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Nr. 137 / 3. Jahrgang
Sonntag, 19 . Mai
Einzelpreis is Rpf.
LLnzureichender „Gnadenakt" des Mauifchen Gtaatspfäfidenten
Kownoer Todesurteile aufgehoben
T^otz erwiesener Unschuld der Memeldeutschen lebenslängliche Zuchthausstrafen verhängt
Unser lagesspiegvl
Der litauische Staatspräsident hat die Kownoer Todesurteile aufgehoben und die vier Memeldeutschen zu lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt".
General Eöring und Minister Lava! hielte« in Krakau eine längere Unterredung ab.
In Krakau wurde Marschall Pilsudski feierlich zur letzten Ruhe bestattet.
Bei dem Absturz des größten Sowjet-Flugzeuges „Maxim Gorlij" fanden <8 Personen den Tod.
Dem Generalfeldmarschall o. Mackensen wurden in Ungarn weitere stürmische Huldigungen dargebracht.
Der Streik in der französischen Handelsschifffahrt hat ein weiteres Schiff ersaht.
Hinsichtlich der Entschuldung der Landwirtschaft wird eine längere llebergangssrist für notwendig gehalten.
Aus der Gaupropaganda-Tagung in Osnabrück sprach Reichsstatthalter Rover vor 700 Propagandisten.
Der bremische Staatshaushalt 1835 ist ausgeglichen und zeigt eine Besserung der finanziellen Verhältnisse.
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Sonnenwendseier in der HZ.
Die diesjährige HJ.-Hauptfeier der Sommersonnenwende findet am 21. Juni in der Lübecker Bucht statt. Die Durchführung der Feier liegt in Händen der Reichsjugendführung. Der Reichs- jugendführer Valdur von Schirach spricht von einem Kreuzer der Reichsmarine, deren gesamtes Ostseekontingent anläßlich dieses Tages in der Lübecker Bucht zusammengezogen wird, über sämtliche Reichssender zur deutschen Jugend und zum deutschen Volk. Für die Hitlerjungen wird Vben den örtlichen Veranstaltungen Eemein- schaftsempfang angeordnet werden. Wie bereits in den Vorjahren, soll auch diesmal die Sonnenwendseier unsere starke Verbundenheit zu Art und Sitte unserer Vorfahren zum Ausdruck bringen und zugleich die lebendige Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart wachrufen. Insbesondere wird die wiedergewonnene Wehrfreiheit der Feier das Gepräge geben.
Hindenburgfeier im Zeughaus
In Anwesenheit des Führers und Reichskanzlers, der sein Erscheinen zugesagt hat, wird der Reichsverband Deutscher Offiziere am Donnerstag, 23. Mai, im Zeughaus zu Berlin, der alten Ruhmesstätte preußisch-deutscher Waffenmacht, eine von Pros. Ludwig Manzel geschaffene, überlebensgroße Büste des verewigten Generalfeldmarschalls von Hindenburg enthüllen. An der um 17.30 Uhr stattfindenden Feier werden die Spitzen der Partei und die Behörden, der Generalität, Abordnungen und Vertreter von Gliederungen der Partei, des Stahlhelm, der Offiziersvereinigungen, die Landesverbandsführer und Ortsgruppen- Bertreter des RDO. und der diesem angeschlossenen Verbände teilnehmen. Eine Ehrenkompanie der Reichswehr wird vor dem Zeughause aufmarschieren und die Fahnen der Hindenburg-Regi- menter in das Zeughaus bringen.
Kowno, 18. Mai.
Die litauische Telegrafenagentur meldet: Der Staatspräsident hat durch einen Akt vom 18. Mai 1935 aus eigener Initiative die Todesstrafen des Kriegsgerichts gegen Walter Pries, Ewald Boll, Emil Lepa und Heinrich Wannagat in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt mit den Folgen der Paragraphen 28, 29,1 und 39 des Strafgesetzes, wobei für die ersten drei die Beschlagnahme des Vermögens zugunsten des Staates bestehen bleibt. Die betreffenden Paragraphen beziehen sich aus die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.
