Ausgabe 
(10.5.1935) Nr. 137
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

öas amUiche (lraan des -er Zreien LanfestM öremen

L°di?P°s«N so Rps, Zustellungsgebühr;

entrichten. Postscheck Hamburg 172 72 Betr!ebZstör,i^- M- d?sibestellgeld. Der Bezugspreis ist,m voraus zu

NS.-Ganverla?Wef°r-Em/ G. m.' ^7^-7^

1

9

3

5

Anzcigen-Grundpreise: Die 82-mm-ZeiIe im Anzeigenteil >8 Rps.. die 70-mm-Zeile tm Tertteil 7b Rps. Ermäßigte Grundpreise tsür kleine Anzeigen. Familienanzeigen u. a.) sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste 4. (Nachlatzstasfel 0.» Für Anzeigen durch Fernsprecher kein- Gewähr. Annahmeschluß IS Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 1213 Uhr; Schriftleitung Dienstag bis Freitag von 12'/,13'/- Uhr.

Nr. 137 / 3. Jahrgang

Sonntag, 19 . Mai

Einzelpreis is Rpf.

LLnzureichenderGnadenakt" des Mauifchen Gtaatspfäfidenten

Kownoer Todesurteile aufgehoben

T^otz erwiesener Unschuld der Memeldeutschen lebenslängliche Zuchthausstrafen verhängt

Unser lagesspiegvl

Der litauische Staatspräsident hat die Kow­noer Todesurteile aufgehoben und die vier Memeldeutschen zu lebenslänglichem Zucht­hausbegnadigt".

General Eöring und Minister Lava! hielte« in Krakau eine längere Unterredung ab.

In Krakau wurde Marschall Pilsudski feier­lich zur letzten Ruhe bestattet.

Bei dem Absturz des größten Sowjet-Flug­zeugesMaxim Gorlij" fanden <8 Personen den Tod.

Dem Generalfeldmarschall o. Mackensen wurden in Ungarn weitere stürmische Hul­digungen dargebracht.

Der Streik in der französischen Handelsschiff­fahrt hat ein weiteres Schiff ersaht.

Hinsichtlich der Entschuldung der Landwirt­schaft wird eine längere llebergangssrist für notwendig gehalten.

Aus der Gaupropaganda-Tagung in Osna­brück sprach Reichsstatthalter Rover vor 700 Propagandisten.

Der bremische Staatshaushalt 1835 ist aus­geglichen und zeigt eine Besserung der fi­nanziellen Verhältnisse.

IWWW

Sonnenwendseier in der HZ.

Die diesjährige HJ.-Hauptfeier der Sommer­sonnenwende findet am 21. Juni in der Lübecker Bucht statt. Die Durchführung der Feier liegt in Händen der Reichsjugendführung. Der Reichs- jugendführer Valdur von Schirach spricht von einem Kreuzer der Reichsmarine, deren ge­samtes Ostseekontingent anläßlich dieses Tages in der Lübecker Bucht zusammengezogen wird, über sämtliche Reichssender zur deutschen Jugend und zum deutschen Volk. Für die Hitlerjungen wird Vben den örtlichen Veranstaltungen Eemein- schaftsempfang angeordnet werden. Wie bereits in den Vorjahren, soll auch diesmal die Sonnenwendseier unsere starke Verbundenheit zu Art und Sitte unserer Vorfahren zum Ausdruck bringen und zugleich die lebendige Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart wachrufen. Insbesondere wird die wiedergewonnene Wehr­freiheit der Feier das Gepräge geben.

Hindenburgfeier im Zeughaus

In Anwesenheit des Führers und Reichskanz­lers, der sein Erscheinen zugesagt hat, wird der Reichsverband Deutscher Offiziere am Donners­tag, 23. Mai, im Zeughaus zu Berlin, der alten Ruhmesstätte preußisch-deutscher Waffenmacht, eine von Pros. Ludwig Manzel geschaffene, über­lebensgroße Büste des verewigten Generalfeld­marschalls von Hindenburg enthüllen. An der um 17.30 Uhr stattfindenden Feier werden die Spitzen der Partei und die Behörden, der Generalität, Abordnungen und Vertreter von Gliederungen der Partei, des Stahlhelm, der Offiziersvereinigun­gen, die Landesverbandsführer und Ortsgruppen- Bertreter des RDO. und der diesem angeschlosse­nen Verbände teilnehmen. Eine Ehrenkompanie der Reichswehr wird vor dem Zeughause aufmar­schieren und die Fahnen der Hindenburg-Regi- menter in das Zeughaus bringen.

