6 reiner
das amtliche org an Ses Senats
durch «"'-HU M Rpl. Zustellungsgebühr;
entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstöru 9«ld Der Bezugspreis ist im voraus zu
NS.-Eanverlag Weser-Ems G m b Ä N»m-» keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz.
8 «,r,rr ^ms w. m. v. H.. Bremen. Am Eeeren K-8 , Fernsprecher: Roland 825.
Nr. 142 / 3. Jahrgang
19 3 5
Ser Smen Lanfesta-t öremen
Anzeigen-Grundpreise: Die 22-wm.Aeile im Anzeigenteil ,2 Rpl. die Iv.min.Zeitk »n Wertteil 7b Rps
Ermäßigte Grundpreise lsilr kleine Anzeigen Familienanzetgen u sowie sonsiige Bedingungen laut Preisliste 4. (Nachlaßstassei v.i Filr Anzeigen durch Fernsprecher leine Gewähr Annnhinelchlutz I« llyr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 12—13 Uhr; Schristleitung Dienstaa bis Freitag von 12'/, Uhr.
Freitag, 24. Mai
Einzelpreis 15 Rpf.
Unser Vagesspisgvl
Weltpresse betrachtet die Reichstagsrede des Führers als Grundlage einer politischen Neuordnung Europas.
Die Einteilung Deutschlands in g Wehrbezirke ist nunmehr erfolgt.
Es steht fest, daß Valdwin an Stelle Macdonalds demnächst das britische Minister- praftdium übernehmen wird.
Italien lehnt im Konflikt mit Abessinie» iede Vermittlung ab.
Die Rede des deutschen Berichterstatters, Dr. Gugelmeier, auf dem Internationalen Spar- kassenkongreh wurde mit ungeheurem Beifall aufgenommen.
Bei der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft hält die allgemeine Verkehrsbelebung an.
Das Programm für den Staatsbesuch des Reichsinnenministers Dr. Frick steht endgültig fest.
Neben einem Hunderttausend-Markgewinn, der nach Brandenburg bzw. nach dem Rhein- land fiel, wurde in der Preuhisch-Siiddeut- schen Klassenlotterie mit der Losnummer 201V2S ein 50 MW-RM.-Treffer gezogen, der nach Bremen siel.
Pg. ,Dr. Malitz vom Reichsamt „Schönheit der Arbeit" sprach gestern in Bremen über die Ziele des Reichsamts.
Die Totschläger!« Summann wurde vom hiesigen Schwurgericht ohne Zubilligung mildernder Umstände zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.
«W
Deutsches Lugenbfest
Berlin, 23. Mai.
Die gesamte Jugend aller deutschen Gaue soll nach einem Erlaß des Reichserziehungsministers am Sonnabend, 22., und Sonntag, 23. Juni, in einem deutschen Volksfest erfaßt werden. An diesen Tagen vereinigen sich alle 13- bis 18jäh- rigen Jugendlichen zu sportlichen Wettkämp- fen und Sonnenwend feiern. Jungvolk und Jungmädel führen ihre Wettkämpfe am 22. Juni, dem Tag des deutschen Jungvolks, HJ. und BDM., am 23. Juni, dem Tag der Hitler-Jugend, durch. Alle arischen Schüler und Schülerinnen, die nicht der HJ. und ihren Untergliederungen angehören, werden zur Teilnahme verpflichtet.
Klage der Schweiz abgewiesen
Gens, 23. Mai.
2n öffentlicher Sitzung des Völkerbundsrats wurde am Donnerstag die Klage der Schweiz gegen Deutschland, Frankreich und Italien wegen der Schäden, die Schweizer Bürgern im Weltkrieg zugefügt worden sind, endgültig abgewiesen. Für die Schweiz handelt es sich um ein relativ großes Objekt, da die Schadensersatzsumme 5V Millionen Franken beträgt. Der Appell an den Völkerbund war ein letzter Versuch, zu dem der Schweizer Bundesrat sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung entschlossen hatte, ob- schon die direkten Verhandlungen die Aussichtslosigkeit dieses Verfahrens erwiesen hatten.