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Die Tatsache, daß die gegen die Memel- länder verhängten Todesurteile in lebenslängliche Zuchthausstrafen umgewandelt wurden, läßt immerhin erkennen, daß die litaui-
Xr. Berlin, .6. Mai.
Aus Anlaß der Anwesenheit des preußischen Ministerpräsidenten Eöring und des französischen Außenministers Laval in Krakau bei den Vei- setzungsfeierlichkeiten für Pilsudski hat am Sonnabendnachmittag eine längere Unterredung zwischen Eöring und Laval stattgefunden.
In Berlin ist darüber Lekanntgemacht, daß man sich über alle schwebenden Fragen unterhalten, aber Einzelheiten natürlich nicht behandelt hat. Die französische und die englische Presse haben schon 24 Stunden bevor diese Unterredung statt- fand, Meldungen über ihren angeblichen Inhalt verbreitet und dabei auch Kombinationen veröffentlicht, die bei der wirklichen Unterredung vorläufig keine Rolle gespielt haben. Es bestätigt sich die schon seit heute mittag in Berlin verbreitete Auffassung, daß die allgemeine Aussprache zwischen Laval und Göring sich nur auf die schwebenden politischen Fragen und nicht auf bestimmt« Einzelheiten oder bestimmte Vorschläge technischer oder politischer Natur erstrecken würde.
Im unmittelbaren Anschluß an die Unterredung verließ der General um 21,1g Uhr mit seinem Adjutanten im Sonderzug Krakau, um sich nach Warschau zu begeben. Eine Kompagnie der Eisenbahnbrückenbau-Abteilung erwies die Ehrenbezeugungen. Kurz vor der Abreise unterhielt sich Ee- neral Eöring in seinem Salonwagen mit dem Divisions- und Korpsgeneral von Krakau. Als der Zug den Bahnhof verließ, mit dem auch der deut
sche Regierung davor zurückschreckte, das Bluturteil gegen unsere leidenden Volksgenossen an der Memel trotz des Protestes der Weltöffentlichkeit vollstrecken zu lassen. Trotzdem bleibt es eineSchande an der europäischen Kultur, über völlig Unschuldige, denen nichts weiter als vaterländische Regungen nachzuweisen war, lebenslängliche Zuchthausstrafen zu verhängen. Hier. energisch Einspruch zu erheben, bleibt die unbedingte Schuldigkeit der Signatarmächte des Memelstatuts, deren Schritte in Kowno sicher keine Beachtung fanden.
Die Königsberger Presse hat nur recht, wenn sie schreibt:
„Es bleibt nach wie vor vor aller Welt der litauische Rechtsbruch klar bestehen, durch den deutschblütige Menschen durch unerhört brutale Kerkerstrafen schließlich doch vernichtet
Berliner Svliriktleituns)
sche Botschafter von Moltke nach Warschau zurückfuhr, präsentierte die Ehrcnkompagnie das Gewehr, während eine Kapelle die polnische Nationalhymne intonierte und das zahlreiche polnische Offizierskorps salutierte.
General von Bock, Konteradmiral Witzel und Fliegergeneral Weyer sowie die übrigen
Moskau, 18. Mai
Das größte Flugzeug der Sowjet-Union „Maxim Eorkij", Las über 7V Personen an Bord nehmen kann, ist einer Katastrophe zum Opfer gefallen. Das Flugzeug startete mit einer anderen Maschine im Schlepp. Kurz nach dem Start unternahm der Führer des geschleppten Flugzeuges, Saschin, trotz des Verbotes der sowjetrussischen Luftsahrtbehördcn, mehrere Luftkunststiickc. Hierbei stieß er mit dem Flugzeug „Maxim Gorkij- zusamme». Beide Maschinen stürzten ab. Elf Personen der Besatzung und 30 Fluggäste fanden den Tod. Auch der Flugzeugführer Saschin kam ums Leben. Insgesamt haben bei der Katastrophe 48 Personen das Leben eingebüßt.
