, um seine wahren Absichten zn verbergen; er ist ein ein­facher, vom Idealismus inspirierter Mann, der durch seine Aufrichtigkeit seinen heu­tigen Einfluß auf das deutsche Volk gewonnen hat. Seine Rede muß als eine freimütige und ehrliche Darlegung der deutschen Politik ange­nommen werden.

das stark und einig ist, und es ist wohl das schönste Geschenk für die Männer der Seefahrt, daß Sie in der Fremde ein einiges und starkes Volk hinter sich wissen. Sie haben dem Auslande Ihr Volk zu repräsentieren und den Lügen des Auslandes durch Ihr Auftreten zu begegnen. Denn so wie Sie in fremden Staaten sich geben, so wird man das ganze deutsche Volk beurteilen.

Ich glaube, daß ebenso wie in der Heimat-all­mählich alle Menschen von der Richtigkeit unserer Ideen und der Größe unserer Sendung überzeugt worden sind und daß das Ausland einsehen wird, daß die deutsche Nation nicht aus Barbaren, son­dern aus Gliedern eines großen Kulturstaates besteht. Wir sind stolz darauf, Angehörige dieses Volkes zu sein und für unseren Führer jeder auf seinem Platz kämpfen zu können."

Führergrundsatz und Vertrauensmann

Der Nationalsozialismus hat auf allen Ge­bieten die Rechtskraft von Mehrheitsent­scheidungen durch die Aufstellung des Füh­rergrundsatzes ersetzt. Die Abgeordneten einzelner Volksgruppen haben damit haupt­sächlich eine beratende und gutacht­liche Ausgabe erhalten. Jeder Führer einer Einheit fällt seine Entscheidungen selbstverantwortlich und vertritt sie gegen­über der Allgemeinheit. Erst die Uebernahme der sich hieraus ergebenden größeren Ver­pflichtungen räumt ihm erweiterte Rechte ein. Seine jeweiligen Entscheidungen kön­nen mithin lediglich durch den Spruch über­geordneter behördlicher Kontrollorgane außer Kraft gesetzt werden. Dieser Umstand ist auch von den Vertrauensmännern genau ZU beachten, zumal unzulässige Eingriffe in die Betriebsführung eine Bestrafung durch die sozialen Ehrengerichte nach sich ziehen.

Es ist daher völlig in das Ermessen des Betriebssichrere gestellt, ob und wann er den Vertrauensrat zusammenruft. Lediglich vor Verhängung von Bußen mutz er einberufen werden, da das im AOG. zwingend vorge­schrieben ist. Ferner hat der Beschwerde der Mehrheit des Vertrauensrates beim Treu­händer der Arbeit eine Beratung der strit­tigen Fragen im Vertrauensrate voranzu­gehen. Ob der Betriebsführer im übrigen regelmäßig periodische Sitzungen des Ver­trauensrates anberaumt ober ihn von Fall zu Fall zusammenruft, bleibt allein feiner Entscheidung überlassen. Es wird weitgehend von feiner Gewissenhaftigkeit und seinem Pflichtbewußtsein gegenüber der Gemein­schaft abhängen, wann er einen Rat durch die Vertrauensmänner für erforderlich oder angebracht hält. Vernachlässigt oder ver­säumt er seine Pflichten gegenüber derBetriebs-und Volksgemein­schaft, so wird er hierfür vom Treuhän­der der Arbeit oder dem sozialen Ehrenge­richte zur Rechenschaft gezogen.

Tritt der Fall ein, daß ein oder mehrere Vertrauensmänner eine Entscheidung des Betriebsführers nicht verstehen bzw. sie nicht zu billigen vermögen, so muß die Hälfte des Vertrauensrates die Einberufung beantra­gen. In dem Ersuchen hierzu sollen die Gründe für das Verlangen und die zu be­handelnden Fragen umrissen werden. Der Betriebsführer ist verpflichtet, dieser Aufforderung der Hälfte des Vertrauensrates nachzu­

kommen und eine Sitzung einzu­berufen. Im Weigerungsfälle kann der Treuhänder der Arbeit gebeten werden, den Betriebssichrer entsprechend anzuweisen und im Wiederholungsfälle zu maßregeln. Wird das Recht, die Einberufung ZU verlangen, von den Vertrauensmännern miß­

brauch t, so kann der Betriebsführer einen Antrag auf deren Abberufung beim Treu­händer der Arbeit stellen. Dieser bildet also das objektiv urteilende behörd­liche Organ und schützt den Betriebs-

rechnet...