Memelausstellung in Berlin. In der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität wurde die vom Erenzlandamt der Berliner Studentenschaft eingerichtete Memelausstellung feierlich eröffnet.
Doeller van den Bruck
Ä. s>.
Zum 3V. Mai, an dem sich der Todestag Moeller van den Brucks zum 1«. Male jährt, erscheint in der Reihe „Ewiges Reich der dritte Band „Gestaltende Deutsche" (Verlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau). Wir bringen aus dieser bedeutenden Neuerscheinung einen Beitrag des großen völkischen Vorkämpfers über Johann Sebastian Bach.
Auch Bach war wieder, wie alle Größten, der Zusammenfasse! einer langen Entwicklungsreihe. Seine Tat ging unmittelbar zurück auf die Tat Luthers, und Luther wiederum reichte zurück auf die ersten Kirchenväter, die schon musikalisch gewirkt hatten, auf Ambrosius und den eigenen, großen theologischen Vorgänger, Augustin.
Was alle diese Männer wollten, das war der Gemeindegesang, an demgerade so, wie Christus sich an jeden einzelnen religiös gewandt hatte, auch jeder einzelne musikalisch beteiligt war. Der ambrosianische Gesang entstand, und er erhielt sich bis zu dem Augenblick, da die gregorianische Zeit die gottesdienstliche Feier neuordnete und in diesem Zusammenhang auch den Gemeindegesang durch eine ausgebildete Kunst der Messe ersetzte.
Nur selbstverständlich war es daher, daß man, als die Reformation schließlich zur Rettung allenthalben die Persönlichkeiten wieder heraushob, auch in musikalischer Beziehung wieder auf die Persönlichkeit zurückgrisf und den zum Ee- meindegesang erhobenen Einzelgesang wiederherstellte. ' Und eben so selbstverständlich, daß man dazu auf diejenige Form zurückgrisf, in der sich durch all die Jahrhunderte hindurch der Einzel- gesang wenigstens im Leben erhalten hatte, auf das einfache Volkslied.
Beides tat Luther, und wenn man hinzufügt, daß er endlich und endgültig der Liturgie den
Die europäische Diplomatie nach der Führer-Rede
Kommt es zu Verhandlungen?
Zunächst werden noch Fäden zwischen Varis, London und Rpm gesponnen
(Vrabtderivbl unserer Rerliner 8vbriktloituug)
llr. Berlin, 23. Mai.
Die diplomatischen Erörterungen im Anschluß an die Rede des Führers haben sich nach Berliner Auffassung schon ziemlich klar abgezeichnet. Die im Ausland erneut verbreiteten Gerüchte über die Anknüpfung von Verhandlungen auf militärpolitischem Gebiet sind bisher in Berlin in keiner Weise bestätigt worden. Es handelt sich auch dabei wieder um Kombinationen, mit denen man auf dem Umwege über Londoner und Pariser Zeitungen die Ansichten der Reichsregierung über die Absichten der anderen Seite herauszuholen versucht. Fest steht aber wohl, daß zunächst zwischen London, Paris und Rom diploma
tische Verhandlungen beginnen, sobald die akuten Schwierigkeiten beseitigt sind, an denen Deutschland nicht beteiligt ist. Dazu gehört in erster Linie der italienisch-abessinische Konflikt. Wenn Laval von Genf nach Paris zurückgekehrt ist, werden die diplomatischen Verhandlungen zwischen London und Paris einsetzen. Offensichtlich ist zu diesem Zweck der französische Botschafter Franyois-Poncet nach Paris gefahren.
In Berlin wird man natürlich keine besonderen Anstrengungen machen, um die diplomatischen Verhandlungen vorwärtszutreiben, zu denen jetzt in erster Linie die Initiative von der anderen Seite ausgehen muß. Die Erklärungen des
Führers und Reichskanzlers sind viel umfassender und wertvoller, als ähnliche Erklärungen in diplomatischen Besprechungen es sein können, zumal der Inhalt dieser Besprechungen in letzter Zeit nicht immer ganz objektiv wiedergegeben wurde. Jedenfalls wird Deutschland sich in der gesamten weiteren Entwicklung auf die 13 vom Führer festgelegten Punkte und die dazu in der Rede gegebenen Erläuterungen stützen. Kombinationen über die Anberaumung von Konferenzen oder über die Frage einer Wiederbe- teiligung Deutschlands am Völkerbund und an der Abrüstungskonferenz haben gar keinen Zweck, da solche Fragen bei der jetzigen außenpolitischen Lage in Europa überhaupt keine Rolle spielen können.
