Ausgabe 
(23.5.1935) Nr. 141
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Nr. 141 / 3. Jahrgang

19 3 5

Donnerstag, 23 . Mai

Zeitung

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Lleberall stai-ker Eindruck der Neichötagserklämng Adolf Hitlers

Das Weliecho der Führer-Rede

LLnbedingte Offenheit Voraussetzung sm weitere diplomatische Fühlungnahme

(I> r u Ii t I, e r i e Ii t unseres

Unser l^agesspiegel

Die Rede des Führers im Reichstag hat in der ganzen Welt einen starken Eindruck hinterlassen.

Der englische Minister Baldwin bezeichnete in der Unterhaus-Aussprache Adolf Hitlers Erklärungen als einen Lichtblick.

Zur Durchführung der allgemeinen Wehr­pflicht wird am 1. November d. I. der Jahr­gang 1911 eingezogen.

In einem weiteren Prozeß wegen der De- oisenverbrechen katholischer Orden erhielten Augustinerinnen Zuchthaus- und Eesänqnis- strasen.

Der Reichssportfiihrer erläßt zur Reichssport­woche einen Aufruf.

Der Bremer Vulkan ist bis in das nächste Jahr hinein voll beschäftigt.

Anläßlich der großen Flugsportrverbewoche wird Kunstslieger Udet am 30. Mai in Bremen für den Fluggedanken werben.

In dem Schwurgerichtsprozeß gegen die Tot- schlägerin Summann ist heute das Urteil zu erwarten.

.IIIIWIIM

Lorbeerkranz der Wehrmacht

an den Gräbern der Generale Scharnhorst und Bogen

Berlin, 22. Mai.

Aus Anlaß der Verkündung des Wehrgesetzes hat der Reichskriegsminister, Generaloberst von Vlomberg, an den Gräbern der Generale Scharn­horst und Boyen auf dem Jnvalidenfriedhof einen Lorbeerkranz der Wehrmacht niedergelegt, um das Andenken der beiden Männer zu ehren, die vor 120 Jahren die allgemeine Wehrpflicht schufen.

Roter Mord gesühnt

Berlin. 22. Mai.

Die Justizpressestelle Berlin teilt mit: Mittwoch ist in Berlin der durch rechtskräftige Erkenntnis des Schwurgerichtes I Berlin vom 19. Juni 1934 wegen gemeinschaftlichen Mordes zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehren­rechte verurteilte Max Matern hingerichtet worden. Er hat ebenso wie der gleichfalls zum Tode verurteilte Michael Klause entscheidend an der Ermordung der Polizeihauptleute Anlauf und Lenk mitgewirkt, die am 9. Aug. 1931 in der Nähe des Bülow-Platzes, des jetzigen Horst-Wessel-Platzes, von Kommunisten erschossen wurden. Die Mordtat stellt sich als ein wohlvor- Lereitetes auf Anweisung der Eauleitung der KPD. planmäßig durchgeführtes Unternehmen dar, dem zwei pflichttreue Beamte zum Opfer gefallen sind. Mit Rücksicht hierauf hat der Führer und Reichskanzler es abgelehnt, bei Matern von dem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen.

Dagegen hat er die gegen Klause erkannte Todesstrafe im Gnadenwege in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt, weil Klause durch sein offenes Geständnis den Behörden wertvolle Hilfe geleistet und die Aufklärung der Tat bis in alle Einzelheiten ermöglicht hat. Der im gleichen Verfahren ebenfalls zum Tode verurteilte Friedrich Broede hat im Gefängnis Selbstmord verübt.

Ui-. Berlin, 22. Mai.

Die Antworten, welche die Rede des Führers in den ersten 24 Stunden gefunden hat, entspricht in vollem Umfang der Bedeutung der 13 Punkte des Friedensprogramms und der tiefgreifenden Auseinandersetzungen mit den außenpolitischen Problemen, die von den anderen Staaten durch die Wiederaufnahme der Machtpolitik aufge­worfen wurden.