Auf Veranlassung des Thefs der russischen Zivilluftflotte, Tkafchew, wurde ein besonderer Aus- schuß, bestehend aus Vertretern der russischen Militär- und Zivilluftfahrt, der politischen Poli-
werden sollen, Menschen, die nicht Gnade zu verlangen brauchten, weil sie ein Recht zu fordern hatten. Die litauische Rechtsprechung bleibt mit dem Brandmal gröbster Rechtsverletzung behaftet. Es wird nicht eher Ruhe im Nordosten Europas herrschen, ehe nicht das Memelproblem endgültig im Sinne der Gerechtigkeit gelöst ist." Und weiter: „Noch besteht keine Klarheit darüber, ob die Angeklagten Zeit ihres Lebens nun in litauischen Zuchthäusern schmachten und damit einem beinahe noch grauenhafteren Schicksal entgegengehen sollen. Wir fordern nach wie vor eine gründliche Revision dieses politischen Prozesses. Der ganze Verlauf der Verhandlungen vor dem Kownoer Kriegsgericht hat so einwandfrei die Unschuld unserer memel- ländischen Volksgenossen erwiesen, daß wir uns nie und nimmer damit einverstanden erklären können."
Mitglieder der deutschen Militärdelegation haben Krakau schon kurz nach 17 Uhr verlassen.
Minister Laval seinerseits soll im unmittelbaren Anschluß an die Unterredung französischen Jounalisten erklärt haben, daß er eine sehr interessante Unterredung mit dem Ministerpäsidenten Eöring gehabt habe. Er, Laval, sei stets ein Freund der unmittelbaren Fühlungnahme und Aussprache gewesen.
zei und anderer Behörden, eingesetzt, um die Ursache des Unglücks der „Maxim Eorkij" festzustellen. Die Ermittlungen haben ergeben, daß das Unglück lediglich auf den Flugzeugführer Saschin zurückzuführen ist, der mit seinem Apparat in die Nähe des Großflugzeugs „Maxim Eorkij" geriet und seinen linken Flügel rammte. Der Zusammenprall war so stark, daß die „Maxim Eorkij" trotz ihrer Stärke und ihres großen Gewichtes sich mehrere Male überschlug. Ihr linker Flügel riß vom Rumpf ab. Die Untersuchung ergab, daß das Großflugzeug in Brand geriet und daß sich mehrere Explosionen ereigneten. Die Feuerwehr des Moskauer Zentralflugplatzes konnte nicht mehr helfen.
Die Sowjetregierung hat beschlossen, alle Toten der Katastrophe auf Staatskosten zu beerdigen. Außerdem wurde den Hinterbliebenen eine staatliche Pension ausgesetzt.
Die Welt in Erwartung
Vor des Führers Rede
» Bremen, den 19. Mai.
Es ist begreiflich, daß die Welt mit unermeßlicher Spannung der Rede des Führers harrt, die für den kommenden Dienstag angekündigt, zweifellos den Völkern Europas wieder einmal wertvolle Erkenntnisse über die Grundlinien der deutschen Außenpolitik vermitteln dürfte.