Kowno, 18. Mai.

Die litauische Telegrafenagentur meldet: Der Staatspräsident hat durch einen Akt vom 18. Mai 1935 aus eigener Initiative die Todesstrafen des Kriegsgerichts gegen Walter Pries, Ewald Boll, Emil Lepa und Heinrich Wannagat in lebensläng­liches Zuchthaus umgewandelt mit den Folgen der Paragraphen 28, 29,1 und 39 des Strafgesetzes, wobei für die ersten drei die Beschlagnahme des Vermögens zugunsten des Staates bestehen bleibt. Die betreffenden Paragraphen beziehen sich aus die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.

* ,

Die Tatsache, daß die gegen die Memel- länder verhängten Todesurteile in lebens­längliche Zuchthausstrafen umgewandelt wur­den, läßt immerhin erkennen, daß die litaui-

Xr. Berlin, .6. Mai.

Aus Anlaß der Anwesenheit des preußischen Ministerpräsidenten Eöring und des französischen Außenministers Laval in Krakau bei den Vei- setzungsfeierlichkeiten für Pilsudski hat am Sonn­abendnachmittag eine längere Unterredung zwi­schen Eöring und Laval stattgefunden.

In Berlin ist darüber Lekanntgemacht, daß man sich über alle schwebenden Fragen unterhalten, aber Einzelheiten natürlich nicht behandelt hat. Die französische und die englische Presse haben schon 24 Stunden bevor diese Unterredung statt- fand, Meldungen über ihren angeblichen Inhalt verbreitet und dabei auch Kombinationen ver­öffentlicht, die bei der wirklichen Unterredung vor­läufig keine Rolle gespielt haben. Es bestätigt sich die schon seit heute mittag in Berlin verbreitete Auffassung, daß die allgemeine Aussprache zwischen Laval und Göring sich nur auf die schwebenden politischen Fragen und nicht auf bestimmt« Ein­zelheiten oder bestimmte Vorschläge technischer oder politischer Natur erstrecken würde.

Im unmittelbaren Anschluß an die Unterredung verließ der General um 21,1g Uhr mit seinem Adjutanten im Sonderzug Krakau, um sich nach Warschau zu begeben. Eine Kompagnie der Eisen­bahnbrückenbau-Abteilung erwies die Ehrenbezeu­gungen. Kurz vor der Abreise unterhielt sich Ee- neral Eöring in seinem Salonwagen mit dem Di­visions- und Korpsgeneral von Krakau. Als der Zug den Bahnhof verließ, mit dem auch der deut­

sche Regierung davor zurückschreckte, das Bluturteil gegen unsere leidenden Volksge­nossen an der Memel trotz des Protestes der Weltöffentlichkeit vollstrecken zu lassen. Trotz­dem bleibt es eineSchande an der europäischen Kultur, über völlig Unschuldige, denen nichts weiter als vaterländische Regungen nachzu­weisen war, lebenslängliche Zuchthausstrafen zu verhängen. Hier. energisch Einspruch zu erheben, bleibt die unbedingte Schuldigkeit der Signatarmächte des Memelstatuts, deren Schritte in Kowno sicher keine Beachtung fanden.

Die Königsberger Presse hat nur recht, wenn sie schreibt:

Es bleibt nach wie vor vor aller Welt der litauische Rechtsbruch klar bestehen, durch den deutschblütige Menschen durch unerhört bru­tale Kerkerstrafen schließlich doch vernichtet

Berliner Svliriktleituns)

sche Botschafter von Moltke nach Warschau zu­rückfuhr, präsentierte die Ehrcnkompagnie das Ge­wehr, während eine Kapelle die polnische Natio­nalhymne intonierte und das zahlreiche polnische Offizierskorps salutierte.