Die Rede konnte zwei Antworten finden: Ein glattes Nein ohne Prüfung, aus Bosheit und aus Prinzip, oder eine abwartende Haltung. Ein sofortiges 2a war ausgeschlossen, weil die Vor­schläge sowohl der weltanschaulichen Grundlage nach, wie auch hinsichtlich der Praxis für die Staatsmänner in London, Paris und Rom neu­artig sind. Das Nein haben nur einige französische Zeitungen ausgesprochen, die im Dienst der-

London, 22. Mai.

Die Reichstagsrede des Führers stand im Vor­dergrund der Erklärung, die der stellvertretende englische Ministerpräsident Baldwin am Mitt­wochnachmittag im Unterhaus über die englische Wehrpolitik und ihre Zusammenhänge mit der internationalen Lage abgab. Baldwin versicherte, daß die Rede des Kanzlers die gründlichste und fairste Prüfung durch die britische Regierung er­fahren werde und betonte:Wir sehen die Er­klärungen'des Kanzlers als sehr bedeutungsvoll an. Die britische Regierung wird ihnen sofort ihre ganze Aufmerksamkeit in einem Geist der Sympathie und der Aufrichtigkeit schenken. Die gegenwärtige Lage hängt nicht nur von dem ab, was Großbritannien tut oder sagt. Aber wir haben in Zusammenarbeit mit anderen eine wichtigere Rolle zu spielen und wir werden nicht versäumen, unser Aeußerstes zu tun, um in jeder möglichen Richtung ein internationa­les Abkommen zustandezubringen.

Indem Baldwin auf einige der von Adolf Hit­ler mitgeteilten 13 Punkte der Reichsregierung einging, brachte er u. a. folgendes zum Ausdruck:

1. Die Erklärung Hitlers, daß Deutschland in der Luft Gleichheit mit den anderen Einzelstaaten wünscht, ist eine Bestätigung der Basis, auf der die englischen Pläne begründet sind.

2. Der deutsch« Standpunkt, daß Deutschland nicht nur zu einer Erhöhung sondern auch zu einer Herabsetzung der Rüstungsgrenzen bereit ist, ist ein sehr wichtiger Gedankengang.

3. Die deutschen Aeußerungen über einen Luft­pakt auf der Grundlage des Locarnovertrages'sind um so wertvoller, als Hitler sagte, daß ein solcher

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stungsindustrie schreiben und die im Rahmen des fowjetrussisch-sranzösischen Bündnisses jetzt auch vom Bolschewismus abhängig geworden sind.

Die beste Form der Antwort hat nach allge­meiner Auffassung in Berlin Baldwin im Unter­haus erteilt (siehe seine Erklärungen weiter unten), indem er eine Prüfung zugesagt hat. Es wäre nicht im-Sinne Berlins gewesen, wenn etwa das Unterhaus sich sofort zum Richter über die Rede des Führers aufgeworfen Hütte. Auch die englische Regierung hat nicht die Möglichkeit, einseitig ein zusagendes oder ablehnendes Urteil im Namen der ganzen Welt über die Rede Adolf Hitlers abzugeben. Wenn die von Baldwin zuge­sagte Auseinandersetzung in voller Gleichberechti­gung erfolgt und dabei die Vorschläge des Führers in aller Offenheit gewürdigt werden, dann kann eine Auseinandersetzung zwischen

Luftpakt von einer Begrenzung der Luftrüstungen begleitet sein solle.

4. Abschnitte der Hitlerrede zeigen, daß er unsere Ansicht über den Schutz der Zivilbevöl­kerung gegen Luftangriffe teilt.

5. Wir begrüßen Hitlers Beitrag als Hilfe für eine allgemeine Regelung im Sinne des Londoner Protokolls.

Berlin, 22. Mai.

General von Reichenau, der Leiter des Wehrmachtsamts im Reichskriegsministeriam, wies im Rahmen grundlegender Ausführungen über den Inhalt des neuen Wehrgesetzes (die wir an anderer Stelle der heutigen Ausgabe veröf­fentlichen) auf die Auswirkungen der allgemei­nen Wehrpflicht im Jahre 1935 hin. Er betonte:

Im Jahre 1935 werden die Geburtsjahr- gänge 1914 und 1915 gemustert und der Jahr­gang 1914 zur Erfüllung der aktiven Dienst- pflicht ausgshoben. Der Jahrgang 1915 steht nach der Musterung zunächst zur Ableistung des Arbeitsdienstes zur Verfügung.