Es ist zwar nicht so, als ob diese Völker und ihre Staatslenker diese Grundlinien nicht längst schon kennen müßten. Adolf Hitler hat diese Grundlinien eindrucksvoll genug bereits vor zwei Jahren in seiner ewig denkwürdigen Rede vom 17. Mai 1933 aufgezeigt, und, wie Hellmuth Sündermann in seinem Aufsatz „Zeitgemäße Erinnerungen" gestern in der NSK. besonders hervorhob, in ehrlichem Friedenswillen den Staatslenkern Europas die Hand entgegengestreckt. Wenn diese sich damals den ihnen gebotenen Erkenntnissen ebenso hartnäckig verschlossen wie der auf Moral, Recht und Vernunft be-
ründeten deutschen Forderung nach Gleich-
erechtigung, so haben sie wohl inzwischen das eine wenigstens lernen müssen, daß bei allem vom Ernst und höchstem Verantwortungsbewußtem getragenen Friedenswillen des Führers Deutschland sich zu nehmen versteht, was man in ungerechter Weise ihm vorenthalten will. Sie haben dabei wohl auch eingesehen, daß Deutschland gerade durch oiese seine Haltung dem Welt- frieden Europas am meisten diente, und indem es eine ihm unerträgliche Diffamierung tatkräftig abgeschüttelt hat, eine ständige Gefahr des Friedens beseitigte. Vermag heute vielleicht irgendwer zu bestreiten, daß die Wiederherstellung der deutschen Ehre durch das Gesetz zum Wiederaufbau der deutschen Wehrmacht, womit die Völker Europas am 16 März dieses Jahres vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, nicht von diesen zuletzt selbst als eine Erleichterung der allgemeinen politischen Lage im Sinne des Weltfriedens empfunden wurde? Vermag auch nur irgendwer heute zu verkennen, daß der Führer mit seinem genialen Entschluß den unheilvollen Geist von Versailles zur Er- möglichung einer Grundlage friedlicher Gemeinschaftsarbeit der europäischen Völker auszutreiben, mehr getan hat, als in allen Besprechungen und K mferenzen der anderen Mächte seit eineinhalb Jahrzehnten geschehen ist? Und weil man das nicht bestreiten kann, und auch noch im Ausland eine gewisse Neigung besteht, dies um keinen Preis auszusprechen — darum ist man ja dort auch neuerdings wieder so gespannt auf die Rede des Führers, die naturgemäß heute, wo sein staatsmännischer Genius und sein überlegener Aufbauwille in der Welt unbestritten dastehen, noch ganz andere Beachtung findet, als im vorigen Jahre am 17. Mai.
Es wäre wirklich an der Zeit, daß sich die Großmächte Europas endlich etwas mehr als bisher zur Erhaltung des Friedens Europas auf die Grundlage stellen, die dem Frieden der Welt zu dienen geeignet ist, zumal wir in Deutschland gerne bereit wären, den neuerdings wieder aus Frankreich herüberhal- lenden Versicherungen zu glauben, daß der
Llnierre-ung Göring-Laval
Allgemeine Aussprache über die schwebenden politischen Fragen
(vrabtberiebt unserer
Flugzeugkatastrophe in Nußland
„Maxim Gorkij" abgestürzt / 48 Todesopfer
„Ktrenger Verweis" für einen Word
Was gilt ein Menschenleben in Sowjet-Rußland? / Von Lrtur W. Tust
Moskau, im Mai 1935.
Will man den kulturellen Zustand eines Staates, eines Volkes messen, so gibt es dafür wohl keinen besseren Maßstab, als daß man sich die Frage beantwortet „Was gilt ein Menschenleben dort?". Ueberall gibt es Verbrecher und Deklassierte, Ausgestoßene und für die Menschheil Verlorene, deren Leben in sozialem Sinne leicht wiegt. Ueberall gibt es politische Gegner, Staatsfeinde, deren sich zu erwehren jeder Staat schließlich ein Recht hat. Wie er dies tut, sagt gewiß viel aus über sein inneres Wesen, aber das steh: auf dem politischen und nur bedingt auch auf dem kulturellen Blatt. Entscheidend ist, was der Staat tun kann und tun will, um einem ganz gewöhnlichen Durchschnittsbürger, an dem er weder positives noch negatives besonderes Interesse hat, mit Hilfe seiner allgemein zugänglichen Wohlfahrtseinrichtungen aus einer unverschuldeten oder zufälligen Notlage zu helfen.
Es soll hier von einem Fall die Rede sein, der kürzlich die Sowjetöffentlichkeit beschäftigte. Er ist gewiß einzigartig in seinen dramatischen Verwicklungen, aber er ist so einfach in seinem Ausgangspunkt, so alltäglich, gewöhnlich gelagert, daß seine Geschichte an allgemein gültigen Erkenntnissen über die Sowjetunion mehr aussagt, als in 20 dicken Büchern, von 20 gute» Journalisten in zehn Jahren berichtet werden kann. Dabei ist es nicht notwendig, zu überspitzten und objektiv falschen politischen Schlußfolgerungen ZU gelangen. Pharisäertum führt zu keiner Einsicht. Das bolschewistische Regiment zeichnet für die Zustände verantwortlich, es hat sie aber nicht erzeugt, sondern einfach nicht zu beseitigen ver
standen. Es handelt sich um Dinge, die aus dem russischen kulturellen Erbe stammen. Nur der Schluß der Geschichte ist rein politisch.