Baldwin wird Ministerpräsident
„Adolf Hitler schafft größere Möglichkeit für einen Luftpakt"
London, 23. Mai.
Nach einer Reuter-Meldung steht nunmehr unzweifelhaft fest, daß noch vor Ablauf der Psingst- ferien des Parlaments Baldwin an Stelle Macdonalds den Posten des Ministerpräsidenten übernehmen wird. Der Grund für diesen Wechsel sei die Feststellung des Augenarztes, daß Macdonalds Augen den Anstrengungen, die mit seinem jetzige» Amt verbunden sind, nicht gewachsen seien. Ein Wechsel auf dem Posten des Ministerpräsidenten macht nach altenglischer Ueberlieferung den förmlichen Rücktritt aller übrigen Mitglieder des Kabinetts erforderlich.
Der neue Ministerpräsident hat somit freie Hand für einen Umbau des Kabinetts. Nach Reuter besteht Grund für die Annahme, daß Valdwin von dieser Gelegenheit weitgehenden Gebrauch machen werde. Macdonald werde der Regierung wahrscheinlich als Präsident des Staatsrates auch weiterhin angehören. Man werde alles tun, um mit einer möglichst starken Regierung, die auf der gegenwärtigen nationalen Grundlage stehe, vor die Wähler zu treten. Die Wahlen zum Parlament würden voraussichtlich im Herbst stattfinden.
*
„Preß Association" meldet Donnerstag, es sei noch nicht völlig sicher, ob die englische Regierung ihr endgültiges Expansionsprogramm in vollem Umfange durchführen werde. Nach genauer Prüfung der Erklärungen Hitlers sei man der Ansicht, daß sie eine größere Möglichkeit zur Erzielung eines Luftpaktes aus der Grundlage der Begrenzung der Luststärken bieten, als das Kabinett
ursprünglich angenommen habe. Die Regierung habe immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, einen Lustpakt zu erzielen, der eine Abänderung des englischen Ausrüstungsprogramms ermöglichen würde.
Der liberal« „Star" meldet, daß die englische Heimatluftflotte einschließlich der Reserven zurzeit bereits 1530 bis 2000 Maschinen betrage. Bei Vollendung des gegenwärtigen Aufrüstungsprogramms im März 1937 werde die wirkliche Stärke der Heimatflotte 1000 bis 8000 Flugzeuge
Der Führer des X. Armeekorps, der bisherige Inspekteur der Kavallerie, Generalleutnant Knochenhauer, ist mit der Führung des X. Armeekorps betraut worden. Der Sitz des Korpskommandos ist Hamburg.
betragen. Niemand in England glaube, daß Deutschland bereits die Gleichheit mit England in der Luft erreicht habe. Die Kosten des englischen Ausrüstungsprogramms würden sich auf rund 10 Millionen Pfund belaufen.
Baltische Luftwerbung
London, 23. Mai.
Das Luftfahrtministerium gab Donnerstag genaue Einzelheiten über den großen Rekrutierungsfeldzug für die Luftaufrüstung bekannt. Gleichzeitig erließ der Luftminister Lord Londonderry folgenden öffentlichen Ausruf: „Die Rekrutierung beginnt sofort, und ich appelliere sin die Jugend der Nation, der königlichen Luftflotte beizutreten!"
2m Rahmen des Luftaufrüstungsprogramms werden in diesem und im folgenden Jahre 2500 Flugzeugführer und 20 000 Mann Fliegerpersonal mehr benötigt. Die jetzige Mannschaftsstärke beträgt 32 500 Mann. Bis zum Frühjahr 1937 wird sie auf 55 000 Mann erhöht sein.