Wimpernschlag die Augen und sah ihn an. Sie saßen unter den vielen sonntagmllden Reisenden dieses Zuges und waren sich auf eine süße, er­schöpfende Art nahe und fremd.Hat es Dir ge­fallen?"Ja, sehr!"Bist Du müde?" Ein wenig Du auch?" Viel mehr hatten sie sich nicht mehr zu sagen nach diesem übervollen Tag, aber um so mehr gingen ihre Gedanken gleiche, seltsam verschlungene und ineinander mündende Wege . . . Was hat die Fahrt gekostet? dachte sie in ihrer Ecke, das muß ich ihm doch wenigstens zurückgeben, er hat doch selbst so wenig! Sie kam nicht ganz zu Ende mit dieser Ueber- legung, weil er sich wieder zu ihr herüberbeugte: Ich ruf Dich morgen an, ja?" sagte er, während auch seine Gedanken einen buckligen, steilen Hang erklommen. Zum fünftenmal aufgestellt, stimmte die kleine ängstliche Rechnung nicht, weil er fort­während etwas anders vergaß, einmal die Brief­marken und den Kaffee, dann wieder die zwei Mark für den Wein am Nachmittag.

Sie saßen einander gegenüber, zwei Menschen, die sich nicht gleichgültig mehr waren seit heute, aber ihr Alltag, dieser Alltag, dem sie für ein paar Stunden entronnen und dem sie nun wieder entgegenfuhren, griff schon nach ihnen, streute ihnen schon aus ungewisser Ferne seine kleinen Mühen und Sorgen entgegen.

Was hat er nun alles für mich ausgelegt? Sie ging hinter geschlossenen Augen noch einmal den ganzen Tagesverlauf durch: Fahrgeld, die Fleisch­brühe heute morgen. Kaffee. Essen - die Berg­bahn hat mindestens drei Mark gekostet! muß­ten die aber auch gleich zwei Port'anen Kaffee bringen, statt Tassen! Kuchen - Erdbeertörtchen mit Sahne, mindestens fünsundruerzig Pfennig das Stück! Und Zigaretten zu sechs raucht er sonst sicher auch nicht . . .

Geht es Dir gut? Soll ich Dir nicht den Man­tel in die Ecke hängen?" sagte er und kletterte noch immer aufwärts über alle die kleinen und klein­sten Posten, bis er endlich oben ankam auf dem schwindelnden Gipfel von neunzehn Mark und dort ein wenig erbittert und hilflos Umschau hielt. Nun muß mir Robert doch aushelfen diesen Monat! Und die Schuhe mutz ich eben bis nächsten Monat lassen! Wenn sie mir das Fahrgeld geben will, nehm' ich es nicht! Damit wird sie sicher nachher anfangen! Himmel, morgen ist ja auch die Straßenbahn wieder fällig! Es kann aber doch nicht sein, daß wir neunzehn Mark gebraucht haben!

Danke!" sagte sie etwas zu höflich fremd und lächelte dann sofort zu einem zweitenDanke!", das dieses erste kühlere wieder gutmachen sollte. Ich kann ihm doch jetzt nicht einfach fünf Mark geben!

Auf ihrem Schoß lag die kleine Handtasche von mausgrauem Wildleder, in dieser Tasche lagen zwei Zwanzigmarkscheine und etwas Silbergeld, und dieses Geld lag zwischen ihnen, eine kleine silberne Brücke, die sie nicht trug, über die sie nicht zueinander gelangen konnten.

Man stößt sich doch heute nicht mehr an solchen Aeußerlichkeiten, dachte sie, im Begriff, das gute, erlösende Wort zu sagen. Und seltsamerweise dachte er in diesem Augenblick das gleiche und erwartete dieses Wort.

Aber es wurde nicht gesprochen, dieses Wort; es blieb haften an den vielen beglückenden Bil­dern, die sie gegenseitig von sich aufgenommen hatten in diesen wirklichkeitsfremden und alltag- entrllckten Stunden und die dieses Wort hätte zer­stören müssen.

Immer näher trug sie der Zug dem Ende ihrer kleinen Liebesreise entgegen, dieser etwas leicht­sinnigen, jugsndseligen Tour, die neunzehn Mark gekostet hatte und nun einen Abschluß finden mußte, über den sie sich grübelnd abquälten.