Einer der Meister des politischen Feuilletons, das in der russischen Publizistik zu eigenartiger Blüte gediehen ist, ein Mann, dem die herrschende Stalinrichtung übel mitgespielt hat, weil er als alter Revolutionär auf die oppositionelle Seite des Trotzkismus geriet, der nun aber wieder in Gnaden aufgenommen ist, L. Sosnowski, hat das Folgende im Regierungsblatt Jswestija unter der Ueberschrift „23 Tage" geschildert. Daß dieses erschütternde Material, gestaltet von der Feder eines Künstlers mit warmem Herzen, zur Kenntnis der breiten Öffentlichkeit gelangt, ist an sich Zufall. Im Zeichen der „Selbstkritik" wird in der Sowjetpreffe manches gedruckt, was Schäden und Mängel im Apparat aufdeckt, schließlich aber doch nur ein Bruchteil von dem, was bei den Zeitungsredaktionen an Beschwerden eintrifft. Kommt solch ein Fall in einem der Hauptblätter zur Veröffentlichung, so verlangt es die Uebung, daß dann auch etwas zur Abhilfe des Uebels geschieht. Die Tatsachen sind zum mindesten schon vorgeprüft und man ist sich pressepolitisch darüber klar geworden, daß eine Behandlung des Gegenstandes an der Öffentlichkeit nach bestimmter ^ Richtung hin zweckmäßig erscheint: weil der
Schaden anders als mit dem Machtmittel des organisierten öffentlichen Druckes nicht bekämpft werden kann. Diese Taktik der gouvernementalen Sowjetpresse, die ihre Stellung im Staatsleben bestimmt, muß man kennen, um zu begreifen, in welchem Maße typisch, allgemein gültig die dar
gestellten Ereignisse sind. Wir halten uns an den Text Sosnowskis und übersetzen zumeist.
Wie üblich begann es sehr einfach. Ein landwirtschaftlicher Beamter von der unteren Wolga I. M. Suslow wurde von seiner Landkreisverwaltung zu einem Ausbildungskursus im Moskauer Institut für Landeinrichtung kommandiert: ein glückliches Ereignis für einen kleinen Provinzbeamten! Eine Reise ins „Zentrum"! Was alles kann man dabei sehen, erleben! Froh reiste er ab. Vorher aber hatte er mit seiner jungen Frau verabredet, daß sie im Anfang März nachreisen solle, wozu sie Urlaub vom Kreissowjet erbitten mußte, wo sie beschäftigt war. In Moskau, dem Ziel und der Hoffnung der ganzen Provinz, wollte man einige Tage verbringen und dann sollte die Frau zu ihren Angehörigen in die Stadt Wjatka weiterfahren. Von Stalingrad an der Wolga bis in die Hauptstadt sind es gute zwei Tage Bahnfahrt. Nach Wjatka aber ist es dann eben nur noch ein Katzensprung: nicht volle 24 Stunden! Da war die Gelegenheit, Mutter und Schwester wiederzusehen, natürlich gegeben.
Frau Suslowa erhielt ihren Urlaub zum 1. März. Sie sandte, wie verabredet, ein Telegramm an ihren Mann nach Moskau auf die Adresse des Instituts seiner Beschäftigung. Am 3. März würde sie in der Hauptstadt eintreffen. Allein die Kanzlei des Instituts händigte dem Empfänger die Depesche erst am 7. März, d. h. mit fünf Tage Verspätung aus.