Das neue Zentralrekrutierungsbllro wurde Donnerstag im Luftfahrtministerium in London eröffnet. Bereits am ersten Tage sollen sich Hunderte von jungen Leuten gemeldet haben. Zehn weitere Rekrutierungsbüros werden in den wichtigsten Städten Englands eröffnet werden. Die neu angeworbenen Flugzeugführeranwärter werden in „kurzdienende Fliegeroffiziere" und „Flugzeugführer ohne Offiziersrang" eingeteilt. Neue Militärsliegerschulen werden in Hanworth, Re- ading, White Waltham und Sywell errichtet.
Innerhalb der Territorialarmee werden drei neue leichte Bombengeschwader gebildet. Es ist beabsichtigt, unterirdische Vor- I ratshallen für Treib- und Explosivstoffe zu s bauen.
Vartei und Wehrmacht
Einheitliches erfolgreiches Zusammenwirken für alle Zukunft
Zur Verkündung des Wehrgesetzes, in dem sich das kommende deutsche Volksheer abzeichnet, schreibt die „Nationalsozialistische Partei-Korrespondenz":
Der großen Tat des Führers vom 16. März ist nunmehr das Wehrgesetz gefolgt, in dem sich die Linien des kommenden deutschen Volksheeres abzeichnen.
Mit Stolz und Freude begrüßt die nationalsozialistische Bewegung dieses bedeutsame Ereignis. Sie sieht darin nicht nur einen der wichtigsten Abschnitte der Wieder- aufrichtung Deutschlands, ihre Freude ist auch in ihrer inneren Berbundenheii mit dem deutschen Heere selbst begründet. Die Belange der deutschen Armee hat die Partei seit den ersten Tagen ihres Kampfes als die ihrigen angesehen, hat sie doch in ihrer Weltanschauung die geistigen Grundlagen des nunmehr Wirklichkeit gewordenen deutschen Volksheeres geschaffen.
Und diese Verbundenheit hat sich nicht nur aus der politischen Erkenntnis von der Notwendigkeit der Armee für die äußere Sicherung der Nation entwickelt, sie ist auch begründet in den mit dem Heere besonders verbundenen Persönlichkeiten des Führers und der Männer, die mit ihm kämpften.
Adolf Hitler hat aus eigenem soldatischen Erleben heraus dem deutschen Volk den Begriff des politischen Soldatentums gegeben. In der Partei sind Hunderte von Toten, zehntausende Verwundete zum Symbol dieses Begriffs geworden, er ist die Grundlage des politischen Aufbaues der deutschen Nation von heute.
Neben dieser gemeinsamen Basis in der inneren Haltung der Partei und Wehrmacht liegen in der E r i n n e r u nga n d i e V e r - gangenheit, an die Jahre der deutschen Not noch ganz besondere Zeichen der Verbundenheit. Nicht nur die Partei hat sich allezeit zum Fürsprecher des Wehrgedankens gemacht, auch in der jungen Wehrmacht hat es starke Kräfte gegeben, die sich bereits in der Kampfzeit innerlich zu Adolf Hitler bekannten und viele Vorkämpfer der nationalsozialistischen Idee sind aus den Reihen der kleinen Wehrmacht von damals zur Partei gestoßen. Sie sahen im Nationalsozialismus den Weg aus der Enge, in Adolf Hitler erkannten sie den Führer zum Durchbruch der deutschen Freiheit. Sie haben auch äußerlich die Brücke geschlagen, die in jenen Jahren Partei und Wehrmacht geistig zusammenführte.