Die Dienstpflichtigen dieser beiden Jahrgänge sind bereits durch die Behörden der allgemeinen und inneren Verwaltung in Personalblättern er­saßt. Die Musterung beginnt im

England und Deutschland für den Frieden der Welt von Vorteil sein. Voraussetzung dafür ist aber die unbedingte Offenheit in London und zwar von allen maßgebenden Mitgliedern des englischen Kabinetts. Bisher hat es daran trotz der deutsch-englischen Minister-Aussprache in Berlin gefehlt.

Man erwartet in Berlin ein entsprechendes offi­zielles Echo aus Rom erst, wenn die abessinische Frage in Genf behandelt, und aus Paris, wenn Laval von Genf zurückgekehrt ist. Die Vorschläge des Führers sind auch nicht etwa unter dem Ge­sichtspunkt gemacht, daß in kurzer Frist eine Ent­scheidung getroffen werden soll. Der Führer hat vielmehr ausdrücklich betont, daß man Schritt für Schritt vorgehen müsse, und diese For­derung gilt auch für die wahrscheinlich einsetzende diplomatische Fühlungnahme. (Die Pressestimmen über die Führerrede veröffentlichen wir im Innern des Blattes.)

6. Baldwin erklärte, baß er nicht auf die Aeußerungen des Führers über die osteuropäischen Paktpläne Bezug nehmen wolle, da diese nicht in direkter Beziehung zu der jetzigen Wehrdebatte stünden.

7. Baldwin sagte, daß die englische Regierung zurzeit den Plan einer Koordination der eng­lischen Wehrministerien erwäge.

(Fortsetzung auf Seite 2.)

Juni, die Aushebung findet im Herbst 1935 statt. Die Äusgehobenen wer­den beim Heer und der Luftwaffe zum 1. November 1935 eingezogen Die Kriegsmarine hat verschiedene Einstel­lungstermine, die sich je nach der Verwendung im Flotten- oder Küstendienst über das ganze Jahr verteilen. Für Ostpreußen wird außer­dem noch der Geburtsjahrgang 1910 zur Erfül­lung der aktiven Dienstpflicht gemustert und aus- aehoben.

Gesuche um freiwilligen Eintritt in die Wehrmacht können nur bis zuin 1. Juli dieses Jahres angenommen werden, da mit Beginn der Musterung die Freiwilligeneinstellung beendet sein muß. Es wird gebeten, alle Anfragen an das zuständige Wehrbezirkskommando zu richten. Wer nicht weiß, welches Wehrbezirks­kommando für seinen Wohnort zuständig ist, er­hält Auskunft auf der Ortspolizeibehörde.

Baldwin: Hitlers Rede ein Lichtblick

Der englische Staatsmann antwortet dem Reichskanzler im Unterhaus

Lahrgang iyi4 Wird ausgehoben

Beginn der Musterung im Juni Aushebungen am i. November

Ohne Mitgliedsbuch

DemSchwarzen Korps" der inhalt­reichen. im Geist vorbildlichen National­sozialismus' gestalteten Zeitung der SS. entnehmen wir den folgenden ausgezeich­neten Beitrag zum Thema:National­sozialisten ohne Mitgliedsbuch".

Ein harter Rhythmus der Arbeit hat unser Volk erfaßt, um einem Ziel freien Willens u dienen, um gegen den Rest einer sterben- en Zeit und gegen das Laue und Halbe, egen Lüge und Heuchelei von gestern ehr­lichen Herzens mitzuhelfen am Neubau un­seres werdenden Reiches.