General von Bock, Konteradmiral Witzel und Fliegergeneral Weyer sowie die übrigen

Moskau, 18. Mai

Das größte Flugzeug der Sowjet-UnionMa­xim Eorkij", Las über 7V Personen an Bord nehmen kann, ist einer Katastrophe zum Opfer ge­fallen. Das Flugzeug startete mit einer anderen Maschine im Schlepp. Kurz nach dem Start un­ternahm der Führer des geschleppten Flugzeuges, Saschin, trotz des Verbotes der sowjetrussischen Luftsahrtbehördcn, mehrere Luftkunststiickc. Hier­bei stieß er mit dem FlugzeugMaxim Gorkij- zusamme». Beide Maschinen stürzten ab. Elf Personen der Besatzung und 30 Fluggäste fanden den Tod. Auch der Flugzeugführer Saschin kam ums Leben. Insgesamt haben bei der Katastrophe 48 Personen das Leben eingebüßt.

Auf Veranlassung des Thefs der russischen Zivil­luftflotte, Tkafchew, wurde ein besonderer Aus- schuß, bestehend aus Vertretern der russischen Militär- und Zivilluftfahrt, der politischen Poli-

werden sollen, Menschen, die nicht Gnade zu verlangen brauchten, weil sie ein Recht zu fordern hatten. Die litauische Rechtsprechung bleibt mit dem Brandmal gröbster Rechtsver­letzung behaftet. Es wird nicht eher Ruhe im Nordosten Europas herrschen, ehe nicht das Memelproblem endgültig im Sinne der Ge­rechtigkeit gelöst ist." Und weiter:Noch be­steht keine Klarheit darüber, ob die Ange­klagten Zeit ihres Lebens nun in litauischen Zuchthäusern schmachten und damit einem beinahe noch grauenhafteren Schicksal ent­gegengehen sollen. Wir fordern nach wie vor eine gründliche Revision dieses politischen Prozesses. Der ganze Verlauf der Verhand­lungen vor dem Kownoer Kriegsgericht hat so einwandfrei die Unschuld unserer memel- ländischen Volksgenossen erwiesen, daß wir uns nie und nimmer damit einverstanden erklären können."

Mitglieder der deutschen Militärdelegation haben Krakau schon kurz nach 17 Uhr verlassen.

Minister Laval seinerseits soll im unmittel­baren Anschluß an die Unterredung französischen Jounalisten erklärt haben, daß er eine sehr inter­essante Unterredung mit dem Ministerpäsidenten Eöring gehabt habe. Er, Laval, sei stets ein Freund der unmittelbaren Fühlungnahme und Aussprache gewesen.

zei und anderer Behörden, eingesetzt, um die Ur­sache des Unglücks derMaxim Eorkij" festzustellen. Die Ermittlungen haben ergeben, daß das Unglück lediglich auf den Flugzeugführer Saschin zurück­zuführen ist, der mit seinem Apparat in die Nähe des GroßflugzeugsMaxim Eorkij" geriet und sei­nen linken Flügel rammte. Der Zusammenprall war so stark, daß dieMaxim Eorkij" trotz ihrer Stärke und ihres großen Gewichtes sich mehrere Male überschlug. Ihr linker Flügel riß vom Rumpf ab. Die Untersuchung ergab, daß das Großflugzeug in Brand geriet und daß sich meh­rere Explosionen ereigneten. Die Feuerwehr des Moskauer Zentralflugplatzes konnte nicht mehr helfen.

Die Sowjetregierung hat beschlossen, alle Toten der Katastrophe auf Staatskosten zu beerdigen. Außerdem wurde den Hinterbliebenen eine staat­liche Pension ausgesetzt.

Die Welt in Erwartung

Vor des Führers Rede

» Bremen, den 19. Mai.

Es ist begreiflich, daß die Welt mit uner­meßlicher Spannung der Rede des Führers harrt, die für den kommenden Dienstag an­gekündigt, zweifellos den Völkern Europas wieder einmal wertvolle Erkenntnisse über die Grundlinien der deutschen Außen­politik vermitteln dürfte.