Dieses innere Verhältnis zueinander war ihnen damals vielleicht oft nicht einmal bewußt, bis das offene Bekenntnis, mit dem sich die Wehrmacht sofort nach der Machtübernahme hinter Adolf Hitler stellte, sichtbar werden ließ, wie nahe sie sich beide, Partei und Heer, standen. Nur wer diese innere Verbundenheit von damals kennt, wird auch das neue Wehrgesetz und seine Bedeutung richtig einschätzen, nur der wird die nationalsozialistischen Grundsätze klar erkennen, von dem dieses Gesetz getragen ist. Wenn der Führer am Tage der Verkün-
Vsch
lateinischen Text entzog und vor allem dem Kirchenliede einen deutschenText unterlegte, so hat man seine Tat in ihrem vollen Umfange. Und nicht bloß theoretisch, sondern auch praktisch, wie er war, gab Luther, dieses große Gemüt, für das das einfache Wort dann schließlich doch nicht ausreichte, der Musik den „nächsten loouw nach der Theologie". Unermüdlich übersetzte er die alten lateinischen Hymnen und goß sie ins Volks- mäßige um, machte aus weltlichen Volksliedern geistliche und dichtete und vertonte selbst seine eigenen Lieder. Früh schon, in den schwersten Jahren der Reformation, entstand sein Büßlied: „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir", und sein Elaubensgesang: „Ein feste Burg ist unser Gott".
Es war die Geburt der deutschen Musik aus dem Geiste des Protestantismus. Hunderte, Tausende von geistlichen Liederdichtern und Sängern erstanden, jede Gemeinde bekam den ihrigen, die Kantoren nahmen sich der Musik an wie der Pfarrer des Testaments, aus allen Kirchen quoll die Orgel und der Lobgesang der Gläubigen. Zugleich traten erste Künstler hervor, Männer mit bestimmtem Kunstgefllhl und persönlichem Stil, die verhüteten, daß der Kirchengesang ohne den Einschlag jeglichen Kunstgesangs einfach in Volksgesang überging und schließlich wieder in Massengesang sich auflöste. Es waren dieselben, die Eccard, Häßler, Heinrich Schütz, die sich dann auch als die ersten an größere Aufgaben machten, an Motetten und Orgelkonzerte und die Vertonung von ganzen Choralwerken. All ihr Wollen aber strömte dann zusammen im Können Bachs.
Bachs ganzes Werk ruht, wie das Leibniz', auf dem Grunde des protestantischen Optimismus. Vertrauen zu Gott und Vertrauen in die Menschen sind seine Voraussetzungen, und hinter die
sen wiederum steht als kosmisch-ethisches Weltbild das Vertrauen auf eine unbedingte Ordnung der Schöpfung und die genaue und gerechte Abge- wogenheit aller ihrer Seiten. Deshalb schloß dieser Optimismus noch nicht Schmerz und Elend aus, verwandelte die Welt noch nicht in einen heiteren Paradiesgarten. Bach selbst hat in seinem langen Leben Leid genug erfahren, aber er hat es getragen, und wenn es ihm zu viel wurde, dann ging er an seine Orgel und machte aus Leid Tiefe.
Bachs ganzes mächtiges Werk, diese Hunderte von Sonaten und Tokkaten und Präludien und Fugen, handelt von Christus. Seine Höhe mag die „Matthäuspassion" sein. Hier fand er sogar in einer Anpassung von Liturgie und Drama diejenige szenische Form, die allein aus den alten Mysterien zu entwickeln war: das Oratorium. Bereits Schütz hatte mit den „Sieben Worten am Kreuz" und der „Auferstehung des Herrn" nahe an diese Form herangereicht. Jetzt gab Bach die Synthese. Es wurde eine gewaltige Abrechnung von Pessimismus und Optimismus auf dem Grunde der protestantischen Weltanschauung. Schwarze Flöre überziehen den Himmel, und trotzdem liegt Licht auf der Landschaft. Aehnliches hatte einst nur Erünewald gemalt, und jetzt Rembrandt. In Stellen wie „Und von der sechsten Stunde an war eine Finsternis über dem ganzen Land bis zu der neunten Stunde, und um die neunte Stunde schrie Jesus laut", wirkt der Schrei unmittelbar wie eine Farbenoffen- barung, unter der der Himmel sich öffnet. In dem Ruf „Ach Golgatha! Unseliges Golgatha!" klingt die letzte Qual der Tragödie aus, die nur einmal noch aufweint und dann über dem geschlossenen Grabe verstummt.