Da stehen die Männer der Faust an den Straßen des Führers am Werk, das für Jahr­hunderte bestimmt ist, da stehen die Jungen in Moor und Heide, Boden zu ertrotzen für Volk und Nation, da gehen sie von Haus zu Haus, tagein und tagaus und schaffen und sammeln und sorgen, daß der Nächste, den das Glück verfaß, nicht ver­gessen werde von dir und mir, Männer der Stirn und Männer der Faust, die sich ein­setzen mit dem letzten, alle beseelt von der Idee dieser Zeit, von dem Willen zur wahren Gemeinschaft und von dem Glauben an die Größe Deutschlands, erfüllt von der Pflicht zum Dienen, als freie Männer für die Frei­heit des Volkes. '

Sag, Kamerad, hast du jemals, wenn du den Mann am Bau der Autostraßen, weit von daheim, meist für geringen Lohn schuf­tend und mühend sahst, hast du jemals den Mann vom Arbeitsdienst, den Kameraden von der Winterhilfe und alle jene vom Riesenheer der stillen und treuen Arbeiter, hast du jemals daran gedacht, sie nach ihrem Parteibuch zu fragen, wäre dir jemals dieser Gedanke gekommen, wenn du sie an der Arbeit sahst?

Soldat der Alten Garde, du begannst dei­nen Weg um der Idee willen, du gabst, und niemals hast du eigentlich gefordert, du wärst ja dann nicht der, als der du einmal in die Geschichte des Reiches eingehen mußt. Das war und ist immer dein Ziel, daß Deutsch­land einmal nationalsozialistisch sei. Du weißt, alter Kämpfer, nicht alles ist erreicht. Oft stehst du noch hier und da wie auf einer Insel gegen Unverstand, gegen Dummheit und oft gegen Uebertreibung, um die Rein­heit deiner Idee zu verteidigen. Du weißt darum, daß dein Kampf, den du damals irgendwo begannst, auch heute noch dich ganz und mit dem alten Herzen verlangt.

Mancher von uns wurde grau und müde und mancher ist vielleicht auch untreu ge­worden, doch trotz allem steht die Alte Garde, ein jeder Statthalter des Führers, und ein jeder ist sich bewußt dieser Berufung wer enttäuscht oder einsam wäre, hätte verlernt, zu sehen.

Die Partei war der wachsende Stoßtrupp auf dem Wege zur Macht. Sie wurde groß nach dem Siege, und mancher, der nicht zu uns gehörte, kam in unser Haus und wurde oder wird noch enttäuscht, daß dieses Haus im Innern gleich schlicht ist, als es von außen den Anschein hat.

Dieses Haus mußte einmal seine Tore schließen, damit ein Gedränge im Innern nicht jegliche Arbeit hinderte, und mancher blieb draußen, um den uns nicht trauerte,

Der literarifche Vonsparte

tzum 50. Todestag von Frankreichs größtem Romantiker / Von Matthäus Becker

Die Biographen großer Dichter verweilen be­sonders gern bei den Erfolgen ihrer Helden, und das mag so in der Ordnung sein. Aber wäre es nicht doch originell und sogar lehrreich, wenn ein­mal jemand ausschließlich die literarischen Fehl­leistungen der Genialen zum Gegenstand einer Ab­handlung machen würde? Als eine der vernichtendsten Niederlagen des Genius würde dort das Schicksal einer Pariser Uraufführung des Jahres 1843 geschildert werden müssen. Die Tra­gödieDie Burggrafen" von Victor Hugo, den die Franzosen als ihren größten Dichter feiern, war es, die damals einen katastrophalen Durchfall er­lebte.

Wenn man feststellt, daß Frankreich diese Ur- aufsührungs-Niete wie ein nationales Unglück empfand, so ist damit nicht zu viel gesagt. Das französische Volk hat nach Napoleon I. keinen so abgöttisch verehrt wie diesen Dichter. Dieser Vic­tor Hugo ist geradezu der Bonaparte der französi­schen Literatur.

Mancher einfache Literatur-Soldat hätte nach der Katastrophe derBurggrafen" die Feder ins Korn geworfen. Hugo nimmt lediglich eineUm­gruppierung" vor: er ist jetzt nur Romanschrift­steller, nur Lyriker, um erst nach vier Jahrzehn­ten, lange nach der Rückkehr von seinem Elba, nämlich von seiner Verbannungsinsel Euernsey, mit demTorquemada" noch einmal zum Degen des politisch-religiösen Tendenzstücks zu greifen...