Suslow aber hatte nichts weiter von seiner Frau gehört, die doch schon vier Tage hätte in Moskau sein müssen. Er ließ alles stehen und liegen und dachte nur an eins — sie zu finden Von der Kriminalpolizei jagte rr zur Schnelle» ! Aerztlichen Hilfe Bon der Leitung des Moskaus j Ankunftsbakmhofs zum Bevollmächtigten de, ehemaligen GPU auf dem Bahnhof, zum Stationsvorsteher, zum Verkehrskommissariat und zu tausend anderen Stellen. Er sandte Alarmtele
gramme an die Verwandten in Wjatka, an Bekannte in allen Städten zwischen seinem Wohnort und der Hauptstadt, in der Annahme, daß seine Frau irgendwo die Fahrt unterbrochen hätte. Er suchte in den Gepäckaufbewahrungsräumen nach Spuren der Habe seiner Frau, und setzte sich schließlich am 10. März nach Stalingrad auf den Zug, um an keinem Halteplatz Nachforschungen nach der Verlorenen zu versäumen Zu Hause stellte er fest, welche Dinge die Frau mit sich genommen haben könnte, von ihr selbst gab es keine Spur. Nach Moskau zurückgekehrt,
SyringendufL
In weichen Wolken, in süßen Wellen Weht aus den Gärten Syringenduft.
Die Fliederdolden, die schweren, schwelle» Von ihrem blühenden Ueberquellen Erfüllt, umfließt dich die Abendluft.
O Traum der weißen und blauen Syringen! O Duft, der die Liebenden taumeln macht!
In den Büschen die Nachtigallen singen;
In süßen Wellen, aus weichen Schwingen Entgleitet der Abend verklärt in die Nachl lleinrieli .-Inael-er
setzte er die Polizei in Bewegung, sie verspru y alles und fand nichts. Die Angehörigen seiner Frau waren von Wjatka herbeigeeilt Wied-v einmal, am 24. März, forschte er auf dem Mo lauer Südbahnhos nach irgendwelchen Spuren > Zufällig siel sein Blick auf eine versteckte Tase! der Sanitätswache und schließlich fand er diese selbst, was nicht so einfach war. Der wachthabende
Arzt schlug im Tagebuch nach und fand darin eine Bemerkung, daß am 3. März um 10 Uhr abends die Bürgerin Suslowa in nervösem Zustand eingeliefert worden war. In derselben Nacht wurde sie in einem Wagen der Schnellen Hilfe zum ersten städtischen psychiatrischen Krankenhaus befördert.
Dort nahm man sie um 6 Uhr früh des folgenden Tages in die Abteilung der ruhigen Kranken auf. Der Bahnhofsarzt hatte den ihn ablösenden Kollegen beauftragt, den Mann der Suslowa, dessen Adresse die Frau hinterlassen hatte, über das Institut zu benachrichten. Die kleine Provinzlerin hatte sich offenbar stark darüber erregt, daß ihr Gatte sie nicht, wie verabredet, auf dem Bahnhof erwartete. Schließlich gab sie ihr Gepäck zur Ausbewahrung und machte sich, völlig fremd in der Stadt, verwirrt durch das Getriebe in den Straßen und aus den Bahnhöfen, ermüdet und nervös mit dem Vorortzug noch gegen abend auf, um nach dem Institut in der Umgebung Moskaus zu suchen. Sie fand sich nicht zurecht und mußte unverrichteter Dinge wieder zum Bahnhof zurückkehren, voller Aengsten, böser Ahnungen und schlimmer Besorgnisse. Ein Weinkramps milderte ihre Nervenanspannung nicht. Er führte sie nur zur Sanitätswache und von dort in die Irrenanstalt.
Mehrmals versuchte man von der Bahnhofskrankenstube aus telefonisch das Landeinrichtungs- Jnstitut zu erreichen, doch jedesmal schnitt eine freche Frauenstimme das begonnene Gespräch, das ja nur die Angelegenheiten eines Kursusteilnehmers betraf, kurz ab. Wer Moskauer Telefonnöte kennt, weiß, daß allein die Herstellung einer Aerbindung beträchtliche Mühe verursacht Die Grobheit und Ilnhöflichkeit kleiner Behördenangestellter die Flegelhaftigkeit von Telefonistinnen in Moskau, ist unerreicht. Es ist somit nicht verwunderlich, daß schließlich der Bahnhofsarzt aus weitere Bemühungen ver-