Es ist alles so schwer! Auch wenn man so die neu- andere Jugend ist, man kommt nicht weg

über diese Dinge, dachte das Mädchen in seiner Fensterecke. Und da fiel der Sinnenden plötzlich etwas ein, das Dümmste, was ihr überhaupt hätte einfallen können, aber sie startete glücklich und mit Eifer in diese Dummheit.

Willst Du mir einen Gefallen tun?" sagte sie und sprach hastig weiter.Ich bin immer so leichtsinnig mit Geld. Heb' mir zwanzig Mark auf für die Schneiderin! Hier, heb mir das auf, sonst ist es doch wieder weg am Ersten!"

Schwindel! dachte er und machte ein sehr männ­lich überlegenes Gesicht, während sie den schlich-

Höhere

2m Falle höherer Gewalt kann den Zeitungs­abonnenten die Zeitung nicht zugestellt werden. Immerhin erfuhren die Fahrgäste eines vollbesetz­ten Straßenbahnwagens, daß es sehr sonderbare Fällehöherer Gewalt" gibt. Und das kam so:

Die Bahn fuhr in sausendem Tempo dahin, denn weit und breit war kein Hindernis auf der Strecke. Zwischen den Schienen tanzte ein breiter Streifen kllckengelber Sonne. Aber dann erschien darin ein dunkles Pünktchen, und der Fahrer zog die Brauen über den scharfen Augen zusammen. Das Pünktchen wuchs; nun sahen es auch die Menschen auf der vorderen Plattform. Die Bahn verlangsamte ihr Tempo, obwohl sie eben erst von einer Haltestelle abgefahren war. Das Pünktchen hatte sich zu einer Art von hoppelndem Jung- häschen entwickelt. Energisch, derb trat der Füh­rer auf die Klingel: dringend, rufend, warnend.

Jetzt sah man den Punkt ganz deutlich, es war ein kleiner Hund; ein ganz junger dummer Hund mutzte es sein, kein Zweifel. Er lief immer dem Sonnenstrahl nach, als ob er wüßte, daß die Sonne es gut mit jungen Hunden meint Willst du wohl, klingelte der Fahrer drohend Bekam der kleine Hund plötzlich Angst? Es kam ihm offenbar etwas an. er hockte sich -'-der ug-

lernen, klein zusammengefalteten Zwanzigmark­schein hervorkramte.Gern!" sagte er.Natür­lich!" Und verwahrte den Schein umständlich in seiner Brieftasche.,

Es war ein Schwindel, ein kleines tolpatschiges Manöver. Sie wußten es beide, aber gleichgültig, was nun weiter aus diesem Zwanzigmarkschein würde, für den Augenblick trug diese kleine Un- aufrichtigkeit. Ueber diesen kleinen Schwindel hin­weg konnten sie wieder zueinander gelangen. Sie hatte so festen Grund fast, diese kleine Lüge, wie der Waldboden, auf dem sie heute nachmittag ge­gangen waren.

Gewalt"

ledigte etwas Unaufschiebbares. Gebannt starr­ten aller Augen auf den Hund. Was würde ge­schehen . . . War es verstellbar, daß das krumme Pllnkten etwas so Gewaltiges wie. eine Straßen­bahn zum Stehen brächte? War es vorstellbar, daß eine Straßenbahn, dieses Riesentier aus Eisen, mit zwei Anhängern einfach über das bischen warme Leben hinweg über einen dummen jungen Hund.-

Da bremste der Fahrer mit hartem, stöhnendem Ruck und hielt, drei Meter vor dem Hündchen, das ihm stur und in sich gekehrt entgegenstarrte, ohne sich vom Fleck zu rühren. Der Fahrer trat auf die Klingel; so mußte früher das Sturm­läuten bei Feuersbrunst von den Türmen geklun­gen haben Der dumme junge Hund blieb sitzen. Da stieg der Fahrer ab, griff das Hündchen auf, das sich vertrauensvoll m seine großen Männer- säuste schmiegte und trug es ganz behutsam zum Bllrgersteig Ueber dar, was mitten zwischen den Schienen zucückblieb. ging er zur Tagesordnung über die Bahn fuhr weiter. Es ging ganz schnell, vom Auftauchen des Pünktchens bis zur Weiter­fahrt Der Fahrer Schüttelte seufzend den Kopf Mit was man sich nicht alles , abgeben muß!" und die Menschen hinter ihm lächelten initöe.