Als eine Ode des Siebenzehnjährigen auf die Bildsäule Heinrichs IV. von der^ Akademie zu Toulouse gekrönt worden war, gestattete ihm der Herr Papa, bonapartistischer General, von der Vorbereitung für den Soldatenberuf in die lite­

rarische Laufbahn umzuschwenken. Victor Hugo bleibt auch in der literarischen Laufbahn soldati­scher Kämpfer. Mit 27 Jahren schlägt er, ange­regt vom griechischen Befreiungskampf, mit der farbenprächtigen GedichtsammlungLes Orien­tales" seine erste große und siegreiche Schlacht: die Veröffentlichung erobert ihm die Fllhrerstellung im Lager der Romantik. Und nun macht dieser Literatur-Vonaparte mit unerschrockenem Mut Front gegen jenes vergreiste literarische Schaffen, das sich auf den vom klassischen Kothurn der Ra­cine, Corneille und ihrer zahllosen Nachahmer ausgetretenen Pfaden bewegt. Das Hauptschlacht­feld ist das Tkeatrs kravyais, und eine ganze Schar jung aufstrebender Geister wie Dumas der Aeltere, Thsophile Eautier, Müsset, Samt Beuve organisieren unter Hugos Leitung den Sturm auf das klassische Repertoire der französischen Na- tionalbühne. Doch auch in anderen Bezirken der Literatur schlägt der Dichter gleichzeitig seine Schlachten gegen das Alte und Verknöcherte: die Bekanntschaft mit Walter Scott hat schon in dem Achtzehnjährigen den Plan zu einem Roman reifen lassen, der viele Jahre später in dem MeisterwerkNotre-Dame de Paris" zur wirk­lichen Beherrschung der Scott'schen Technik führt.

Auch der Literatur-Bonaparte ist unersättlich in seinem Ehrgeiz, unversöhnlich in seinem Haß. Unter Ludwig Philipp wird er zum Pair von Frankreich erhoben. Doch seine Stellung zur Monarchie wandelt sich, und der junge Louis Na­poleon hat nur wenige Widersacher von gleichem Einfluß, keinen von größerer Erbitterung als diesen Victor Hugo. Nach Louis Napoleons Staats­streich im Jahre 1851 wird Hugos Name auf die Proskriptionsliste gesetzt. Der Dichter flüchtet nach

Belgien, dann auf die Normannen-Jnsel Jersey, zu­letzt auf denFelsen", die Nachbar-Insel Euernsey, wo er sich ein wundervolles Schloß erbaut. Von hier sendet er, zumal in denZüchtigungen", ge­gen Napoleon III. die tödlichen Pfeile seiner An­klagen und seines Spottes. Am bittersten ist sein Hohn wie er im Jahre 1859 amnestiert werden soll. Wie kann dieser Monsieur Vadinguet auf dem Thron Frankreichs sich einbilden, daß Frank­reichs größter Dichter aus seinen Händen eine Amnestie annehmen werde! Frankreichs größter Dichter weiß, daß seine Stunde kommen wird! Und in der Tat, elf Jahre später kommt diese Stunde. Zwei Tage nach Sedan kehrt Hugo nach Paris zurück empfangen wie einst Napoleon nach der Rückkehr von Elba! Doch auch dies ist nur ein Regime der Hundert Tage schon nach Mo­naten, in den Tagen der Kommune, muß er nach Belgien fliehen! Endlich, im Jahre 1878, kann er in Paris sich dauernd niederlassen. Neun Jahre später, am 22. Mai 1885, erlischt dieser Feuergeist. Seine lleberreste kommen in das Pan- teon. Wie ein Heerführer auf dem Schlachtfeld, so starb er, die Feder in der Hand, als Dreiund- achtzigjähriger. Es war eine ungeheuer frucht­bare Feder: seine Werke umfassen fünfzig statt­liche Bände, der in alle Sprachen übersetzte Mammut-RomanDie Armen und Elenden" da­von allein zehn! Mit ihm ging der Dichter da­hin, dessen Vorzüge und Schwächen als Poten- zierung des französischen Nationalcharakters und seiner Hauptmerkmale angesehen werden können. Eine Nation trauerte um das Genie, das ihr We­sen am besten spiegelte, um einen großen Dichter und nicht minder großen Pathetiker, um einen Künstler des Wortes, dessen Poesien Taten wur­den und der eine Herrschaft ausübte wie in seinem Volke nur noch der große Oheim seines verhaßten Gegners auf dem Thron Frankreichs, der Oheim des Monsieur Vadinguet oder wie er ihn auch ge­nannt hat, desNapoleon le Petit"!