Es ist zwar nicht so, als ob diese Völker und ihre Staatslenker diese Grundlinien nicht längst schon kennen müßten. Adolf Hitler hat diese Grundlinien eindrucksvoll genug bereits vor zwei Jahren in seiner ewig denkwürdigen Rede vom 17. Mai 1933 auf­gezeigt, und, wie Hellmuth Sündermann in seinem AufsatzZeitgemäße Erinnerungen" gestern in der NSK. besonders hervorhob, in ehrlichem Friedenswillen den Staats­lenkern Europas die Hand entgegengestreckt. Wenn diese sich damals den ihnen gebotenen Erkenntnissen ebenso hartnäckig verschlossen wie der auf Moral, Recht und Vernunft be-

ründeten deutschen Forderung nach Gleich-

erechtigung, so haben sie wohl inzwischen das eine wenigstens lernen müssen, daß bei allem vom Ernst und höchstem Ver­antwortungsbewußtem getragenen Frie­denswillen des Führers Deutschland sich zu nehmen versteht, was man in ungerechter Weise ihm vorenthalten will. Sie haben da­bei wohl auch eingesehen, daß Deutschland gerade durch oiese seine Haltung dem Welt- frieden Europas am meisten diente, und in­dem es eine ihm unerträgliche Diffamierung tatkräftig abgeschüttelt hat, eine ständige Ge­fahr des Friedens beseitigte. Vermag heute vielleicht irgendwer zu bestreiten, daß die Wiederherstellung der deutschen Ehre durch das Gesetz zum Wiederaufbau der deutschen Wehrmacht, womit die Völker Europas am 16 März dieses Jahres vor vollendete Tat­sachen gestellt wurden, nicht von diesen zu­letzt selbst als eine Erleichterung der allgemeinen politischen Lage im Sinne des Weltfriedens empfunden wurde? Vermag auch nur irgendwer heute zu verkennen, daß der Führer mit seinem genialen Entschluß den unheilvollen Geist von Versailles zur Er- möglichung einer Grundlage friedlicher Ge­meinschaftsarbeit der europäischen Völker auszutreiben, mehr getan hat, als in allen Besprechungen und K mferenzen der anderen Mächte seit eineinhalb Jahrzehnten ge­schehen ist? Und weil man das nicht bestrei­ten kann, und auch noch im Ausland eine gewisse Neigung besteht, dies um keinen Preis auszusprechen darum ist man ja dort auch neuerdings wieder so gespannt auf die Rede des Führers, die naturgemäß heute, wo sein staatsmännischer Genius und sein überlegener Aufbauwille in der Welt unbestritten dastehen, noch ganz andere Be­achtung findet, als im vorigen Jahre am 17. Mai.

Es wäre wirklich an der Zeit, daß sich die Großmächte Europas endlich etwas mehr als bisher zur Erhaltung des Friedens Europas auf die Grundlage stellen, die dem Frieden der Welt zu dienen geeignet ist, zumal wir in Deutschland gerne bereit wären, den neu­erdings wieder aus Frankreich herüberhal- lenden Versicherungen zu glauben, daß der

Llnierre-ung Göring-Laval

Allgemeine Aussprache über die schwebenden politischen Fragen

(vrabtberiebt unserer

Flugzeugkatastrophe in Nußland

Maxim Gorkij" abgestürzt / 48 Todesopfer

Ktrenger Verweis" für einen Word

Was gilt ein Menschenleben in Sowjet-Rußland? / Von Lrtur W. Tust

Moskau, im Mai 1935.

Will man den kulturellen Zustand eines Staates, eines Volkes messen, so gibt es dafür wohl keinen besseren Maßstab, als daß man sich die Frage beantwortetWas gilt ein Menschen­leben dort?". Ueberall gibt es Verbrecher und Deklassierte, Ausgestoßene und für die Menschheil Verlorene, deren Leben in sozialem Sinne leicht wiegt. Ueberall gibt es politische Gegner, Staats­feinde, deren sich zu erwehren jeder Staat schließ­lich ein Recht hat. Wie er dies tut, sagt gewiß viel aus über sein inneres Wesen, aber das steh: auf dem politischen und nur bedingt auch auf dem kulturellen Blatt. Entscheidend ist, was der Staat tun kann und tun will, um einem ganz gewöhnlichen Durchschnittsbürger, an dem er weder positives noch negatives besonderes Interesse hat, mit Hilfe seiner allgemein zugäng­lichen Wohlfahrtseinrichtungen aus einer unver­schuldeten oder zufälligen Notlage zu helfen.