Aber gewaltig ist dann. wie diese individuelle Menschentragödie Christi gerahmt ist und gehalten wird von den Stimmen der ganzen Menschheit Auf jede neue Station gleichsam, zu der die Passion sich hinschleppt, folgt als Antwort das
Wort der Zuversicht, die im Protestantismus liegt. In großen, ruhigen, völlig gefaßten Chorälen steigen sie herauf, unsere Glaubens- und Vertrauenslieder. Auf das letzte Leiden Christi, den Tod des Gottsohnes, folgt die Menschenantwort: „Wenn ich einmal soll scheiden, so icheide nicht von mir." Bis dann auf all den Aufruhr, den letzten noch, der Himmel und Erde zerrissen, die wunderbare Ruhe der Stelle folgt: „Am Abend, da es kühl war." Es ist die Ruhe des Weltalls, die den Aufruhr der Erde umschließt, nachdem der Aufruhr des Weltalls störend in die Ruhe der Erde gebrochen war. So sind Zusammenhänge überall in der Welt, im Chaos wie in der Harmonie, und die Musik ist ihr tönendes Gleichnis.
Zugleich ruht die Musik hier, wo sie im Kosmischen ruht, auch im Philosophischen. Deutsche Musik und deutsche Philosophie: sie sind nicht nur einander Ergänzung, sie sind auch beide Ergänzung zu derselben Welt.
In diesem Sinne ist dann Bachs wohltemperiertes Klavier nicht nur technisch zu verstehen. Durch das „Harmonische Labyrinth" hatte er sich einst zu ihm durchgearbeitet, „regulierte Kirchenmusik zu Gottes Ehren" wollte der Protestant in Bach geben, doch im Grunde drückte er nichts an-
Die Wuscht
Oben in einer Dachstube wohnten sie. Die Frau, ein junges dunkelhaariges Mädchen, lag im Bett. Der Mann flößte mir Furcht ein Er war breitschultrig, und seine Hand, als er mir in einer Schüssel Wasser brachte, war ungeheuer groß. Er sagte kein Wort, er stand nur am Fenster, rauchte eine kleine Pfeife und sah mich an. beobachtete was ich tat. Die Stube war prüder am Fenster hatte der Mann sich aus Sälen unn Tüchern eme Lagerstatt gemacht. An der Decke huu, ein Segelschiff, aus Holz geschnitzt. Auf einem Brett neben
deres aus als die „prästabilierte Harmonie" des Philosophen. „Gleichwie fast nichts den menschlichen Sinnen angenehmer, als die Einstimmung in der Musik, so ist nichts dem angenehmer, als die wunderbare Einstimmung der Natur, davon die Musik nur ein Vorgeschmack und kleine Probe": diesen Vergleich hatte Leibniz selbst gezogen. Chaos, das fest wird, Rhythmus, der Metrum wird: das ist Leben, das ist Kunst, das ist vor allem Musik. Der Rhythmus mag die Ding-an-sich-Welt. sein, die uns ständig entweicht. Das Metrum ist das, was wir von ihr fassen, indem wir es ihr selbst geben. Die Differenz zwischen beiden, der Rest, der immer noch bleibt zwischen Rhythmus und Metrum ist das Menschliche, aber zugleich auch das seelisch Belebende, die zitternde, fließende, rundende Form. Bach ist Metrum und Form im höchsten Maße, ist geradezu Stil gewordener Rhythmus, ist geradezu Architektur gewordenes Chaos. In seiner Musik scheint erreicht zu sein, daß der Rest unendlich klein wurde, Metrum und Rhythmus fast zusammenfielen. Deshalb kann man sagen, das Bach Musik überhaupt ist. Die Zukunft sollte zeigen, welche gewaltige Entwicklung sie noch zu tragen vermochte.
des Lebens
oem Küchenschrank lagen schöne farbige Steine und Muscheln aus fremden Ländern. Der Mann sah mich scharf und mißtrauisch an. Sein Gesicht war hager wie die Gesichter von Seeleuten und ganz anders als die Menschen der Stadt. Ich weiß nicht wie es kam, daß er zu sprechen anfing. Viel- leickii fragte ich ihn, ob das sein Schiff sei, auf dem er fuhr und das die Sachen, die er sich mitbrachte. Er hatte viel erfahren Mit vierzehn Jahren war er aus seinem kleinen Dorfe in Holstein ausge- rissen. Als Schiffsjunge aus einem kleinen Segler