Fritz Meingast

smdllatviiche Vauernlchwanke

In der niedrigen Bauernstube hatten wir Platz genommen. Der serbische Eastfreund bewirtete uns mit einer mächtigen Portion Sir (Topfenkäse) und dann trug die Magd noch zwei Schüsseln Kaffee auf. Währenddessen ließ sich der Bauer von seinem bosnischen Mähknecht Feuer geben. Das geschah so: Der Vosniak schlug Steine aneinander und entzündete damit einen Schwamm. Darauf hielt der Bauer seine Zigarette. Meine Frau und ich hatten mit großen Augen zugesehen. Der Serbe lächelte vergnügt:Ist billiger als ein Streichholz." Und dann rauchte er in langen Zü­gen an der Zigarette. Auch die anderen Männer in der Stube, Knechte und Verwandte des Bau­ern, folgten seinem Beispiel. Bald umlagerte uns alle ein dicker Schleier von Rauch. Nur flackern­des Kerzenlicht erhellte den düsteren Raum. Durch den Spalt des geöffneten Fensters hörten wir das Vorbeirattern von Leiterwagen. Dazwischen erhob sich ein Wechselgesang Heller und dunkler Männer­stimmen. Er kam näher und entfernt« sich. Aber immer wieder folgten Wagen und immer wieder tönten die slawischen Melodien. Ich fragte unse­ren serbischen Gastfreund, wer da sang. Er wiegt« seinen Kopf:Bauernburschen sind es, die von einem Dorf zum andern fahren. Die einen trin­ken Schliwowitza (Zwetschgeuwasser), die anderen gehen zu ihren Mädchen." Da bat ich den Serben, mir doch von seinem Volk und dessen Sitten zu erzählen. Er klopfte die Asche von seiner Ziga­rette:Ich bin ein Bruder Lustig und weiß nur dumme Schwänke." Da ich ihm keine Ruhe ließ, erzählte er mir die Geschichte vom heiligen Petrus und dem Schliwowitza:Weißt du," begann er, uns Landleuten wird nichts geschenkt. Plagen

müssen wir uns von früh morgens bis spät abends. Und was schaut dabei heraus? Gerade so viel, daß wir zu essen haben. Aber die anderen, die feinen Herren, die Kaufleute, die Offiziere, die Rechts­anwälte, die haben es schon besser. Die arbeiten bloß zwei Stund im Tag und sitzen die andere Zeit im Kaffeehaus. Das ist uns Bauern einmal zu dumm geworden. Und wir haben uns versam­melt und beim Herrgott Klage geführt. Wir haben ihm gesagt, daß es nicht so weitergehen kann. Daß wir es auch schön haben möchten, wie die feinen Herren, die Kaufleute, die Offiziere, die Rechts­anwälte. Und darüber mußte der Herrgott lang nachdenken. Endlich nach drei Wochen ist es ihm eingefallen, daß unsere Klage nicht so unbillig wäre. So hat er den heiligen Petrus kommen lassen und zu ihm gesagt:Lieber Petrus, die Bauern werden mir rebellisch, weil sie zuviel ar­beiten müssen. Und ich hab darum beschlossen: Wie's die seinen Herren haben, sollen's auch die Bauern bekommen. Sag ihnen, sie brauchen in Zukunft nur mehr zwei Stunden arbeiten. Am besten von fünf bis sieben Uhr morgens. Dann können sie gleich in die Meß gehen. Und die übrige Zeit im Tag sollen sie essen und trinken. So will ich es. Hast du gehört? Der heilige Petrus nickte ja und wanderte sogleich auf die Erde. Beim ersten serbischen Dorf hat er Rast gemacht und den Bau­ern mitgeteilt, daß ihnen der Herrgott die Arbeits­zeit verkürzen möchte. Da haben die Bauern vor lauter Freud ein Fäßchen Schliwowitza herbeige­schleppt und dem Petrus solange zu trinken ge­geben, bis er einen Ochs vom Schwein nicht mehr unterscheiden konnte. Ja, so ist es gewesen. Aber wie ihn die Bauern fragten, von wann bis wann