Es soll hier von einem Fall die Rede sein, der kürzlich die Sowjetöffentlichkeit beschäftigte. Er ist gewiß einzigartig in seinen dramatischen Ver­wicklungen, aber er ist so einfach in seinem Aus­gangspunkt, so alltäglich, gewöhnlich gelagert, daß seine Geschichte an allgemein gültigen Erkenntnissen über die Sowjetunion mehr aus­sagt, als in 20 dicken Büchern, von 20 gute» Journalisten in zehn Jahren berichtet werden kann. Dabei ist es nicht notwendig, zu überspitzten und objektiv falschen politischen Schlußfolgerungen ZU gelangen. Pharisäertum führt zu keiner Ein­sicht. Das bolschewistische Regiment zeichnet für die Zustände verantwortlich, es hat sie aber nicht erzeugt, sondern einfach nicht zu beseitigen ver­

standen. Es handelt sich um Dinge, die aus dem russischen kulturellen Erbe stammen. Nur der Schluß der Geschichte ist rein politisch.

Einer der Meister des politischen Feuilletons, das in der russischen Publizistik zu eigenartiger Blüte gediehen ist, ein Mann, dem die herrschende Stalinrichtung übel mitgespielt hat, weil er als alter Revolutionär auf die oppositionelle Seite des Trotzkismus geriet, der nun aber wieder in Gnaden aufgenommen ist, L. Sosnowski, hat das Folgende im Regierungsblatt Jswestija unter der Ueberschrift23 Tage" geschildert. Daß dieses erschütternde Material, gestaltet von der Feder eines Künstlers mit warmem Herzen, zur Kennt­nis der breiten Öffentlichkeit gelangt, ist an sich Zufall. Im Zeichen derSelbstkritik" wird in der Sowjetpreffe manches gedruckt, was Schäden und Mängel im Apparat aufdeckt, schließlich aber doch nur ein Bruchteil von dem, was bei den Zeitungsredaktionen an Beschwerden eintrifft. Kommt solch ein Fall in einem der Hauptblätter zur Veröffentlichung, so verlangt es die Uebung, daß dann auch etwas zur Abhilfe des Uebels geschieht. Die Tatsachen sind zum mindesten schon vorgeprüft und man ist sich pressepolitisch darüber klar geworden, daß eine Behandlung des Gegen­standes an der Öffentlichkeit nach bestimmter ^ Richtung hin zweckmäßig erscheint: weil der

Schaden anders als mit dem Machtmittel des organisierten öffentlichen Druckes nicht bekämpft werden kann. Diese Taktik der gouvernementalen Sowjetpresse, die ihre Stellung im Staatsleben bestimmt, muß man kennen, um zu begreifen, in welchem Maße typisch, allgemein gültig die dar­

gestellten Ereignisse sind. Wir halten uns an den Text Sosnowskis und übersetzen zumeist.

Wie üblich begann es sehr einfach. Ein land­wirtschaftlicher Beamter von der unteren Wolga I. M. Suslow wurde von seiner Landkreisver­waltung zu einem Ausbildungskursus im Mos­kauer Institut für Landeinrichtung kommandiert: ein glückliches Ereignis für einen kleinen Provinzbeamten! Eine Reise insZentrum"! Was alles kann man dabei sehen, erleben! Froh reiste er ab. Vorher aber hatte er mit seiner jungen Frau verabredet, daß sie im Anfang März nachreisen solle, wozu sie Urlaub vom Kreissowjet erbitten mußte, wo sie beschäftigt war. In Moskau, dem Ziel und der Hoffnung der ganzen Provinz, wollte man einige Tage verbringen und dann sollte die Frau zu ihren Angehörigen in die Stadt Wjatka weiterfahren. Von Stalingrad an der Wolga bis in die Hauptstadt sind es gute zwei Tage Bahnfahrt. Nach Wjatka aber ist es dann eben nur noch ein Katzensprung: nicht volle 24 Stunden! Da war die Gelegenheit, Mutter und Schwester wiederzusehen, natürlich gegeben.

Frau Suslowa erhielt ihren Urlaub zum 1. März. Sie sandte, wie verabredet, ein Tele­gramm an ihren Mann nach Moskau auf die Adresse des Instituts seiner Beschäftigung. Am 3. März würde sie in der Hauptstadt eintreffen. Allein die Kanzlei des Instituts händigte dem Empfänger die Depesche erst am 7. März, d. h. mit fünf Tage Verspätung aus.

Suslow aber hatte nichts weiter von seiner Frau gehört, die doch schon vier Tage hätte in Moskau sein müssen. Er ließ alles stehen und liegen und dachte nur an eins sie zu finden Von der Kriminalpolizei jagte rr zur Schnelle» ! Aerztlichen Hilfe Bon der Leitung des Moskaus j Ankunftsbakmhofs zum Bevollmächtigten de, ehemaligen GPU auf dem Bahnhof, zum Stationsvorsteher, zum Verkehrskommissariat und zu tausend anderen Stellen. Er sandte Alarmtele­

gramme an die Verwandten in Wjatka, an Be­kannte in allen Städten zwischen seinem Wohn­ort und der Hauptstadt, in der Annahme, daß seine Frau irgendwo die Fahrt unterbrochen hätte. Er suchte in den Gepäckaufbewahrungs­räumen nach Spuren der Habe seiner Frau, und setzte sich schließlich am 10. März nach Stalingrad auf den Zug, um an keinem Halteplatz Nach­forschungen nach der Verlorenen zu versäumen Zu Hause stellte er fest, welche Dinge die Frau mit sich genommen haben könnte, von ihr selbst gab es keine Spur. Nach Moskau zurückgekehrt,

SyringendufL

In weichen Wolken, in süßen Wellen Weht aus den Gärten Syringenduft.

Die Fliederdolden, die schweren, schwelle» Von ihrem blühenden Ueberquellen Erfüllt, umfließt dich die Abendluft.

O Traum der weißen und blauen Syringen! O Duft, der die Liebenden taumeln macht!

In den Büschen die Nachtigallen singen;

In süßen Wellen, aus weichen Schwingen Entgleitet der Abend verklärt in die Nachl lleinrieli .-Inael-er

setzte er die Polizei in Bewegung, sie verspru y alles und fand nichts. Die Angehörigen seiner Frau waren von Wjatka herbeigeeilt Wied-v einmal, am 24. März, forschte er auf dem Mo lauer Südbahnhos nach irgendwelchen Spuren > Zufällig siel sein Blick auf eine versteckte Tase! der Sanitätswache und schließlich fand er diese selbst, was nicht so einfach war. Der wachthabende

Arzt schlug im Tagebuch nach und fand darin eine Bemerkung, daß am 3. März um 10 Uhr abends die Bürgerin Suslowa in nervösem Zu­stand eingeliefert worden war. In derselben Nacht wurde sie in einem Wagen der Schnellen Hilfe zum ersten städtischen psychiatrischen Krankenhaus befördert.

Dort nahm man sie um 6 Uhr früh des folgen­den Tages in die Abteilung der ruhigen Kranken auf. Der Bahnhofsarzt hatte den ihn ablösenden Kollegen beauftragt, den Mann der Suslowa, dessen Adresse die Frau hinterlassen hatte, über das Institut zu benachrichten. Die kleine Provinzlerin hatte sich offenbar stark darüber erregt, daß ihr Gatte sie nicht, wie ver­abredet, auf dem Bahnhof erwartete. Schließlich gab sie ihr Gepäck zur Ausbewahrung und machte sich, völlig fremd in der Stadt, verwirrt durch das Getriebe in den Straßen und aus den Bahn­höfen, ermüdet und nervös mit dem Vorortzug noch gegen abend auf, um nach dem Institut in der Umgebung Moskaus zu suchen. Sie fand sich nicht zurecht und mußte unverrichteter Dinge wieder zum Bahnhof zurückkehren, voller Aengsten, böser Ahnungen und schlimmer Besorgnisse. Ein Weinkramps milderte ihre Nervenanspannung nicht. Er führte sie nur zur Sanitätswache und von dort in die Irrenanstalt.

Mehrmals versuchte man von der Bahnhofs­krankenstube aus telefonisch das Landeinrichtungs- Jnstitut zu erreichen, doch jedesmal schnitt eine freche Frauenstimme das begonnene Gespräch, das ja nur die Angelegenheiten eines Kursus­teilnehmers betraf, kurz ab. Wer Moskauer Telefonnöte kennt, weiß, daß allein die Her­stellung einer Aerbindung beträchtliche Mühe verursacht Die Grobheit und Ilnhöflichkeit kleiner Behördenangestellter die Flegelhaftigkeit von Telefonistinnen in Moskau, ist unerreicht. Es ist somit nicht verwunderlich, daß schließlich der Bahnhofsarzt aus weitere Bemühungen ver-